Zwischen den Jahren…eine selten dämliche Redewendung. Aber auch eine, die ich zwar jährlich hinterfrage und doch jedes Jahr aufs Neue nutze. Meist in Fragen oder Feststellungen, die ähnlich dämlich wie die Redewendung an sich sind. Heute Morgen zum Beispiel, als ich mich bei einer Kollegin erkundigte, ob auch sie zwischen den Jahren arbeiten würde. Eine wirklich blöde Frage, da wir uns zu diesem Zeitpunkt beide in der Hocke vor dem Bürokühlschrank befanden und dort nach irgendetwas suchen, das weder nach Zimt noch nach Vanille schmeckte. Als sie mir bestätigte – ähnlich dämlich – dass sie heute arbeiten würde, teilten wir uns die letzten beiden Essiggurken aus einem Glas, dessen Besitzer bereits im Spätherbst gekündigt hatte. Wer in meiner Firma zwischen den Jahren freiwillig arbeitet hat entweder a) vergessen den Urlaubsantrag vor dem Urlaub des Vorgesetzten zu stellen (ich) oder nutzt b) die Anwesenheit im Büro als Erholung vom familiären Wahnsinn der Feiertage (meine Kollegin). Wir naschen schweigend und genießen die ungewohnte Ruhe, bis sie mit dem Rest der Essiggurke auf mich deutet. Gewissensfrage, setzt sie an: Kann man Hamster Bodyshamen?
WeiterlesenAllzu Alltägliches
Hör´n Sie mal
Kaum droht man der Kiste mit der endgültigen Entsorgung, zeigt sie sich von ihrer besten Seite. Mir soll´s recht sein und ich will es ihr nachtun, indem ich mich an die Adventslesungen setze und mit einer schon vor dem 1. Dezember beginne. Zum einen weil sie nicht wirklich weihnachtlich ist, zum anderen weil ich tatsächlich heute erst wieder an Claudia gedacht habe.
Claudia, das Miststück! Es gibt wenige Menschen denen ich einen solchen Titel verpasse. Eigentlich gibt es gar keinen. Claudia ist die unrühmliche Ausnahme. Sie nannte ich mit 14 Jahren Miststück, weil mich ihr Verhalten so nachhaltig betroffen machte, dass mir das hässliche Wort noch heute auf den Lippen liegt, wenn ich an sie denke.
Falls Sie weiterhin lieber lesen als zuhören, dann können Sie das hier.
Übrigens ist mir aufgefallen, dass ich in dieser alten Erzählung weder Claudias, noch die Namen meiner damaligen Lehrer geändert habe. Ein Anfängerfehler, der womöglich aber erklärt, warum ich beim letzten Klassentreffen von einer Person überdeutlich ignoriert wurde und mir eine andere mehrfach versicherte, eigentlich ganz gut in der Schule gewesesen zu sein.
Kultur Herbst
Ob ich klarkommen würde, fragte mich ein ganz in schwarz gekleideter Security Mitarbeiter, bevor er mich – ohne eine Antwort abzuwarten – durch einen Seitenausgang auf einen ausgestorbenen Parkplatz schob. Sie kennen „Aktenzeichen XY“? Dann wissen Sie wie dieser Parkplatz aussah. Riesengroß, stockdunkel und mit vereinzelten Laternen, die einzig und alleine dazu dienten, den wabernden Nebel in ein angemessen gruseliges Licht zu rücken. Drei Stunden nach Ladenschluss des dazugehörigen Einkaufszentrums, stand kein einziges Auto mehr hier. Einen kurzen Moment empfand ich diese Tatsache als beruhigend. So konnten wenigstens keine vermummten Personen plötzlich hervorspringen. „Aktenzeichen XY“ lehrt, dass dies ab und an durchaus vorkommt. Allerdings stand ein dunkler, wenig vertrauenserweckender Lieferwagen direkt an der Einfahrt des Parkplatzes. Sie wissen schon, so ein dunkler Lieferwagen, wie man ihn aus Tatortfolgen kennt. Einer in den man gezogen wird, nachdem einem ein Lappen mit Betäubungsmittel auf Mund und Nase gedrückt wurde. Eigentlich schaue ich mir den Tatort nicht an. Aber an die wenigen Folgen erinnerte ich mich, als die den Parkplatz überquerte. Die Lesung, die ich an diesem Abend hatte, war toll. Ich bedauerte es nur, mich danach so lange mit dem Veranstalter verquatscht zu haben, dass ich am Ende mitten in der Nacht im nirgendwo stand.
WeiterlesenNatraj mit Rhett Butler
Verdammt, ich fluche leise, als ich mich durch mein Kellerabteil schiebe und im Dunklen an etwas stoße. Ein leises Lachen verrät mir, dass ich Paul und keinen Karaton angerempelt habe. Zum bestimmt fünften Mal an diesem Abend. Jedes Mal, wenn das Licht im Keller ausgeht, muss sich einer von uns den Weg nach draußen bahnen, um es für kurze drei Minuten wieder anzumachen. Seit meiner nächtlichen Ansprache zur Energiekries vor versammelter Nachbarschaft, darf ich mich über die kurze Zeitschaltuhr nicht beschweren und fluche nur ganz sanft. Ich stoße mit dem Gesicht gegen den Pauls Rücken und höre sein Lachen jetzt von oben und nicht mehr unten. Wir tasten uns kichernd an der Wand des Kellers entlang und als wir gleichzeitig nach dem Lichtschalter greifen und uns gegenseitig kichernd auf die Finger klopfen, entsteht im wieder angehenden Licht für einen kurzen Moment eine etwas peinliche Stille. Kein Wunder, denn sind wir beide nur im Keller, weil uns Halloween und die nach Süßigkeiten bettelnden Kinder auf die Nerven gehen. Unsere Wohnungen sind beide über Laubengänge zu erreichen und wenn wir unsere Türen nicht öffenen, klopfen die Eltern der Kinder an unsere Fenster. Da wir nicht im Dunklen sitzen wollten, sind wir geflohen. Dass wir das nun trotzdem tun und beide vorgaben unsere Keller ein wenig aufzuräumen ist reichlich albern. Anfangs mittlerweile aber ganz lustig. Paul grinst und hält mir eine CD unter die Nase. Eine die er auch einmal hatte. Eine, die vermutlich jeder in unserem Alter einmal hatte und die ich mir mit siebzehn gekauft habe. Wir gehen zurück in mein Kellerabteil und hocken uns wieder vor den Karton mit meinen alten CDs und Kassetten. Drei Minuten lang wühlen wir uns durch meine musikalische Vergangenheit, erkennen einen ähnlichen Musikgeschmack und rempeln uns an, als das Licht erneut ausgeht.
WeiterlesenNächtliche Energiekrise
Ich gehe jetzt rüber! Mit Schwung schlage ich die Bettdecke zurück und setze mich auf die Bettkante. Wartend. Wenn man nachts um kurz vor drei Uhr ankündigt, zu den Nachbarn auf der ande, der neben einem liegt, davon abhält. Finden Sie nicht auch? Der meiner dreht sich auf die andere Seite und macht gar nichts. Ich gehe jetzt rüber, wiederhole ich und warte. Drei Atemzüge lang. Dann stehe ich auf und höre ein gemurmeltes „bis gleich“. Bis gleich? Ich verkünde ein drittes Mal, dass ich jetzt sofort, im Nachthemd und mit einer Stinkwut im Bauch an ein fremdes Fenster auf der anderen Straßenseite im Erdgeschoss klopfen werde. Der, der neben mir liegt schlägt jetzt endlich ebenfalls die Bettdecke zurück und setzt sich auf. Weiterlesen
„M171+M172+M173+“
Langsamkeit ist etwas schönes. Ich mag sie sehr. Schon immer und schon lange bevor sie als Entschleunigung zu einer Entschuldigung für Prokrastination wurde. Dinge langsam zu erledigen oder meinetwegen eben auch den Alltag zu entschleunigen, tut gut. Letzte Woche erst habe ich einen Sack Walnüsse mit einer alten Zahnbürste geputzt. Freilich keine im Supermarkt gekaufte, sondern die von zu Hause, die unter dem Baum gesammelt und erst noch ein paar Wochen getrocknet werden müssen. Fast eine Stunde stand ich in der Küche und während der Radio lief, nahm ich eine nach der anderen in die Hand, wischte regennasses Gras ab und legte sie auf Zeitungspapier. Meine Familie hätte mich wahrscheinlich für verrückt erklärt. Aber die haben auch mehr als einen Baum und mehr als eine Obst- und Gemüsesorte um die sie sich kümmern müssen. Da muss es schneller gehen. Bei mir aber war die Nuss-Stunde zugleich der Abschluss eines unangenehm stressigen Arbeitstages gewesen. Es hat gedauert, aber die Stunde war keinesfalls verloren. Sie war ruhig, entspannend und am Ende waren ganze Regalbretter mit Nüssen bestückt, die mich durch den Winter begleiten werden. Auch meine Wäsche sortiere ich gerne langsam. Nicht um Zeit zu schinden, sondern weil das Zusammenlegen ein so automatischer Handgriff ist, dass es sich dabei wunderbar nachdenken lässt. Das kann ich übrigens auch besonders gut, wenn ich anderen bei der Arbeit zusehe. Schon als Kind habe ich es geliebt, wenn einer meiner Verwandten Holz hackte. Eingehüllt in einer harzige Duftwolke, das gleichmäßige Geräusch der Axt im Ohr, saß ich stundenlang ein paar Meter daneben und träumte mich durch den Tag.
WeiterlesenMeiers Taschentücher
Braun sei ich geworden, sagt der alte Mann neben mir. Nicht zu mir, sondern zu einem ebenso alten Herren, der auf meiner anderen Seite langsam unter den Bäumen entlang schlurft und auf eine Bank zusteuert. Ja, ziemlich, nickt dieser und mustert mich mit aufmerksamen Blick. Kein Wunder sei es, meinen beide, weil ich ja unbedingt den Sommer noch ein wenig verlängern wollte. Das würde ich ständig machen, murmeln sie und konzentrieren sich auf den Kiesweg, auf dem bereits Herbstlaub liegt. Während ihre Schritte leise knirschen, sage ich nichts und bin dankbar, dass die beiden die Stille unter den Bäumen mit Worten füllen, damit etwas gesagt wird, wo es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. Mir selbst würde nichts einfallen. Im Gegensatz zu ihnen bin ich heute nicht zum Spazierngehen am Friedhof, sondern zum Abschied nehmen. Sie begleiten mich ein Stück und ziehen sich dann zurück.
WeiterlesenHerbst…ganz normal, sagt Herr Mu
Bist traurig, fragt mich Herr Mu und ich schüttle den Kopf. Nein, murmle ich und lasse mich neben ihn plumpsen. Das Holz der Bank ist Sonnenwarm und ich mache es wie Herr Mu. Schlüpfe aus meinen Schuhen und wackle mit den nackten Zehen. Seit einigen Monaten sitzt er wieder an der Bushaltestelle und macht es sich dort fast jeden Tag gemütlich. Herr Mu wartet nicht auf den Bus. Herr Mu wartet auf Menschen aus der Nachbarschaft, mit denen er sich für ein paar Minuten unterhalten kann. Und wenn einer wie ich kommt; einer der eigentlich reden will, aber nichts zu sagen hat, dann ist Herr Mu einfach da und erwartet nichts. Drei Busse fahren vorbei und ich beobachte wie Leute aus- und einsteigen, während ich einfach in der Sonne sitzen bleibe und den abgeblätterten Nagellack an meinem großen Zeh ins Licht halte. Herbstwarm ist es, sage ich nach dem vierten Bus und der alte Mann nickt. Still liest er seine Zeitung und schaut nur kurz auf. Und trotzdem wird´s schon kälter, rede ich weiter, weil ich so gerne etwas sagen möchte aber selbst nicht weiß was. Der Nagellack an den anderen Zehen blättert auch ab merke ich und stelle fest, dass mir das aber heute völlig egal ist. Nicht wirklich kalt, fange ich wieder an. Heut ist es ja richtig warm, aber unter dem Warm, wird´s schon kalt. Es herbstelt und obwohl der Herbst nach dem Sommer so schön ist und ich mich wirklich darauf freue, kommt er doch ein bisschen arg schnell, finden Sie nicht? Herr Mu faltet seine Zeitung zusammen und legt sie neben sich. Ein paar Minuten lang sagt er nichts, grüßt mit einem Nicken einen Nachbarn und lehnt sich dann zurück. Ob ich das Wetter meine, will er wissen und es dauert ein bisschen, bis ich den Kopf schüttle.
WeiterlesenSchwabinger Bombennacht
Als vor zehn Jahren in Schwabing eine alte Fliegerbombe gefunden und später zur Explosion gebracht wurde, stand einer von denen die aus ihren Wohnungen evakuiert wurden, vor meiner Haustür. Es war früher Nachmittag und er trug T-Shirt und Pyjamahose. In den Händen sein Telefon, Schlüsselbund und Geldbeutel. Auf den Lippen ein Grinsen. In der Regel reichte das. Das Grinsen für mich und Schlüssel und Geld für eine kurze Evakuierung. In München werden oft Bomben gefunden und meist können die Bewohner schnell wieder zurück in ihre Wohnungen. Diesmal nicht. Dass es länger dauern könnte hatte man wohl angedeutet und wäre er nicht, dank vorheriger Nachtschicht aus dem Tiefschlaf gerissen worden, hätte er vielleicht eher nach anderen Schuhen und nicht nach einer Flasche Wein gegriffen, als er von Polizei und Feuerwehr begleitet in sein Auto stieg. So stand er zerzaust, in Flipflops und übermüdet vor meiner Türe. Sein Grinsen reichte nicht und meine Tür blieb zu. Sie blieb verschlossen wärend ich abends im Radio von 3.000 evakuierten Personen hörte, die Bilder des abgesperrten Areals in den Nachrichten sah und als es dunkel wurde von Notunterkünften in Schulen las. Erst als klar war, dass in dieser Nacht gar nichts mehr passieren würde ging ich ins Treppenhaus und setzte mich neben dem, der dort noch immer wartete. Nicht weil ich ihn sehen wollte – das ganz sicher nicht. Nein, einzig aus der Sorge, dass er im Laufe der Nacht beginnen würde das Adressbuch seines Telefons zu durchforsten und bei irgendeiner anderen Frau Unterschlupf finden würde. Ohne die Bombe in Schwabing vor zehn Jahren wäre das mit uns wahrscheinlich nichts mehr geworden. Wenigstens wir profitierten. Das wunderbare alte Schwabing rund um die Feilitzstraße nicht. Ein Teil von ihm wurde in dieser Nacht gemeinsam mit der Bombe zerstört.
WeiterlesenNicht hinterfragen
Ob ich glücklich bin fragt mich eine Kollegin und ich nicke. Ernsthaft, hakt sie nach und lehnt sich neben mich an die Arbeitsplatte der Kaffeeküche unseres Büros. Wieder nicke ich und deute mit dem Kopf zum Fenster. Jetzt gerade? Ja, schau dir das Wetter an. Draußen ist Hochsommer und heute morgen roch es wieder nach großen Ferien. Ich erzähle ihr vom Geruch, der mir heute um halb sieben an der Bushaltestelle in die Nase stieg. Diese wunderbare Mischung der gerade erwachenden Stadt, frischem Kaffee aus unzähligen Küchen und der Hitze eines Augusttages die sich so früh noch nicht schwer, sondern federleicht auf die Schultern legt. Gemischt mit Abgasen – so seltsam es klingt – ist dies genau die Kombination nach der bereits vor Jahrzehnten die Wochen kurz vor den großen Ferien gerochen haben. Meine Kollegin riecht es nicht. Sie fragt sich und mich, ob man überhaupt noch glücklich sein kann in einer Welt wie der unseren. Bei einer solchen Frage verschwindet der schöne Geruch und ganz automatisch relativiere ich. Natürlich lässt mich nichts von dem was ich täglich höre kalt. Die Dürre, die Brände und das enorme Leid, das sie mit sich brachten geht an mir nicht spurlos vorüber. Auch der Krieg in der Ukraien – seit sechs Monaten schon – nicht und nichts was ich täglich in den Nachrichten sehe. Trotzdem…heute morgen roch es unheimlich gut. Scheiß auf den Geruch, sagt sie und erzählt von einem Streit mit ihrem Mann. Während mein Kaffee nicht mehr ganz so gut schmeckt höre ich es mir an und kann ihre schlechte Laune verstehen. Weniger verstehen kann ich, warum ich zugeben soll, dass die meisten Beziehungen Schrott sind und versuche mich mit einem Schulterzucken aus der Affäre zu ziehen.
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