Gefunden Sätze #43

Anfang des Jahres war ich im Krankenhaus und vermutete, dass meine Energie für schwierige und sperrige Bücher nicht reichen würde. Es sollte etwas leichtes und zugleich spannendes sein. Ein Band mit Kurzgeschichten von Stephen King waren perfekt. Ich liebe den ganz besonderen Horrer dieses Mannes seit ich mit neun den Friedhof der Kuscheltiere und ES gelesen habe. Beides sollte mein Vater Probelesen, bevor meine Mutter es für mich frei geben würde. Ich weiß bis heute nicht ob er die Bücher je gelesen hat. Aber ich weiß, dass ich sie vor ihm ausgelesen habe – heimlich am Nachmittag wenn er in der Arbeit war. Ich hüllte die dicken Bücher in den Einband der „Roten Zora“ und versank für Stunden darin. Die Kuscheltiere fand ich langweilig, aber ES und der Clown Pennywise verstörte mich nachhaltig.
Erinnern Sie sich an das Aufkommen der Horroclowns letztes Jahr? Eine Handvoll Irrer, die Menschen erschreckten und in selten Fällen verletzten. Wäre mir ein solcher begegnet dann hätte es zwei Möglichkeiten gegeben. Entweder wäre ich vor Panik starr stehen geblieben und an einem Herzschlag gestorben oder ich hätte den Clown platt gemacht. Wäre ich vor Angst nicht gestorben, dann wäre ich diesem Idioten ins Gesicht gesprungen und hätte ihn so vermöbelt, dass er nie wieder jemanden erschreckt. Sie müssen wissen, ich hasse Clowns. Für mich sind sie nicht lustig sondern der personifizierte Horror – Stephen King sei dank.

In der Einleitung seiner Kurzgeschichten fand ich die heutigen „Gefundenen Sätze“. Sie beinhalten die schönste Beschreibung dieser Gattung, die mir bisher über den Weg gelaufen ist.

„Zu einem Roman hat man eine Beziehung und ist über Wochen mit ihm verheiratet.
Eine Kurzgeschichte ist etwas ganz anderes – eine Kurzgeschichte ist wie ein rascher Kuss von einem Fremden in der Dunkelheit. Das ist selbstverständlich nicht dasselbe wie eine Beziehung oder eine Ehe, aber Küsse können süß sein und gerade ihre Kürze macht ihren Reiz aus.“

Danke, Mr. King. Für jeden einzelnen Kuss unter dem schrecklichen Neonlicht im Klinkzimmer.

Gefundene Sätze #42

„Und nun, da das Dirndlgewand Allgemeingut geworden scheint, nun steht auch ihm, wenn nicht alle Zeichen trügen, eine ähnliche, wenn auch anders geartete Debauchierung bevor, wie sie einst das selige Tegernseer Chasseresse-Kleid erlebte. Nur sind es diesmal nicht die praktischen Provinzlerinnen, sondern die stillosen Mondänen, die ihre reichberingten Hände nach ihm ausstrecken, es nicht um der Anpassung oder der Bequemlichkeit willen wählen, sondern es aufputzen und aufplundern, daß es mehr an die Maskengarderobe, denn an ein heimisches Sommergewand erinnert. Nun ist schon der Rock so kurz, das Leibchen so tief ausgeschnitten worden, daß jedes bäuerliche Dirndl, dem man sie zumuten wollte, empört fragen würde:
‚Ja moanst ebba, da tat` i mi net schama?!‘
Kleid, Schütze, Brusttuch werden in  Farben gewählt, die möglichst grell gegeneinander schreien, und auf dem grünen Hütel tänzelt eine hohe, dünne rote Feder ungefähr so, wie sie auf Schmieren der Mephisto trägt.“

Man könnte glauben, diese Zeilen stammen aus dem gestrigen Merkur, der Süddeutschen oder sonst einer regionalen Münchner Zeitung. Zum Oktoberfest würde es passen. Geschrieben wurden Sie aber von Carry Brachvogel in „Im weiß-blauen Land“ und zwar schon 1923.

Gelesen habe ich vor einigen Wochen hier: https://saetzeundschaetze.com/2017/08/14/carry-brachvogel/

Die Sätze passen zur Wiesn. Das Büchlein aber, ist ein Kleinod. Die jüdische Münchner Frauenrechtlerin schrieb nach dem Tod ihres Mannes als Feuilletonistin für die Zeit und machte sich einen Namen. Sie starb 1942 im KZ.