Unverdautes Brioche

Es gibt zwei Sorten von Glück. Das eine, das einen urplötzlich und unvorbereitet trifft, und Körper und Geist mit solcher Wucht durchflutet, dass es eine wahre Freude ist und der getroffene nur strahlen und laut auflachen kann. Das sollte er auch, denn es ist flüchtig. Dieses mächtige Glücksgefühl, dass die Zeit für einen kurzen Moment anhält und keinen Raum für andere Empfindungen bietet, kann man nicht festhalten und sollte es gar nicht erst versuchen. Ich mag es. Noch lieber aber, mag ich das andere Glück. Das stille, leise, das einer tief empfundenen Zufriedenheit gleicht und sich wie eine warme Decke um die Schultern legt. Heute ist ein besonderer Tag, den ich habe beides. Weiterlesen

Hilflos im Schnee

Beachten Sie – Schnee, stand heute wörtlich auf der digitalen Anzeige an der S-Bahn Station. Ein etwas überflüssiger Hinweis, weil das was beachtet werden sollte, bereits mehrere Zentimeter dick auf dem Bahnsteig lag. Ich habe es dennoch beachtet, weil ich Schnee sehr liebe. Den Anweisungen folgend habe ich mir die Flocken im Licht der Laternen angesehen, sie mir von den Lippen geleckt und sie brav auf dem Ärmel meiner Jacke beim Schmelzen beobachtete. Nach einer Weile machte der Hinweis der Nahverkehrsbetriebe auch durchaus Sinn. Wenn man den Schnee nur intensiv genug beobachtet, merkt man gar nicht, dass seit fast 40 Minuten keine S-Bahn mehr einfährt. Das kann man in München auch nicht erwarten. Im Alpenvorland ist es absolut legitim, dass der erste Schnee des Jahres eine schnurgerade verlaufende Bahnstrecke lahm legt. Passiert es im Advent, sind die Münchener dank Glühwein und Weihnachtsvorfreude milde gestimmt. Nach den Feiertage ist es besser sie mit freundlichen Hinweisen abzulenken. Es bleibt zu hoffen, dass die Fahrgäste danke der Nachwehen der Festtage noch so lethargisch sind, dass sie sich auf dem schmal bemessenen trocknen Bereich unter dem Dach der Fahrradständer nicht an die Gurgel gehen. 40 Minuten lang habe ich den Schnee beachtet und bin dann zu Fuß zur Bushaltestelle gegangen. Weiterlesen

München – Neapel

Ob wir uns vor Weihnachten noch einmal sehen, fragt der mutigste meiner Freunde am Telefon und wechselt dann abrupt das Thema. Er wartet meine Antwort nicht ab. Das macht er immer dann, wenn die Chance besteht, dass ihm die Antwort nicht gefallen könnte. Der Versuch den Faden wieder aufzugreifen ist sinnlos. Das ignoriert er und erst ganz am Ende eines Telefonates wiederholt er die Frage – als Feststellung. Er würde sich auf mich freuen, sagt er. Nächstes Wochenende sei gut, da habe er noch nichts vor. Ich eigentlich schon, aber wenn der mutigste meiner Freunde Fragen in Feststellungen verwandelt, dann ist ihm etwas wichtig. Nächstes Wochenende werde ich also am Hauptbahnhof stehen. Mit Herzklopfen. Nicht wegen ihm, sondern wegen des Bahnhofes. Ich bin der festen Meinung, dass kein Mensch sich dem ganz besonderen Zauber eines Bahnhofes entziehen sollte. Man sollte dort unbedingt ein paar Herzschläge lang ruhig stehen und das leichte Ziehen im Magen genießen. Sie wissen wovon ich spreche. Dieses Sehnsuchtsgefühl, das einen so glücklich und auch so unglaublich traurig sein lässt. Ich liebe es. Weiterlesen

Oliven mit Mordgedanken

Kennen Sie das kleine, süditalienische Städtchen Cava de´Tirreni? Sie sollten dort unbedingt einmal vorbei schauen. Nicht nur weil dort, in der Provinz Salerno, das echte Italien beginnt (vergessen Sie Florenz und Rom) und auch nicht weil Ihnen die Schönheit der Amalfiküste Tränen in die Augen treiben wird. Selbst die besten Brioche in Maiori und die besten Cornetti in Minori (den Unterschied zwischen beidem kann Ihnen nicht einmal ein Italiener erklären. Feldstudien meinerseits führen aber zu dem Schluss, dass jeder eine Erklärung parat hat, Sie diese aber besser nicht hinterfragen), sind nicht der Hauptgrund. Cava de´Tirreni müssen Sie besuchen um dort den weltbesten Schweinebraten zu essen. Schweinebraten alla Mitzi. Fahren Sie hin und fragen Sie danach. Die Chancen, dass man sich an mich erinnert und Sie zum Essen einlädt sind recht hoch. Die Stadt hat nur knapp 50.000 Einwohner und für gefühlte 500 von Ihnen habe ich vor etwa 18 Jahren gekocht. Wenn ich den Gerüchten glaube, dann hat sich mein Rezept mittlerweile verbreitet. Weiterlesen

Ein dummer Käfer

Er ist dumm, sage ich und blinzle in das Licht der Sonne. Wer, fragst du und streichst dir die Haare aus dem Gesicht. Eine Geste an die ich mich noch nicht gewöhnt habe, weil deine Haare kürzer waren, als ich sie noch jeden Tag sah. Der Käfer ist dumm, antworte ich. Er krabbelt schon wieder auf mein Knie, obwohl es da nichts zu holen gibt. Ich höre dich lachen und weiß bevor du den Mund öffnest, dass du etwas über ein hübsches Knie und ein nachvollziehbares Käferverhalten sagen wirst. Ich will es nicht hören, es würde mich nur stören, wenn du jetzt etwas nettes sagst. Weiterlesen

Hauptsache gelb

Heute stelle ich meinen Kolleginnen einen Blume auf den Schreibtisch. Jede von Ihnen bekommt ein gelbe Tulpe. Eigentlich müsste es der Zweig einer Mimose sein, aber da es a) in München schwer ist an Mimosen zu kommen und b) sie eh nicht wissen warum, wird es auch die Tulpe tun. Hauptsache gelb. Das sagte mir auch mein Freund als er mich vor Jahren in Verona von der Arbeit abholte und mir einen Strauß gelber Freesien in die Hand drückte. Weiterlesen

Wachwolf

Am ersten Tag meiner Rente, werde ich ins Tierheim gehen und einen Hund zu mir holen, den sonst keiner will. Einen besonders alten oder kranken, der in den letzten Jahren  seines Lebens einen Menschen an seiner Seite braucht. Vielleicht weil er es immer gewohnt war und vorschnell weggeben wurde oder weil sein Besitzer selbst gestorben ist. Einen, den übrig geblieben ist, weil er kränkelt, hässlich ist oder einen anderen Makel hat. Einen der sich so alleine und verloren fühlt, wie ich an meinem ersten Arbeitstag in Italien. Weiterlesen