Stalker wider Willen

Gäbe es einen Preis für unfreiwillig blödes Verhalten in sozialen Medien, dann hätte ich ihn längst. Nicht einen, sondern alle die regional erhältlich sind, ein paar der nationalen und mindestens einen internationalen. Zu den nationalen gehört zum Beispiel der vor einigen Tagen, als ich mich lautstark über einen nicht funktionierenden Link auf einem befreundeten Blog beschwerte und erst nach Aufklärung kapierte, dass ich zu scrollen übersehen hatte. Auf dem gleichen Blog lies ich mich auch darüber aus, dass eine fehlerfreie Grammatik  bei der Kürze der Beiträge, keine Kunst sei und schaffte es, in meinem – sehr kurzem – Satz selbst einen Buchstaben zu vergessen. Ohne Probleme wischte ich in meiner kurzen Tinder-Laufbahn regelmäßig auf die falsche Seite  und schaffte es auf einer Datingseite ein Blinddate mit meinem besten Freund zu vereinbaren. Auf seinen Bildern war er nur von hinten zu sehen und ich interpretierte die Vertrautheit, die das Betrachten dieses Rückens bei mir auslöste, als gutes Zeichen. Unseren Chatverlauf nutzt er, der mich auf den Bildern von vorne sah, noch heute regelmäßig als Druckmittel. Weiterlesen

Annas Fäden – U-Bahn Gedanken

Fast wäre sie zerbrochen. Unsere Freundschaft. Es fehlte nur ein kleines Stück, vielleicht ein halbes Jahr und die Reste dessen, was sie zusammen hielt, wären uns durch die Finger gerutscht. Ohne dass wir etwas dagegen getan hätten. Anfangs hätten wir es vermutlich gar nicht gemerkt. Einer so langen Freundschaft wie der unseren unterstellt man, dass sie ewig anhält. Man erinnert sich an den Anfang und kann den Zeitpunkt an dem man sich näher kam noch ganz gut benennen, vermag aber nicht mehr zu sagen, wann man so nah zusammen rückte, dass eine Trennung unvorstellbar wurde. Seltsamer Weise sind es oft die besonders tiefen Freundschaften, die sich leise verabschieden. Sie sind ein so starkes Seil, dass es nicht auffällt, wenn die ersten Fäden sich lösen. Es gibt so  viele von ihnen, fest ineinander geschlungen, dass man den einen nicht vermisst und sich leichtsinnig auf die vielen anderen verlässt. Weiterlesen

Setzen Sie sich zu mir

Manche der Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, würde ich zu gerne einmal „in echt“ erleben. Aus Neugier. Weil ich sie mag. Oder weil ich wissen will, ob sein Blog den Menschen spiegelt oder reine Fiktion ist. Es gibt viele Gründe jemanden kennen lernen zu wollen und ein paar gute, sich am Ende doch nicht zu treffen, weil vielleicht gerade das sich „nur über die Blogs kennen“ seinen ganz besonderen Reiz hat.

Mir fällt aber kein einziger Grund ein, Sie nicht herzlich nach München zu einer Lesung von mir einzuladen. Für viele zu weit, wer aber in der Nähe ist und Zeit und Lust hat. Kommen Sie vorbei und setzen Sie sich neben mich. Ich nehme Sie mit in die Tram und wir fahren ein bisschen durch München.

Nächsten Samstag um 18:00 Uhr unter dem charmanten (nicht) Titel: Stehn´S doch nicht so deppert im Weg rum. Details hier:

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Polyamo…was? II

Draußen schneit es und ein kalter Wind weht. Hier drinnen ist es warm und es gefällt mir, das muntere Treiben der Flocken zu beobachten während ich meine Hände einer großen Tasse Milchkaffee aufwärmen kann. Heute und hier braucht es etwas warmes, weil mich die Gespräche am Tisch kalt lassen. Es fällt mir schwer, die Begeisterung dieses Paares, das ich nicht kenne, zu teilen und schon jetzt nach nur einer halben Stunde, wäre ich lieber zu Hause geblieben. Drinnen bei mir, auf dem Sofa, eine Tasse Milchkaffee in der Hand und das Treiben der Schneeflocken beobachtend. Ich mag es, dass man in dem Dorf München, beim Frühstücken überdurchschnittlich oft Bekannte und Freunde trifft, weil wir doch immer die gleichen Orte aufsuchen. Es ist schön, sich mit Menschen zu unterhalten von denen man zuvor noch nichts wusste und die man jetzt nur kennen lernt, weil sie die Begleitung von jemanden sind, den man kennt. Es birgt das Risiko, sein Frühstück mit Menschen einzunehmen, die man nicht versteht und nach dem letzten Bissen seines Müslis auch gar nicht unbedingt verstehen möchte. Sitzt man erst einmal gemeinsam am Tisch, ist es schwierig diesen wieder zu verlassen ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen.

Deshalb sitze ich jetzt hier und bekomme erklärt warum Beziehungen wie ich sie führe, antiquiert und eigentlich idiotisch sind. Wenn man sich gerade erst ein Croissant geteilt hat, dann muss man dem, der die andere Hälfte eben gegessen hat, zumindest ausreden lassen. Und so lasse ich mich belehren, dass mich nur mein Kopf daran hindert mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Das stimmt nicht, widerspreche ich, denn mein Kopf erlaubt es mir durchaus mehrere Menschen zu lieben und auch mein Herz würde  kein Veto einlegen. Und doch sei ich beschränkt, unterstellt man mir. Nicht sehr, entgegnete ich, aber wenn sie meinen, dass ich nicht mit mehreren Menschen zu gleich schlafe, dann würde ich mich wohl tatsächlich beschränken. Wobei beschränken nicht das Wort wäre das ich wählen würde, da ich es nicht als eine solche empfinde. Man weiß erst was einem fehlte, wenn man es nicht mehr entbehrt, höre ich. Mag sein, doch ich sehe keine Veranlassung einen zufriedenen stellenden Status Quo so lange zu hinterfragen, bis er mir nicht mehr gefällt. Und überhaupt, wenn mir nichts fehlt und wenn mich etwas glücklich macht, warum sollte ich es dann ändern. Als offener Mensch sei ich sogar verpflichtet die Liebe und die Beziehungen täglich aufs Neue zu hinterfragen, meint man. Würde ich mit dem verweigern, würde ich auch andere Menschen – besonders meine Partner – durch meine beschränkte Sichtweise einengen und das sei Egoismus, der in einer Beziehung nichts zu suchen hat.

Es ist kalt genug, dass der Schnee auf der Straße liegen bleibt. Wenn es so weiter schneit, dann haben wir heute Nachmittag eine geschlossene Schneedecke. Ich mag Schneedecken, ich mag auch andere Decken, aber ich mag es nicht wenn man meinen warmen und wunderschönen Beziehungsdecken unterstellt, sie würde nur dazu benutzt werden, Unzufriedenheit und unausgelebtes unter althergebrachtem zu verstecken. Ich wäre nicht offen höre ich und widerspreche. Ob es nicht eher so sei dass ich offen genug bin, ihnen zu zuhören, nachzudenken und abzuwägen, zugleich aber in eine Ecke gedrängt werde in der ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich es als schön und zufrieden stellend empfinde nur eine Person auf die ganz besondere Art zu lieben. Ehrlich sage ich den zweien, dass die Toleranz die sie gerade von mir fordern, nicht bereit sind selbst an den Tag zu legen. Sie glauben mir nicht, hören nicht einmal zu und akzeptiert meine Meinung kein bisschen. Aber doch nur, weil ich gar keine Meinung haben kann, weil ich nicht wüsste wie frei und ungezwungen eine polyamorose Beziehung machen kann. Weil ich nicht ahne, wie sehr sie das Denken und das Leben verändern kann. Ich sage nichts, weil es an diesem Tisch nichts bringen würde und doch öffne ich ganz automatisch den Mund und sage, dass ich den Versuch niemals wagen würde, weil ich weiß dass ich vor Eifersucht durchdrehen würde. Der Mann an meiner Seite kann, darf und soll viele Menschen lieben, wenn er aber regelmäßig auch mit ihnen schläft, dann wird er nicht mein Mann sein. Und wenn das intolerant oder engstirnig ist, dann bin ich es eben. Ich soll nicht eingeschnappt sein, höre ich und bin es erst recht.

Ich würde etwas versäumen, sagt man mir. Draußen wird der Schneefall stärker. Ich weiß nicht ob ich etwas versäume. Oder doch, ich versäume ganz sicher sehr viele Dinge in meinem Leben, werde vieles nicht ausprobieren und werde mich vieles nicht trauen. Das ist gut, denn obwohl ich mir sicher bin, dass ich vieles versäume, bin mir noch sicherer, dass ich mir viel emotionalen Mist auch einfach ersparen werde, weil er mich nicht reizt. Manches ist so schön und mir viel zu wertvoll, als dass ich es mit mehr als einer Person teilen möchte.

Vielleicht hätte es mich wirklich interessiert, wie ihre Beziehungen mit wechselnden Partnern als Randfiguren und einer fixen Beziehung zwischen zwei Personen funktionieren kann. Ganz sicher sogar hätte es mich interessiert und ich hätte ihnen gerne zugehört, während draußen der Schnee fällt. Wenn aber moralische Keule geschwungen werden, in welche Richtung auch immer, und ein anderes Empfinden von vornherein als falsch oder engstirnig betrachtet wird, dann bin ich raus.  Aus einem Gespräch und auch aus einem Café. Es schneit. Ich verpasse, weil ich die Flocken beobachte, meinen Bus. Ich verpasse viel. Um manches tut mir nicht leid.

Und doch…

Gestern hatte Robbie Williams Geburtstag. Am 13.2. hat er das immer. Schon so oft, dass es nichts besonderes mehr ist. Für mich. Für ihn ist es das vermutlich noch immer. Auch heute, am 14.02. gratuliere ich nicht nachträglich. Robbie und ich haben uns auseinander gelebt.

Heute hat eine frühere Kollegin Geburtstag. Wir haben keinen Kontakt mehr und nur XING erinnert mich daran. Jedes Jahr, ohne dass ich mich zu einer Handlung verpflichtet fühlen würde, tut es das. Genauso wenig wie das ergoogelte Wissen, dass am 14.02.1349 während der Pest-Pandemie in Europa bei einem Pogrom mehr als 2.000 jüdische Bürger der Stadt Straßburg getötet wurden. Hier aber, frage ich mich kurz, ob wohl noch Nachfahren leben, die sich nach all der Zeit an einen oder mehrere Namen zur puren Zahl gehörend erinnern können.

Wenig empathisch hörte ich, dass James Cook am 14.02.1779 während seiner dritten Weltumrundung von Einheimischen auf den Sandwich-Inseln getötet wurde, als er mit seinen Leuten versuchte, den König als Geisel zu nehmen. So etwas tut mal als Gast nicht und muss dann eben mit den Konsequenzen leben.  An seinen Namen erinnert man sich wenigstens noch. An den der 2.000 Juden kaum. Auch nicht an viele der anderen Menschen, die an einem 14.02. gestorben sind. Und dass man es im Falle vieler Dresdner die zwischen dem 13.02 und 15.02 während der zweiten Angriffswelle der alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg noch tut, ist gut und wichtig und doch nur ein erschütternd winziger Funken des Grauens, das während dieser Jahre passierte.

Wie lange man sich wohl daran erinnern wird, dass am 14.02.1989 der iranische Revolutionsführer Ruhollah Chomeini durch eine Fatwa zur Tötung des Schrifstellers Salman Rushdie aufgerufen hat? Weiß noch jemand, dass am 14.02.1996 eine chinesische Rakete beim Start von Xichang außer Kontrolle geriet und in einem nahegelegenen Dorf, geschätzten 500 Menschen das Leben kostete? Ich wusste es nicht. Aber ich weiß, dass der Bachelor heute um 20:15 Uhr auf RTL wieder Rosen verteilen wird und sich Paare streiten und trennen werden, weil die lächerlich hohen Erwartungen an den 14.02. nicht erfüllt wurden. Die Restaurants sind ausgebucht, die in Plastikfolie eingeschweißten Blumen überteuert und nie ausverkauft und in der Kantine muss ein Koch Rosen auf die Tabletts der Frauen legen.

Der 14. Februar ist der 45. Tag des gregorianischen Kalenders. Es bleiben noch 320 Tage bis zum Jahresende. In Schaltjahren sogar 321 Tage. Nicht das es mich sonderlich interessiert, aber es ist erfrischend, dass  dies bei Google der erste Eintrag unter diesem Datum ist. Ein Tag wie jeder andere.

Und doch….über die Blumen vor meiner Türe habe ich mich gefreut. Nicht weil der 14.02 ist, sondern weil auf der Karte „Miststück“ steht und ich den Humor meines Nachbarn Paul sehr zu schätzen weiß. Das an ihn adressierte DHL-Paket bekommt er trotzdem erst morgen. Sollte es sich um ein Geschenk zum Valentinstag handeln, wird er froh sein, dass ich ihn seit Tagen davon abhalte es hübscher zu verpacken und einem weiblichen Wesen zukommen zu lassen. Der Werbeslogan „Hilfe im Haushalt zum kleinen Preis“ lässt nichts gutes hoffen.

Gefundene Sätze #44

„Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.“

Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett 12/1994

Böser, alter Mann. Viele seiner Aussagen gefielen mir nicht. Die literarische Kritiker-Keule die er schwang, war mir oft zu garstig. Seine Meinung zu oft zur Doktrin erhoben. Und doch….ich mag ihn. Auch für Sätze wie diesen.

Brüste und Kaschmir

Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass ich mich einem guten Glas Wein selten verweigere, überwiegen die Abende an denen ich kein gefülltes Glas in der Hand halte. Ich trinke selten. Noch seltener kommt es vor, dass ich die Flasche Rotwein, die ich als Gastgeschenk zu überreichen gedachte, gar nicht erst aus den Händen gebe, sondern mich nach Bussi rechts und Bussi links, direkt in eine fremde Küche schleiche um dort selbst nach dem Korkenzieher zu suchen, weil es mir zu lange dauert, bis die Gastgeberin meinen Mantel aufgehängt hat. So etwas kommt wirklich nur dann vor, wenn man mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einem Treffen unter Freunden lockt und mir, wenn ich schon in der U-Bahn sitze, mitteilt, dass man gedenke sich – ganz wie in alten Zeiten – gemeinsam den Staffelauftakt von Germanys next Topmodel anzusehen. Wenn man mir so etwas an einem Donnerstagabend um halb acht mitteilt, dann muss man damit rechnen, dass ich a) bereue, mich nach über zehn Jahren wieder mit einer alten Freundin zu treffen; mich b) frage von welcher alten Zeit sie um Himmels Willen spricht und c) beschließe, dass dies einer der wenigen Abende sein wird, die ich nüchtern sicher nicht bestreiten werde. Weiterlesen