Abstieg

Nach neun Nächten und zehn Tagen wird es Zeit sich zu verabschieden. Die Betten sind abgezogen und ich stopfe die Wäsche in den Beutel schmutziger Wäsche. Zuhause, wenn ich ihn öffne, wird alles leicht nach altem Holz, feuchtem Wald und Ofenfeuer riechen – ein Geruch, der oben in den Bergen auf unserer Hütten schön ist, in der Stadt aber modrig und abgestanden in der Nase kitzelt. Das macht nichts, denn wenn ich wieder komme und aus dem Schrank frische Laken nehmen werde, dann werde ich es nicht riechen, weil sich mein Geruchssinn binnen Minuten auf den Duft des Holzhäuschens einstellen wird. Ein letztes Mal lüfte ich die obere Kammer und glaube wie bei jedem Abschied, ein kleines Stück von mir zurück zu lassen. Diesmal eines, das bei der Ankunft unendlich müde, erschöpft und ausgebrannt war. Lustlos und schlecht gelaunt warf ich an Gründonnerstag die Rucksäcke auf die Betten und mich selbst hinterher. Eines das jetzt wieder frei atmen kann und sich darauf vorbereitet hat, den liebsten Menschen wohl auch im April und Mai nicht sehen zu können und sich dafür über den nicht mehr aufzuhaltenden Frühling freut. Weiterlesen

Is ja gut….

….ich geh nicht über die Brücke, über die ich sonst immer gehe, wenn ich von unsere Hütte ins Dorf laufe und dort am Inn spazieren gehe. Heute nicht zu den Nachbarn nach Tirol. Auch wenn es nicht so aussieht, die Mitte der Brücke ist eine Landesgrenze.

Mein Handy scheint aber einen Ausflug nach Österreich gemacht zu haben 😊 Das Telefonnetz sieht das mit den Grenzen nicht so eng und begrüßte mich abwechselnd in Österreich und Deutschland. Mit neuem Text…

Schöne Ostern

Obwohl der klügste meiner Freunde die schönsten Augen aller meiner Freunde hat, gibt es Momente, in denen ich seinem Blick ausweiche – ausweichen muss. Er kennt mich gut genug, um in meinen Augen zu lesen, was ich denke. Besonders leicht scheint es zu sein, wenn ich „Scheiße“ denke. Ein „Scheiße“, das schöner ausgedrückt gleichbedeutend mit „bitte nicht, bitte frag nicht mich!“ ist. In meinem Blick scheint sich dann leichte Panik (angesichts einer in den Raum geworfenen Frage), trotziger Unwillen (resultierend aus dem Empfinden, dass ich eine solche Frage als respektlos empfinde) und Resignation (ahnend, dass ich der gestellten Frage chancenlos gegenüber stehen werde) spiegeln. Neulich im Deutschen Museum zum Beispiel, musste ich aus Gründen des Selbstschutzes mehrere lange Sekunden lang den Zustand meiner Fingernägel überprüfen, um ihm nur ja nicht versehentlich ins Gesicht zu sehen. Als das nicht mehr länger unauffällig möglich ist, beobachte ich intensiv den Scheitel des vor mir stehenden siebenjährigen Mädchens. Es stellt eine Frage von der ich finde, dass man sie ausnahmslos seinem Vater und nicht einer zufällig anwesenden Freundin der Familie stellen sollte. Eine Frage die man Außenstehenden schlicht und einfach nicht stellt. Außer man ist so eine miese Kröte wie der klügste meiner Freunde, dann reicht man genau so eine Frage an die Frau weiter, die man vor Jahren durch das Abi geschliffen hat. Na, Mitz, grinst er mich an, kinetische Energie und Impluls sind doch genau deine Themen. Das Kind erwartet keine Antwort und läuft weiter. Der Vater hinter her. Nur ich stehe noch vor dem Modell des Newton Pendel und lese leise murmelnd: „Es fliegen so viele Kugeln weg, wie auftreffen.“ Da ist „Warum?“ dann doch eine berechtigte Frage. Scheiße! Warum? Das müsste ich wissen. Weiterlesen

3. Welle Suppengemüse

Direkt nach dem Bekanntwerden der Verlängerung des Lockdowns erhalte ich von meinen Freunden aus Italien diverse Nachrichten mit hysterisch lachenden Smileys und der Frage, wer in Deutschland eigentlich für die Benennung der unterschiedlichen Lockdown Arten verantwortlich ist. Was wohl nach dem „Super Lockdown“ und den dunkelroten Inzidenzzonen, noch kommen wird, fragen sie und vergessen dabei dass auch ihre Rotschattierungen bereits einige Zwischentöne aufweisen. Ich ignoriere die Frage und erkundige mich statt dessen ob es im Veneto ein Wort für Suppengemüse gibt. Die München-Verona Kommunikation ist heute holprig und ich kappe die Verbindung als anstelle einer Antwort, das Rezept für eine (sicher hervorragende) Minestrone gesendet wird. In Krisenzeiten muss man Prioritäten setzen – in meinem Fall handelt es sich dabei um Frau Angermeier aus dem Hinterhaus. Die steht seit geraumer Zeit auf ihrem Balkon und brüllt meinen Namen. Seit die Inzidenz wieder Richtung der 100 klettert, ist ihr das Treppenhaus zu gefährlich und sie wählt für die Kommunikation den alten Weg, den wir bereits im ersten Osterlockdown vor einem Jahr etabliert hatten – zur Freude der dazwischen wohnenden Nachbarn brüllen wir von Balkon zu Balkon. Wie schon vor einem Jahr erfahre ich so, was ich meiner in die Jahre gekommenen Nachbarin vom Einkaufen mitbringen darf. Nicht nur ich werde informiert, sondern auch etwa acht Bauarbeiter die damit beschäftig sind, im Hinterhof ein Gerüst für die Balkonsanierung aufzustellen. Da mein Nachbar Paul lautstark sein Fenster geschlossen hat – der Mann befindet sich schließlich im Home-Office – müssen diesmal die netten Handwerker Flüsterpost spielen, um das, was Frau Hintermeier nicht laut genug brüllen kann, bis zu mir heran zu tragen. Eine überaus groteske Situation, die nach einem Jahr Corona aber auch nicht mehr wirklich ins Gewicht fällt. Eine alte, kleine rundliche Person steht auf dem Balkon und brüllt immer wieder das Wort Suppengemüse und ein etwa fünf Meter entfernt auf dem Gerüst stehende Bauarbeiter ruft es weiter. Von einem anderen Bauarbeiter wir es dann erneut gebrüllt. Diesmal allerdings mir direkt ins Gesicht, da ich nur 1,5 m von ihm entfernt vor meiner Wohnungstür stehe. Diese Entfernung ist dabei nicht den Corona Regeln geschuldet, sondern ist in etwa die Distanz des Baugerüstes zu meiner Tür. Weiterlesen

Nicht ganz rund

Den Weg findest du noch, fragt mich mein Kollege und ich verziehe müde schmunzelnd das Gesicht über einen Witz, den ich in den letzten Tagen öfter gehört habe. Ein bisschen zu oft. Es sprach sich wohl rum, dass mein Kollege und ich das perfekte Pandemie Gespann sind. Der eine arbeitet gerne im Büro, die andere lieber zu Hause. Wir müssen uns nicht abstimmen, müssen Freitagnachmittag nicht diskutieren und können unsere Abwesenheiten im Firmenkalender gleich für ein halbes Jahr im Voraus eintragen. Ein perfektes Duo. Ich überlasse ihm unser gemeinsames Büro, er schickt mir das, was per Post kommt, nach Hause. In Zeiten wie diesen, die wohl beste Kombination. Der Witz ist dennoch etwas platt, da ich im letzten Jahr natürlich auch im Büro war. Zwischen der ersten und zweiten Welle war ich regelmäßig vor Ort. Die Corona-Verschnaufpause fiel ja dankenswerter Weise in den Sommer und nahe meines Büros gibt es die beste Eisdiele im Münchner Umland. Das Mangoeis ist himmlisch – eine Kugel pro Woche war ein Muss. Anders formuliert – einmal pro Woche fuhr ich ins Büro. Manchmal sogar zweimal. Pistazie ist nämlich fast genauso lecker. Als die Infektionszahlen im Herbst dann wieder stiegen (und die Eisdiele schließen musste) war ich allerdings tatsächlich fast ausschließlich im Homeoffice und sparte mir das morgendlich Gruppenkuscheln in den überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln. Mein Kollege kann trotzdem beruhigt in den Urlaub gehen – eine Wiedereingliederung in den Büroalltag und eine Wegbeschreibung zum Schreibtisch wird nicht nötig sein. Das zumindest, dachte ich noch letzten Montag. Um es vorweg zu nehmen – den Weg zum Büro habe ich problemlos gefunden. Seltsam wurde es erst danach. Weiterlesen

Corona Homeoffice XXIX

Wussten Sie, dass man die Stimmung eines Menschen ganz wunderbar an der Art, wie er einen Karton zerkleinert, ablesen kann? Wenn Sie einmal darauf achten, dann werden Sie mir Recht geben. Mein Nachbar Paul, zerreißt die Pappe an diesem Morgen akribisch und sehr konzentriert. Entfernt das Klebeband und das Adressetikett, um beides im Restmüll zu entsorgen, faltet den sperrigen Karton sorgfältig und schiebt ihn platzsparend in die hintere, rechte Ecke der Papiertonne. Paul ist an diesem Sonntagmorgen zutiefst gelangweilt und zugleich fest entschlossen, sich der Langweile nicht hinzugeben. In Bewegung bleiben. Etwas das geistig, nach nun zwölf Corona-Monaten in einem Ein-Personen-Haushalt schwierig wird, körperlich aber nach wie vor möglich ist. Wir alle, hier in meinem Haus, treffen uns mit ausgewählten, meist immer gleichen, Freunden – viel weniger als noch vor einem Jahr, aber immerhin. Wir hatten die Corona-Pause im Sommer als angenehm und wichtig empfunden, helfen uns gegenseitig mit den Kindern und genießen unsere Treppenhaus-Unterhaltungen, den Ratsch von Balkon zu Balkon und wissen, dass es nicht wenigen während der Pandemie weit schlechter als uns geht. Und doch – es beginnt anstrengend zu werden. Weniger wegen fehlender Fernreisen oder ausufernden Festen. Auch nicht wegen Masken oder rausgewachsenen Haarschnitten. Es sind die Kleinigkeiten, die uns jetzt nach einem Jahr mürbe machen. Ohne nachzudenken mehr als einen Freund einladen, sich beim Griechen ums Eck überraschen zu lassen, welche Nachbarn bereits im Garten sitzen und nicht zuletzt jene Freunde zu sehen, die dummerweise in einem Land wohnen, an dessen Grenzen wir vor einem Jahr kaum noch dachten. Nach einem Corona Jahr, das gut überstanden wurde, sich aber doch in den Knochen festgesetzt hat, zerkleinert man einen Karton dann so wie Paul. Inmitten der zweiten (oder dritten…wer weiß das schon) Welle, hat man die Muse es ordentlich zu machen.  Weiterlesen

Randnotiz

Der Nachbarsjunge ist in der ersten Klasse und für meinem Geschmack lernen die viel zu schnell lesen. Seit er alles, aber auch wirklich alles in meiner Wohnung entziffern kann, komme ich zunehmend in Erklärungsnot. Ginge es nach mir, sollten die mit Bruchrechnen beginnen. Das zu erklären ist leichter als die Geschichte hinter dieser Postkarte.