Pausenende

Am Mittwoch war Sommer. Das erste Mal in diesem Jahr. Der erste echte Sommer. Kleid-Sommer. Keine-Strümpfe-Sommer und Abends-ohne-Jacke-Sommer. Unsere Gläser Wein haben wir mit nach draußen in den Sommer genommen. Sitzen auf einer Steintreppe und fragen uns, was verdammt noch mal in den letzten Monaten passiert ist. Gute Monate waren es, aber seltsame Monate. Zwei Jahre mit Mittagspausen auf dem eigenen Balkon in der Sonne und Lobliedern auf das Homeoffice. Schön war´s zu Hause und herrlich sich morgens nur noch an wenigen Tagen in Bus und Bahn stürzen zu müssen. Nur zu erzählen hatte man nichts mehr, weil man viel weniger sah. Gemütlich haben wir es uns zu Hause gemacht und natürlich Besuch empfangen. Freunde und Familie kamen, aber nicht so oft wie früher. Nicht mehr auf einen Sprung nach der Arbeit, weil die jetzt zu Hause stattfand und es oft dann ein zu großer Aufwand war, sich noch zurecht zu machen. Wir nippen an unserem Wein und fragen uns, wann es aufwändig geworden ist, sich am späten Nachmittag noch einmal aufzuraffen um Freunde zu treffen. Im ersten Jahr hatte alles zu, im zweiten war fast ständig einer in Quarantäne. Bescheuerte Gründe, sagen wir und schauen auf die kleinen Perlchen aus Kohlensäure in unseren Gläsern. Bescheuert, aber man gewöhnt sich und arrangiert sich. Gewöhnt sich an, sich zu arrangieren und weniger zu engagieren, sagt die neben mir und betreten schauen wir auf unsere Fußspitzen, die heute das erste Mal in Sommerschuhen stecken.

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Neunuvierzig

Es heißt, sie sind vom Aussterben bedroht. Die Münchner Originale. Wenn man an Rudolph Mosshammer, Karl Valentin und den einen oder anderen berühmt, berüchtigten Wiesnwirt denkt, dann ist das sicher richtig. Der Gedanke an die schwindenen Unikate und ihre deutlich blasseren Nachfolger, stimmt ein wenig traurig und lässt einen fast sentimental auf die vergangenen Jahrzehnte mit all ihren schillernden Persönlichkeiten blicken. Wenn Sie mich fragen, dann ist die Sorge dennoch unbegründet, weil es sie natürlich noch gibt – die Münchner Originale. Jene, die man nicht im Fernsehen sieht, die – etwas moderner – kein Instagram und Twitter haben und all die, denen kaum ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird. Das wirkliche Münchner Original ist unsichtbar und verschwindet solange in der Masse, bis es seinen Auftritt hat. Erst dann breitet der zunächst unscheinbare Paradisvogel seine Schwingen aus, landet – oft unbeabsichtigt – auf der Bühne und kann sich eines aufmerksamen Publikums sicher sein. Geklatscht wird am Ende selten, getratscht schon mehr und geschaut ganz sicher immer. Großes Theater ganz umsonst. Der Spielplan nicht zu erahnen, aber selten enttäuschend. Nur ein wenig Geduld muss man haben und etwas Zeit, die kann man sich bei einem Kaffee und einem Stück Kuchen vertreiben kann.

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Randnotiz – Italienisch kann ich (fast)

Sehr geehrte Frau Irsaj,

Cinghiale ist das Wildschwein, nicht die Nachtigall, wie Sie irrtümlich annahmen. Wir danken aber herzlich für den von Ihnen „korrigierten“ Text Ihrer Bekannten. Der Auszug aus Romeo und Julia erhielt so eine – wenn auch nicht beabsichtigte – Komik.

Nach nun zwei Semestern in denen sämtliche Übungsblätter von Ihnen und nicht meiner Schülerin eingereicht wurden, bitte ich Sie nicht mehr zu „helfen“ und lade Sie herzlich ein im nächsten Semester selbst an einem Kurs teilzunehmen.

Herzlichst
Wolfgang Hufnagel (Volkshochschu
le XY – Leitung Sprachen)

Pah!!!!

Giesing – bin ich!

In regelmäßigen Abständen erzähle ich meinem Vater, welche unserer ehemaligen Nachbarn noch immer im Haus meiner Kindheit leben. Obwohl wir dort schon lange nicht mehr wohnen, ist es noch immer unser Haus. Vor allem meines. Ich wuchs dort auf und kenne den Hof, das Treppenhaus und jeden Winkel im Keller vermutlich besser als meine Eltern. Dennoch ist es auch für sie noch immer „unser Haus“ oder zumindest das Haus, in dem sie vor vielen Jahren eine Familie gründeten. Auch wenn wir behaupten, dass es egal ist – wir freuen uns, dass sich einige Namen auf den Klingelschildern über all die Jahre nicht geändert haben. Es wäre seltsam, wenn in „unserem Haus“ nur noch Fremde wohnen. Und das obwohl uns selbst die vertrauten Gesichter von früher, längst fremd geworden sind. Das Haus ist nicht schön. Schlicht, unspektakulär und mit einem scheußlichen Hof, der während unserer Zeit aus Garagen und Beton bestand und erst lange nach unserem Auszug begrünt wurde. Als Kind war es mir egal. Über die Dächer der flachen Garagen konnte ich in die anderen Höfe klettern und das Grau wurde durch die Menschen, die in ihm lebten bunt genug. Außerdem hatten wir eine Hecke. Für meine Mutter ein Witz, für mich völlig ausreichend, um den Wechsel der Jahreszeiten vom Fenster meines Kinderzimmers aus zu beobachten. Zumal man in Untergiesing die Isar ihre weitläufigen Grünanlagen vor der Nase hatte und jede Gelegenheit nutzte das Blickfeld der Eltern zu verlassen. Wenn ich heute vor dem schmalen Haus stehe und in den Hof blicke, dann ahne ich, dass dieses Viertel mich mehr geprägt hat, als ich mir selbst eingestehen möchte. Mehr als einmal hätte sich die Gelegenheit ergeben, in ein anders Viertel zu ziehen. Eines das schicker, aufregender oder moderner war. Ich bin geblieben. Und war ich doch einmal weg, dann bin ich zurück gekommen. Heute vermute ich, dass das Kind in mir, trotzig gegen neues protestierte und stur auf das Vertraute und Bekannte bestand. Es bekam seinen Willen. Damals wie heute. Das Viertel betreffend. Meine Eltern zogen erst um, als ich meine erste eigene Wohnung mietete.

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Corona Homeoffice XXXII

Ich würd´s ja nicht machen, gebe ich dem Nachbarsjungen auf den Weg und er ist gerade noch klein genug, um sich nicht sicher sein zu können, ob ich ihn auf den Arm nehme oder meine geflüsterte Warnung ernst meine. Todernst, gestehe ich mir selbst ein und winke der kleinen Reisegruppe durch das Küchenfenster. Nein auf die Bocca della Veritá in Rom kann ich getrost verzichten und würde meine Hand nicht für viel Geld zwischen die kalten Lippen aus Marmor stecken. Wie bescheuert muss man sein, so etwas zu tun? Kein halbwegs vernünftiger Mensch macht so etwas. Jedenfalls keiner der schon einmal einen Stephen King Roman gelesen (ES….da war es zwar ein Abfluss am Boden, aber letztendlich auch etwas vermeintlich harmloses) oder gesehen hat. Völlig idiotisch. Noch idiotischer, das mitten in der Nacht und ziemlich betrunken im deutlich unscheinbareren Pendant in Verona zu machen. Den Schreck, wenn unsensible Freunde einen im richtigen, falschen Moment dann einen Schubs geben…. unangenehm. Sehr, sehr unangenehm. Auch die vor Schreck gebrüllten Flüche, die etwas derber als vorgesehen waren….unangenehm. Dem etwas älteren Nachbarsmädchen schreibe ich vorsichtshalber noch eine WhatsApp und bitte inständig darum, die Finger NICHT in irgendwelche Münder zu stecken, bevor ich mich zurück auf das Sofa begebe und der Reisetasche im Flur einen Tritt verpasse. Wer will schon nach Rom, wenn er in München aktiver Teilnehmer einer hübschen Pandemie sein kann?

Ich! Ganz klar ich! Die Reise war seit fast einem Jahr geplant. Gebucht, reserviert und auf meine Lieblingsnachbarin, die beiden Kinder und mich abgestimmt. Kolosseum, Forum Romanum, die Katakomben, der Tiber und die Pyramide vor der ich das letzte Mal vor über zwanzig Jahren stand. Selten hatte ich mich so sehr auf einen Urlaub gefreut wie auf diesen. Nach Italien fahre ich oft. In Rom war ich bisher erst einmal und das nur für einen Tag. Mit diesen drei Menschen, mit denen ich seit Jahren Tür an Tür wohne, wäre es zudem etwas ganz besonderes gewesen. Wäre – weil ich mich (ungefragt) vier Tage vorher gegen die ewige Stadt und für Corona entschieden habe. „Merda“ antworte ich dem Nachbarsmädchen, als es mich per SMS fragt was scheiße auf italienisch heißt und frage mich ein paar Sekunden zu spät ob es klug ist alle Fragen einer Zwölfjährigen zu beantworten. Ihre Mutter hat dazu eine klare Meinung und schreibt ein paar Minuten später. Ich solle mich, solange ich Fieber habe, doch etwas zurück halten und nicht ganz so großzügig mit Schimpfworten und Horrorfilmszenarien um mich werfen. Dazu ein Küsschensmily und der Hinweis, dass man mich bereits vermissen würde. Das glaube ich ihnen sogar. Bestimmt nicht, weil jetzt einer fehlt der italienisch spricht – das braucht man in Rom nicht unbedingt und die drei eh nicht, die könnte man im Urwald aussetzen und sie würden überleben. Eher, weil wir uns wirklich mögen und sicher Spaß gehabt hätten. Sie werden mich mit Fotos versorgen. Das ist schön und ich vermisse sie ebenfalls schon jetzt. Ehrlich gesagt vor allem meine Nachbarin, die mir am ersten Tag der verordneten Isolation eine Tüte mit Lebensmitteln vor die Tür gestellt hat, die in etwa meinen eigenen Einkäufen entsprochen hat. Jetzt sind sie weg und die anderen Nachbarn übernehmen. Wer sich auf die Liebenswürdigkeit anderer verlassen muss, sollte das ohne Vorurteile tun. Ich schlaf jetzt erst mal. So ganz ohne ist diese blöde Seuche nicht. Sie ist ich-schlaf-den-Mist-weg-und-denk-nicht-an-Rom mäßig.

Ein paar Tage später, verfluche ich den noch immer positiven Test, fühle mich aber schon wieder gut. Auf dem Display meines Handys neue Bilder aus Rom. Nicht mitten drin, aber doch dabei. Das Kolosseum, Eis und Pizza, der Tiber, lachende Gesichter und (was für ein Glück) eine Kordel vor dem (oder der?) Bocca della Veritá. Die Gliedmaßen meiner Lieblingsnachbarn sind sicher. Nicht mitten drin, aber doch dabei. Das trifft auf Rom und irgendwie auch auf Corona zu. Ich schicke Fotos aus meiner Küche zurück. Weniger spektakulär, aber zumindest amüsant. Meine Nachbarin ruft kurz darauf an und ich höre, dass sie sich das Lachen nur schwer verkneifen kann. Gut versorgt, fragt sie und ich bin nicht sicher ob sie mich oder den Hund auf meinen Beinen meint. Hasso, der Schäferhund meines Nachbarn Herrn Krüger, schleckt über meine Hand. Doch, ja, ich bin sehr gut versorgt. Herr Krüger schickt mir den Hund zur Gesellschaft, Herr Meier stellt täglich eine andere Sorte Bier vor die Tür und von Paul bekomme ich Eis, Fastfood und ab und zu einen Apfel oder anderes Obst, das seine Freundin eigentlich ihm in die Küche gestellt hat. Perfekt versorgt werde ich von Frau Iwanow. Ihr Mann stellt mir täglich eine Tupperschüssel mit unglaublich gutem Essen vor die Tür. Als Dankeschön, darf er dann auch gleich Herrn Meiers Bier mitnehmen.

Beim Foto der Katakomben bin ich dann doch kurz traurig. Rom…. Paul hat mir einen Strauß Tulpen vor die Tür gestellt. Passt wieder. Rom geht so schnell nicht unter, aber Blumen von Paul, das ist wirklich etwas besonderes.

Schöne Ostern – am Sonntag darf ich wieder raus. Hasso freut sich schon.

Abgestaubt

Nur mein Nachbarsjunge darf es. Er ist der einzige, dem ich es nicht übel nehme, wenn er bäuchlings auf dem Boden liegt, mit der Taschenlampe unter mein Sofa leuchtet und mir dann mitteilt, dass es dort unten so dreckig ist, dass er auf die kleine, darunter gerollte Playmobil Figur verzichtet. Falls ich jemals dort unter sauber machen würde, könne ich sie gerne behalten. Für einen Fünfjährigen sind das schön formulierte Sätze. So ausgewählt drückt er sich nur aus, wenn etwas seinem ästhetischen Empfinden widerspricht. Ein Empfinden, das bei diesem kleinen Menschen erstaunlich ausgeprägt ist. Ohne ihn würde ich wahrscheinlich noch immer nicht einmal monatlich auch die Unterseite des großen Tisches im Wohnzimmer putzen. Seit Ludwig aber auch unter dem Tisch nach verloren gegangenen Lego- oder Playmobilteilen sucht, wische ich regelmäßig auch unten und entsorge bei der Gelegenheit mögliche Ansätze von Spinnweben. Wie gesagt – er darf das, bei anderen reagiere äußerst empfindlich darauf, wenn man mich auf Defizite meiner hausfraulichen Qualitäten hinweist. Mal ehrlich, was bitte reitet Gäste, ungefragt aber höchst erfreut mitzuteilen, dass die Wohnung für ihr empfinden durchaus etwas ordentlicher sein könnte? Das weiß ich selbst und nicht umsonst lasse ich das grelle Deckenlicht im Wohnzimmer aus, wenn Besuch kommt. Ludwig gab mir den Tipp. Er meinte nämlich, dass es dann bei mir manchmal fast so ordentlich wie bei seiner Mama sei. Ludwig gehört auch zu den wenigen Menschen, die ich gerne um mich habe, wenn ich krank bin.

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Italienisch motzig

Ich bin kompromissbereit, da können Sie jeden fragen. Wirklich. Außer es geht um den ersten Kaffee am Morgen – da bin ich es nicht. Da bin ich stur wie ein Esel und unausstehlich, wenn ich ihn nicht bekomme. Stur habe ich deshalb am ersten Morgen in Ligurien auch versucht die Mokka auf den Herd zu stellen, obwohl völlig klar war, das es sich hierbei um ein unmögliches Unterfangen handelt. Nicht das Stellen der Mokka an sich, aber das auf den Herd stellen. Auf DIESEN Herd stellen. Ein neuer Herd und ein feiner Herd, aber ein völlig bescheuerter Herd, weil ihm ein winziges, aber elementares Teil fehlte. Hetzen Sie mich nicht, ich schreib mich gerade erst warm und überlege tippend wie ich Ihnen das Problem mit der Mokka erklären kann, wenn Sie weder mich noch den neuen Herd sehen. Eigentlich müssten Sie kurz vorbei kommen und sich neben mich stellen, dann würden Sie sofort verstehen, wo mein bzw. das Problem des Herdes liegt. Schön wäre das aber auch nicht, weil ich Ihnen dann zwar den Herd und das Dilemma zeigen, aber keinen Kaffee anbieten könnte. Und das gerade hier, wo jeder sofort eine Tasse in die Hand gedrückt bekommt. Zumindest bei mir, da es meine Rechtfertigung ist, mir einen weiteren Espresso zu genehmigen. Heute nicht, weil….ich beschreibe es Ihnen jetzt doch….die Metallstäbe, die wie ein Gitter über den einzelnen Gasflammen liegen und die direkt über den Ventilen eine Aussparung haben, so saublöd und weit auseinander sind, dass ich zwar einen mittelgroßen Topf, aber keine Mokka darauf stellen kann. Dafür gibt es einen Einsatz und der fehlt hier. Warum?!? Stünde der Gasherd in München, wäre es mir klar. Hat ja nicht jeder eine Mokka oder verlässt sich eben nicht jeder darauf, dass so ein Herd Mokkatauglich ist. Aber in Italien – gibt es einen Haushalt der keine Mokka und keinen kleinen Milchtopf besitzt? Vermutlich nicht. Ok….vermutlich schon und nur weil ich ohne Kaffee morgens nicht rundlaufe, bin ich so motzig. Italien-motzig. Das ist ein viel besseres motzig als ein München-motzig, weil es deutlich lösungsorientierter ist.

Ist stehe jetzt seit fünf Minuten vor dem Herd und halte die Mokka ganz einfach über die Flamme. Was praktikabel klingt, ist es nicht wirklich. Es geht, aber sollten Sie das selbst mal machen…passen sie auf den Ärmel Ihres Morgenrocks auf. Und das Ding, das fehlte, heißt „Triangolino“ – gibt’s auf jedem Markt zu kaufen (da gibt es ja eh alles) und heißt vielleicht doch nicht so, weil es nun wirklich keine dreieckige Form hat und ich der Nachbarin, die mir sagte, dass es so heißt, nicht ganz traue. Bekommen habe ich es aber und einen neuen Morgenrock habe ich mir am Markt auch gleich gekauft. Der alte….naja, weite Ärmel, offene Flamme… Irgendwie bin ich wirklich motzig und fast froh, dass meine Freunde noch nicht angekommen sind und ich mich noch etwas einrenken kann, bevor ich ihnen um den Hals falle. Und das werde ich, ich habe sie nämlich alle vermisst – sehr.

24 Stunden später ist meine Motzigkeit übrigens verschwunden. Ich hab mein Triangolino, drei Kaffee (einen davon in netter Begleitung) und vier Stunden lesen am Meer hinter mir. Schöner geht es nicht. Beim Kaffee wurde ich von einer Nachbarin auf den neusten Stand gebracht (das Haus und das Land betreffend) und fragte mich danach, was so schlimm daran ist 15 Minuten eine Mokka über eine kleine Flamme zu halten (die Antwort kenne ich durchaus und rate daher davon ab). Meine ausgesprochen gute und entspannte Stimmung hielt übrigens auch dann an, als am nächsten Tag das Wasser abgestellt wurde. Mit stoischer Gelassenheit wäre ich mit zwei Eimern bewaffnet auch einfach an den Strand gelaufen um hilfsweise so die Toilettenspülung zu überbrücken. Stattdessen stand ich mit einer Bekannten im Keller des Hauses, ignorierte die Blicke eines Handwerkers, der – seinem Blick nach zu urteilen – unsere Schlafanzüge modisch fragwürdig fand und dennoch bereitwillig unsere Eimer aus seltsamen Tanks mit Wasser befüllte. Und nein, ich wohne nicht auf einer Baustelle. Ich war in einem ganz normalen italienischem Haus und wie zu Hause in München, wird auch hier bei Wartungen das Wasser abgestellt und man stellt erst bei der ersten Benutzung eines neuen Haushaltsgerätes fest, was noch fehlt. Völlig normal und das ist das Schöne. Es ist so normal hier zu sein. Herrlich normal. Bis auf das mit dem Morgenrock, das ist länderübergreifend dämlich. Und vielleicht zieht man sich auch etwas mehr an, wenn man einem Eimer bewaffnet durch das Treppenhaus läuft. Obwohl….

Es grüßt Sie Ihre überhaupt nicht motzige Mitzi

Angekommen

Die Luft ist schlecht. Im Bahnhof und auch davor. Niemand – nicht einmal ich – würde behaupten, dass es mitten in Mailand gut riecht. Abgase, der Duft gehetzter Menschen und Baustellenstaub sind olfaktorische Reize auf die man gut und gerne verzichten kann. Auch der Kaffee schmeckt am Bahnhof nicht wirklich gut, das Brioche ist lappig und die Crema darin eine Spur zu süß. All das wusste ich und stand trotzdem mindestens fünf Minuten in der Morgensonne vor dem Bahnhof und atmete tief ein. Weg, einfach nur weg, war der Wunsch am späten Abend des Vortages gewesen und nur aus diesem Grund war das Ziel in Mailand am frühen Morgen, dann doch schön. Oder besser, so wie es sein musste. Trotz des eisigen Windes der mir die Haare ins Gesicht wehte und trotz der Normalität eines italienischen Großstadt Werktages, der auf Touristen vermutlich wenig einladend wirken würde. Ich verbrenne mir die Lippen am Cappuccino und bin das erste Mal seit längerem wieder völlig entspannt. Das Chaos eines Bahnhofes hat mich noch nie gestresst – im Gegenteil. Seit nun mehr über die Hälfte meines Lebens, ist es der einzige Wahnsinn in den ich mich stürzen muss, wenn es tief in meinem Magen zieht und ich einen meiner besten Freunde zu lange nicht gesehen habe. Ihn und das was untrennbar mit ihm verbunden ist – ein Land, in dem ich einige Zeit lebte und das mich nie wieder ganz losgelassen hat. Ich kenne es gut genug um zu wissen, dass es keine Probleme löst und dass das Leben dort die gleichen Herausforderungen wie zu Hause bereit hält. Andere vielleicht, aber sicher nicht weniger. Und doch beruhigt es mich noch immer, hier zu sein. Wenn mir zu Hause alles zu viel wird, fahre ich „runter“ um ruhig zu werden und mit jedem Atemzug ein bisschen Kraft zu tanken. Es geht auch an anderen Orten. In den Bergen meiner Heimat, zum Beispiel, aber hier geht es schneller. Vielleicht, so glaube ich manchmal, liegt es daran, weil mir Italien vor langer Zeit bewiesen hat, dass ich weit mehr schaffen kann, als ich mir in der Regel zutraue. Vor vielen Jahren strandete ich dort und bin wider erwarten nicht binnen weniger Wochen zurück ins warme Nest gekrochen. Warum auch? In Italien entwickle ich Energien und eine Entschlossenheit, dir mir sogar selbst manchmal fremd ist.

Entschlossen drücke ich ein paar Stunden später auch auf einen roten Knopf, der für mein Empfinden eindeutig signalisiert, dass er auf keinen Fall gedrückt werden sollte. Mein Empfinden hat keine Ahnung und Boiler und Therme im kleinen Appartement springen mit sanftem Brummen an. Grün! Jeder vernünftige Mensch würde einen Anknopf in grüner Farbe installieren. Meinetwegen auch in blau oder in schwarz, aber rot bedeutet…..warm, wie ich mir später selbst erkläre. Der Gashahn ist gelb, das macht Sinn und mit Gas kenne ich mich aus. Mit roten Knöpfen jetzt auch, schließlich ist noch Winter und die Sonne über dem Meer längst noch nicht warm genug um Annas Appartement aufzuheizen. Diesmal schmeckt der Kaffee auch objektiv hervorragend und es ist nicht mehr meiner Einbildung geschuldet, dass die Luft nach Meer und Küste riecht. Angekommen, schreibe ich dem, der noch arbeitet und erst einige Tage später kommen wird. Er ahnt, dass ich damit nicht nur das Betreten seiner Wohnung meine und lacht, weil ich verkünde um spätestens acht Uhr ins Bett zu gehen. Warum auch nicht – ich versäume nichts und das ist purer Luxus. Ebenso wie die Tatsache, dass der Freund an einem so schönen Ort lebt und mir das Gefühl vermittelt immer willkommen zu sein. Mit Worten und mit frischer, kuscheliger Winterbettwäsche die er mir extra hingelegt hat. Der Gedanke an so viel „lieb sein“ wärmt besser als die mittlerweile bollernden Heizkörper.

Um acht Uhr bin ich dann doch noch nicht im Bett. Zu lange habe ich auf das Meer geschaut, sehr zufrieden gemerkt, dass die Wellen den letzten Rest Unruhe vertreiben und mir doch noch etwas feines gekocht, nachdem ich den kleinen Ort zum Einkaufen gegangen war. Am Abend werde ich gefragt wie es mir geht und ich tippe die Antwort, salzige Luft auf dem Balkon atmend. Alles bestens, nur leider kann ich der Talkshow auf Canale 5 nicht ganz folgen. Um zu verstehen, wer hier wen betrogen hat und ob die Ehe eines Demenzkranken Vaters mit einer blutjungen Krankenschwester angefochten werden kann, fehlen mir die letzten Wochen italienischen Gossips. An diesem Abend ist das tatsächlich mein einziges Problem und angesichts einer in Flammen stehenden Welt ist das ein so unverschämtes und umfassendes Glück, dass ich den Fernseher aus- und die Fenster aufmache. Das Geräusch des Meeres, ein knatterndes Mofa und irgendwo bellt ein Hund und streitet ein Paar. In meinem Magen zieht nichts mehr. Natürlich nicht, ich bin angekommen und um alles was gemacht werden muss, kümmere ich mich morgen.

Passt schon

Passt schon, sagt man in München gerne, wenn gar nichts passt. Wenn so viel im argen liegt, dass man nicht recht weiß, wo man anfangen soll, dann sagt man „passt schon“. Das ist wie „wird schon“, wenn einem unklar ist, wie überhaupt irgendwas wieder werden kann. Der Sonne am heutigen Sonntag ist das egal. Sie scheint und wenigstens das ist schön. Mehr als schön – es hilft, weil Sonnenstrahlen im Frühjahr nicht nur das Gesicht, sondern auch das Herz erwärmen und es leichter machen die Gedanken zu ordnen. Sie zu beruhigen ist angesichts der Nachrichten nur schwer möglich, aber ein paar Atemzüge mit geschlossenen Augen in der Sonne sind angenehm. Den Menschen in meinem Viertel scheint es ähnlich zu gehen. Sie sitzen auf den Bänken, legen den Kopf in den Nacken, schließen die Augen und strecken die Nasenspitze in die Sonne. Das tut gut, man sieht es ihnen an. Mir wahrscheinlich auch. Das und die Ruhe, die nicht ungewöhnlich ist, da ich nicht in einem Café sondern auf einer Bank auf dem Friedhof sitze. Bei so viel Scheußlichkeit ist hier, trotz des oft traurigen Ortes, viel Schönes zu sehen.

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