12 Monate Rosen und Schornsteine – April

Hier im Münchner Rosengarten, stellte der, der nicht mehr bei mir ist, seine Liebe zu mir in Frage. Es war April, ein Tag ähnlich dem heutigen, und der Flieder blühte. Ich frage mich warum, ich dich liebe, sagte der, den ich mehr als mich selbst liebte, und blickte mit gesenktem Kopf auf den Boden. Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Geliebte neben einem sitzt, sich mit Daumen und Zeigfinger die Nasenwurzel massiert und diese Frage in den Raum stellt. Dann hängt sie irgendwo im Flieder fest und man atmet den faden Beigeschmack mit jedem Atemzug ein. Mit jedem Luftholen atmet man den grausamen Satz ein und spürt wie er wächst, denn atmen muss man ja. Anfangs hält man vielleicht noch die Luft an und hofft, dass ein anderer Satz den bitteren ein wenig verwässern möge. Aber dann, wenn keiner kommt, dann schnappt man nach Luft und senkt ebenfalls den Kopf. Man atmet die Zweifel des anderen ein und sie sickern durch die Lunge und den Magen bis ganz tief in den Bauch und nisten sich dort ein. Zweifel und Liebe vertragen sich nicht. Eine Weile mögen sie still und ruhig nebeneinander existieren, früher oder später aber, gewinnt einer von ihnen. Selten ist es die Liebe. Weiterlesen

Cassini und ich

Cassini. So ein schöner Name für eine kleine Sonde, die nun am Ende ihres Weges angelangt ist. Zwanzig Jahre war die Nasa-Raumsonde unterwegs und kreist seit nunmehr dreizehn Jahren in der Umlaufbahn des Saturns. Zum großen Finale ihrer Reise wird sie die Ringe des Saturns einige Male durchfliegen und dann kontrolliert in den Planeten stürzten. Egal wie kontrolliert das sein wird, ich finde, dass „in den Planeten stürzten“ überhaupt nicht kontrolliert klingt. In meinen Ohren klingt das nach einem überaus unschönen Ende und ich würde mir lieber vorstellen, dass die kleine Sonde mit dem hübschen Namen auf alle Zeit ein Teil der Ringe des Saturns wird. Weiterlesen

Erbsen im Frühling

Es heißt, dass die Menschen in Vollmondnächten durchdrehen. Angeblich geschehen dann mehr Unfälle, mehr Gewaltverbrechen und auch mehr Morde. Von Tötungs-delikten in meiner Nachbarschaft ist mir nichts bekannt. Weder bei Vollmond noch sonst. Mit Gewaltverbrechen können wir aber dienen. Oder wie würden Sie es nennen, wenn Sie von einer alten Frau mit Tiefkühlerbsen fast erschlagen werden? Bei uns hat das allerdings wenig mit dem Vollmond zu tun. In meinem Viertel drehen die Bewohner überwiegend an Tagen mit besonders schönem und eigentlich friedlich stimmenden Wetter durch. An Tagen wie heute zum Beispiel.

Heute ist einer jener Frühlingstage, dessen Schönheit man sich unmöglich entziehen kann. Die Wiesen am Straßenrand sind heute besonders hübsch, weil sie noch niemand gemäht hat und sie vor lauter Löwenzahn und Gänseblümchen überquellen. Bienen summen, Vögel zwitschern und aus den Innenhöfen ertönt fröhliches Kinderlachen. Der friedliche Eindruck täuscht. Unter der Oberfläche brodelt es. Zum Beispiel bei Herrn Mu. Der sitzt heute Nachmittag  an der Bushaltestelle und wartet seit über zwei Stunden auf einen ganz bestimmten Bus der Linie 52. Er wartet darauf, dass noch einmal ein ganz bestimmter Fahrer vorbei kommt, damit er ihm sagen kann, dass er ein dämlicher Hornochse ist. Ein Hornochse deshalb weil dieser, einige Stunden zuvor, direkt vor seiner Nase die Türen geschlossen hatte und ohne ihn abfuhr. An anderen Tagen hätte Herr Mu so etwas mit einem Schulterzucken ignoriert. Heute nicht. Heute muss er dem Fahrer, der sich sicher nicht mehr an ihn erinnert, noch einmal die Meinung sagen. Auch Herr Meier hat heute, an diesem herrlichen Frühlingstag, ausgesprochen schlechte Laune. Er sitzt vor der Kneipe und sein Schimpfen dringt durch die offene Balkontür bis an meinen Schreibtisch. Er schimpft über schlecht eingeschenktes Bier, über die neuen Parkplätze vor dem Haus, über das Unvermögen von Frauen beim Einparken und über die depperten Kinder deren Skatboards zu viel Radau machen würden. Letzterem kann ich widersprechen. Die Rollen der Skateboards höre ich nicht, wohl aber Herrn Meier. Herr Iwanow aus dem ersten Stock teilt meine Meinung, denn er betritt alle halbe Stunde den Balkon und schimpft rauchend über den schimpfenden Meier, der ihm den Feierabend verderben würde. Und Judith aus der Wohnung neben mir hält ihrer Tochter eine Standpauke. Ohne aufzustehen weiß ich, dass Judith auf dem Balkon steht und ihre Tochter zwei Stockwerke weiter unten auf einem Skatboard über den Bürgersteig rollt. Ein typischer Frühlingsabend in München. Alle schimpfen. Alle außer Frau Obst. Die erlitt an einem solchen perfekten Frühlingstag fast einmal einen Herzinfarkt und hält sich nun zurück.

Vor einigen Jahren, an einem ebenso schönen Tag, schimpfte auch ein jeder. Herr Meier in der Kneipe, Herr Mu an der Bushaltestelle und die anderen dort wo ihnen gerade einfiel, dass man einem so schönen Tag nun wirklich etwas schlechte Laune entgegensetzen musste. Frau Obst schimpfte vor meinem Küchenfenster. Vor diesem stand mein vollbehangener Wäscheständer in der Sonne. Mein Freund, der damals noch nicht mein Freund war, und ich saßen auf der-Stufe daneben und drückten uns an die Hauswand weil Frau Obst nicht nur schimpfte, sondern auch wild gestikulierte. Ein Unding sei es, die Wäsche im Laubengang zu trocknen, teilte sie uns mit und verwies auf die Hausordnung. Wäsche habe auf dem schattigen Balkon und nicht im sonnigen Laubengang zu trocknen. Es war ein Frühlingstag wie heute und ich spürte das Brodeln. Jenes von Frau Obst, weil ihr Schimpfen die Scheiben zum Klirren brachte und das meines zukünftigen Freundes, weil er ungewöhnlich ruhig war. Er hatte seit einer Stunde schlechte Laune, weil ich ihm den Biergartenbesuch versagte und darauf bestand, dass wir die Wäsche nur unter Aufsicht trocknen lassen durften, falls Frau Obst nach Hause käme. Die Sicherheit meiner Wäsche sei sonst nicht gewährleistet. Ich kann heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, wann die Situation völlig aus dem Ruder lief. Es begann mit einem breiten Grinsen, des Mannes neben mir. Steigerte sich, als er sie bat ihn nicht anzuschreien und eskalierte, als er es wagte Frau Obst zu ignorieren indem er die Augen schloss und sich an die Hauswand lehnte. Meine Nachbarin Frau Obst hat man nicht zu ignorieren. Wenn sie schimpft und zetert, dann hat man den Mund zu halten und macht ihr eine Freude, wenn man dabei den Kopf senkt. Mein Freund hätte sich vermutlich eher die Hand abgebissen als das zu tun. Er legte den Kopf in den Nacken und grinste mit geschlossenen Augen.  Das nächste an das ich mich erinnere ist, dass Frau Obst sich bückte etwas aus ihrer Einkaufstüte nahm und mit einem lauten „Sie!!!!“ in unsere Richtung schleuderte.

Es war eine Packung tiefgekühlter Erbsen und dass sie mit nur einer Hand gefangen wurden, während die andere weiter ruhig auf meinem Oberschenkel lag, führte dazu, dass ich mich in diesen Mann verliebte. Auch weil er aufstand, als Frau Obst über sich selbst erschrocken mit Schnappatmung im Türrahmen lehnte, und ihr die Einkaufs-taschen in die Wohnung trug. Und auch weil er den Wäscheständer einklappte und beschloss, dass er feuchte Wäsche weiteren Anschlägen vorziehen würde. Es gibt viele Gründe, aber wenn mich einer fragt, dann erzähle ich immer vom Fangen der Tiefkühlerbsen. Frau Obst hat in all den Jahren noch oft mit mir geschimpft. Nie mehr aber mit meinem Freund.

Damit Sie keinen falschen Eindruck von Frau Obst bekommen. Unter normalen Umständen schleudert sie kein Gemüse auf sich sonnenden Nachbarn. Es lag am milden Frühlingstag. In München, Giesing ist ein solcher Tag gefährlicher als Vollmond und Föhn zusammen.

Im Bmpf wird gegrillt – U-Bahn Gedanken

Im Bmpf verschwinden Dinge. Die Dinge werden entweder versehentlich geklaut, oder jemand, dem sie nicht gehören, hat sie mitgenommen. Ich vermute, dass Dinge die mitgenommen werden und die einem nicht gehören, ebenfalls geklaut werden. Wie man etwas versehentlich klaut, weiß ich leider nicht. Ich würde den, der gerade vom versehentlichen Klauen berichtet, gerne danach fragen, wie so etwas funktioniert, aber ich möchte sein Telefonat nicht unterbrechen. Er redet mit so lauter und klarer Stimme, dass man ihn unmöglich stören darf. Wer mit einer solchen Stimme ganze acht Reihen in einem Bus unterhält, berichtet ganz offensichtlich etwas von großer Wichtigkeit. Weiterlesen

Oh, Ostern – es wäre ein schöner Artikel geworden.

Eigentlich hätten Sie heute von mir einen besonders schönen Artikel über Ostern erhalten. Über das faszinierende Frühlingserwachen auf meinem Balkon zum Beispiel. Oder über das Wunder der Auferstehung und die Schönheit einer Osternachts-Messe in einer katholischen Kirche. Ich bin sicher, das hätte Ihnen gefallen. Auch über mein Patenkind mit dem ich Eier färbte, hätte ich Ihnen gerne berichtet. Der Kleine war so herzallerliebst als er die hartgekochten Eier mit Schwung in die stark färbende Flüssigkeit schmetterte. Und auch danach, als wir kuschelten und er mir zärtlich mehrmals ins Gesicht nieste. Sie können sich sicher sein, dass ich es so verpackt hätte, dass man die Zuneigung zu diesem Kind überdeutlich heraus gelesen hätte. Leider wird daraus nichts. Auf meiner To-do-Liste stehen noch zu viele Punkte die ich vor dem Osterartikel abarbeiten muss. 

  1. Fenster putzen
    Frau Obst kann kaum noch in meine Küche sehen.
  2. Paul anrufen
    Ich muss ihn fragen ob er den Wein, den er vor meine Tür gestellt hat loswerden wollte. Falls ja, schmunzle ich. Falls nein, und er so eine Plörre ernsthaft trinkt, irritiert es mich.
  3. Wäsche waschen
    Ich muss Ihnen nicht erklären warum man das ab und an tun sollte
  4. Jules & Christophrox & Paleica
    Die stehen da schon eine Weile und mir fällt partout nicht mehr ein, was ich von ihnen wollte oder was ich meine ihnen zu schulden. Ich werde also nach einer unverfänglichen Formulierung suchen um es in Erfahrung zu bringen.
  5. Einkaufen
    Das ist schon mal missglückt. Heute ist Feiertag und der Kühlschrank ist leer. Vielleicht habe ich Christophrox notiert um ihn zu fragen ob er mich zum Essen einlädt. Ich glaube nicht, dass es das war.
  6. A zum Geburtstag gratulieren
    Sie entschuldigen mich, das muss ich gleich machen!
  7. Worttrennungen und Kommata prüfen
    Haha! Gerade ich…das kann ich getrost streichen
  8. Christbaumstämme zum Wertstoffhof bringen.
  9. 10 Kilo abnehmen
    Möglicherweise hören Sie länger nicht von mir.
  10. Vorhänge für das Küchenfenster
    Dann kann ich auch Punkt 1 streichen.

Wirklich am Herzen liegt mir aber eines. Das klärende Gespräch mit fünf engen Freunden, die sich seit der Veröffentlichung meiner Einpark-Erzählung damit beschäftigen, Anekdoten über meinen Fahrstil auszutauschen. Seit vorgestern gibt es eine Facebook Gruppe „Mitzi am Steuer – Ungeheuer!“. Ich kann darüber nicht lachen.

Weder über die SMS aus Italien mit dem Text „Na, du super Autofahrerin“ noch über das mir zur Verfügung gestellte Fotomaterial der 90iger Jahre auf welchem man mich heulend hinter dem Steuer sitzen sieht (die Parklücke war extrem eng). Ich amüsierte mich auch nicht über das gestrige Treffen von vier der fünf Freunden, welches sie zum Anlass nahmen sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Jeder musste einer Erzählung zum Besten geben, die unter dem Motto „Als ich neben Mitzi im Auto saß und Angst hatte.“ Wenn ich den Berichten glauben darf, gewann der dämlichste meiner Freunde mit der Schilderung meines Blackouts am Stachus. Der Preis müsste an mich gehen. Ich war es, die drei sturzbetrunkene Männer nach Hause fahren musste. Und ich bekam auf die Frage in welche Richtung ich fahren müsse ein gelalltes Dreistimmiges „links“ – „rechts“ – „geradeaus“. Da würden sie auch die Nerven verlieren und versehentlich halblinks auf die Trambahngleise einbiegen. Und ich war dabei noch sehr ruhig. Das ich panisch und kraftvoll immer wieder auf die Hupe einschlug lag nur daran, dass mir eine Trambahn entgegen kam, ich mit dem Reifen aber auf dem Grünstreifen feststeckte und mich bemerkbar machen wollte. ICH hatte Angst. Die Suffköpfe haben doch fast alles verschlafen.

Vielleicht war an den Geschichten etwas dran. Ich wunderte mich früher oft, wo andere Autos plötzlich herkamen, bog versehentlich in Einbahnstraßen ein und überfuhr beim Einstellen des Radiosenders eine rote Ampel. Lappalien!  Wirklichen Grund zur Sorge hatte nur einer und der wohnt schon lange in Italien. Der würde mir nie vorhalten, dass ich seinen VW beidseitig zerkratzt habe. Im Gegenteil, der bewunderte mich sogar, weil er es dafür für ausgeschlossen hielt, dass man in einer kleinen Italienischen Hofeinfahrt an beiden Seiten zugleich hängen bleiben kann. Und der nahm es mir auch nicht übel, dass ich mit Trennung drohte, wenn er nicht sofort rauskäme und das saublöde Auto einparken würde.

Ich schreib hier gar nichts mehr, wenn alles gegen einen verwendet wird.

Heute nicht mehr. Morgen bin ich nicht mehr beleidigt, dann geht es wieder.

Heute backe ich nur Osterlämmer. Über die hätte ich Ihnen auch etwas schönes erzählen können. Dass es nicht dazu kommt, ist die Schuld von fünf Freunden, die sich noch immer amüsieren. Gerade hat wieder einer etwas bei Facebook gepostet. Die alte Karamelle erspare ich Ihnen. Die kleine Delle am Strohkasten hinter dem Giesinger Bahnhof ist allerdings tatsächlich von mir. Schuld war aber ein Eichhörnchen.

 

Parken unter Beobachtung 

 

Ich bin eine gute Autofahrerin. Da können Sie jeden fragen. Wer bei mir auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, wird sicher von A nach B kutschiert. Als Münchnerin mit Verwandtschaft auf dem Land, fühle ich mich sowohl im Feierabendverkehr, als auch auf der Landstraße heimisch und bezeichne mich selbst als versierte und flotte Fahrerin. Flott, ja, stimmt mein Nachbar Paul mir zu. Versiert allerdings, würde er angesichts des eben beobachteten Einparkversuches jedoch bezweifeln. Mit einem überheblichen Grinsen wischt er sich die Finger an der Hose ab und legt seine halb gegessene Leberkäsesemmel zur Seite, bevor er an die Scheibe der Beifahrerseite klopft. Weiterlesen