Waldschön

Kurz noch sehe ich die Bremslichter des Autos aufleuchten, dann ist es weg. Der Wald hat es verschluckt. Hier oben, im Dickicht der Bäume, verschwinden die Dinge schneller als unten im Dorf oder auf dem flachen Land. Autos werden nur selten verschluckt. Hier oben vor der kleinen Hütte endet die holprige, befahrbare Straße und nur wer zu mir möchte, fährt sie. Heute sicher niemand, weil die einzigen, die wissen, dass ich hier bin, gerade gefahren sind. Ganz alleine werde ich wahrscheinlich dennoch nicht bleiben. Zu Fuß geht es weiter und Spaziergänger werden früher oder später die kleine Lichtung überqueren. Manche werden fragen ob es dort hinten im Wald weiter geht und ich werde ihnen die beiden Möglichkeiten sagen: Rechts nach oben zum Berggasthof, der Ausgangpunkt vieler Wanderungen ist oder links nach unten ins Dorf. Beides schöne Wege. Der nach unten etwas steil und vorsicht, trittsicher sollte man vor der zweiten Brücke bitte sein – da geht es ordentlich und ohne Geländer steil nach unten. Nach oben, kein Problem – auch da geht es an einem Stück nach unten, aber man rollt nur und fällt nicht. Die meisten aber fragen nicht. Sie kennen sich aus, gehen mit ihren Hunden spatzieren oder haben ihre Kinder an der Hand. An meiner Hütte kommen die meisten nur vorbei, wenn sie wissen wohin sie wollen. In den Wald, nach oben oder nach unten, fast immer aber durch die Ruhe, die einen auf diesen Wegen begleitet. Sie lächeln, grüßen und werden nach einem kurzen Augenblick vom Wald verschluckt. Oder umarmt, ja das passt besser. Der Wald verschlingt sie ja nicht, er nimmt sie herzlich auf.

Weiterlesen

Leuchttürme

An einem Augusttag vor fast zwanzig Jahren nahm meine Großmutter meine Hand und bat mich, um einen Gefallen. Mir, dem jüngsten ihrer vielen Enkelkinder, erteilte sie nur selten Ratschläge und beobachtete über viele Jahre mit nachsichtigem Schmunzeln wie ich fröhlich durch das Leben schlitterte, versuchte mit dem Kopf durch die Wand zu rennen und mir als junge Erwachsene reichlich Schrammen im echten und im übertragenen Sinn zuzog. Bei mir fühlte sie sich nicht genötigt Ihre Meinung kundzutun. Im Großen und Ganzen schien es zu passen. Ein Abitur auf Umwegen, warum nicht, wenn es mir so leichter fiel. Ein Studium von dem sie selbst vermutlich schon lange ahnte, dass es zu mir nicht passte und Beziehungen, die – ganz im Gegensatz zu denen ihrer anderen Enkelkinder – nicht in einer Ehe mündeten. Für sie waren das alles meine Entscheidungen, die keiner Kommentierung bedurften. Vielleicht sah sie bei mir alles entspannter, weil ich die Jüngste war. Die Älteren gingen gerade Wege, da konnte die Jüngste ruhig ein paar Haken schlagen. Alles in allem lief es ja doch in die richtige Richtung. Nach ein paar Jahren in Italien war ich wieder zu Hause in Bayern, in einer festen Beziehung und auf dem Sprung in ein Leben, wie es die restlichen ihrer Enkel führten. Ein Leben, wie auch sie es kannte. Sie, die alte Bäurin, die am Ende doch so viel mehr erlebt hat, als man von einer Frau, die ihr Geburtshaus nie verlassen hat, meinen möchte. An diesem Augusttag auf der Hausbank überraschte sie mich, als sie meine Hände beide fest drückte und mich bat ihr nicht böse zu sein, wenn sie mir jetzt zum ersten Mal um etwas bitten würde. Böse war ich ihr nicht, ich habe sie damals nämlich schlicht nicht verstanden.

Weiterlesen

Selbstverständlichkeiten

Als ich in Verona lebte, gab es diesen einen Zeitpunkt, ab dem ich mich heimisch fühlte. Nach etwa einem halben Jahr, in dem ich viel mit Heimweh und anfänglicher Einsamkeit zu kämpfen hatte, schob man mir morgens in einem Café ohne zu fragen einen Espresso und ein Brioche über den Tresen. nach sechs Monaten in denen ich jeden Morgen dort frühstückte, musste man nicht mehr fragen. Ich war angekommen. Damals in Verona, wurde es mir erst einige Zeit später bewusst, dass dieser Morgen ein ganz besonderer war. Heute denke ich gerne an ihn zurück, weil es der Tag war, an dem ich für einige Jahre, eine neue Heimat gefunden habe. Hier in Ligurien, bei meinem meiner Lieblingsmenschen, ist es anders. Ich lebe hier nicht und komme nur alle paar Monate zu Besuch. Und doch ist es auf eine bestimmte Art und Weise genau das gleiche.

Seit etwa vier Jahren, verbringe ich meine Urlaube hier am Meer. Jeden Urlaub, denn es gibt wenig Orte die mir besser gefallen. Aufgeteilt über das ganze Jahr, mal eine Woche mal nur ein langes Wochenende, sind es viele Aufenthalte. Die vielen Fahrten sind anstrengend. Als Entschädigung, bekomme ich ein ums andere Mal, das Gefühl vermittelt, nach Hause zu kommen. Es ist schön, wenn man nach sechs Wochen zurückkommt und es sich anfühlt als wäre man nur mal eben weg gewesen. Ich mag es die Leute in diesem Viertel mittlerweile gut zu kennen. Finde es herrlich, wenn ich bei einem Restaurantbesuch ein Hallo in die Küche rufe und mit Namen begrüßt werde. Der Mutigste meiner Freunde, würde es wahrscheinlich so beschreiben: Sie ist halt wieder da. Schön, sicher. Aber auch normal. Und genau so sollte sich eine Freundschaft anfühlen. Sie sollte eine Selbstverständlichkeit in sich tragen, die nicht mit Gleichgültigkeit oder mangelnder Werschätzung verwechselt werden darf. Ich bin halt wieder da. Wo auch sonst, als bei einem Freund, den man vermisst, wenn man ihn zu lange nicht sieht. Einem, der es einem nachsieht, wenn man nach 700 km Autofahrt und gefühlten 40 Grad, pampig behauptet, dass man jetzt gerne 3 Stunden auf den Schlüssel für ein Apartment wartet. So ein Freund nimmt einem einfach das Handy aus der Hand, kümmert sich selbst um den Schlüssel und verdreht dabei nicht mal die Augen. 20 Minuten später habe ich mich akklimatisiert und wir machen dort weiter wo wir im Juni aufhörten. Warum auch nicht? Ich war ja nur kurz weg und bin jetzt wieder da.

Und jetzt schaue ich runter ans Meer. Irgendwer den ich kenne, wird da schon rum legen. Kommen Sie gut in den August.

Gefundene Sätze

“Die Zeit heilt nicht alles; aber sie drückt vielleicht das unheilbare aus dem Mittelpunkt.”

Ludwig Marcuse

Ich mag keine Kalender Sprüche. Mag sie nicht hören, wenn der Boden unter den Füßen zerbröselt und die Welt sich in manchen Momenten einfach nicht weiter drehen mag. Sie können noch so richtig sein, in vielen Momenten erscheinen sie mir deplatziert. Als würden sie subjektiv empfundene, wichtige und berechtigte Emotionen relativieren wollen.

Obigen Spruch aber, den mag ich sehr. Besonders gut gefällt mir darin das kleine Wort “vielleicht”. Vielleicht wird nie wieder alles gut. Vielleicht wird die Sonne nie wieder so warm scheinen wie zuvor. Vielleicht hast du den größten Fehler deines Lebens gemacht und wirst ihn auf ewig bereuen. (Denn so denkt man doch in den wirklich schweren Momenten manchmal). Vielleicht aber auch nicht. Und dieses kleine “vielleicht aber auch nicht”, drückt für mich unendlich viel mehr Hoffnung aus, als jeder Zweckoptimismus vermitteln kann. Ein kleines “vielleicht” kann man zu lassen. An einem kleinen “vielleicht” kann man sich festhalten. Und hat man ein gewisses Alter, dann ahnt man vielleicht auch schon dass es genauso ist. Nicht alles wird wieder gut und nicht alles heilt. Aber mit sehr sehr vielem lässt sich trotzdem ein gutes und schönes Leben bestreiten.

Dieser kleine Spruch wurde mir von Kati auf Instagram und einmal hier auf dem Blog geschickt. Danke Kati.

Nur mal eben…

Auf die Frage ob ich schreiben kann, habe ich bisher immer mit einem klaren und eindeutigen Ja geantwortet. Ich hab´s mit sechs in der Grundschule gelernt und kann nach 33 Jahren noch immer den Stift halten, ohne dass er mir aus der Hand fällt. Selbst nach drei Gläsern Rotwein gelingt es mir, im Kneipenlicht meine Telefonnummer und meinen Namen fehlerfrei auf einen winzigen Kassenbon zu kritzeln. Um ehrlich zu sein, vielleicht gelingt es mir doch nicht ganz so fehlerfrei. Die wenigen Male in denen ich es tat erhielt ich an den darauffolgenden Tagen seltsame Anrufe von Menschen, die eine Muffi oder eine Marie sprechen wollten. Bis zum zweiten Glas aber, das kann ich garantieren, klappt es gut. Und weil es so gut klappt, habe ich auch mit einem klaren „ja“ geantwortet, als mich ein Bekannter fragte, ob ich ihm nicht ein paar Zeilen zu einem bestimmten Thema schreiben könnte. Klar. Kann ich, kein Problem. Schreiben ist ja wie Reden. Nur dass die Gedanken nicht durch den Mund, sondern durch die Finger fließen. 600 Wörter? Eine dreiviertel Stunde würde ich sagen. Am Ende noch ein paar Kommas  großzügig zwischen die Zeilen schmeißen, googeln ob es nicht vielleicht doch noch Kommata heißt und fertig. Kein Problem. Das sind ja nur drei Mal so viele Wörter wie dieser Absatz hat und dafür brauchte ich gerade mal fünf Minuten und habe nebenbei einen Apfel gegessen.

Weiterlesen

Der Pfosten ist noch da

Lebt Ben noch in Australien, frage ich einer meiner ältesten Freundinnen und beiße mir auf die Unterlippe, während ich auf die Antwort warte. Ich sollte es wissen. Sollte wissen, wo ein Mensch wohnt, den ich zehn Jahre meines Lebens jeden Tag gesehen habe. Auch sollte ich seine Telefonnummer eingespeichert haben und mich zumindest einmal im Jahr bei ihm melden. Ich weiß es nicht und habe mich seit mindesten fünfzehn Jahren nicht bei ihm gemeldet. Es kostet mich fünf weitere Anfragen im Freundeskreis, bis ich seine Telefonnummer bekomme. Sie ist neu und ich erfahre, dass Ben mittlerweile in Neuseeland lebt. Nicht ganz Australien, aber immerhin war die Vermutung richtig, dass Europa ihn noch immer nicht lockt. Ben…allein der Name lässt mich grinsen. Ein verlegenes, vor allem aber bedauerndes Grinsen, weil dieser Name wie kein anderer für meine späten Teenagerjahre steht. Erste Party, das erste Mal im Schlauchboot die Isar entlang, das erste Mal ohne Erwachsene an den Gardasee, das erste Mal auf der Vespa und vor allem, die erste WG. All das und vieles Meer ist mit Ben verbunden. Und auch die Erinnerung an die erste wichtige Freundschaft die ungewollt und unbemerkt endete. Er war der Erste aus der Clique der verschwunden ist. Der Rest ist zum Teil noch heute befreundet. Ben, ging ins Ausland und trotz aller ehrlich gemeinter Vorsätze haben wir es nicht geschafft die enge Freundschaft zu erhalten. Ich speichere seine Nummer und schicke ihm kommentarlos fünf Screenshots von meinem Handy:

Weiterlesen

37,4 Grad kleines, großes Glück

Bei jeder meiner Lesungen, gibt es diesen einen kurzen Moment, in dem mir bewusst wird was für ein unglaubliches Glück ich doch habe. Dann lese und erzähle ich und denke gleichzeitig für wenige Sekunden daran wie verrückt und wunderschön das Ganze jetzt gerade doch eigentlich ist. In der nächsten Sekunde ermahne ich mich, mich doch bitte auf das was ich gerade mache zu konzentrieren und nicht mit den Gedanken ab zu schweifen. Dann ist es aber schon zu spät, dann lächle ich bereits. Ich kann gar nicht anders, weil man doch lächeln muss, wenn man glücklich ist, finden Sie nicht?

Gestern Abend konnte ich in aller Ruhe darüber nachdenken. Mitten in der Lesung. Gute 4 Minuten lang. Das ist das Glück, wenn man nicht alleine, sondern mit einem Musiker gemeinsam einen Abend bestreitet. Während er sang und Gitarre spielte, genoss ich das kleine, große, sprudelnde Glück in meinem Magen. Es ist ja nicht selbstverständlich dass man planlos und einem Impuls folgend einen Blog aufmacht, fröhlich drauf los schreibt und dann von einem kleinen, aber sehr feinen Theater Ensemble angeschrieben und gefragt wird, ob man aus diesen Texten den mal lesen möchte. Aus dem kleinen Glück wird dann ein großes, wenn es sich bei diesen Menschen, die einen eingeladen haben, um ganz fantastische Menschen handelt, mit denen man sehr sehr viele schöne Abende und schöne Lesungen erleben wird. Lesungen bei denen nicht die Hälfte des Publikums nach den ersten Minuten aufsteht, obwohl ich ihnen das bei der ersten überhaupt nicht übel genommen hätte. Ein Glück auch, dass bisher nur zwei Leute eingeschlafen sind. Ein kleines Glück, denn es hätten mehr sein können, und ein großes, weil beide nicht schnarchten.

Weiterlesen

Sanft und gelassen brüllend (II)

Ich bin ein sehr geduldiger Mensch. Da können Sie jeden fragen. Ich bin auch eine ausgesprochen gelassene und in sich ruhende Person. Auch hier können Sie sich gerne erkundigen. Man wird Ihnen bestätigen, dass ich das bin. Im größten Chaos bin ich der Fels in der Brandung. Wenn ich – wie ich es mit großer Freude regelmäßig mache – Lesungen für Autorenkollegen organisiere, dann bringt mich so schnell nichts aus der Ruhe. Der eine oder andere ruft sogar extra mich an, wenn es ein Problem gibt. Gerne dann, wenn es sich um selbstverschuldete Probleme handelt. Ich mag ja besonders gerne Telefonate die mit: „Du Mitz, ich wäre morgen eigentlich in Wörkelbeck….“, beginnen. Da ahne ich sofort, dass der oder die Anrufende morgen ganz sicher nicht in Wörkelbeck sein wird, weil er oder sie sich gerade im Familienurlaub auf Cran Canaria befinden und den Termin komplett verschwitzt haben. Ein extremes Beispiel, aber es kommt vor. Eines meiner größten Talente ist es dann, die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Irgendwie klappt es immer und ich freu mich wenn am Ende alle glücklich und zufrieden sind. Ehrlich gesagt…bei so einer Wörkelbeck Sache ist am Ende wahrscheinlich einer doch nicht zufrieden, aber das ist wie gesagt ein seltenes und extremes Beispiel. Viel häufiger kommt es vor, dass einer auf Instagram eine Story postet und freudig verkündigt, dass er in Großkopfhausen liest und sich schon sehr auf die Veranstaltung freut. Dann kommentiere ich gerne und frage ob er wirklich einen ganzen Monat vorher schon anreist. Mit etwas Glück, steigt der, der den Monat verwechselt hat, dann noch schnell wieder aus dem Zug aus. Wirklich oft kommt das aber auch nicht vor. Aber fast wäre es einmal schon passiert.

Weiterlesen

Schatten

In meiner Wohnung steht ein Schweißgerät. Oder ähnliches. Irgendetwas, das unglaublich dreckig ist, zu dem ein Helm gehört und dessen dickes Kabel an Starkstrom angeschlossen werden muss. Das Ding gehört zu jenen Gegenständen, die mir völlig fremd sind und die in meiner Wohnung kaum deplazierter herumstehen könnten. Trotzdem steht es hier gut. Es blockiert die Türe zu meinem Flur, weil sich Tage zuvor zwei unterschiedliche Menschen an meinem Wohnzimmertisch getroffen haben und feststellten, dass einer etwas braucht, was der andere hat. Zwei Menschen die ich beide sehr, sehr gern habe und die sich zuvor nicht kannten. Der eine mein Neffe, der andere ein Freund, in dessen kleinen Theater ich vor vielen Jahren und unzähligen Zufällen geschuldet das allererste Mal meine Erzählungen lesen konnte. Schön war dieser Abend an dem ich wahllos ein knappes Duzend meiner Lieben einlud um mit ihnen anzustoßen. Ich mache mir nie Gedanken, ob Gäste zusammen passen. Meistens ist das einzige was sie verbindet die Tatsache, dass ich sie mag. Erstaunlich dass das fast immer reicht, um einen schönen Abend zu haben. Eine Woche vor meinem Geburstag stelle ich eine WhatsApp Gruppe zusammen, nenne Ort und Zeit und lasse mich überraschen wer kommt. Die Eingeladenen mögen wahllos erscheinen, aber ich vertraue darauf, dass mein Bauch meinen Fingern schon die richtigen Namen zuflüssert. In manchen Jahren sind es gute vierzig, in anderen nur vier. Dieses Jahr ein halbes Duzend und es passte. Mein Neffe passt immer, das wusste ich. Seine Freundin auch und der Rest eh. Alles passte und deshalb kann jetzt einer ein Schweißgerät abholen, weil es ein anderer hatte und gerade nicht brauchte. Nur dieser dumme, winzig kleine Schatten, der war lästig.

Weiterlesen