La famiglia

Meine Nachbarin Frau Obst ist ein Scheusal. Eines, das uns allen auf die Nerven geht und eines, das wir mehrmals monatlich zum Teufel wünschen. Neugierig, besserwisserisch und mit einer Impertinenz gesegnet, die ihresgleichen sucht. Wäre unser Haus eine Familie, dann wäre sie die Großtante, die keiner mag und von der man sich wünscht, dass sie mit dem Gehwagen am Türstock hängen bleibt und es gar nicht erst ins Wohnzimmer schafft. Und wie bei einer Familie würden wir dennoch alle geschlossen hinter ihr stehen, wenn ein Fremder es wagen sollte, schlecht über sie zu sprechen. Frau Obst ist die Pest, aber sie unsere Pest und ohne sie würden wir alle gar nicht wissen, wie glücklich wir uns schätzen können, nur eine von ihrer Sorte im Haus zu haben. Hatten – jetzt haben wir nämlich zwei und damit eine zu viel. Das sensible Gleichgewicht unseres Hauses beginnt zu kippen.  Weiterlesen

Warten – Alltag V

Sie, deren Blog ich seit lese, seit wir sonst keinen Kontakt mehr haben, wartet. Wieder einmal. Es ist bedrückend zu lesen, wie oft sie wartet, über das Warten schreibt und das Ende der Warterei herbei sehnt. Ändern wird es sich nicht mehr. Vielleicht doch, ich würde es ihr wünschen, glaube aber nicht mehr daran. Zu lange sprach sie vom Warten auf den richtigen Zeitpunkt und zu oft, dachte ich an verstreichende Zeit und verpasste Gelegenheiten. Gedacht und nicht gesagt, weil es anmaßend ist, von der verschwendeten Zeit eines fremden Lebens zu sprechen. Weiterlesen

Hildes Honig

Wenn man sich begrüßt, dann hat man sich die Hand zu geben. Hilde, die ich nie zu vor gesehen hatte, bestand auf diese Geste der Höflichkeit und ignorierte, dass ich halbnackt vor der Toilette stand und gerade in frische Unterwäsche schlüpfte. Grüß Gott, ich bin die Hilde, sagte sie, nahm meine Hand um sie kräftig zu schütteln und ging wieder. Eine Viertelstunde zuvor hatten wir uns schon einmal begrüßt. Da stellte sie ihr Mann, der sie brachte, als Frau Korres vor und sie hatte nur genickt. Wenn man neu in ein Krankenzimmer kommt, dann will man vielleicht erst wissen, was die anderen haben, bevor man ihnen die Hand schüttelt. Ob es Frau Korres herausgefunden hat, weiß ich nicht, aber es schien ihr wichtig zu sein, mir noch schnell die Hand zu geben, bevor man mich kurze Zeit später Richtung OP schob. Wahrscheinlich war ich vor Aufregung so blass, dass sie sich nicht ganz sicher war, mich noch einmal zu sehen.  Weiterlesen

Uno heißt in München nicht eins

Wie Sie wissen, wohne ich alleine. Bei mir geht es deshalb zu wie in einem Taubenschlag. Es ist ein einziges Kommen und Gehen, weil ja Besucher und Gäste ja nicht bleiben, sondern beständig ankommen und wieder gehen. Seit ich alleine wohne, ist die Tür zu meinem Badezimmer oft verschlossen, und wenn ich an klopfe dann heißt es ein halbes Stündchen, bis das Wasser in der Wanne kalt ist, habe ich noch zu warten. Mein Kühlschrank ist meist leer gefressen, und meine Wohnungsschlüssel oder meine Handtasche, liegen selten an der Stelle, an der ich sie beim Betreten meiner Wohnung hinterlassen habe. Früher läutete es oft an der Türe, aber seit mein Drittschlüssel verschwunden ist, dreht er sich oft im Schloss und mein Telefon wird abgenommen, bevor ich rangehen kann. So ist das, wenn man unverheiratet ist und keine Kinder hat. Dann ist man wirklich selten alleine und die Wohnung für die man Miete bezahlt gehört einem nicht wirklich, weil Partner, Familie und Nachbarn sich sorgen, man könne sich einsam fühlen. Weiterlesen

10717 Extragroß

Ob 1.500 Teile wohl reichen? Ich bin mir nicht sicher und konsultiere vorsichtshalber meine Kollegin. Ihr Brief muss warten. Das Zeug ist schließlich nicht billig und es war schon früher so, dass die begehrten Teile nur begrenzt verfügbar waren und meist auch nur in der falschen Farbe. 1.500, frage ich, reichen die? Sie zuckt mit den Schultern und tippt auf den Bildschirm. Vielleicht ja, aber noch wichtiger ist es, eine ordentliche Anzahl an Bodenplatten zu bestellen. Die waren schon damals, sie erinnert sich genau, Mangelware. Ich nicke und lege einen Satz besonders großer Bodenplatten in den virtuellen Einkaufskorb. Wenn man gerade im Begriff ist fast 75 Euro für Legobausteine auszugeben, dann kommt es auf die Bodenplatten nicht mehr an. Auch, weil diese nicht mehr nur in dunkelgrün, sondern in allen nur erdenklichen Farben zu haben sind. Ein Kollege aus dem Nachbarbüro wartet ungeduldig auf den zu unterschreibenden Brief und schüttelt jetzt den Kopf. Bodenplatten sind ja ganz ok, viel wichtiger aber sind die Räder. Genau die, sind früher doch immer ausgegangen. Räder und diese kleinen durchsichtigen Knöpfchen, die man als Sirenen verwenden konnte. Sirenen und Räder? Meine Kollegin und ich schütteln den Kopf und der wartende Zimmernachbar blickt über unsere Schultern auf den Bildschirm, der seit geraumer Zeit schon die Ebay Suchergebnisse anzeigt. Hier, er tippt energisch dagegen, das muss ich kaufen. Alle Kinder stehen auf Fahrzeuge, von den Steinen reichen ein paar Handvoll, aber die Räder und dünnen Plättchen, die zu Tragflächen werden, die sind wichtig für die Kinder.  Kinder? Wir sehen ihn fragend an und scheuchen ihn aus dem Büro, bevor er nachhaken kann. 4.500 Teile, frage ich die Kollegin und sie nickt. Wenn schon, dann das gesamt Programm. 75 Euro für drei Bodenplatten und 4.500 Teile – ein Schnäppchen.  Weiterlesen

Hinterfragen Sie nie ein perfektes Lächeln

Ende letzten Jahres sind mit binnen weniger Tage drei Menschen begegnet, die ich nicht kannte. Das wäre nicht ungewöhnlich, da sie aber alle im Besitz eines Hausschlüssels waren und sich an den Briefkästen zu schaffen machten, musste ich erkennen, dass ich meine Nachbarn anscheinend doch nicht so gut kenne, wie ich dachte. Da ich mich, neben Frau Obst, für die mit Abstand am besten informierte Bewohnerin halte, ist das eine Tatsache die mich irritierte und – vermutlich auch der erhöhten Kalorienzufuhr der Feiertage geschuldet – in eine Sinnkrise stürzte. Kannte ich überhaupt die anderen? Wusste ich von ihnen wirklich mehr als den Namen und die Eigenheiten bei der Mülltrennung? Beim Familienessen am zweiten Weihnachtsfeiertag dachte ich darüber nach. Zwischen 24 Verwandten kann man das in aller Ruhe machen, schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass – wenn man die jüngste Schwester ist – über einen und weniger mit einem gesprochen wird. Weiterlesen

Alltag – Pause III

Seit Freitag Mittag schneit es und seit dem frühen Abend ist die Stadt komplett weiß. Nur selten gibt es Schneefälle, die den Dreck der Stadt binnen Minuten verdecken. Als ich den Laden betrat, lag der Schnee nur auf den Rasenflächen, zwanzig Minuten später, waren Gehweg und Straßen weiß und nach dem Abendessen bewarfen mich zwei Kinder und ein Erwachsener mit großen, in der Luft zerfallenden Schneebällen. Sie schmolzen als ich in der U-Bahn saß und ihre Reste rannten mir in den Nacken. Ein Gefühl, das nur deshalb schön ist, weil es von den steif gefrorenen Fingern ablenkt. Sie tauen später. Mit einer heißen Tasse in der Hand tut es etwas weh, ist aber ein kleiner Preis, den man für so schönen und reichlichen Schnee gerne bezahlt. Die ganze Nacht über schneit es. Ich höre es, weil auf der Straße nichts zu hören ist. In meine kleine Seitenstraße kommt kein Schneepflug und die dicke weiße Schicht verschluckt die wenigen Autos, die bei diesem Wetter unterwegs sind. Bei Schneestille aufzuwachen ist besonders, weil man sich auf die gewohnten Geräusche nicht verlassen kann. Selbst die Glockenschläge hört man kaum. Zwischen den dicken Flocken ist dem Schall die Luft ausgegangen. 

Ludwig, dem Nachbarsjungen nicht. Er brüllt im Laubengang direkt vor meinem Fenster und wird erst leise, als er sich die dritte Handvoll Schnee in den Mund stopft. Man sollte ihm sagen, dass Schnee nicht in den Mund gehört. Meine Mutter tat es. Alle Mütter taten es. Ich nicht. Ich klopfe gegen die Scheibe und winke. Wieder bin ich das Ziel von Schneebällen. Auf der Arbeitsfläche in der Küche sitzend und mit einer Tasse Kaffee in der Hand beobachte ich die Geschosse, die gegen meine Scheibe fliegen. Noch hat er nicht genug Kraft um Schaden anzurichten und weil es schon egal ist, puste ich als Gruß von innen etwas Milchschaum  gegen das Fensterglas. Ludwig weiß es zu schätzen und verstärkt das Bombardement. Später als er längst weg ist, sitze ich noch immer im Schneidersitz zwischen Spüle und Herd und beglückwünsche mich für den Geistesblitz, die Milch gar nicht erst in den Kühlschrank zurück gestellt zu haben. So halte ich den dritten Kaffee des Morgens in der Hand und kann weiter das Schneetreiben beobachten. Draußen ist jetzt ein Schneesturm. Die Flocken wehen bis gegen mein Fenster und ich weiß, dass ich das Haus heute nicht verlassen werde. Pasta, Olivenöl und eine Ecke Parmesan. Das reicht. Es reichte das erste Jahr in Italien und es wird an diesem Wochenende reichen. Zumal ich, auf der Anrichte sitzend kaum Kalorien verbrenne. 

Was ich mache, fragt man und ich antworte nicht. Lese keine Nachrichten und überhöre das klingelnde Telefon bis weit in den Nachmittag hinein. Pause antworte ich jenen schließlich doch, die sich mehr als einmal gemeldet haben. Kaum etwas eignet sich besser für Pausen als windige Schneetage. Ab drei Uhr brennen die Kerzen am Christbaum und ich bin auf Tee umgestiegen. Sein Geruch passt zu dem Duft, des schon trockenen Baumes und ja, auch zum Schnee, der noch immer fällt. Um fünf Uhr habe ich den Moment verpasst, mich anzuziehen. Der Nachbarsjunge vor dem Fenster sieht es und lacht mich aus. Ich strecke ihm die Zunge raus und wir schneiden ein paar Minuten lang Grimassen durch das Küchenfenster. Als der Dampf des Nudelwassers die Scheibe endgültig blind macht, verschwindet er. Man könnte heute Abend doch ganz herrlich….nein, schreibe ich, heute kann ich nicht. Ich will dem Schnee noch ein wenig länger beim Fallen zusehen und bin eigentlich doch längst eingeschneit. Etwas, das mitten in der Stadt alles andere als alltäglich ist und ganz unbedingt zu einer Pause des Alltags führen muss. Die Wäsche kann warten, das Buch nicht, weil Schneefall stilles Lesen unterstützt. Von Resten des Vorratsschrankes kann man leben, ohne aus dem Fenster zu sehen nur sehr schwer, weil es dumm wäre den Blick vor etwas so schönem zu verschließen. 

Ob er sich neben mich setzen darf, fragt er und ich nicke. Gerne, aber nur wenn er still ist, damit wir das Fallen der Flocken auch wirklich hören oder es eben nicht hören, weil weniges so schön klingt, das kein Geräusch hat. Morgen ist Montag. Alltag. Heute ein weiterer Schneetag. Die Flocken haben nachgelassen. Das ist in Ordnung, solange es still bleibt. In meiner Seitenstraße sicher noch eine Weile. Lange genug um mit Kaffee drei und vier aus dem Küchenfenster zu schauen. Mit der ersten Teetasse die Lichter am Christbaum anzuzünden und das Nudelwasser ein paar Minuten beim Kochen zu beobachten. 

Alltag….Mehr Beiträge zum Thema finden sich hier:
Ulli hat und wird sie auf ihrem Blog zusammen tragen. Herzlichen Dank dafür.