S´Wuggerl

„Schau, des Wuggerl do“, hat mich mein Nachbar Herr Meier eben auf dem Heimweg aufgehalten und mit einer Kopfbewegung auf ein kleines Kind gedeutet. Schaut lieb aus, sage ich und werfe einen Blick über meine Schulter zu dem Wuggerl, dem kleinen Mädchen, das mitten auf dem Gehweg sitzt und in seinem rosa Schneeanzug und der Bommelmütze fast verschwindet. Ich nicke Herrn Meier, der neben Herrn Mu an der Bushaltestelle in der Sonne sitzt zu und wende mich ab um nach Hause zu gehen. Herr Meier hält mich zurück. Ich soll nicht nur blöd schauen, sondern mich um das Kind kümmern, blufft er mich an und Herr Mu nickt. Ja, das wäre angebracht. Ich sei schon die fünfte die an dem Mädchen einfach vorbei geht und es ignoriert.  Heute Nachmittag habe ich frei und viel zu erledigen. Im Gegensatz zu meinen Nachbarn sind Nachmittag ohne Büro für mich ein Luxus, der genutzt werden möchte. Ich frage die alten Herren, warum sie selbst denn nur blöd schauen würden, aber in der Sonne hocken blieben. Der alte Meier holt Luft, aber Herr Mu kommt ihm zu vor. Mit einer Strenge, die ich an ihm noch nicht gekannt habe, schickt auch er mich zu dem Kind. Genervt mache ich kehrt und gehe die zwanzig Meter bis zum rosa Wuggerl zurück. Weiterlesen

peinlICH

Ich bin peinlich, wurde mir letztes Jahr von einem attestiert, dem ich peinlich war. Ich war peinlich berührt, weil ich an achtundzwanzig von dreißig  Tagen versuche eben nicht peinlich aufzufallen. An achtundzwanzig gelingt es mir, an einem kann ich nun wirklich nichts dafür und an einem ist es mir scheissegal. 
Ja, ich habe „vom Winde verweht“ umgeschrieben, mir ein alternatives Ende für Rhett und Scarlett ausgedacht und die 106 Seiten ausgedruckt in einer Schublade liegen. In einer privaten, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Schublade. Es ist nicht meine Schuld wenn das einer auf der Suche nach der Bedienungsanleitung für den Rauchmelder findet und auch noch liest.  Weiterlesen

Randnotiz – Geschlachteter Nikolaus

08:00 Uhr
Wie schön es doch ist, wenn man morgens im Büro einen Nikolaus vorfindet. Diesmal schlachte ich ihn nicht. Ich muss an meinem Ruf arbeiten. Ganz liebevoll werde ich ihn durch den Advent auf meinem Schreibtisch stehen haben. Er wird mich ermahnen, es ruhig und gelassen angehen zu lassen. Einen Kerl, der so lieb lächelt, schlachtet man nicht einfach.

08:10 Uhr
Ich hätte etwas frühstücken sollen. Mein Magen knurrt und ich rieche die Schokolade durch das Papier. Wenn ich ihn vorsichtig am Rücken öffne, dann kann ich ihm eine kleine Rippe entnehmen. Ganz vorsichtig. Und dann wieder einpacken, damit er den ganzen Advent neben dem Bildschirm steht und lächelt.

08:25 Uhr
Ich habe ihm den Kopf abgerissen. Den ganzen Rumpf abgetrennt. Bin ja kein Chirurg und weiß nicht wo Nikoläuse die Rippen haben, die man entfernen kann. Es war ein Versehen und weil mir das sonst keiner glaubt, fotografiere ich den sterbenden Nikolaus. Zu lange lasse ich ihn aber nicht leiden. Das hat er nicht verdient. Er lächelte so lieb.

09:00 Uhr
Welcher Depp schenkt mir einen Nikolaus? Es muss einer sein, der mich nicht mag. Einer der weiß, dass ich jetzt über ein schlechtes Gewissen habe, weil alle meine Kollegen die ihren jetzt bis Weihnachten auf dem Tisch stehen haben und ich, die kleine Blonde aus dem hintersten Zimmer, erbarmungslos zugeschlagen hat. Wüsste ich es nicht besser, würde ich vermuten er kommt aus Norddeutschland. Irgendwo bei Hamburg.

Stade Zeit

Es schneit. Als ich vorgestern morgen aus dem Fenster sah, war die ganze Stadt fein mit Schnee bestäubt. Das ist schön. Mit dem Kaffeebecher in der Hand habe ich mich aufs Fensterbrett im Schlafzimmer gesetzt und fünfzig Minuten nach draußen geschaut. Ich kam zu spät ins Büro, aber ich bin sicher, dass meine Kollegen gerne mein Meeting übernommen haben. Wer mich kennt, weiß, dass ich den ersten Schnee liebe und sehnsüchtig erwarte. Sie hatten Verständnis und ihr Gemotze war sicher nicht ernst gemeint. Wer kann bei Schnee schon schlechte Laune haben. Die weiße Pracht läutet den Advent ein und der ist mir eine meiner sechs liebsten Jahreszeiten. Jedes Jahr, kurz nach dem Oktoberfest, behaupte ich deshalb an kühlen Tagen schon, dass es bereits nach Schnee riechen würde und stimme mein Umfeld auf den anstehenden Advent ein. Wenn meine Kolleginnen die Halloween Kostüme für ihre Kinder nähen, lege ich in der Büroküche die ersten Lebkuchen aus und setzte im Wasserkocher den Punsch an. Obwohl das ganze Stockwerk über den penetranten Geruch motzt, bin ich sicher, dass sie ihn eigentlich mögen. An Allerheiligen überprüfe ich heimlich, ob die Lichterkette, die zwölf Monate unbeachtet im Schrank meiner Kollegin lag, noch funktioniert und stelle eine Schachtel Christbaumkugeln dazu. Die ist etwas sperrig, aber die Kollegin kann ihre Ordner ja auch auf den Tisch stellen. Ich kontrolliere den Urlaubsplan der Abteilung, suche passende Tage für einen Glühweinumtrunk heraus und überlege mir ein Motto für das diesjährige Wichteln. Beides mit Hilfe diverser Doodle Umfragen, mit denen ich die E-Mail Accounts der Abteilung zuspame. Ich mache das alles nicht, weil ich schon in Weihnachtsstimmung bin – im Oktober, Gott bewahre. Selbst im November empfinde ich den Geruch von Lebkuchen und Stollen als Zumutung. Ich mache all das, weil ich eine ausgesprochen fürsorgliche und vorausschauende Kollegin bin. Ich mache es, damit die Leute nicht wieder vom Advent überrollt werden. Weiterlesen

Randnotiz #3

„Entspannen!“, befiehlt Gihan und präzisiert seine Abweisung, indem er sich über mich beugt und mit der Hand vor meinem Gesicht herumfuchtelt, bis ich brav die Augen schließe.

„Wasser ok?“, fragt er und ich schüttle den Kopf. Es ist zu heiß, sage ich und meine Abwehrkräfte werden mit kaltem Wasser gestärkt. Ich schreie auf. Er soll sich zusammen reißen, herrscht ihn seine Kollegin, am Waschbecken neben uns, an und Gihan jault beleidigt auf. Er schimpft. Das missfällt der Kollegin. Bei mir dürfe er, sagt er und ich schüttle mir Wassertropfen von der Nasenspitze.

Bei mir darf Gihan wirklich fast alles. Wahrscheinlich weil ich immer den letzten Termin habe und wir uns, während die Farbe in meinem Haar einwirkt, immer eine Portion Falaffel im Hinterzimmer teilen.

Als Nachspeise gibt es eine Kopfmassage, die ich nicht bezahlen muss. Gihan ist eine Diva, aber das kann er und macht er mit Hingabe. Ich verliebe mich dann kurz in ihn. Ich entliebe mich, wenn er mir die Kopfhaut ein zweites Mal verbrüht und mir meine letzte Milchschnitte abschwatzt.

Ich hasse Frisörbesuche. Aber Gihan mag ich.

Ein Witz

Den dümmsten und unpassendsten Satz des Tages, murmelte ich heute morgen schon um kurz nach halb acht. Es handelte sich um eine Aussage, die ich weniger wegen ihres Informationsgehaltes mitteilte, als vielmehr um die unangenehme Stille die mich umgab zu überbrücken.  Leise teilte ich der vor mir hockenden Frau mit, dass ich keine Krampfadern hätte, was ja eigentlich ganz gut war, im Moment aber auch ein bisschen schade. Oder nicht? Schob ich vorsichtig hinterher, weil ich in diesem Moment bereits ahnte, dass ich mich in einer jener Situationen befand, in der man es sehr schätzte, wenn ich einfach gar nichts mehr sagte. Weil man Patienten in Arztpraxen aber selten den Mund verbietet, quälte sich die hockende Frau ein Lächeln ab und teilte mir mit, dass ich anscheinend überhaupt keine Adern hätte und das sei eigentlich gar nicht gut. Sie deutete auf meinen bereits ziemlich zerstochenen Unterarm und schob ein nicht ganz so freundliches „oder nicht?“ hinterher. Eigentlich war es sogar ziemlich unfreundlich und zum widerholten Male an diesem Morgen fragte ich mich, ob man als Arzthelferin Patienten ohne auffindbaren Blutgefäßen ab einer gewissen Anzahl von Fehlversuchen Hausverbot erteilten durfte. Falls ja, wurde es langsam eng für mich und es täte mir sehr leid, mir einen anderen Arzt suchen zu müssen. Wahrscheinlich wäre das eh sinnlos. Mittlerweile glaube ich, dass es eine Bundesweite schwarze Liste für Patienten ohne Adern gibt. Ganz oben steht mein Name und ich weiß auch wer ihn darauf gesetzt hat. Es muss dieser eine Anästhesist aus Starnberg gewesen sein. Weiterlesen