Schüssel zum Glück

Die Sonne schafft es nicht mehr über die Baumspitzen und die kleine Lichtung mitten im Wald bleibt im Schatten. Nur kurz nach Sonnenaufgang zeigten sich die Buchen, die Ahornbäume, die Büsche und die Fichten im herbstlichen Glanz. Nur der obere Raum unserer kleinen Hütte wird von den Sonnenstrahlen dieses schönen Herbsttages noch gewärmt und in helles Licht getaucht. Die breiten Betten dort oben sind am bequemsten, wenn es taghell ist und die Strahlen der Sonne sanft die Nasenspitze kitzeln. Früher wusste ich nicht warum es genau dann, tagsüber, wenn man gar nicht müde ist, dort oben so herrlich ist. Heute weiß ich es. Es liegt daran, dass man mitten am Tag die Muse und die Zeit hat, sich einfach auf oder in ein Bett zu legen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Natürlich kann man ein Buch lesen, aber fast immer lenken einen die vielen Geräusche ab und man legt die Geschichte der fremden Menschen zur Seite und wendet sich den eigenen Gedanken zu. Gedanken die einem sonst gar nicht kommen. Es mag an der Stille und ihren sanften Geräuschen liegen. Wind in den Baumwipfeln oder – wie an diesem Wochenende – das Fallen eines einzelnen Blattes. Wie laut ein einzelnes fallendes Blatt doch ist wenn es sich den Weg noch viele andere Bahnen muss, hört man nur hier oben. Weiterlesen

Herbstkerzen

Heute Nachmittag kommt er in den Keller, verspreche ich meiner Nachbarin, als wir uns im Laubengang treffen und deute auf den Sonnenschirm. Ohne das wir uns je abgesprochen hätten, ist sie es, die sich seit Jahren um die Bepflanzung unseres gemeinsamen Laubengang-Balkons kümmert, während ich den Rest übernehme. Viel ist es nicht, aber das wenige wechselt mit den Jahreszeiten und dieses Jahr bin ich spät dran. Den Sonnenschirm zum Beispiel, hätte ich schon Anfang September  in den Keller räumen können. Als ich aus Italien zurück kam und mit den Koffern in der Hand vor meiner Wohnungstür stand, erreichten die Sonnenstrahlen gerade noch eine Ecke unseres gemeinsamen grünen Wohnzimmers. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Tag ein wenig wehmütig an die vielen Frühlings- und Sommertage zurück dachte, die hinter mir lagen. In diesem verrückten Coronajahr war unser kleiner Laubengang wichtiger als je zuvor. Er verband uns mit den Nachbarn und als wir uns mit kaum jemand treffen konnten, legten meine Nachbarin und ich unsere Haushalte zusammen, um uns dem Wahnsinn gemeinsam entgegen zu stemmen. Trotz allem war es ein schöner Sommer und wir genossen den Frühling so gut es ging, während die Welt still stand. In den kommenden Wochen vergaß ich den Sonnenschirm. Bis März brauchen wir ihn nicht und doch habe ich ihn noch immer nicht in den Keller geräumt. Heute werde ich ihn nach unten bringen und – auch wenn es noch zu früh ist – nach der Lichterkette suchen. Wenn die Tage kürzer werden, leuchtet sie ab halb fünf vor meinem Küchenfenster und taucht den winterlichen Laubengang in ein gemütliches Licht. Ein Licht, das Geborgenheit ausstrahlt und ein kleiner Ersatz für ein fehlendes Kaminfeuer ist. In diesem Herbst werde ich sie etwas früher anbringen. Geborgenheit werden wir brauchen, das spüren wir schon jetzt. Weiterlesen

Sepp – ein Original

Wissen Sie was eine Soda – Brücke ist? Wenn sie es wissen wollen, dann schauen Sie am besten im Internet nach. Mir hat es vorhin der Sepp gesagt und gerade hab ich danach gegoogelt. Weil es mich interessiert hat, nicht weil ich ihm nicht geglaubt hätte.  Dem Sepp habe ich auf den 600 km Autobahn die wir gestern und heute gefahren sind alles geglaubt. Ganz besonders, dass die meisten Leute bei seinen Geschichten den Kopf schütteln würden und unterstellen, dass er das unmöglich so erlebt haben kann. Schade eigentlich. Vielleicht sind es Menschen, die selber zu wenig Erfahrungen gesammelt haben oder die einfach zu misstrauisch sind, wenn sie eine gute Geschichte hören. Dabei sind die wirklich guten Geschichten fast immer jene, die wirklich erlebt worden sind. Und der Sepp, das können Sie mir glauben, der hat so einiges erlebt. Weiterlesen

Die ganze Stadt eine einzige Erinnerung

Das erste das ich heute morgens sah, war ein Baum. Nicht vor meinem Fenster, sondern auf dem kleinen Display meines Handys. Kein Text, nur ein Baum in der Morgensonne und im Hintergrund das Meer. Bei diesem Baum brauche ich keinen Text, ich kenne den Ort an dem er steht und weiß, dass er mir als Morgengruß geschickt wurde. Der, der ihn für mich fotografiert hat, kennt mich gut genug um zu wissen, dass dieser Baum für mich viel mehr als nur ein schönes Foto ist. Wenn ich ihn sehe, dann fühle ich all das, was ich empfinde, wenn ich an diesem schönen Ort zu Besuch bin. Genau deshalb gehört der Standort dieses Baumes auch zu jenen Orten, die ich nie wieder besuchen würde, wenn in seinem Schatten ein für mich so wichtiger Mensch nicht mehr leben würde. Seine Schönheit würde er zweifellos behalten, aber in seinen Ästen würden zu viele Erinnerungen hängen. Erinnerungen die nicht minder schön, aber zu stark in ihrer Schönheit werden würden. Weiterlesen

Randnotiz #DepptrotzAbi

Unter Studium wird primär das wissenschaftliche Lernen und Forschen an Universitäten und anderen Hochschulen sowie diesen gleichgestellten Akademien verstanden – sagt Wikipedia.

Ich möchte gar nicht widersprechen und habe sowohl das eine als auch das andere in der Vergangenheit betrieben. Leider kann ich trotz Abitur und Hochschulabschluss anscheinend nicht bis 10 zählen.

Heute kam der Strafzettel aus Österreich – die 10-Tages Vignette war abgelaufen. Und das obwohl ich sogar noch mit einem Kalender nachgerechnet habe (blöderweise habe ich dabei den 31. August übersehen). Meinen Nichten und Neffen sage ich nächstes Mal, das ein Studium klasse ist, sie sich aber bitte erst Dreisatz, kleines Einmaleins und zählen bis in den mittleren zweistelligen Bereich aneignen sollen. Ihre Tante ist der Beweis, dass das nicht selbstverständlich ist.

P.S. Und teuer ist das!!!

Kommen Sie mir nicht mit Ingwer!

Liebe Mitbewohner,

am letzten Samstag/Sonntag kam es zu einem „Alarm“ in meiner Wohnung. Leider hatte sich der Rauchmelder von selbst von der Decke gelöst und Alarm geschlagen. 
Für Sie war es sicher sehr unangenehm das Piepgeräusch auch über Nacht zu hören. Da ich von Samstag auf Montag nicht in der Wohnung war. Ich möchte mich bei Ihnen ganz herzlich dafür entschuldigen. Die herbeigerufene Feuerwehr hat von außen feststellen können, dass keine Rauch- oder Feuerentwicklung festzustellen ist und hat dankenswerter Weise die Türe nicht gewaltsam aufgebrochen. Ich hoffe sehr, dass so etwas nicht noch einmal passiert. 

Herzliche Grüße und auf eine gute Nachbarschaft
Else Wanninger

Fand ich heute im Briefkasten. Frau Wanninger, die noch nicht lange bei uns wohnt hat uns allen ein Tüte Gummibärchen als Wiedergutmachung mit reingelegt. Nett, gell? Frau Wanninger weiß noch nicht, dass eine Flasche Schnaps besser gewesen wäre. Nüchtern ist das Zusammenleben in meinem Haus an manchen Tagen schlicht nicht auszuhalten. Heute zum Beispiel gehen meine Kopfschmerzen eindeutig auf Kosten der Hausgemeinschaft. Die liebe Wanninger und ihr blöder Rauchmelder waren die ersten. Wer es nicht erlebt ahnt gar nicht, durch wie viele Wände so ein Rauchmelder-Piepsen noch klar und deutlich zu hören ist. Wenn man wach ist, dann nervt es – wenn man im Bett liegt ist die moderne Art der Wasserfolter. Bisher noch nicht verboten, aber ganz sicher ähnlich wirksam. Am Vormittag hat dann das neue Selbstverteidigungsstudio übernommen. Dort wo vorher der vietnamesische Bäcker und später der vietnamesische Schönheitssalon waren, ist jetzt ein (Nationalität des Inhabers unbekannt) Selbstverteidigungsstudio. Seit Monaten quietscht es bei uns im Haus und keiner wusste woher dieses penetrante, zermürbende und unregelmäßig auftretende Geräusch kam. Wir verdächtigten uns im Vorderhaus alle gegenseitig. Von Rudergerät, über Handbohrer bei Stahlbetonwänden bis hin zur Liebesschaukel hatten wir an alles gedacht – nur nicht an den Boxsack in dem neuen Laden. Weiß der Henker wie die Befestigung in den Mauern ein solches Geräusch erzeugen kann, aber sie schafft es. Quietschen über Stunden, wenn man von zu Hause arbeitet ist Folter – auch legal. Den Boxsack einfach verschwinden zu lassen ist leider nicht legal. Ab dem späten Nachmittag übernimmt die Kneipe. Die hat sich auf was ganz neues spezialisiert – alles auf der Speisekarte ist frittiert und weil eine vernünftige Abluftanlage nicht ins Budget passt, wird einfach vorne und hinten das Fenster aufgemacht. Wenn man seit Wochen Fett riecht, dann ist das….genau! Noch eine Art der legalen Folter. 

Meine Agenturkollegin hat mir zu Ingwer-Mandarinen-Zimt-Wasser mit Honig gegen die Kopfschmerzen geraten, weil ich gar so gejammert habe. Ich hab mich bedankt, macht man ja so. Gerade schrieb sie „oder heiße Milch mit Likör 43 – gut, sie kennt mich also doch. Die Milch kann man sicher weglassen. Ich würd den Likör auch mit Frau Wanninger teilen. Die Feuerwehr hat zwar die Wohnungstür ganz gelassen, ihren Balkon aber ziemlich verwüstet. Bei der Gelegenheit könnten wir dann auch bei einem Gläschen den Rauchmelder im Wohnzimmer abschrauben. Ich vermute ja die Fettrauchschwaden der Kneipe sind durch das gekippte Fenster in ihr Wohnzimmer gezogen.

Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, fragt via SMS: „Rot, Rosé oder Weiß?“ ich antworte: „Klar und mit 43%“. Der kluge Mann verschiebt unser Treffen auf den nächsten Tag. 

Schluss jetzt. Heute ist der 22.09.2020. Der 22. September ist der 265. Tag des gregorianischen Kalenders. Zum Jahresende verbleiben 100 Tage. Er ist neben dem 23. und dem 24. ein möglicher Tag für den Beginn des astronomischen Herbstes und der Tag- und Nachtgleiche. Der Tag hat etwas besseres als meine schlechte Laune verdient. Sie übrigens auch. Haben Sie sich wirklich durch sämtliche obigen Zeilen gequält? Kommen Sie als Entschädigung vorbei. Vorderhaus, 2. Stock. Ich hab hier noch Ingwer-Mandarinen-Zimt-Wasser und früher oder später kommt noch eine Flasche Wein. Die kommt immer, weil sie bzw der, in dessen Armen sie liegt, weiß, dass meine schlechte Laune meist nicht anhält. Leider ist es nun aber zu spät für einen ordentlich Blogbeitrag. 

Google, Acciughe und ein kluger Mann

Nach fünf Jahren bloggen, juckt es mich manchmal in den Fingern,  die Fragen meiner Freunde nicht verbal sondern mit dem Versenden eines Links zu beantworten. Eine, zugegeben etwas unfreundliche, aber auf jeden Fall effiziente Variante, wenn es um das Vertreten eines (meines) Standpunktes geht. Meinen Freunden scheint es ähnlich zu gehen. Immer öfter kommt es vor, dass sie mich anhand meiner Blogartikel zitieren und mich nicht zu Wort kommen lassen, da sie meine Meinung ja bereits ausführlich gelesen haben. Man fällt mir ins Wort und korrigiert mich. Zum Beispiel…. Im Juni 2017 hätte ich aber etwas ganz anderes geschrieben. Bevor ich den Mund öffnen kann, wird dann gegoogelt und meist auch schnell gefunden. Ich freue mich, dass mein Umfeld nach all den Jahren noch immer liest was ich schreibe und finde gefallen an dieser halb verbalen, halb bereits schriftlich dokumentierten Kommunikation. 
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Nix mit Privatsphäre

Recherche, das ist alles nur Recherche, behauptete ich als mein Nachbar Paul ein Paket bei mir abholen möchte und mich versteckt am Boden des Laubengangs sitzen vorfindet. Dass man an fremden Türen nicht zu lauschen hat, ist hinlänglich bekannt. Ebenso aber auch, dass Telefonate die auf Balkonen geführt werden, das Allgemeingut der gesamten Nachbarschaft sind. Seit ich weniger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin und mehr zu Hause bleibe, bin ich an manchen Tagen um diese Telefonate recht froh. Auf meinem Balkon höre ich viele. Die meisten sind aber langweilig. Herr Krüger telefoniert mit seiner Mutter, Herr Meier mit seiner Schwester, das Russisch von Frau Iwanow verstehe ich nicht und die Bürogespräche auf den beiden Balkonen über mir interessieren mich nicht. Interessanter ist das Hinterhaus, dem ich auf dem Laubengang sitzend zuhören kann. Besonder kurzweilig ist es, seit Anfang April neue Bewohner eingezogen sind. Einer von ihnen ist Jan. Vielleicht erinnern sie sich an ihn – er hat uns während Corona mit Musik versorgt und ist seit dem der DJ unserer Abendstunden. Tagsüber nimmt er keine Musikwünsche an. Zwischen neun und fünf nutzt er seinen Balkon um dort ausführliche Telefonate zu führen. Jan ahnt es nicht, aber ich kenne ihn mittlerweile recht gut. Weiterlesen

Herr Mu ist Fritz

Herr Mu, der nicht Herr Mu ist, heißt jetzt Fritz. Obwohl ich mir sicher bin, dass er nicht wirklich Fritz heißt, passt der Name zu ihm. Zu Herrn Mu passen viele Namen und sie alle wurden ihm von Menschen gegeben, die ihn zufällig trafen, während sie auf den Bus warteten. Dort sitzt Herr Mu an vielen Tagen und wartet. Auf vieles, nur meistens nicht auf den Bus. Wenn ich ihn treffe, dann wartet er darauf, dass um sieben Uhr der Supermarkt öffnet. Geduldig raucht er eine Zigarette auf der Bank des Bushäuschens und lässt sich überraschen, mit wem er ins Gespräch kommen wird. Mit mir fast immer. Herr Mu und ich kennen uns nun schon einige Jahre und weil es sich noch nie ergeben hat, dass wir uns mit Namen vorstellten, gaben wir uns der Einfachheit selbst welche. Ich taufte ihn Herrn Mu, weil er so oft von der Muschi, seiner Katze erzählte. Er nennt mich, Mädchen, Madl oder manchmal auch sein junges, hübsches und hochgeschätztes Fräulein aus der Nachbarschaft. Dann grinst er charmant und verschmitzt und ich will ihm gar nicht sagen, dass ich die Mitzi bin. Wenn man über 40 ist, dann ist es schön, wenn einen noch einer ein Mädchen nennt. Die Frau die seit dem Spätherbst immer öfter neben ihm  auf der Bank sitzt, nennt Herrn Mu Fritz. Einige Wochen lang dachte ich, dass er wirklich so heißt. Bis er mir einmal, als ich gerade in den Bus stieg, zuzwinkerte und ich genauer hinzuhören begann. Weiterlesen

Wurfsendung und Weinschorle

Den besten meiner Freunde erkenne ich immer. In rauchgeschwängerten, dampfigen und unübersichtlichen Clubs; mitten in einem Rapsfeld stehend; im Fasching mit eine tief ins Gesicht gezogenen Hutkrempe und am Marienplatz zwischen tausenden von Touristen. Selbst wenn er gestern nicht alleine vor dem Kino am Sendlinger Tor gestanden wäre, hätte ich ihn trotz Sonnenbrille und Mundschutz erkannt. Seine 193 Zentimeter sind mir vertraut und es braucht mehr als zehn Corona-Wochen um sich fremd zu werden. Am 15. März lag er auf meinem Sofa als ich spät abends eine E-Mail las, die von Kollegen zu Kollegen geschickt wurde und deren Inhalt uns an diesem Sonntag vor zehn Wochen noch erstaunte. Der beste meiner Freunde lümmelte neben mir, als wir überraschend und sehr konsequent ins Home Office geschickt wurden. Passend und stimmig, dass ich die erste Weinschorle „draußen“ mit ihm trinke. In den vergangenen 25 Jahren haben wir uns schon öfter zehn Wochen lang nicht gesehen. Das Leben kam dazwischen, das kann passieren. Dass wir uns zwei Monate lang nicht sehen konnten und durften, war neu. Neu auch, dass wir uns zur Begrüßung nicht umarmten. Auch wenn es bei ihm und mir vermutlich ungefährlich ist. Meine Wange (mit Sommerflachen Schuhen) wäre bei ihm gerade mal auf Brusthöhe und wenn man kurz die Luft anhält, dann…..wir haben es gelassen.  Weiterlesen