Mein Bereich. MEINER!

Das Zusammenleben mit einem anderen Menschen erfordert einen gewissen Grad an Kompromissbereitschaft. Selbst dann, wenn sich das Zusammenleben nur auf Tage oder Wochen bezieht. Ich selbst bin ein sehr kompromissbereiter Mensch – solange ich meinen eigenen Bereich habe. Sich Bad und Küche zu teilen ist kein Problem, solange sich niemand erdreistet seinen Haargummi auf MEIN Ablagebrett zu legen oder MEIN gefaltetes Geschirrtuch zu verschieben, auf dem MEIN in Benutzung befindliches Glas abgestellt ist. Im Urlaub bin ich recht unkompliziert. Zwar wäre es mir am liebsten, auf dem Balkontisch mit Kreide mittig eine Linie zu ziehen, damit wir jeder unseren Bereich haben, aber das ist natürlich albern. Es reicht völlig, die Seiten am ersten Ferientag einmalig festzulegen. Vielleicht bin ich da tatsächlich etwas pingelig, aber ich glaube, dass es kaum einer meiner Freundinnen auffällt, wenn ich ihre Kopfhörer, Gläser oder Bücher im dreißig Minuten Rhythmus unauffällig über die imaginäre Linie des Tisches in den richtigen (IHREN) Bereich schiebe. Möglicherweise auch im zehn Minuten Rhythmus, aber das nur Anfangs, da ich im Laufe der Tage meist eh mit Kerzen, Salz- und Pfefferstreuer und Obstschalen ein kleines Mäuerchen baue. Neurotisch oder zwanghaft ist das übrigens nicht. Das behauptete nur eine und die ist abgereist, bevor ich mich erklären konnte.

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Unangenehm

Ab und an darf ich meine Geschichten, die ich hier veröffentliche, vor Publikum lesen. Das ist wunderschön. Besonders schön ist es, ein bis zwei Wochen vor einem Termin, die Geschichten rauszusuchen, die ich lesen werde. Manchmal gibt es ein vorgegebenes Thema, manchmal lese ich aus einem bestimmten Buch und manchmal bin ich völlig frei und kann mir selbst überlegen, was wohl zusammenpasst. Nach nun fast zehn Jahren, habe ich einen kleinen dreistelligen Vorrat an ausgedruckten Erzählungen, die ich immer wieder neu zusammenstellen. Die liebsten meiner Geschichten, sind fast immer dabei. Das sind die, die ich eigentlich gar nicht mehr lese, sondern erzähle. Andere, die nicht so oft gelesen werden, muss ich vorbereiten. Ich lese sie ausgedruckt in großer Schrift auf Blättern mir selbst mindestens fünf mal laut vor und merke dann, wo ein Satz holpert oder wo ich mich auch beim fünften Mal noch verspreche. Dann passe ich sie an.

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Genau studiert

Ein langes, abenteuerliches und selbstbestimmt geführtes Leben ging friedlich im Kreise ihrer Lieben zu Ende. Das klingt schön, oder? Vier Kinder und viele Enkelkinder verabschieden in dieser Traueranzeige eine 98jährige. Die vier Kinder schaffe ich nicht mehr, aber wenn die Beschreibung meines Lebens irgendwann einmal in einem solchen Satz zusammen gefasst wird, dann war es wahrscheinlich ein gutes Leben. Solche Anzeigen, schiebe ich gerne über den Tisch und lasse sie den, der mir gegenüber sitzt, lesen. Anzeigen mit einem Geburtsjahr in den 1920igern mögen wir am liebsten. Die 1930iger sind auch noch ok. Da sind die Menschen schön alt geworden. Erst die Anzeigen, die Todesfälle rund um die Mitte der 1940iger Jahre vermelden, lösen an manchen Tagen ein kleines Ziehen aus. Die Menschen darin, sind auch schon um die Achtzig, gleichzeitig haben sie aber das Alter unserer eigenen Eltern und deshab lesen wir die mit einem bestimmten, bei unseren Familien gleichen Geburtsjahr, einfach nicht und ignorieren sie. Das muss man, sonst bereitet das Lesen der Traueranzeigen keine Freude. Und das tut es auf eine seltsame Weise tatsächlich.

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Vorsätze unerwünscht

Der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht, hat mir bereits mehrfach verboten, über ihn zu schreiben. Ich würde mich daran halten, wenn ich an seiner Stelle über einen beliebigen anderen Menschen schreiben könnte. Einen, der ähnlich versessen auf gute Vorsätze ist, wie er. In dieser Hinsicht ist er allerdings einzigartig. Und das, – Sie ahnen es – ist leider kein Kompliment. Heute am 31. Dezember, muss er dafür herhalten, wenn ich über Vorsätze das neue Jahr betreffend schreibe. Ich kenne nämlich leider niemanden sonst, der diese mit einer solchen Energie und Konsequenz gegen die Wand fährt wie er. Und das bereits lange vor dem 1. Januar. Das muss man erst mal schaffen.

Das Exemplar, das bei mir ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Tür steht, ist der mit Abstand inkonsequenteste Mensch, den ich kenne. Eigentlich wäre das sein Problem. Da er aber auf eine noch zu klärende Weise zu mir gehört, macht er sein Problem, zu unserem Problem und versaut mir damit regelmäßig den Dezember. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele. Da ich ihn vorhin rausgeschmissen habe (aus der Wohnung nicht aus meinem Leben) kann ich Ihnen das in aller Ruhe erzählen, ohne mir anhören zu müssen, dass ich seine Privatsphäre verletze.

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Marianne

Gestern, als mich einer fragte, was zum Henker ich eigentlich könne, habe ich an Marianne gedacht. Wenn mich jemand ärgerlich und aufgebracht, fragt was ich eigentlich kann, wollte ich lange Zeit nicht antworten. Hätte ich es getan, dann hätte ich zugeben müssen, dass ich recht wenig kann und er oder sie mit dem unterschwelligen Vorwurf Recht hat. Sinnvolle Talente besitze ich nicht. Vor vielen Jahren habe ich das auch Marianne erklärt.

Ich traf sie im Biergarten in der Münchner Innenstadt. Sie arbeitete vom Frühjahr bis zum Herbst auf einer kleinen Alm und kümmerte sich dort um die Tiere. Schön klang es und ich blieb einfach sitzen, als meine Freunde gingen. Wenn einer richtig gut erzählen kann, dann macht das Zuhören Spaß und man will selbst gar nichts sagen, um nicht zu unterbrechen. Letzters tat ich irgendwann doch. Echt, mischte ich mich ins Gespräch, bei dir kann man auch ein paar Tage bleiben? Marianne nickte und sah mich freundlich an. Freilich, bestätigte sie, sofern ich mithelfen würde. Was ich denn könne, erkundigte sie sich und ich strahlte sie an: Nix, aber ich mache alles. Marianne lachte. Das wären nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Als alle anderen gegangen waren, blieben wir sitzen und ratschten weiter. Ich sagte Marianne, dass meine Frage nicht ernst gemeint war und ich wirklich nichts kann. Verlegen lächelnd gab ich zu, dass ich von den allermeisten Dingen keine Ahnung habe und deshalb auf einer Alm völlig hilflos wäre.

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BG, Santa Maria

Mein Kollege bittet mich, leise zu sein. Er wählt dabei die Worte „Halt den Mund!“. Für ein Büro in dem die elementarsten Regeln des Anstands gelten sollten, ist das etwas ruppig, um nicht zu sagen, unangebracht. So unangebracht, wie ihn darauf hin zu bitten, doch ins Homeoffice zu gehen und seine schlechte Laune dort mit den eigenen vier Wänden zu teilen. Er und ich, wir mögen uns, und entscheiden uns deshalb, erst einmal getrennte Wege zu gehen. Er zur Kaffeemaschine und ich zum Drucker. Unser Büro atmet erleichtert auf und die Birkenfeige in der Ecke bemüht sich, die dicke Luft zu reinigen. Erst im winzigen Technik-Kabuff stehend, wird mir klar, dass ich summe.
Unangenehm….den erstens summe ich vermutlich bereits seit einiger Zeit und zweitens kann ich nicht ausschließen, einzelne Teile meines Ohrwurms laut ausgesprochen zu haben. In diesem Fall wäre die Aufforderung den Mund zu halten durchaus berechtigt gewesen. Während ich Papier nachlege kontrolliere ich mich summend selbst. Mhm…ja…ich habe ganz sicher einzelne Worte laut gesagt bzw. gesungen. Mache ich gerade ja auch. Leise summend eine Melodie und dann (überraschend laut)….SANTA MARIA!!!!….melodisch summend….AUS TRÄUMEN GEBOREN!!!….summ, summ….DAS WIE FEUER BRENNT!!!!!
Ok, ich hätte mir vermutlich den Locher gegen den Kopf geworfen, wäre ich mir selbst gegenüber gesessen. Das „Halt den Mund“ war ok.

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Herr Meier geht fremd

Wenn der alteingesessene Münchner sein eigenes Viertel verlässt, dann nennt er sein Ziel selten beim Namen. Der Giesinger zum Beispiel, verkündet nicht, dass er in die Altstadt radelt – er fährt „rein“. Rein in die Stadt. Dass es sich um die Innenstadt handelt, ist anderen Giesingern dabei völlig klar. Der Giesinger fühlt sich in seinem eigenen Viertel nämlich so wohl, dass er die anderen Stadtteile weitestgehend ignoriert. Das Zentrum, die Altstadt ist ein Sonderfall – die mag der Giesinger. Weitere Ausnahmen sind die angrenzenden Viertel. Nach Harlaching geht man „hoch“ weil man sich die Isar betrachtend flussaufwärts bewegt. In die Au „runter“ – weil der Obergiesinger ein Bergerl runter muss und für den Untergiesinger die Au flussabwärts liegt. Und in das Glockbachviertel gehen wir „rüber“, weil hier die Isar überquert wird. Weitere Ausflüge innerhalb der Stadt unternimmt der Giesinger eher selten und ist ausnahmslos immer froh, wenn er wieder daheim ist. Abgesehen von dieser kleinen Absonderlichkeit zeichnet sich der Giesinger unter den Münchner als besonders aufgeschlossen und neugierig aus. Neues gefällt ihm. Vorausgesetzt man setzt es ihm vor die Nase und er muss nicht raus, runter, rüber oder es handelt sich um etwas, das nach Schwabing oder Maxvorstadt riecht. Da hat der Giesinger eine empfindliche Nase.

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Alles nur Phasen

Ob er schon mal von der Perimenopause gehört hat, frage ich den, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Tür steht und ahne die Antwort, bevor er sie ausspricht. Oder auszusprechen zu vermeiden versucht. Ein Nicken – klar, vermutlich kann er als Mediziner die meisten Begriffe einordnen und ein kleines, schnelles Kopfschütteln, das nonverbal signalisiert, dass er im Bezug auf mich dazu weder eine Meinung hat, noch eine haben möchte. Muss er nicht und es geht auch nicht um mich. Ich nehme mir eine Hälfte der von ihm belegten Semmel und erkläre ihm, dass meine Kolleginnen der Auffassung sind, dass der Eintritt in besagte Perimenopause mit dem Zeitpunkt zusammen fällt, in dem man als Frau für Männer unsichtbar wird. Er nimmt mir meine (seine) Semmel wieder aus der Hand, lehnt sich zurück und erklärt, dass ich in diese Phase dann wohl eindeutig noch nicht eingetreten sei. Weil er grinst und nicht lächelt, ist das weder ein Kompliment noch eine neutrale Feststellung. Weil er aber auch nicht mehr dazu sagt, erkläre ich ihm, was besagte Kollegin meint.

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Kontrollverlust

Denken Sie noch manchmal an die Pandemie? An Corona und wie es damals gewesen ist? Ich ja. Im Sommer ganz besonders. Nicht täglich, aber immer wieder. Weniger an Jens Spahn und seine Maskenaffaire, aber durchaus an die Auswirkungen, die diese Ausnahmezeit auf mein künftiges Leben hatte. Man möchte meinen, dass ich als allein wohnende Person mit einem Job der nicht von der Pandemie betroffen war und ohne schulpflichtige Kinder, recht gut durch die diese Zeit gekommen bin und das stimmt auch. Aber danach, als die meisten wieder ganz normal arbeiten konnten, die Kinder vormittags wieder aufgeräumt waren und das Leben wieder normal wurde – da hat es mich erwischt. Vor allem meinen Keller. Dort stampeln sich zwar keine, zu teuer erworbenen Masken, dafür aber Gläser. Und das ist ein Problem. Nicht Ihres, aber meines. Und deshalb müssen Sie sich jetzt anhören, welch katastrophale Auswirkungen Corona noch heute auf uns (also mich) hat.

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Trud´und anders unerzähltes

Während sich der mütterliche Teil meiner Familie wie die Karnickel vermehrt, endet die väterliche Linie vermutlich mit mir. Und das obwohl die Generation meiner Großeltern beiderseits extrem kinderreich war. Aber während die einen sich fleißig weiter vermehrten, stellte die andere Familie das relativ abrupt ein. Nicht unbedingt, weil sie der Fortpflanzung abgeneigt waren. Den vielen und ausführlichen, meist nicht für Kinderohren geeigneten, Erzählungen meiner Großtante zufolge lag es mit Sicherheit nicht an der Keuschheit. Sie hatten ganz einfach Pech. Offensichtlich nicht ganz, denn ich bin ja hier. Bei mir ist jetzt aber Schluss. Mein Alter betrachtend, können wir uns da ziemlich sicher sein.

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