Gedankenleser gesucht

Nie würde ich mir von einem Mann den Mund verbieten lassen. Völlig ausgeschlossen, dass ich es tolerieren oder akzeptieren würde, dass mich ein Mann bittet den Mund zu halten. Trotzdem, und das ist erstaunlich, bin ich in vielen Momenten sehr, sehr froh wenn mir einer, und nur dieser eine, mit einem Blick signalisiert dass ich genau das bitte tun soll. Den Mund halten.

Würde ich die obigen Sätze nicht für Sie aufschreiben, sondern im Kreis meiner engsten Freunde laut aussprechen, dann würden sich drei Männer ansehen und sich fragen, bei wem bitte, ich schon jemals aufgrund eines Blickes verstummt wäre. Nicht bei ihnen, da wären sie sich sicher. Ganz im Gegenteil, wenn man gerade hofft, dass ich nichts mehr sagen werde und sich entspannt zurück lehnt, dann schieße ich gerne noch einmal nach und man kann sich sicher sein, dass Menschen die mich nicht kennen, spätestens dann davon überzeugt sind, eine komplette Idiotin vor sich sitzen zu haben. Meine engsten Freunde, befinden sie sich in einem Raum, beginnen dann gerne Anekdoten von mir zu erzählen. Die sind für alle, außer für mich, auch lustig. Besonders lustig, weil Bekannte und weniger enge Freunde, nicht wirklich ernst nehmen, was sie hören und deshalb hemmungslos lachen. Man hat mir geraten, das besser nicht richtig zu stellen und einfach mit zu lachen. Weiterlesen

Fremder Alltag

Blöd ist er nicht, der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht. Auch nicht schwer von Begriff. Er versteht sofort, was ich meine als ich ihm kurz nach Mitternacht eine SMS schreibe: „Hey, ich schnuppere gerade in deinen Alltag hinein.“ Warum ich in einer Klinik sei, will er wissen und ich schicke ihm ein Foto des hübschen Nachthemds, das ich tragen muss und das nicht mir gehört. Und das Wort „Idiot“, weil ich seinen Alltag in meinem nicht wirklich brauchen kann. Nicht diesen Alltag. Nicht den, der nach Desinfektionsmittel, Latex und Erbrochenen riecht. Vielleicht bin auch nur ich es, die gerade so riecht und der Rest des Krankenhauses duftet fein nach den Menschen die darin arbeiten. So wie er, zum Beispiel. Und, fragt er mich und ich schreibe ihm, dass es seltsam ist so plötzlich im Alltag eines anderen aufzuwachen. Er ist so anders als der meine. Tippen geht also noch, antwortet er mir und fügt einen Smiley, der die Augen verdreht, bei. Ja, schreibe ich und konzentriere mich wieder auf die vielen Geräusche vor der Türe. Ob hier alle Schuhe mit quietschenden Sohlen tragen, frage ich mich und ihn, ob das in einem Krankenhaus Einstellungsvoraussetzung ist. Sie kriegen den Job, aber nur, wenn ihre Sohlen ordentlich laut quietschen. Quietschen deine Sohlen, frage ich ihn und weiß, dass er beim Lesen nicht lächelt sondern die Augen verdreht, weil ich ihm noch immer nicht gesagt habe, warum ich in seinem Alltag herumliege. Weiterlesen

Winterproblem

Jedes Jahr, wenn der warme, goldene Herbst, zum grauen, kalten Herbst wird, bin ich heilfroh, kein Auto zu besitzen. Gestresste Kollegen, die verzweifelt versuchen, beim ersten Schneefall auf die Schnelle einen Werkstatttermin zum Reifenwechseln zu bekommen, schaue ich mitleidig an. Auch jene, die es versäumt haben, sich für den Winter einen Tiefgaragenstellplatz zu besorgen, dürfen sich bei mir im Büro ausweinen. Gerne schenke ich beruhigenden Kamillentee aus und stelle denen, die morgens die Windschutzscheibe abkratzen mussten, Handcreme auf den Schreibtisch. Bei all der Jammerei bin ich sehr geduldig und habe ein offenes Ohr. Der Winter kommt, wie jedes Jahr überraschend. Man könnte meinen, dass man in Bayern im Laufe der Jahre ein Gefühl dafür bekommen hätte, dass er meistens direkt nach dem Herbst kommt, stellt aber fest, dass Frost und Schnee einen immer wieder aufs Neue überraschen. Nicht auszudenken, wenn man sich auf die Kälte zu früh vorbereitet und dann wie ein Depp mit Handschuhen morgens vor einem Auto mit Winterreifen stehen würde. So weit lassen wir es nicht kommen. Die Bayern stehen am ersten richtig kalten Tag grundsätzlich mit leichter Jacke vor ihrem Auto und fragen sich wie der Winter so schnell, fast über Nacht, kommen konnte. Und dann, erst dann, kümmert man sich um Werkstatttermine und Tiefgaragenstellplätze. Oder, wie meine Nachbarn und ich, um Balkon und Heizung. Weiterlesen

Nicht petzen

Kinder mochte ich schon immer. Als ich selbst eines war uns seit ich keines mehr sein darf, noch viel mehr. Wenn Sie selbst welche haben, dann muss ich Ihnen nicht erklären, wie unglaublich schön sich ein Beinchen oder Ärmchen von einem vier Monate alten kleinen Bündel Leben anfühlt. Wenn Sie noch nie eines gestreichelt haben, dann müssen Sie mir glauben, dass sich Haut nie wunderbarer anfühlt als in den ersten Lebensjahren. Nein, auch nicht die von einem Menschen, den Sie sehr lieben. Ein Kind liebt man anders. Vielleicht nicht mehr, aber irgendetwas in unseren Genen sorgt dafür, dass wir im Zusammenhang mit einem kleines Kind, zu dem wir eine Bindung haben, selbstloser und furchtloser handeln als für unsere besten Freunde. Die kommen schon irgendwie klar, wenn der Kampfhund des Nachbarn von der Leine gelassen wird. Da stellen wir uns mal besser nicht in den Weg. Bei einem Kind denken wir nicht mal darüber nach. Den Köter machen wir platt. Mit links. In fremde Streitgespräche mische ich mich nicht ein. Auch nicht in die meiner erwachsenen Geschwister. Nach zwei, drei Jahren, reden die schon wieder miteinander. Ein bisschen Ruhe schadet ihnen und mir nicht. Macht jemand meine Nichte blöd an, dann nehme ich das persönlich. Auch wenn sie schon einen Führerschein hat. Wer ihr blöd kommt, hat ein Problem mit mir. Bei den kleinsten meiner Nichten und Neffen werde ich zur Löwentante und schalte mögliche Angreifer verbal aber notfalls auch mit vollstem Körpereinsatz aus. Ich mag Kinder wirklich und kann super mit ihnen umgehen. Die wissen das auch. Nur die Eltern, die sehen mich manchmal etwas komisch an. Weiterlesen

Herr Meier heißt Hans

Es sind die Glocken, die ihnen das Kreuz brechen, sagt mein Nachbar Herr Meier und deutet auf ein paar duzend Trauergäste, die sich vor der Aussegnungshalle des Münchner Ostfriedhofes versammelt haben und sich mit Taschentüchern die Augenwinkel trocknen. Scheiß Glocken, sage ich und setzte mich zu ihm auf die Bank in die Sonne. Sie bringen einen nur zum Heulen und das Weinen ist etwas intimes, erkläre ich. Intim fragt der Meier und ich nicke. Ja, sehr intim. Das sollte man den Friedhofskirchen Glockengießern sagen, damit sie ihren Glocken nicht dieses furchtbare Geläut ins Eisen schmieden. Scheiß Glocken, sag ich nochmal trotzig und mein Nachbar lacht leise. Ob ich heute schlecht gelaunt sei, will er wissen und erwartet keine Antwort. Viel mehr interessiert ihn das Treiben auf dem Friedhof. Mit großem Interesse verfolgt er das Kommen und Gehen der Trauergemeinden und äußert sich abfällig grinsend über Frauen, die auf hohen Schuhen über den Kies stöckeln. Als ob der das noch sehen würde, sagt er und deutet unbestimmt nach oben, wo er den Verstorbenen wohl vermutet. Dem ist jetzt alles wurscht, sagt er und es klingt auf seltsame Art tröstlich. So tröstlich wie neben ihm in der Sonne zu sitzen. Obwohl er unablässig redet, strahlt er eine angenehme Ruhe aus. Als ein Sarg aus der Aussegnungshalle geschoben wird, steht er auf, zieht seinen Hut und ist still bis der Trauerzug vorbei ist. Dann holt er eine Zeitungsseite aus der Hosentasche und setzt sich wieder. Umständlich streicht er sie glatt. Hedwig Angermeier, liest er vor. 93 Jahre, sei sie gewesen. Er nickt zufrieden. In dem Alter ist die Hebamme nicht mehr schuld murmelt er und sieht dem Sarg noch ein wenig hinter her. Ich folge seinem Blick und bleibe bei ihm sitzen, bis neue Trauergäste kommen. Das sind meine, sag ich und steh auf. Weiterlesen

Es wird

Über die Macht der Rhetorik in der Antike hätte sie gerne etwas geschrieben, sagt sie und wirft ein Beispiel zwischen die alten Grabsteine des alten Münchner Nordfriedhofes, durch den wir im Sonnenlicht des Nachmittags schlendern. Gerade noch waren wir woanders. In der U-Bahn und bei einem anderen Thema und schon sind wir es wieder. Der Moment über ihr Beispiel nachzudenken ist verstrichen und ich lächle nickend über den nächsten Gedanken, der zwischen den alten Bäumen aufblitzt und ihrem wachen Verstand entspringt. Ein Verstand der nicht stillsteht und Gedanken so schnell und sprunghaft in den Raum ihres Geistes wirft, das wohl nur ein Bruchteil den Weg über ihre Lippen findet. Sie plappert und plaudert und doch hört man, dass fast alles was sie sagt, schon einmal an-, be- oder durchdacht wurde. Ihr Verstand ist flinker als der meine und ich spüre, dass sie im Begriff ist mich zu überholen. Bei ihr trete ich gerne zurück. Bin still, damit ihren Gedanken mehr Raum bleibt. Gedanken, von denen mir die meisten noch vertraut sind, manche aber bereits vergessen waren und jetzt wieder durch ihren hübschen Mund geformt und ausgesprochen werden. Fasziniert werfe ich ihr ein Stichwort zu und lache als sie es stirnrunzelnd aufschnappt, kurz darauf kaut und es dann in ganz neuem Gewand ausspuckt. Es war zu einfach. Für geworfene Stichworte ist er zu schlau, der Verstand, und das Zuhören zu schön. Längst sind wir auf Augenhöhe und werden es jetzt die nächsten Jahre bleiben. Ihr Geist ist wacher und flinker, der meine ruhiger und erfahrener. Heute morgen wünschte ich mir im Lotto zu gewinnen. Viel lieber aber möchte ich, dass sie weiter anruft, wenn sie in der Stadt ist und mir von der Macht der Rhetorik in der Antike erzählt. Oder von Platon. Von gestern Abend und von letzter Woche. Von Seneca. Vom Hund und der Katze und von allem was ihr durch den Kopf schießt. Weniges ist faszinierender als eine Neunzehnjährige, die gestern noch ein kleines Mädchen war. Weiterlesen

Eduard ist schuld

Eine Wohnung im Erdgeschoss, würde uns nicht gefallen. Wir sind uns einig, auch wenn er meist die Augen ein wenig verdreht, weil meine Argumentation nicht unbedingt der seinen entspricht. Während ihn das fehlende Licht stört, ist es bei mir die tiefe Überzeugung mit einer Erdgeschosswohnung früher oder später unfreiwillig zum Protagonisten bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ zu werden. Schlendern wir abends durch die Straßen der Stadt, erklärt ich ihm jedes Mal, dass Rollläden Einbrecher nicht abhalten würden. Rollläden von Privatwohnung bestehen meist aus Plastik. Das macht Sinn, sie wären sonst ein wenig schwer, aber auch wieder nicht, den wer vertraut sein Leben schon einem Rohstoff an, der global gesehen ein großes Übel, aber sicher kein Schutz gegen maskierte Gauner ist. Als Kind hatte ich Angst vor Einbrechern. Kein Wunder, ich habe fast jede Folge von „Aktenzeichen XY ungelöst“ gesehen. Meist im Flur kauernd, weil meine Eltern zwar entspannt waren, die Sendung für ihre siebenjährige Tochter aber doch als unpassend empfanden. Ich sah sie mir durch einen Spalt in der Wohnzimmertüre an. Der dunkle, kühle Flur in dem ich hockte, machte die nachgestellten Szenen noch gruseliger und es war mir unverständlich, dass meine Eltern danach noch ruhig schlafen konnten. Schließlich wohnten wir im Erdgeschoss und waren damit prädestiniert künftig Opfer extrem gewalttätiger Männer mit schwarzen Mützen über dem Gesicht zu werden. Um das zu verhindern, blieb ich vorsichtshalber wach, bis meine Eltern schliefen, kontrollierte Fenster und Türen und versuchte nicht zu schlafen, damit ich meinen Vater wecken konnte, wenn einer versuchte einzusteigen. Dass das möglich war, wusste ich. Mein Vater ist Schlosser und behauptete immer, jede Türe öffnen zu können. Obwohl ich meinen Vater für den besten und talentiertesten Menschen der Welt hielt, dämmert mir schon im Grundschulalter, dass es womöglich mehr als einen Mann gab, der alle Türen öffnen konnte. Auf den wartete ich in den Nächten nach der Ausstrahlung der Sendung. Wäre er gekommen hätte ich meinem Vater den Rest überlassen und ihn mit lauten Rufen des Anfeuerns beim Ausschalten des Einbrechers unterstützt. Er und ich – wir hätten das hinbekommen. Es galt ja nur die Türe im Auge zu behalten und nach Kratzgeräuschen zu lauschen. Die Fenster waren durch massive Rollläden geschützt. Solche aus Eisen. Für die man einen Metallschneider brauchen würde, um einzusteigen. Ein Gerät, das ich aus der Werkstatt meines Vaters kannte und von dem ich wusste, dass es einen Höllenlärm veranstaltete.  So blöd, das zu benutzen wäre kein Einbrecher. Keiner, mit dem Papa und ich es nicht aufnehmen konnten. Weiterlesen