Gleisbett Versprechen

Aus Sturheit optimistisch, steht in meiner Selbstbeschreibung und ich schnaube verächtlich, weil Optimismus zu diesem Tag nicht passen will. Dabei wäre er gerade an diesem Freitag durchaus angebracht gewesen. Pessimistisch gestimmt hätte es keinen Sinn gemacht dreißig, selbst verfasste Bücher in einen Rucksack zu packen – wer soll sie kaufen? Und in pessimistischer Laune hätte ich den Schirm gleich zu Hause lassen können, weil der Wind ihn eh sinnlos macht und man sich mit dem Gedanken klatschnass zu werden, besser beizeiten anfreundet. Grantig, sei ich, schrieb ich dem mutigsten meiner Freunde und weil er mich kennt ignoriert er es und wünscht mir statt dessen einen schönen Tag und eine tolle Lesung. Es beschämt mich, weil grantig zu sein kindisch ist, wenn man doch eigentlich auf dem Weg zu etwas schönem ist. Ich bin nicht mehr grantig, schreib ich ihm und beschließe es auch nicht mehr zu sein. Das geht. Probieren Sie es. Beschließen Sie einfach Ihre Laune zu ändern und zwingen Sie sich zu behaupten gut gelaunt zu sein. Wenn man es drei bis fünf Mal gesagt oder geschrieben hat, dann ist man es – ein bisschen. Und das reicht meist. Ein bisschen gut gelaunt steige ich in den Zug und beschließe nur noch das Schöne zu sehen.  Weiterlesen

Deaktiviertes Sprachzentrum

So bequem habe ich es sonst nicht, sage ich und lasse mich genüsslich seufzend auf den dicken Teppich fallen. Im Schneidersitz am Boden lümmelnd eine Lesung zu halten, durfte ich bis jetzt noch nie. Um ehrlich zu sein, vielleicht hätte man mich gelassen, aber es wäre mir selbst ein wenig komisch vorgekommen, zwischen Stühlen so weit unten zu sitzen. Gestern nicht, gestern passte es und der Teppich war wirklich ausgesprochen schön, warm und weich. Ich mochte es. Außerdem hatten alle frische Socken an. Auch das ist mir normalerweise egal, wenn ich lese, weil die Zuhörer ihre Schuhe bisher immer angelassen haben. Zwei gestern nicht. Zwei saßen dicht bei mir und legten die Füße auf einen Hocker. Ein ausgesprochen gemütliches Ambiente. Gut, man kann darüber diskutieren ob es einem aus dem Takt bringt, wenn die sich kurz necken, wer seine Füße wo auf dem Hocker platziert, aber das war mir eigentlich egal. Dass einer der Füße im Glas Wasser der Autorin landete, war grenzwertig, aber das hab ich vergessen und weil die Socken frisch zu sein schienen, hat es mir auch nicht geschadet. Zielsicher habe ich mir den am weitesten von einer Lampe entfernten Platz gesucht – aber wie ich schon sagte, ich hatte den gemütlichsten überhaupt und konnte all die lieben Gesichter sehen und das war mir am allerwichtigsten.  Weiterlesen

Wände und Schmetterlinge

An den Valentinstag dachte ich gestern erst, als vor mir ein etwa dreizehn Jahre altes Pärchen Händchenhaltend in der S-Bahn saß. Sie waren mir schon beim Einsteigen aufgefallen, weil es schön war diese zwei jungen Menschen zu beobachten. Selbst ihre Rücken, als ich hinter ihnen die Treppe zum Bahnsteig nach oben ging, strahlten eine Verliebtheit aus, die sich von den Zehen bis weit über die Ohren über sie legte. So eine erste Liebe ist besonders schön und Teenagerhände die sich halten wecken Erinnerungen an besonders heftiges, weil noch unbekanntes und wenig vertrautes Herzklopfen.  Weiterlesen

Spring!

Spring, höre ich dich leise flüstern und schüttle den Kopf. Noch nicht. Noch ist es hell und nur vereinzelt hört man es krachen. Spring, flüsterst du noch einmal und ich nicke. Bald. Bald springe ich. Springe wie an jedem 31.12. seit den Neunzigern, als Irgendeiner unseres Freundeskreises es für eine gute Idee hielt, den Imperativ als Motto für eine Silvesterfeier auszurufen. Wir kannten uns nicht, als wir uns das erste Mal begegneten und sprachen in dieser Nacht kein Wort miteinander. Aber wir müssen uns gesehen haben, in dieser Nacht in den Neunzigern. Auch wenn das Haus damals hoffnungslos überfüllt war, sich bestimmt fünfzig bis sechzig Teenager darin befanden, vor der einzigen Toilette oder auf der Terrasse wo die Getränke gekühlt wurden, müssen wir uns irgendwann begegnet sein. Die „Spring“ war noch Jahre später legendär und jeder damals dabei war, erinnert sich. Nicht an alle Gesichter, aber doch an den Moment als …naja, als es etwas aus dem Ruder lief. Noch heute bekomme ich an Silvester Nachrichten, die nur ein Wort enthalten „Spring!“. Damals sind wir gesprungen, nicht miteinander, aber auf den gleichen 120 qm in irgendein neues Jahr der Neunziger. Weiterlesen

Vom Rennen und dem Piepsen eines Akkus

Fragt uns einer, was wir an hl. Abend machen, dann antworten wir mit „rennen“. Wir, meine engsten Freunde und ich, rennen an diesem Tag und dass uns das auch noch Spaß macht und wir um nichts in der Welt darauf verzichten möchten, versteht nur, wer einmal mit uns gerannt ist. Vor einigen Jahren eine frisch getrennte Freundin. Ihren Kaffee trank sie morgens bereits bei mir. Schön gemütlich sei es, sagte sie und blickte auf den leuchtenden Christbaum und die vier brennenden Kerzen am Adventskranz. Ich nickte, trieb sie aber bereits an. Um zehn Uhr spätestens müssen wir los, verkündete ich und ahnte, dass sie erst in einer Stunde – wenn überhaupt – wieder etwas gemütlich finden würden. Champagner und Blumen unter dem Arm, rannte ich mit ihr Hand in Hand durch die Stadt, bis wir atemlos im dritten Stock vor einer Altbauwohnung standen. Viel zu spät, mit hoch rotem Kopf, aber glücklich lächelnd fiel ich einem meiner liebsten Freunde in die Arme. Meine Freundin verlor ich im Flur. Wir sahen uns erst wieder, als wir zwischen 35 anderen mit einem Glas in der Hand „Last Christmas“ sangen. Sie  weinte ein bisschen, weil sie ihren Freund vermisste, wurde aber von einer 16jährigen und einer 85jährigen in den Arm genommen. Kein Weihnachten ohne diesen verrückten Freundes Haufen, der jedes Jahr verloren Seelen aufsammelt, ihnen Brunch und Champagner serviert und jeden glücklich zu seinen Familien entlässt. So viele Menschen in einer kleinen Wohnung. So viel Glück, Trauer, Hoffnung und Verzweiflung unter einem Dach. Aber keine Einsamkeit, sondern Umarmungen die Trauer und Verzweiflung wegwischen.  Weiterlesen

Versprochen

Ich habe keine Angst, sagte ich meinem Vater als er mich am Vormittag nur ungern im Wald, in dem unserer Hütte liegt, zurück ließ. Ich lachte, weil die Sonne schien und hier an diesem Ort noch nie etwas böses gelauert hat. Die Welt ist voll davon, aber hier oben am Berg, da ist nichts wovor man sich fürchten muss. Ich wäre alleine, sagte mein Vater und schien sich nicht daran erinnern zu wollen, dass es nicht das erste Mal war. Alleine ist gut, erinnerte ich ihn. Ohne andere Menschen widerfährt einem meist viel weniger schlechtes, als mit. Warum er sich an diesem Tag sorgte, weiß ich nicht. Vielleicht hatte er Angst, dass meine Freunde nicht wie vereinbart am Abend kommen würden und ich die Nacht ohne Auto allein wäre. Lachend zuckte ich an diesem Tag mit den Schultern. Es ist mein Nest, diese Lichtung, und nichts macht mir dort Angst. Nicht einmal der alte Schrank am Absatz der Treppe. Weiterlesen

Eckes ESC

Meine Freunde wissen, dass es sinnlos ist mich zu Facebook Gruppen einzuladen. Ich reagiere so selten und so verspätet, dass es einfacher ist, mich anzurufen. Tim weiß es nicht. Als er und ich befreundet waren, gab es noch kein Facebook. Tim kann mich aber nicht anrufen, denn als wir befreundet waren gab es keine Handys und ich wohnte noch bei meinen Eltern im Kinderzimmer. Dass er es letzte Woche dennoch tat, wunderte mich. Mindestens so sehr wie die seltsame Facebook Gruppe „Eckes ESE“ zu der er mich zwei Monate zuvor hinzu fügte und die ich umgehend wieder verlassen hatte, weil ich nichts damit anfangen konnte. „Hey“, sagt er und seine Stimme, die ich sofort wieder erkenne wirft mich Jahrzehnte zurück. „Was machst du heute? Grand Prix schauen bei mir?“ Ich nicke, was am Telefon dämlich ist, und frage erst mit Verzögerung wo denn „bei ihm“  ist, da er doch vor einer Unendlichkeit nach Australien ausgewandert sei. Er lacht und ich erkenne darin das Lachen des Freundes, der er einmal gewesen war. Die alte Adresse. Seine Eltern wohnen noch immer über dem Tierpark, sind am  Wochenende nicht da und er, dessen neue Freunde auf einem anderen Kontinent leben, dachte der Besuch in der alten Heimat wäre doch eine gute Gelegenheit, die alten einmal wieder zu sehen. Ein wenig spontan, ja, aber da wir alle anscheinend Facebook Konten hätten, uns aber weigerten sie zu benutzen, hätte er sich daran gemacht uns anzurufen. Nicht leicht, sprudelt seine Stimme, die noch immer wie die eines Fünfzehnjährigen klingt, weil anscheinend keiner mehr im Telefonbuch stünde, aber die meisten Eltern schon noch und so konnte er sich in den letzten Stunden durchfragen. Drei fehlen noch, deshalb nur kurz. Um acht, ja? Und nimm mit, was du immer mitgenommen hast. Nur langsam komme ich in das heute zurück und bitte ihn mich kurz überlegen zu lassen. Eigentlich hätte ich keine Zeit und…. Tim unterbricht mich, indem er meinen alten Spitznamen benutzt. Echt, Mimi, du musst überlegen ob du mich und die anderen sehen willst? Weiterlesen