Gratulation schwierig

Heute am 1. August hat meine große Schwester Geburtstag. Das weiß ich, seit ich heute morgen aufgewacht bin. Und auch, dass ich sie unbedingt anrufen muss. Erstens, weil es ein runder Geburtstag ist und zweitens, weil ich unheimlich stolz auf mich bin, dass ich noch vor den ersten Hinweisen in der Familien-WhatsApp-Gruppe daran dachte. Dass ich es dennoch nicht tue, hat mehrere Gründe. Zum einen bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich ein runder Geburtstag ist. Also nicht zu 100 Prozent. Eigentlich schon, denn mein Geburtstag plus ein Jahr und dann zwei Mal zwei Jahre, sollte der ihre sein, aber angesichts der grenzenlosen Toleranz und Nachsicht meiner Familie ist es nicht ausgeschlossen, dass diese Rechnung seit Jahren nicht aufgeht und man mich der Einfachheit halber nie korrigiert hat. Zum anderen, ist mir seit heute morgen latent schlecht. Nichts wildes…ich habe mich gestern einfach nur hoffnungslos überfressen und das hört man meiner Stimme an. Sinnlos das dem Geburtstagskind zu erklären. Ich bin die kinderlose Jüngste und man würde mir auch heute noch unterstellen, dass ich schlicht und einfach verkatert bin. Verkatert darf ich aber nicht sein, weil ich meine Eltern seit Wochen erzähle, momentan von früh bis spät zu arbeiten und man kennt die immer wieder erschreckend kurzen Kommunikationswege innerhalb einer Familie wenn es um banalen Mist geht. Erstaunlich dagegen, dass sich wichtige Neuigkeiten kaum verbreiten. Nicht das ich welche hätte, das fällt mir nur gerade ein. Eine WhatsApp zum Runden kann ich ihr aber auch nicht schreiben, dafür habe ich sie zu lieb. Weiterlesen

Sommer – ungewohnt normal

Mundfaul, nennen mich meine Freunde in letzter Zeit und nur weil ich sie gut genug kenne, antworte ich wortlos und mit einem Lächeln. Ein wenig arg ruhig, meinen andere und ich erzählte Dinge über die es sich nicht zu sprechen lohnt. Für mich. Für sie, die Wortlosigkeit als Desinteresse deuten nicht. Ich rede, damit die Stille am Telefon nicht zu schwer wird. Mein belangloses Plappern nervt mich selbst, weil es ihnen aber gefällt, erzähle ich noch ein bisschen weiter. Noch ein, zwei Minuten, dann bin ich wieder still und überlasse ihnen das Reden. Irgendwann in den letzten Monaten wurde telefonieren anstrengend. Am Abend steht einer mit einer Flasche Wein vor meiner Tür und umarmt mich zur Begrüßung. Meine Ankündigung heute so gar keine Lust auf Worte zu haben quittiert er mit einem Schmunzeln und der Frage ob er ebenfalls den Mund zu halten habe. Er kann ruhig sprechen, nur ich, ich mag heute nicht. Ich werde natürlich antworten, ich bin ja nicht stumm. Aber heute mag ich nichts erzählen, weil es absolut nichts zu erzählen gibt. So einfach ist das. Er nickt. Wenn man nichts zu sagen hat, dann sei es in der Tat manchmal besser einfach die Klappe zu halten. Weiterlesen

Kollateralschäden

Ich erspare es Ihnen und mir die ersten Worte, die ich heute morgen hörte, im Original wieder zu geben. Freundlich waren sie nicht und auch wenn ihre Derbheit in den Augen jener Person, die sie aussprach durchaus gerechtfertigt sein mochte, hätte ich gerne etwas anderes gehört. „Guten Morgen“, zum Beispiel. Das sind zwei feine, kleine Worte mit denen ich mich um kurz nach sechs Uhr morgens durchaus zufrieden gebe. Auch wenn „der Kaffee ist fertig“ schöner gewesen wären und „ich hab dir eine Tasse Kaffee auf den Nachttisch gestellt“ mich sehr glücklich gemacht hätte – ein „Guten Morgen“ wäre völlig in Ordnung gewesen. Ich dagegen hörte heute morgen einen derart lauten und derben Fluch, dass ich reflexartig die Badezimmertür von innen verschloss. Nicht das ich Angst vor dem Fluchenden hatte, das nun wirklich nicht. Die letzten Wochen haben mir aber gezeigt, dass es besser ist, wenn mich der Fluchende in diesen hochemotionalen Momenten, in denen er zu solch verbalen Entgleisungen fähig ist, für ein paar Minuten nicht sieht. Besser für ihn und seinen Blutdruck, denn natürlich – wie sollte es auch anders sein – bin ich die Verursacherin der morgendlichen Unruhe. Das zumindest würde der Mann behaupten, der ab und zu mit einer Falsche Wein vor meiner Tür steht und jetzt gerade an die Badezimmertür hämmert, hinter der er den erste Hilfe Kasten vermutet. Übrigens…falls Sie keinen Arzt im Familien- oder Freundeskreis haben….sagen Sie einem solchen nie, wirklich nie, dass ein Schnitt an der Fingerkuppe nun wirklich keinen solchen Aufstand rechtfertigt. Weiterlesen

Künftig nur mit Entourage

Seit ich gestern Abend von einer Lesung zurück gekommen bin zerbreche ich mir den Kopf. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise tue ich das vor der Lesung. Nicht unbedingt über die Lesung, aber um das Drumherum bei dem es einiges zu beachten gibt. Nicht jeder Veranstaltungsort ist mit Bus und Bahn ohne weiteres zu erreichen und ich versuche bereits im Vorfeld alle Eventualitäten zu berücksichtigen, um mich vor Ort auf die eigentliche Lesung konzentrieren zu können. Dieses Wochenende musste ich mich um so wenig kümmern, dass ich mir jetzt den Kopf zerbreche, wie ich es anstellen kann, dieses Rundumpacket künftig bei jeder Lesung zu erhalten. Schon am Samstag bei der Anreise versuchte ich meine Agentur vorsichtig darauf vorzubereiten, dass ich für weitere Lesungen gerne eine vierköpfige Entourage an meiner Seite hätte. Weiterlesen

Immer – nur nicht 2020

Es gibt Tage, die sind immer gleich. Egal wie alt man ist, egal wie das restliche Jahr sich gestaltet, an diesen wenigen Tagen im Jahr ist alles wie immer. Es sind Tage, auf die man sich verlassen kann. Tage, die seit Jahrzehnten vielleicht nicht identisch, aber doch sehr ähnlich verlaufen und einem durchschnittlich verrückten Leben das Minimum an Planungssicherheit und Verlässlichkeit geben, das es braucht. In diesem Jahr gibt es sie nicht. Im Jahr 2020 werden selbst jene Tage, auf die man sich sonst felsenfest verlassen konnte, einfach weggespült. Heuer kann man sich auf nichts verlassen und heute spüre ich es auf unangenehme Weise überdeutlich. Weiterlesen

Gleisbett Versprechen

Aus Sturheit optimistisch, steht in meiner Selbstbeschreibung und ich schnaube verächtlich, weil Optimismus zu diesem Tag nicht passen will. Dabei wäre er gerade an diesem Freitag durchaus angebracht gewesen. Pessimistisch gestimmt hätte es keinen Sinn gemacht dreißig, selbst verfasste Bücher in einen Rucksack zu packen – wer soll sie kaufen? Und in pessimistischer Laune hätte ich den Schirm gleich zu Hause lassen können, weil der Wind ihn eh sinnlos macht und man sich mit dem Gedanken klatschnass zu werden, besser beizeiten anfreundet. Grantig, sei ich, schrieb ich dem mutigsten meiner Freunde und weil er mich kennt ignoriert er es und wünscht mir statt dessen einen schönen Tag und eine tolle Lesung. Es beschämt mich, weil grantig zu sein kindisch ist, wenn man doch eigentlich auf dem Weg zu etwas schönem ist. Ich bin nicht mehr grantig, schreib ich ihm und beschließe es auch nicht mehr zu sein. Das geht. Probieren Sie es. Beschließen Sie einfach Ihre Laune zu ändern und zwingen Sie sich zu behaupten gut gelaunt zu sein. Wenn man es drei bis fünf Mal gesagt oder geschrieben hat, dann ist man es – ein bisschen. Und das reicht meist. Ein bisschen gut gelaunt steige ich in den Zug und beschließe nur noch das Schöne zu sehen.  Weiterlesen

Deaktiviertes Sprachzentrum

So bequem habe ich es sonst nicht, sage ich und lasse mich genüsslich seufzend auf den dicken Teppich fallen. Im Schneidersitz am Boden lümmelnd eine Lesung zu halten, durfte ich bis jetzt noch nie. Um ehrlich zu sein, vielleicht hätte man mich gelassen, aber es wäre mir selbst ein wenig komisch vorgekommen, zwischen Stühlen so weit unten zu sitzen. Gestern nicht, gestern passte es und der Teppich war wirklich ausgesprochen schön, warm und weich. Ich mochte es. Außerdem hatten alle frische Socken an. Auch das ist mir normalerweise egal, wenn ich lese, weil die Zuhörer ihre Schuhe bisher immer angelassen haben. Zwei gestern nicht. Zwei saßen dicht bei mir und legten die Füße auf einen Hocker. Ein ausgesprochen gemütliches Ambiente. Gut, man kann darüber diskutieren ob es einem aus dem Takt bringt, wenn die sich kurz necken, wer seine Füße wo auf dem Hocker platziert, aber das war mir eigentlich egal. Dass einer der Füße im Glas Wasser der Autorin landete, war grenzwertig, aber das hab ich vergessen und weil die Socken frisch zu sein schienen, hat es mir auch nicht geschadet. Zielsicher habe ich mir den am weitesten von einer Lampe entfernten Platz gesucht – aber wie ich schon sagte, ich hatte den gemütlichsten überhaupt und konnte all die lieben Gesichter sehen und das war mir am allerwichtigsten.  Weiterlesen

Wände und Schmetterlinge

An den Valentinstag dachte ich gestern erst, als vor mir ein etwa dreizehn Jahre altes Pärchen Händchenhaltend in der S-Bahn saß. Sie waren mir schon beim Einsteigen aufgefallen, weil es schön war diese zwei jungen Menschen zu beobachten. Selbst ihre Rücken, als ich hinter ihnen die Treppe zum Bahnsteig nach oben ging, strahlten eine Verliebtheit aus, die sich von den Zehen bis weit über die Ohren über sie legte. So eine erste Liebe ist besonders schön und Teenagerhände die sich halten wecken Erinnerungen an besonders heftiges, weil noch unbekanntes und wenig vertrautes Herzklopfen.  Weiterlesen

Spring!

Spring, höre ich dich leise flüstern und schüttle den Kopf. Noch nicht. Noch ist es hell und nur vereinzelt hört man es krachen. Spring, flüsterst du noch einmal und ich nicke. Bald. Bald springe ich. Springe wie an jedem 31.12. seit den Neunzigern, als Irgendeiner unseres Freundeskreises es für eine gute Idee hielt, den Imperativ als Motto für eine Silvesterfeier auszurufen. Wir kannten uns nicht, als wir uns das erste Mal begegneten und sprachen in dieser Nacht kein Wort miteinander. Aber wir müssen uns gesehen haben, in dieser Nacht in den Neunzigern. Auch wenn das Haus damals hoffnungslos überfüllt war, sich bestimmt fünfzig bis sechzig Teenager darin befanden, vor der einzigen Toilette oder auf der Terrasse wo die Getränke gekühlt wurden, müssen wir uns irgendwann begegnet sein. Die „Spring“ war noch Jahre später legendär und jeder damals dabei war, erinnert sich. Nicht an alle Gesichter, aber doch an den Moment als …naja, als es etwas aus dem Ruder lief. Noch heute bekomme ich an Silvester Nachrichten, die nur ein Wort enthalten „Spring!“. Damals sind wir gesprungen, nicht miteinander, aber auf den gleichen 120 qm in irgendein neues Jahr der Neunziger. Weiterlesen