Lachen – nur mit ihr

Wir kennen uns nicht gut. Wir kennen uns eigentlich überhaupt nicht und weder sie noch ich würden unsere Beziehung als Freundschaft bezeichnen. Freunde kennen sich, gehen gemeinsam einen Weg und vertrauen sich. Wir gingen nur zufällig zeitgleich die Stufen einer Bar hinunter und standen gemeinsam in der Schlange vor der Toilette. Unsere Namen kannten wir nur, weil wir einander ein paar Stunden zuvor vorgestellt wurden. Einer der mit mir in der gleichen Straßen aufwuchs hatte mit dem Bruder ihres Mannes Abitur gemacht, glaube ich mich zu erinnern. Vielleicht war sie aber auch die, mit deren Schwester er einen Sommer lang zusammen war. Es interessierte mich nicht und ihr war mein Interesse nicht wichtig. Wir standen nur nebeneinander in der Kloschlange, hatten beide zu wenig getrunken, um das Alkohlgeschwängerte Geplapper einer Dritten zu ignorieren. Und doch umarme ich sie, wenn ich sie zufällig am Rande meines Freundeskreises sehe. Mitten im Satz unterbreche ich mich dann, stehe auf und umarme eine mir fremde Frau, die ihrerseits ihre Arme um mich legt. Es fühlt sich seltsam an, weil wir beide nicht zu den Menschen gehören, die flüchtigen Bekannten um den Hals fallen und peinlich berührt, lösen wir uns schnell wieder voneinander. Und doch, wenn wir uns zufällig ein oder zwei Mal im Jahr sehen, sind wir uns für einen kurzen, einen sehr kurzen Moment vertraut. Weiterlesen

Weil ich dich mag

Es ist so schön, dich wieder zu sehen, sagst du. Es ist so schön, hier in der Stadt unserer Jugend eine Konstante zu haben, auf die man sich verlassen kann. Ich nicke und hoffe, dass du mich nicht fragst, ob ich dich in den letzten zehn Jahren vermisst habe. Ich habe es nicht. Zum Glück fragst du mich nicht, denn dann müsste ich ehrlich sein, dann müsste ich dir sagen, dass ich überrascht war, dass du dich überhaupt wieder gemeldet hast. Die alten Freundschaften, erklärst du sentimental und mit einem Lächeln auf den Lippen, sein am Ende doch die besten und jene auf die man sich verlassen kann. Jetzt wieder hier zu sein, war nicht deine freie Entscheidung, aber jetzt wo du mich siehst spürst du ein Stück Heimat. Betreten kaue ich auf dem Keks, den man uns zu dem Kaffee gereicht hat, und sage nichts. Heimat ist für mich vieles, du bist es nie gewesen. Zu meiner Heimat hast du nie gehört, aber wie könnte ich dir das sagen, während du auf dem Weg zu den Toiletten kurz meine Schulter streifst und mich anlächelst. Weiterlesen

Ab nach Haar!

Haben Sie schon einmal versucht, mit einem Kaninchen einen vernünftigen Dialog zu führen? Nein? Dann lassen Sie es. Es wird nicht funktionieren. Nicht, wenn Sie – was ich unterstelle – halbwegs bei Verstand sind. Eigentlich sollte einen ja schon die Konstellation misstrauisch machen. Ein erwachsener Mensch und ein Karnickel führen ein Gespräch. In einem Roman mag hieraus ein charmantes und vielleicht sogar philosophisches Gespräch entstehen. Man muss nur an Alice im Wunderland und das weiße Kaninchen denken. Ganz anders ist es, wenn Sie sich in der realen Welt mit einem Kaninchen auf einen Kaffee verabreden wollen. Dann stoßen Sie schnell an Ihre Grenzen und zweifeln am Verstand. Nicht an Ihrem, an dem des Kaninchens. Weiterlesen

Carpe… bloß nichts

Letzter Tag, höre ich dich leise fragen und nicke fröstelnd. Du weißt, dass ich keine letzten Tage mag. Sie sind mir zuwider, weil sie Erwartungen wecken, die selten erfüllt werden. Einen letzten Tag hat man gefälligst zu etwas Besonderem zu machen und das Jahresende muss ordentlich mit Konfetti beworfen werden, damit man auf Instagram und Facebook mit den entsprechenden Bildern glänzen kann. Ich glänze nie. Ich bin die, die sich um Mitternacht das Seidentop mit einer zu eng am Körper gehaltenen Wunderkerze versaut, sich genau vor dem Silvesterkuss ein Stück Lachs in den Mund schiebt oder gerade in der Kloschlange steht, wenn die letzten Sekunden runter gezählt werden. Abschiede sind mir verhasst. Selbst die von einem Jahr, das mit 365 Akten nun wirklich seine Schuldigkeit getan hat. Ich hasse es, nicht zu wissen was kommt.
Ob das nicht Teil des Deals sei, erkundigst du dich und ich schüttle den Kopf. Nein, ich möchte wissen, was kommt. Haarklein, detailliert und mit der Garantie auf ein Happy End. Fast schon wütend sehe ich dich den Kopf schütteln. Ich hätte noch immer nicht gelernt, mit meinen Wünschen vorsichtiger zu sein. Eine Garantie auf ein Happy End, sei der unverschämteste und auch dümmste Wunsch, von dem du je gehört hast. Wie naiv ich noch immer sei. Man dürfe auf keinen Fall wissen, was kommt. Weiterlesen

Loslassen – buon viaggio, Mutiger.

Als ich eben die Tür aufsperrte, roch es nach Italien. Ein feiner Hauch nur, aber ganz eindeutig, hing der Duft des Landes, in dem ein Teil meines Herzens für immer wohnen bleibt, in der Luft. Im Bad ganz besonders. Da hängt ein noch feuchtes Handtuch zum Trocknen über der Türe und verströmt den ganz eigenen Geruch einer kleinen Mittelmeerinsel. Sie, die Insel, riecht ein wenig nach einem Boss After Shave, aber ich erkenne darin ganz eindeutig Italien. Auch am Duft des Sofa- und Kopfkissen erahne ich mein Sehnsuchtsland. Das Sofakissen verströmt Mailand, im Schlafzimmer riecht es nach Verona. Ich spinne, würde mir der mutigste meiner Freunde vermutlich attestieren und hat trotzdem nur kurz gegrinst als ich ihm mit dem Kissen im Arm nachlief und ihn bat, mir etwas von Italien da zu lassen. Jetzt hängt es hier zwischen den Nadeln meines Christbaums und flackert zwischen den Flammen des Adventkranzes. Am 25.12 eines jeden Jahres macht mich Italien ein wenig traurig, weil es mich an den Abschied erinnerte. Einen, den wir jedes Jahr haben und von dem man meinen könnte, dass man sich längst an ihn gewöhnt haben müsste. Wir verabschieden uns, seit wir uns kennen, ein halbes Leben lang, und müssten uns längst daran gewöhnt haben. Mir fällt es schwer und ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob der Preis in Form beständiger Abschiede nicht ein wenig zu hoch ist. Weiterlesen

Wegen des Clowns. Und wegen dir.

Er weiß es noch nicht, aber er wird heute Nacht heute bei mir bleiben. Ich fasse den Entschluss, als wir das Kino verlassen. Noch aber sage ich es ihm nicht.  Zu offensichtlich ist es, zu gewollt und ich schäme mich ein wenig. Ich lade ihn auf einen Drink ein. Ein Absacker nach dem Film. Rede und lache seinen Einwand, morgen früh raus zu müssen, einfach weg. Es ist leicht, ihn zu einem weiteren Glas zu animieren. Zu leicht, denke ich mir auf dem Weg zur Bar und frage mich kurz ob es schon immer so leicht war. Vor leeren Gläsern sitzend, bitte ich ihn, mich nach Hause zu bringen. Meine Wohnung liegt auf deinem Heimweg und meine Straße ist mir heute zu dunkel. Er kann nicht ablehnen. Dunkle Straßen sind ein Argument, dem man sich nach Jahren der Freundschaft nicht erwehren kann. Vielleicht kann man sich als Mann einem solchen Argument auch nie erwehren. Ich habe nicht gelogen. Heute ist mir die Straße zu dunkel und ich könnte sie nicht alleine gehen. Nicht wegen der Dunkelheit und nicht, weil ich weiß, dass irgendetwas nicht stimmt. Weiterlesen

Flitter im Magen

Die Ski stehen in der hintersten Ecke des Kellers und klemmen zwischen alten Regalen und wuchtigen Terracottatöpfen. Die Bindungen hängen aneinander und mit jedem Zerren und Reißen verhaken sie sich mehr ineinander. Man muss sehr wütend sein, um als Frau mit einem Fußtritt einen Tontopf zu zerbrechen und ein Paar Skistöcke zu verbiegen. Leichter geht es, wenn man erfährt, dass der Mann den man zu heiraten beabsichtigte, seit über zwei Jahren eine weitere Beziehung führt. Dann räumt man einen Keller nicht aus, sondern wütet darin so energisch, dass sich die Muskelpakete des Umzugsunternehmens dezent im Hintergrund halten und sich jeden Kommentar verkneifen, wenn man sie bittet genau die Hälft des Kleiderschrankes abzubauen. Sie kennen das. Ich kannte es nicht. Ich hatte bisher nur eine Beziehung, die ich nach ihrer Beendigung als pure Zeitverschwendung empfand. Um eine solche Beziehung weint man nicht. Man zerschlägt Terracottatöpfe, schimpft sich selbst einen Idioten und hat eine solche Wut im Bauch, dass man über sich selbst erschrickt. Die kaputten Ski ließ ich damals im Keller liegen und dachte an sie nach kurzer Zeit genauso wenig, wie an den Mann, den ich zurück gelassen hatte. Sechs Jahre pure Zeitverschwendung. Toben, schreien und wüten, wie nie zu vor und dann….abhaken. Heiße Luft hinterlässt keine Erinnerungen. Nicht einmal unschöne. Weiterlesen