Immer – nur nicht 2020

Es gibt Tage, die sind immer gleich. Egal wie alt man ist, egal wie das restliche Jahr sich gestaltet, an diesen wenigen Tagen im Jahr ist alles wie immer. Es sind Tage, auf die man sich verlassen kann. Tage, die seit Jahrzehnten vielleicht nicht identisch, aber doch sehr ähnlich verlaufen und einem durchschnittlich verrückten Leben das Minimum an Planungssicherheit und Verlässlichkeit geben, das es braucht. In diesem Jahr gibt es sie nicht. Im Jahr 2020 werden selbst jene Tage, auf die man sich sonst felsenfest verlassen konnte, einfach weggespült. Heuer kann man sich auf nichts verlassen und heute spüre ich es auf unangenehme Weise überdeutlich.

2020 – seit dem Frühjahr spielt die Welt verrückt. Eine Welle mit der niemand rechnete, rollt über die Kontinente und spült das, was schon immer unumstößlich feststand in einen Tümpel aus „vielleicht“, „später“ und „lieber nicht“. In diesem verrückten Jahr gibt es wichtigeres als das Münchner Oktoberfest und doch ist heute, der Freitag vor dem Wiesn Anstich einer jener Tage, der bewusst macht, wie wenig verlässlich das alles seit März doch geworden ist. Keiner meiner Freunde würde die Richtigkeit der Absage des größten Volksfestes der Welt nach den letzten Monaten in Frage stellen und doch bin ich mir sicher, dass fast jeder von ihnen heute ein komisches Gefühl im Magen hat. Die Wiesn wird nicht abgesagt – das wurde sie, seit wir leben, noch nie. Seit 1810 fand sie 186 mal statt. Nur 25 Mal wurde sie abgesagt –  zwei Mal wegen Cholera und 2020 wegen Corona. Natürlich ist es richtig. Über 8,7 Millionen Infizierte und 950.000 Todesfälle – darauf stößt man nicht mit einer Maß an und in einem solchen Jahr tanzt man nicht auf den Bänken. In einem Jahr wie diesem steht man am Freitag vor dem eigentlich Beginn der Wiesn vor seinem Kleiderschrank und fragt sich, ob es je einen Freitag vor dem Anstich gegeben hat, an dem man nicht noch kurz vor knapp eine Handvoll Schürzen und Blusen gewaschen hat und sich fragte welches bunte G´wand diesmal am ersten Samstag angezogen wird. Meine dreizehn Dirndl bleiben morgen im Schrank und über den Möbeln hängen keine bunten Schürzen und keine weißen Blusen. 2020 gibt es keine Wiesn, 2020 wird für Wien eine Reisewarnung ausgesprochen, 2020 trägt meine Nichte eine Maske, wenn sie meine Eltern besucht und gestern hat München ein nächtliches Alkoholverbot auf vielen öffentlichen Plätzen ausgesprochen, weil die Inzidenz hoch und seit heute bei über 50 liegt. Was bleibt, ist die Erinnerung an all die Jahre in denen man sich auf 16 immer ähnliche, immer verrückte und wunderschöne Tage, verlassen konnte. 

Gleich waren sie nie – die Wiesntage. Keine Wiesn glich der anderen und doch waren diese Tage auf ihre Art und Weise verlässlich. Freunde, die man das ganze Jahr über nicht gesehen hat, traf man kurz vor dem Anstich Jahr für Jahr im gleichen Zelt. Ein Wiesnwunder, denn in all den Jahren haben wir es noch nie geschafft uns alle an einem festen Punkt zu treffen. Irgendwer kam immer zu spät, irgendeiner brachte immer etwas durcheinander und irgendwas lief immer schief. Und doch, pünktlich zur ersten Maß standen wir alle zusammen und fielen uns spätestens wenn die Musik zu spielen begann in die Arme. Immer. Jedes Jahr traf ich meine Freunde aus Italien im Getümmel. Jedes Jahr verfluchte ich sie, weil sie nie da waren wo sie zu sein hatten. Seit fast zwanzig Jahren gerate ich einmal jährlich in Panik weil klebrige Kinderfinger plötzlich aus meiner Hand rutschen und in den Jahren davor waren es meine Finger, die die Hand meiner Mutter oder die meines Freundes verloren haben. Gefunden haben wir uns immer wieder. Immer. Trennungen, Versöhnungen, Missverständnisse und Scheidungen – die gab es auch während der Wiesn und doch stand nicht einer von uns am letzten Abend alleine auf der Bank. Spätestens, wenn beim allerletzten Lied die Lichter aus- und die Kerzen angingen, wurde man umarmt und konnte sich sicher sein, dass es nach der Wiesn und überhaupt schon irgendwie weiter gehen würde. Das letzte Lied, das war immer wichtig. Da schmecken Bier, Küsse und letzten Brezenreste besonders gut und stärkten einen für all das, was passieren wird, bis man zwölf Monate später vor dem Anstich noch schnell die Blusen und Schürzen in die Wäsche haut. Wie immer. Wie jedes Jahr.

Dieses Jahr nicht. Eine Schürze wasche ich trotzdem. Vielleicht brauch ich sie ja doch noch. Im kleinen Kreis oder einfach so, weil man als Münchner die Tracht ja auch an anderen Tagen trägt. Das erste und das letzte Lied aber, das wird es sicher nicht geben und auch in die Arme werden wir uns nicht fallen. Umarmungen gibt es 2020 nämlich auch weniger. Und das, das ist eigentlich schlimme. Auf eine friedliche Wiesn 2020 würde es morgen um 12 Uhr heißen. Stattdessen….auf eine normalere Welt 2021. Eine mit Umarmungen.

 

22 Gedanken zu “Immer – nur nicht 2020

  1. Liebe Mitzi,
    ich hoffe und wünsche Dir sehr, dass Du diese Zeit ohne friedliche und herzliche Umarmungen überstehst. In der Hoffnung, dass es auch wieder besser wird.
    Und nein, ich weine nicht. Aber mein Herz schwitzt! 😉

    Liebe Grüße,
    Werner

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  2. „…auf eine normalere Welt 2021“ – frommer Wunsch. Ich fürchte, dabei wird es bleiben, beim Wunsch. Auch wenn in einem Jahr die Wiesn stattfinden sollte, Covid hin und her – doch was sollte anders sein, ’normaler‘ ? Aber vielleicht haben wir Glück und ein paar Dutzend extraterrestrische Besucher fressen uns die Viren vom Leibe … 😉

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    1. Ein zu frommer Wunsch wahrscheinlich. Und normal hätte dann auch nichts mit der Wiesn sondern mit ganz anderen, viel wichtigeren Dingen zu tun.
      Her mit den extraterrestischen Besuchern – die könnten hier gleich noch ganz andere Dinge mit Auffressen 😉

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  3. Liebe Mitzi,
    danke für Deine Betrachtungen. Es tut mir leid für Dich und Deine Freund:innen sowie Eure Stadt, dass Corona-bedingt das Oktoberfest in gewohnter Weise ausfällt.
    Als Junge war ich mal dort. Nach dem Attentat 1980 hatte es mich nicht mehr hingezogen.
    Magst Du Deine gepflegte Garderobe vielleicht abständlich in kleinerem Kreis ausführen!?
    Herzliche Grüße nach Monaco di Baviera
    mit (Umarmung)
    Bernd di Norimberga

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    1. Lieber Bernd aus Norimberga 😉
      Das Dirndl wird auch so ausgeführt und eigentlich ist ein Jahr ohne Wiesn auch nicht tragisch. Wirtschaftlich vermutlich schon, sonst aber durchaus zu verschmerzen. Mir wurde gestern nur dieses seltsame Jahr wieder sehr bewusst.
      Gruß und Umarmung (hier geht das ja zum Glück)
      Mitzi

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  4. Liebe Mitzi,
    ich würde das Dirndl trotzdem mal anziehen, und eine Freundin, einen Freund umarmen, das geht auch ohne Tröpfchenaustausch, und ein Bier miteinander trinken und eine Brezel essen, und in diesen Tagen jene kontaktieren, irgendwie, die man gerne getroffen hätte.
    Wiesn privat.
    Ich verstehe es gut, das komische Gefühl des ´dieses Jahr nicht“. . Bei uns ist die schwäbisch-alemannische Fasnet die Zeit, um die das restliche Jahr sich dreht, die auch zwischendurch bisweilen abgesagt wurde, seltenst – ich selbst kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, da war der erste Golfkrieg, und da war die Absage sehr umstritten. Das wäre sie diesmal vermutlich nicht, oder wird sie nicht sein – wie auch immer – aber nicht minder seltsam. Leben, in dem die wichtigsten Rituale fehlen, – das prägt sich ein.
    Eines ist sicher – die Wiesn 2020 wirst du nie vergessen, wie ich die Fasnet 2021 nicht, und das ganz egal, wie und in welchem Rahmen sie stattfindet oder überhaupt, vergessen werde.
    Und vielleicht ist es auch ein Trost – große Rituale überstehen große Erschütterungen.Auch diese muss muss man aushalten.
    Darauf ein Prost. Habe schöne Tage 🙂

    Gefällt 3 Personen

    1. Der Herbst ist so schön, da werde ich es sicher einmal anziehen. Ein paar Geburtstage stehen an und in anderen Jahren trage ich die Tracht ja auch abseits der Wiesn. Gestern war es einfach komisch. Man hat sich an den ganzen Wahnsinn zwar schon gewöhnt, aber manchmal ist es immer noch ein wenig surreal.
      So wird es vielen gehen und wie du schreibst Fasnet ist ja auch eine Zeit, die für ganz viele Menschen einfach dazu gehört. Ein Jahr ohne – wenn es auch wirklich wichtigeres im Moment gibt – sollte kein Problem sein. Rituale überstehen große Erschütterungen….das gefällt mir. Prost und auch dir schöne Tage

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    1. Ich glaube mich daran zu erinnern – aber es bringt mich erneut zum Lachen. Klopapier….meine italienischen Freunde fragten sich zeitweise ob wir Deutschen noch ganz rund laufen. Wobei….die bunkerten auch Mist 😉

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  5. gänsehaut, von anfang bis ende. ja, 2020 ist die welt aus den fugen geraten, die globale und die vieler einzelner menschen, bei jedem auf eine persönliche art und weise und doch führt alles zu diesem auslöser zurück.

    Gefällt 2 Personen

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