Teppich Klang

Obwohl das Jahr noch nicht zu Ende ist, bin ich mir sicher, dass die schlimmsten zwölf Stunden von 2019 bereits hinter mir liegen. Sie waren etwas ganz besonderes und völlig unerwartetes. Nur leider nicht im positiven Sinn. Mittlerweile spielt es auch keine Rolle mehr. Sie sind vorbei und ich kann beruhigt in die letzten fünf Wochen des Jahres gehen. Schlimmer als diese zwölf Stunden wird heuer nichts mehr. Auf seine Art ein schöner Gedanke. So schön und beruhigend, wie das eine Lied, das ich in den zwölf Stunden hörte. Es war das einzige, das die widerliche und zähe Stille durchbrach. Beim ersten Mal gefiel es mir nicht, beim dritten Mal hatte ich mich daran gewöhnt und nach sieben Stunden, in denen immer wieder die gleiche Playlist ablief, wartete ich schon darauf. Wenn man stundenlang sonst nichts zu tun hat, dann kann man auch 85 Minuten auf ein Lied warten.  Weiterlesen

Nagel bleibt

Ob ich endlich erwachsen werde, höre ich dich leise fragen, und sehe das Lächeln auf deinen Lippen ohne mich umzudrehen. Vielleicht. Angesichts des Kinderzimmerkartons und der WG Kiste, die ich endlich, endlich aussortiere, könnte man es meinen. Keiner der Gegenstände, die ich bei der Renovierung meiner Wohnung in den letzten Tagen aussortiert habe, gehörte dir und doch sind es Dinge, die dir vertraut sein müssen. Nicht nur dir. Einem jeden von uns, der in etwa zur gleichen Zeit geboren und im selben Jahrzehnt erwachsen wurde. Kaum einen kenne ich, der nicht mindestens eine Lavalampe besessen hatte und die CD Sammlungen von mir und meinen Freunden war sich über viele Jahre ähnlich, wenn nicht sogar identisch. Es ist an der Zeit sich zu trennen.  Weiterlesen

Alltag VIII – einmal noch

Obwohl die Sonne in diesem Frühjahr noch nicht oft schien, reichten ihre Strahlen, um die Haut der Unterarme deines Bruders zu bräunen. Eine Bräune, die ich am Ende des Hochsommers nicht erreiche und die in deiner Familie noch fast als blass gilt. Man sollte einem Menschen ins Gesicht sehen, wenn man sich mit ihm unterhält. Ich blicke auf einen Unterarm und halte mich an feinen, hellbraunen Härchen fest. Ab Juli sind sie blond und kurz nach Weihnachten dunkelbraun. Obwohl ich diese Härchen, diese Haut und diesen Menschen kaum kenne, weiß ich, dass es bei ihm nicht anders ist als bei dir. Ihr seht Euch ähnlich. Viel zu ähnlich für zwei Männer von denen einer viel später als der andere geboren wurde. Es irritiert mich, obwohl es mich nicht wundern sollte. Deine Uhr ist stehen geblieben, die seine nicht. Jetzt seid ihr etwa gleich alt und die Familienähnlichkeit ist unverkennbar. Es tue ihm leid, sagt er verlegen lächelnd und macht es nicht besser, weil sein Lächeln fremd und doch vertraut ist. Es tue ihm wirklich leid, wiederholt er und ich muss ihm in die Augen sehen, weil man das tut, wenn einer höflich um Entschuldigung bittet. Seine Augen sind braun und ich bin erleichtert. Braun und nicht grün, das ist gut. Seinem Schneidezahn fehlt ein winziges Stück, das du hattest und über seiner Augenbraue fehlt die kleine Narbe. Gleicher Schlag, das ja, aber doch ganz anders. Blödsinn, sage ich und schüttle den Kopf, weil es albern ist sich zu entschuldigen, nur weil man jemanden ähnlich sieht. Weiterlesen

Eckes ESC

Meine Freunde wissen, dass es sinnlos ist mich zu Facebook Gruppen einzuladen. Ich reagiere so selten und so verspätet, dass es einfacher ist, mich anzurufen. Tim weiß es nicht. Als er und ich befreundet waren, gab es noch kein Facebook. Tim kann mich aber nicht anrufen, denn als wir befreundet waren gab es keine Handys und ich wohnte noch bei meinen Eltern im Kinderzimmer. Dass er es letzte Woche dennoch tat, wunderte mich. Mindestens so sehr wie die seltsame Facebook Gruppe „Eckes ESE“ zu der er mich zwei Monate zuvor hinzu fügte und die ich umgehend wieder verlassen hatte, weil ich nichts damit anfangen konnte. „Hey“, sagt er und seine Stimme, die ich sofort wieder erkenne wirft mich Jahrzehnte zurück. „Was machst du heute? Grand Prix schauen bei mir?“ Ich nicke, was am Telefon dämlich ist, und frage erst mit Verzögerung wo denn „bei ihm“  ist, da er doch vor einer Unendlichkeit nach Australien ausgewandert sei. Er lacht und ich erkenne darin das Lachen des Freundes, der er einmal gewesen war. Die alte Adresse. Seine Eltern wohnen noch immer über dem Tierpark, sind am  Wochenende nicht da und er, dessen neue Freunde auf einem anderen Kontinent leben, dachte der Besuch in der alten Heimat wäre doch eine gute Gelegenheit, die alten einmal wieder zu sehen. Ein wenig spontan, ja, aber da wir alle anscheinend Facebook Konten hätten, uns aber weigerten sie zu benutzen, hätte er sich daran gemacht uns anzurufen. Nicht leicht, sprudelt seine Stimme, die noch immer wie die eines Fünfzehnjährigen klingt, weil anscheinend keiner mehr im Telefonbuch stünde, aber die meisten Eltern schon noch und so konnte er sich in den letzten Stunden durchfragen. Drei fehlen noch, deshalb nur kurz. Um acht, ja? Und nimm mit, was du immer mitgenommen hast. Nur langsam komme ich in das heute zurück und bitte ihn mich kurz überlegen zu lassen. Eigentlich hätte ich keine Zeit und…. Tim unterbricht mich, indem er meinen alten Spitznamen benutzt. Echt, Mimi, du musst überlegen ob du mich und die anderen sehen willst? Weiterlesen

Diciassette anni fa – Diciasette!!!!

Der 22. März ist kein besonderer Tag. Heute morgen, als das Datum etwas in mir hervorrufen wollte, habe ich es überprüft. Ab und an kitzelt es in meinem Magen und ich weiß nicht recht warum. Meistens ist es ein Tag mit einem Geburtstag an den ich denken sollte und fast immer, rufe ich Tage später ein Mitglied meiner großen Familie an, um mich für das erneute Vergessen zu entschuldigen. Seit wir eine WhatsApp Gruppe haben, werde ich erinnert. Dort oder bei Kollegen über XING. Bei Freunden von Facebook und für Verweigerer der sozialen Medien hängt ein Kalender im Flur neben der Tür. Heute hat niemand Geburts- oder Namenstag und auch kein Todestag jährt sich. Und doch, irgendwas war heute. Kurz bevor ich das Büro verlasse, ahne ich es. Es ist ein Tag an den ich in all den Jahren zuvor noch nie gedacht habe. Ein Tag, mit der Wichtigkeit eines Meilensteins und doch ein Tag, dessen Datum ich mir nie merkte. Dass ich dieses Jahr daran denke, wundert mich. Weiterlesen

Ninis Painting

Er sagt, dass man mit mir man in keine Ausstellung gehen könne. Es sei verlorene Liebesmüh und gänzlich sinnlos zu versuchen, mir auch nur eines dieser Kunstwerke näher zu bringen. Meine Arroganz sei unerträglich und meine abweisende Körperhaltung eine Beleidigung für jeden, der mir etwas beibringen möchte und….. bla, bla, bla. Ich denke es. Sage es nicht laut, weil ich weiß, dass dies nur weitere Worte, aus einem mich langweilenden Mund, zur Folge hätte. Zwanzig. Zwanzig Worte noch, darf er sagen, dann stecke ich mir die Finger in die Ohren. Oder lege mir die Hände vor die Augen. Spiele ihm pantomimisch die drei Affen vor, die nichts hören, nichts sehen und nichts sagen wollen. Wenn er aber die zwanzig Worte, dieses allerletzte Kontingent, das ich ihm gewähre, überschreitet, dann werde ich etwas sagen. Dann werde ich ihn anflehen, doch bitte, bitte, endlich den Mund zu halten. Oder, durchaus im Bereich des Möglichen, ihn kommentarlos niederschlagen.

Kreative Menschen, die mag er und mich mag er, weil ich schreibe. Ich mag ihn auch. Ich mag ihn, obwohl er schreibt. Dinge, die nicht zu mir durch dringen. Gedichte, die mich nicht berühren und Worte die mir austauschbar erscheinen. Banaler Schwachsinn, sagte ich zu einem, der mich gut genug kennt, um mich nicht zu verraten und weiß, dass mein Urteil erst im Laufe der Jahre so hart geworden ist. Monatlich erhielt ich die fünfunddreißig Zeilen des aktuellen Werkes und wurde gezwungen mich zu äußern. Egal wie oft ich sagte, dass Lyrik mir fremd ist. Mich befremdet, überfordert und in seinem Fall verständnislos zurück lässt. Irgendwann sagte ich gar nichts mehr. Das war besser. Stille Zustimmung, wortloses Lob, meinte er; endlich Ruhe, dachte ich und war dumm genug, mit ihm ins Museum zu gehen. Den Lepanto Zyklus von Twombly hat er mir so gründlich versaut, dass ich ganze zwei Wochen kein Wort mehr mit ihm gesprochen habe. Zwölf Bilder in einem eigens für sie konzipierten Raum die so wunderbar sind, dass das Herz bei der Vorstellung sich eines nach dem anderen in Ruhe anzusehen, freudig zu klopfen beginnt. Es klopft, bis einer anfängt zu erklären und schildert was genau da zu sehen ist. Ja, ich habe die blutige Seeschlacht von Lepanto im ersten Moment für eine pittoreske Hafen Stimmung im Sonnenuntergang gehalten. Na und? Ist etwas, das vermeintlich wunderschön ist, nicht noch viel grausamer, wenn sich seine Brutalität sich erst auf den zweiten Blick offenbart? Und könnte es nicht sein, dass die schöne Stille, die erst dann laut wird, wenn man versteht, womöglich gewollt ist? Er meint nein und erklärt mir warum ich mich täusche. Halt die Klappe, murmle ich und imitiere in Gedanken drei Affen.

Ich sei das Schaf, das mit verschränkten Armen vor Bildern steht und nichts versteht. Sagt er. Ich höre ihm nicht zu, weil ich ja ein Schaf bin und Schafe Menschen in den seltensten Fällen Gehör schenken. Ein Schaf kann sich verlaufen. Verläuft sich in ein anderes Stockwerk. Läuft davon und wartet Schafdoof 30 Minuten auf dem Klo, bis es sich in Sicherheit wiegt. Dann steht es mit verschränkten Armen  vor seinem Lieblingsbild und genießt die Stille. Das Schaf war zu doof und erinnerte sich nicht daran, dass er, der alles besser weiß, es gut genug kennt um gewartet zu haben. Ich bin wieder ich und atme tief durch als er sich neben mich stellt. Kein Wort, sage ich und korrigiere mich. Ein Wort und ich rede nie wieder mit dir. Das ist mein Bild und ich erlaube dir nicht, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Mit verschränkten Armen zieht er sich zurück. Und weil er, der mich in den Wahnsinn treibt, auch einer meiner engsten Freunde ist, sitzt er später mit mir in der Sonne und fragt erst nach einer Stunde ob er wieder sprechen darf. Er darf. Nur nicht über „Ninis Painting“ von Cy Twombly. Kreide oder Bleistift, ich weiß es nicht und es ist mir egal, bedecken die Leinwand mit schwungvollen Schlaufen, die durch ihre Zeilenartige Anordnung an sich überschneidende Worte erinnern. Mal etwas dichter, mal etwas lockerer. Man kann nichts lesen und nichts erkennen. Ich habe es über viele Stunden versucht, bis ich zu verstehen glaubte, dass es darauf auch nicht ankommt. Ich las, dass es der plötzlich verstorbenen Frau des italienischen Galeristen Twoblys gewidmet ist. Und auch die Interpretation die ich im Internet (Journal21.ch Urs Meier) fand. „Was schreibt man in einer Totengabe? Es muss die Preisung des Lebens dieser Verstorbenen sein. Ein Nachruf, verschlüsselt in einer Manifestation reiner Schönheit.“ Eine einzigartige Erinnerung an ein zu Ende gegangenes Leben. 

Es gab eine Zeit in der ich vor diesem Bild stand und darin einen Namen suchte. So verbissen und so ausdauernd und so sicher, dass es der von dem sein musste, den ich nicht mehr an meiner Seite hatte, dass es mein Bild wurde. Eines das mich davon abgehalten hat, mit selbst die Finger wund zu schreiben. Wissend, dass es nichts bringen würde. Stundenlang vor einem Bild zu stehen und darin einen Namen zu suchen, das hilft. Weißt du, sag ich dem, der neben mir sitzt, man kann ja nicht einfach losbrüllen, wenn die Welt zusammen bricht. Er nickt und sagt noch immer nichts. Deswegen mag ich ihn. Und weil er mich alleine noch mal ein bisschen nach einem Namen suchen lässt.

Schnee

Den ersten Schnee des Jahres gibt es nur einmal und jedes Mal ist es etwas ganz besonderes. Wunderschön ist es, wenn man morgens aufwacht und ihn riecht noch bevor man die Augen öffnet und sieht, was man ahnt. Alles weiß. Dann fühlt es sich so an.. Anders, aber genauso schön ist es, wenn man spät abends vor die Türe tritt und mitten im Gespräch plötzlich merkt, dass es kein feiner Nieselregen ist, der die Nasenspitze kitzelt, sondern erste feine Schneeflocken. Dann muss man unbedingt stehen bleiben, den Kopf in den Nacken legen und die Augen schließen. Mindestens drei Atemzüge lang sollte man so stehen bleiben und es muss einem unbedingt egal sein, ob einen Menschen von hinten fast umrennen oder für bescheuert halten. Der erste Schnee in einem Jahr ist so schön und so wertvoll, dass einem alles egal sein sollte. Vielleicht nicht die Winterreifen, die man noch aufgezogen hat, aber sonst fast alles. Weiterlesen