Romantik für Fortgeschrittene

Facebook erinnert mich an die Hochzeit eines meiner engsten Freunde und fragt ob ich nicht gerne daran zurück denke. Bestimmt würde ich mich an dieses Hochzeit gerne erinnern. Ich ließ mir sagen, dass sie schön war. Nur erinnern, erinnern kann ich mich beim besten Willen nicht.

Er bedaure es wirklich sehr, dass ein so schönes Paar wie wir, die Nacht in getrennten Betten verbringen müssten. Wir – das schöne Paar – bedauerten das nicht. Ich, weil der neben mir ein guter Freund und nicht mein Typ war. Und er, weil ich das falsche Geschlecht hatte, um Enttäuschung über Einzelbetten hervor zu rufen. Trotzdem nickten wir lächelnd. Geht ja keinen was an und dieser Gastwirt war wirklich nett. Und gesprächig. So gesprächig, dass er uns, während wir mit den Koffern in der Hand im Garten der kleinen Pension standen, ausufernd von sich und seiner Familie erzählte. Ich höre ja gerne Geschichten über andere Menschen, bevorzuge es aber wenn ich ohne einen schweren Koffer in der Hand und nicht von einer siebenstündigen Autofahrt müde zu hören darf. Der beste meiner Freunde hat Geschichten von anderen Menschen etwas weniger gerne als ich und neigt dazu, dass man es seinem Gesicht auch sehr deutlich ansieht, wenn etwas gar nicht interessiert. Egon, unser Gastwirt hatte leider nicht die nötige Sensibilität um die Mimik meines Freundes zu lesen. Viel davon hätte er nicht gebraucht und obwohl ich es noch nicht wissen konnte, hätte mir das Gesicht meines Freundes vielleicht schon bei der Ankunft sagen können, dass die nächsten 18 Stunden eine Herausforderung werden würden. Für mich, für meinen Freund und für ein weiteres nicht verwandeltes Pärchen, das noch anreisen würde, um in der Dölper Romantik eine erholsame Nacht zu verbringen. Rückblickend betrachtet, ist es ein großes Glück dass wir vier die Nacht überhaupt unbeschadet überstanden haben. Die Dölper Romantik nicht. Die hat seit einiger Zeit dauerhaft geschlossen.

Ich stelle keine großen Ansprüche an Pensionen, die mich nur für zwei Nächte beherbergen sollen. Ein sauberes Bett, ein sauberes Bad und ein halbwegs gutes Frühstück reichen. Die Dölper Romantik hatte nichts davon. Obwohl, sie hatte es schon, irgendwann einmal, aber nicht mehr als wir unser Zimmer betraten. Der beste meiner Freunde nimmt es mir noch heute übel, dass ich beim Betreten des Zimmers an seiner Achsel (die sich stehend in etwa auf meiner Augenhöhe befindet) geschnuppert habe. Es tat und tut mir leid, aber ich hielt es für wahrscheinlicher, dass ein Mann nach sieben Stunden im Auto unter den Achseln streng riecht, als das ein frisch gereinigtes Pensionszimmer so stinken konnte. Es konnte. Ob es an am Teppich lag, der ein solches Potpourri an Flecken aufwies, dass ich ungläubig auf die Knie ging um zu überprüfen ob es sich nicht doch um das Muster hielt, oder doch an der Tapete, die aus eingewebten feinen Fäden in Gold- und Brauntönen bestand und sich an den Bodenleisten bereits ablöste, könnten wir im ersten Moment nicht feststellen. Später schon – es lag am Hund des Pensionsbesitzers, der im Bad unseres Zimmers lag. Auf der Homepage der Pension war er nicht erwähnt gewesen, man versicherte uns aber dass er sich abends meiste trollte und über Nacht im Hof blieb. Ob ich damit ein Problem hätte, fragte Egon mich, weil auch seine mangelnde Sensibilität ausreichte um zu erkennen, dass er meinen Freund diese Frage besser nicht stellte. Der mag zwar Hunde, wusste aber nicht, dass die ab einem gewissen Alter unter hefigen Blähungen leiden konnten. Was wir beide nicht wussten war, wie stark man in der Dölper Romantik in die Familie integriert wird. Stand nicht auf der Homepage, erfuhren wir aber, als es abends um kurz nach zehnt klopfte und man meinen Freund fragte ob er kurz beim Tragen eines Kühlschrankes helfen könne. Der Sohn des Hauses hatte es im Kreuz und mein Freund, das hätte man gesehen, sei kräftig genug um mit anzupacken. Ich antwortete für ihn indem ich strahlend lächelte und nickte. Er tat mir zwar leid, aber ich wollte duschen. Bei einem Bad mit Glastüre (kein Milchglas) und einer Dusche ohne Duschvorhang, muss man den besten Freund entweder bitten sich für 15 Minuten umzudrehen oder ihn eben einen Kühlschrank über den Hof schleppen lassen. Letzeres gab sicher Karmapunkte, versicherte ich ihm noch. Ich hätte es mir sparen können – das Wasser war nur lauwarm und ich irgendetwas ekliges hing am Abfluss fest. Eine Katzenwäsche musste reichen. Ich nutze die Zeit um die zwei weiteren Freunde, die gerade anreisten, telefonisch davon zu überzeugen, dass sie neben der bereits im Kofferraum befindlichen Flasche Rotwein, an einer Tankstelle ihrer Wahl mindestens drei weitere, besser fünf, besorgen mussten. Ob ich mich am Vorabend der Hochzeit betrinken wolle, erkundigten sie sich und ich verneinte. Das nun nicht, aber in seltenen Fällen erkenne auch ich, dass man sich manches nur schön trinken konnte. Die Dölper Romantik gehörte dazu. Einen kurzen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken den Anreisenden ein Foto von dem was sie erwartete zu schicken und entschied mich dann dagegen – sie wären wohl umgedreht und ich hätte bei klarem Verstand in das muffige Bett des Pensionszimmers kriechen müssen.

Die Hochzeit war toll. Glaub ich. Nur die vier in der Dölper Romantik untergebrachten Gäste, waren etwas verkatert und rochen nach Hund. Und nach etwas undefinierbaren, das sich über Nacht in ihren Anzüge und Kleidern festgesetzt hatte. Später sagte man uns, dass wir nicht verkatert, sondern noch volltrunken gewesen seien. Ich kann das nicht glauben, muss aber zugeben, dass ich ein wenig verwundert bin, dass wir auf all den Fotos die später verschickt wurden nicht zu sehen sind. Eine Erklärung mögen die Grasflecken auf meinem Kleid sein. Dunkel erinnere ich mich an eine sonnige Wiese und große Müdigkeit. Sie können sich vorstellen, dass weder ich noch meine Freunde uns in der Dölper Romantik getraut haben uns in die Betten zu legen. Ein Foto gibt es aber doch. Ich hab es auf der Heimfahrt auf meinem Handy gefunden und mich anhand der Punkte auf dem Kleid erkannt. Doch ja, es war eine tolle Nacht. Danke fürs Erinnern, Facebook. 

Thomas Toni und ich 2

10 Gedanken zu “Romantik für Fortgeschrittene

  1. hach, es war wieder ein genuss die geschichte zu lesen. ich kanns dir so gut nachfühlen. obwohl ich glaub ich hätte dort nicht eingecheckt, sondern mir wohl eher ne andere unterkunft gesucht. andererseits sind es die geschichten, die man jahre später dann erzählt… 🙂

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