Versprechen

Es war kalt, als ich vor sechs Wochen in der Mittagspause telefonierte und hoffte, dass mich die Wintersonne ein wenig wärmen würde. Sie tat es nicht. Dass ich nicht fror, lag am warmen Lachen am anderen Ende der Leitung. Wirklich, fragte er und ich nickte bevor ich es in einem Satz bestätigte. Diesmal würde ich wirklich kommen und reichlich Zeit im Gepäck haben. Schön, sagte er und ich rechnete es ihm hoch an, dass er kein Wort darüber verlor, dass ich das einst gegebene Versprechen über ein Jahrzehnt lang nicht erfüllt hatte. Es ist erschreckend leicht, gegebene Versprechen aufzuschieben und es braucht einen guten Freund, der über Jahre hinweg geduldig wartet, nicht drängt und doch keinen Zweifel darüber lässt, dass er nicht aufgeben wird. Nächste Woche löse ich mein Versprechen ein und es ist vieles, aber sicher keine Verpflichtung. Es ist etwas schönes, etwas auf das man sich freut und etwas bei dem man sich fragt, warum es manchmal so schwierig ist, es einfach zu machen. Kommst du runter auf einen Kaffee? Die Frage verkam mit den Jahren zu einer Floskel und erst vor sechs Wochen wusste ich, dass irgendwann der Moment kommt, in dem sie auch der geduldigste Freund nicht mehr stellen wird.  Weiterlesen

Bus Freunde

Freundschaft bezeichnet ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympatie und Vertrauen auszeichnet. Schreibt Wikipedia, das meistens Recht hat und weiter, dass Freundschaften eine herausragende Bedeutung für Menschen haben. Das Online-Lexikon denkt dabei vermutlich nicht unbedingt an die kurzen, alltäglichen Begegnungen in Bus und Bahn. Das kann es auch nicht, es kennt ja Torben nicht. Etwas, das es sicher bedauern würde, wenn es denn ein Bewusstsein hätte. Weiterlesen

1. April

Der 1. April und ich, das ist wie Fasching und ich. Beides funktioniert nicht. Die Freude am Fasching ist mir abhanden gekommen, als meine Mutter mich im „Ungarische Prinzessin“ Kostüm in den Kindergarten schickte und mich alle für eine oberbayerische Stallmagd hielten. Der 1. April hat eine Weile Spaß gemacht. Im Alter von drei bis acht konnte ich meinen Vater an diesen Tagen quer durch das Viertel jagen und behaupten, irgendjemand benötigt seine Hilfe. Klappte immer. Zumindest erzählte man mir das als Kind. Heute vermute ich, dass mein Vater in aller Ruhe irgendwo ein Bier trank und später seine Tochter aus lauter Gutmütigkeit zum gelungenen Aprilscherz gratulierte. Später wurde ich kreativer und in manchen Jahren war es ganz lustig. Ich bin schnell zu amüsieren und lache wirklich gerne über meine eigenen Witze. Die anderen meistens nicht. Vorbei war es mit den Aprilscherzen als ich meiner Mutter und meinem damaligen Freund erzählte ich sei schwanger. Damals lebte ich in Italien, hatte mein Studium noch nicht abgeschlossen und war so pleite, dass ich mir sicher war, dass beide erst aus den Wolken und dann, wenn ich das erlösende „April, April“ rufen würde – der eine live, die andere fernmündlich – mir um den Hals fallen würden, . Leider verschätzte ich mich ganz gewaltig. Mein Hals, war für meinen Freund zwar durchaus von Interesse, aber eher um ihn mir umzudrehen. Vor lauter Schreck provozierte er einen Auffahrunfall und mein Lachen trug nicht zur Deeskalation bei. Meine Mutter dagegen war so enttäuscht und traurig, dass ich mir schwor, sie nie wieder in den April zu schicken. Schließlich ist es einer Mama sehr hoch anzurechnen, wenn sie nur den Bruchteil einer Sekunde zögert und dann sofort und ohne Zweifel versichert, dass alles wundervoll werden wird und ich auf sie zählen könnte. Seit dem findet der 1. April ohne mich statt. Weiterlesen

Übungssache

Ob es nicht ein wenig seltsam sei, alleine und ohne Begleitung nach Italien zu fahren, fragt sie und ich zucke mit den Schultern. Und wenn, warum dann nicht in ein Hotel, wo man weiß was man hat und sich ein wenig verwöhnen lassen kann, will sie wissen und ich habe keine Antwort. Keine, außer die, dass es sich richtig anfühlt. Dass ein Hotelfrühstück nicht das ist, was ich in Italien möchte und dass ich alleine fahre, weil ich nichts mitnehmen, sondern etwas finden möchte. Nach Italien fuhr ich, solange ich denken kann, alleine. Ich fuhr von München nach Elba, Mailand, Verona oder noch weiter in den Süden um jene zu treffen, die dort lebten und die ich vermisste. Eine Zugfahrt mit Umstiegen in Orten, von denen ich noch nie gehört habe, schreckte mich noch nie, sind doch Bahnhöfe eben jene Orte, die kein Wissen benötigen, weil sie überall ähnlich und ohne Erklärungen funktionieren. Und doch mag ich ihre Fragen nicht, weil es mir fremd geworden ist, alleine unterwegs zu sein. Ich bin behutsamer geworden. Unsicher und ängstlich. Nichts davon war ich früher und nichts davon passt zu mir. Als ich vor vier Wochen dem mutigsten meiner Freunde sagte, dass ich Ostern auf einen Sprung runter komme, hat er nur „ja“ gesagt. Natürlich, warum auch nicht. Einsteigen, fahren und ankommen. So war es früher und so sollte es auch heute noch sein. Ein paar Tage Verona, einen Freund besuchen und dann weiter in den Süden oder ein Stück zurück in den Norden, das würde man spontan sehen, zu ihm auf einen Café und eine Pizza am Abend. Ein bisschen konfus, ein bisschen planlos, aber das war ich immer. Er sagte nur „ok“ und „bis dann“.  Weiterlesen

Ninis Painting

Er sagt, dass man mit mir man in keine Ausstellung gehen könne. Es sei verlorene Liebesmüh und gänzlich sinnlos zu versuchen, mir auch nur eines dieser Kunstwerke näher zu bringen. Meine Arroganz sei unerträglich und meine abweisende Körperhaltung eine Beleidigung für jeden, der mir etwas beibringen möchte und….. bla, bla, bla. Ich denke es. Sage es nicht laut, weil ich weiß, dass dies nur weitere Worte, aus einem mich langweilenden Mund, zur Folge hätte. Zwanzig. Zwanzig Worte noch, darf er sagen, dann stecke ich mir die Finger in die Ohren. Oder lege mir die Hände vor die Augen. Spiele ihm pantomimisch die drei Affen vor, die nichts hören, nichts sehen und nichts sagen wollen. Wenn er aber die zwanzig Worte, dieses allerletzte Kontingent, das ich ihm gewähre, überschreitet, dann werde ich etwas sagen. Dann werde ich ihn anflehen, doch bitte, bitte, endlich den Mund zu halten. Oder, durchaus im Bereich des Möglichen, ihn kommentarlos niederschlagen.

Kreative Menschen, die mag er und mich mag er, weil ich schreibe. Ich mag ihn auch. Ich mag ihn, obwohl er schreibt. Dinge, die nicht zu mir durch dringen. Gedichte, die mich nicht berühren und Worte die mir austauschbar erscheinen. Banaler Schwachsinn, sagte ich zu einem, der mich gut genug kennt, um mich nicht zu verraten und weiß, dass mein Urteil erst im Laufe der Jahre so hart geworden ist. Monatlich erhielt ich die fünfunddreißig Zeilen des aktuellen Werkes und wurde gezwungen mich zu äußern. Egal wie oft ich sagte, dass Lyrik mir fremd ist. Mich befremdet, überfordert und in seinem Fall verständnislos zurück lässt. Irgendwann sagte ich gar nichts mehr. Das war besser. Stille Zustimmung, wortloses Lob, meinte er; endlich Ruhe, dachte ich und war dumm genug, mit ihm ins Museum zu gehen. Den Lepanto Zyklus von Twombly hat er mir so gründlich versaut, dass ich ganze zwei Wochen kein Wort mehr mit ihm gesprochen habe. Zwölf Bilder in einem eigens für sie konzipierten Raum die so wunderbar sind, dass das Herz bei der Vorstellung sich eines nach dem anderen in Ruhe anzusehen, freudig zu klopfen beginnt. Es klopft, bis einer anfängt zu erklären und schildert was genau da zu sehen ist. Ja, ich habe die blutige Seeschlacht von Lepanto im ersten Moment für eine pittoreske Hafen Stimmung im Sonnenuntergang gehalten. Na und? Ist etwas, das vermeintlich wunderschön ist, nicht noch viel grausamer, wenn sich seine Brutalität sich erst auf den zweiten Blick offenbart? Und könnte es nicht sein, dass die schöne Stille, die erst dann laut wird, wenn man versteht, womöglich gewollt ist? Er meint nein und erklärt mir warum ich mich täusche. Halt die Klappe, murmle ich und imitiere in Gedanken drei Affen.

Ich sei das Schaf, das mit verschränkten Armen vor Bildern steht und nichts versteht. Sagt er. Ich höre ihm nicht zu, weil ich ja ein Schaf bin und Schafe Menschen in den seltensten Fällen Gehör schenken. Ein Schaf kann sich verlaufen. Verläuft sich in ein anderes Stockwerk. Läuft davon und wartet Schafdoof 30 Minuten auf dem Klo, bis es sich in Sicherheit wiegt. Dann steht es mit verschränkten Armen  vor seinem Lieblingsbild und genießt die Stille. Das Schaf war zu doof und erinnerte sich nicht daran, dass er, der alles besser weiß, es gut genug kennt um gewartet zu haben. Ich bin wieder ich und atme tief durch als er sich neben mich stellt. Kein Wort, sage ich und korrigiere mich. Ein Wort und ich rede nie wieder mit dir. Das ist mein Bild und ich erlaube dir nicht, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Mit verschränkten Armen zieht er sich zurück. Und weil er, der mich in den Wahnsinn treibt, auch einer meiner engsten Freunde ist, sitzt er später mit mir in der Sonne und fragt erst nach einer Stunde ob er wieder sprechen darf. Er darf. Nur nicht über „Ninis Painting“ von Cy Twombly. Kreide oder Bleistift, ich weiß es nicht und es ist mir egal, bedecken die Leinwand mit schwungvollen Schlaufen, die durch ihre Zeilenartige Anordnung an sich überschneidende Worte erinnern. Mal etwas dichter, mal etwas lockerer. Man kann nichts lesen und nichts erkennen. Ich habe es über viele Stunden versucht, bis ich zu verstehen glaubte, dass es darauf auch nicht ankommt. Ich las, dass es der plötzlich verstorbenen Frau des italienischen Galeristen Twoblys gewidmet ist. Und auch die Interpretation die ich im Internet (Journal21.ch Urs Meier) fand. „Was schreibt man in einer Totengabe? Es muss die Preisung des Lebens dieser Verstorbenen sein. Ein Nachruf, verschlüsselt in einer Manifestation reiner Schönheit.“ Eine einzigartige Erinnerung an ein zu Ende gegangenes Leben. 

Es gab eine Zeit in der ich vor diesem Bild stand und darin einen Namen suchte. So verbissen und so ausdauernd und so sicher, dass es der von dem sein musste, den ich nicht mehr an meiner Seite hatte, dass es mein Bild wurde. Eines das mich davon abgehalten hat, mit selbst die Finger wund zu schreiben. Wissend, dass es nichts bringen würde. Stundenlang vor einem Bild zu stehen und darin einen Namen zu suchen, das hilft. Weißt du, sag ich dem, der neben mir sitzt, man kann ja nicht einfach losbrüllen, wenn die Welt zusammen bricht. Er nickt und sagt noch immer nichts. Deswegen mag ich ihn. Und weil er mich alleine noch mal ein bisschen nach einem Namen suchen lässt.

Konstant blöd glotzend

Neun. Neun Jahre sind es, sage ich dem mutigsten meiner Freunde und zeige ihm das älteste der „Wir vor dem Christbaum-Fotos“ auf dem Display meines Telefons. Warum wir keine Bilder von den Jahren davor haben, erkundige ich mich und er sieht mich schmunzelnd an, bis ich verstehe, dass die Handykameras davor noch viel zu schlecht waren und wir meist keine Kamera mit uns herum schleppten. Es sind mehr als neun Weihnachten, die wir gemeinsam verbracht haben und an jedes einzelne kann ich mich erinnern. An manche ein wenig verschwommen, an die meisten aber so klar und deutlich als lägen sie erst wenige Tage zurück. Wenn ich ehrlich bin, dann vermische ich die Jahre und das was heraus kommt, ist ein großes Erinnerungsknäul mit einem Faden, der die Jahre verbindet, der aber kaum noch zu entwirren ist. Weiterlesen

Büro Baum

Mit meinen Lieblingsmenschen bin ich geizig. Ich teile sie nur ungern, wenn die Zeit, die ich mit ihnen verbringen kann, knapp bemessen ist. Ungern teile ich den mutigsten meiner Freunde, weil wir uns zu selten sehen und die Zeit für das Kennenlernen einer dritten Person viel zu knapp ist. Meine Kollegin Bine aber, die habe ich sofort mitten in unser Wiedersehen geschmissen. Nicht erst seit heute, aber heute ganz besonders, weiß ich warum. Weil sie ein Schatz ist. Einer, der einen anderen Schatz heute neben meinen Schreibtisch gestellt hat. Weiterlesen