Passt. Alles gut.

Die Sonne ist zurück – heute, das erste Mal seit Ende September letzten Jahres – schafften es ihre Strahlen zurück in meinen Laubengang. Nur wenige und nur ganz außen an der Hauswand, aber immerhin. Seltsam, wie sehr man sich nach dunklen Monaten über einen kleinen Fleck Sonne freuen kann. Vor vielen Jahren stand ich ähnlich wie heute mit einem Espresso in der Hand in der Küche und freute mich über die Rückkehr des Lichts. So sehr, dass ich euch erzählte, dass es nun nicht mehr lange dauern würde. Ein paar Wochen noch, dann würden die Strahlen das Fenster erreichen und endlich würde es dann in meiner Wohnung an schönen Tagen nicht nur vormittags, sondern auch vom späten Nachmittag an, einen Raum geben, der vom schönsten Licht von allen erleuchtet wird. Die Mokka stand auf dem Herd und der Kaffee blubbert genauso fröhlich, wie meine Stimme klang. Auch heute blubbert sie – es ist noch immer die selbe – nur meine Stimme fehlt, weil ihr seit langem nicht mehr hinter mir im winzigen Schlauch der Küche steht. Fehl am Platz war sie, die Stimme, auch damals gewesen. Unbedacht über kommende Monate plaudernd und wie so oft vergessend, dass einer längst nicht mehr in Monaten und immer seltener in Wochen rechnete. Einzig Tage waren relevant, weil sie kurz genug waren, um sich einigermaßen sicher sein zu können, von ihnen auch die letzten Stunde zu erleben.

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Vor-Sprung

Spring, riefen wir Jahr für Jahr in den letzten Sekunden des alten Jahres während wir in unseren Jacken nach Feuerzeugen suchten und uns in den Hauseingängen versteckten, weil die ersten Raketen grundsätzlich in achtlos geleerte Flaschen gesteckt, abhoben. In wechselnder Besetzung, aber immer gemeinsam und nie allein, sprangen wir am letzten Tag des Jahres mit Anlauf in die ersten, noch ganz frischen Minuten Januars. Der Letzte eines jeden Jahres ist so voll gepackt mit Erinnerungen und Erlebtem, dass ein weiterer letzter Tag des Jahres immer in Konkurrenz mit seinen Vorgängen steht. Es gab Zeiten, da war es anstrengend all die Feste und Feiern noch zu toppen oder ihnen zumindest eine ähnliche Wertigkeit wie den vorausgegangenen zuzuschreiben. In manchen Jahren war es sogar gut, an Silvester krank zu sein. Da konnte man mit einem Menschen alleine auf dem Sofa liegen und war von der Verantwortung befreit, einen ganz besonders tollen Abend und eine endlosen Nacht zu haben. An diesen wenigen Abenden war es schön um Mitternacht leise „spring“ zu flüstern und in den Armen des Lieblingsmenschen kurz nach Mitternacht einfach in den nächsten Tag zu rutschen. Eine Pause von all den Erwartungen, bot erst wieder eine grellrot leuchtende Corona Warnapp und ein positiver Schnelltest im letzten Jahr. Da kann ich einen der die Klospülung entkalkte, einen der sein Bücherregal endlich sortierte und mich, die alleine auf dem Sofa saß und das erste Mal zu niemanden „spring“ flüstern konnte. Dieses Jahr kann ich es. In kleiner Runde aber immerhin. Gesprungen bin ich aber schon gestern. Mit Anlauf und weil es eigentlich ja völlig egal ist, wann man ein Jahr für beendet erklärt.

Eigentlich springt man auch nur an Abenden die perfekt sind. Nicht perfekt weil spektakulär, sondern perfekt weil nichts an ihnen anders sein sollte, als es ist. Neben einer Freundin stehen, die man – ohne Übertreibung – sein ganzes Leben lang kennt, ist ziemlich perfekt. Ein Glas Rosé, unbeschwertes Lachen, und das Gefühl, neben sich einen Menschen zu haben, der einen in und auswendig kennt – schön. Besonders schön, weil sich kennen in einer Freundschaft auch akzeptieren bedeutet. Wer sich über so viele Jahrzehnte kennt, der hat sich längst entschieden, ob er eine Freundschaft aufrecht erhalten möchte und verzichtet auf alberne Filter. Mit ihr bin ich gestern gesprungen. Über die riesigen Bodenplatten der Altstadt und des letzten Jahres. Durch den Staub, der sich hartnäckig auf ein Leben legt, weil es ab einem gewissen Alter nicht mehr so glänzt, wie man es sich mit Anfang 20 vorgestellt hat. Vorbei an funkelnden Lichtern in Schaufenstern die das Gerümpel in unseren Kellern und Köpfen vergessen lassen. Wir wissen um unsere Päckchen, die wir uns herumschleppen und versichern uns abwechselnd, dass das alles schon passt. Und wenn es nicht mehr passt, dann werden wir gemeinsam das eine oder andere umpacken um- oder wegstellen. Nur wenig ist so, wie wir es uns irgendwann einmal vorstellten. Und doch ist es schon gut so, wie es ist. Ziemlich gut sogar und das nach einem Jahr wie diesem. Wir sind Sommerkinder und denen sagt man nach, dass sie glücklich sind. Vielleicht liegt es daran. Vielleicht aber auch weil wir im Zweifel zusammen springen können. Nicht nur einmal im Jahr sondern immer. Ins kalte Wasser, über unsere Schatten, über Bäche, auf die Nase vor allem aber in die Arme der anderen. Spring!, du allerbeste meiner Freundinnen. Und verrate mir bei Gelegenheit ob du heute morgen auch ein wenig verkatert warst. Der Wein muss schlecht gewesen sein, nicht wahr?

Der Wein war also schlecht, höre ich einen schmunzelnd fragen und ziehe die Decke fest über meinen Kopf. Am Neujahrsmorgen bitte keine blöden Fragen. Neujahrsmorgen, höre ich es gedämpft lachen und nicke. 2021 ist vorbei. Ich bin schon gesprungen. Mit etwas Vorsprung, aber umso schöner. Das 2021 Gerümpel ist noch da und liegt neben mir. Da müsste man Ordnung schaffen, aber nicht heute, nicht am Neujahrsmorgen. Wenn es mir Kaffee ans Bett bringt, darf es sogar bleiben. Für ein geordnetes Leben ist es eh zu spät. 2022….wie konnte das denn passieren?

Müde Herbstkastanien

Schön, gell, fragt Herr Mu an der Bushaltestelle und hält mir eine Kastanie unter die Nase. Ich nicke und nehme die glatte Kugel, die mir Herr Mu in die Hand drückt. Meine Haltestellenbekanntschaft Herr Mu und ich gehören zu den Menschen, die sich auch als Erwachsene noch jeden Herbst nach Kastanien bücken und über Wochen immer mindestens eine in Hosen- oder Handtaschen mit sich herumschleppen. Weder er noch ich haben oder werden je etwas mit ihnen machen – keine Türdekoration und kein Biowaschmittel. Wir mögen es einfach, die ganz frische Frucht in der Hand zu halten und erfreuen uns an der makellos glatten Perfektion der braunen Perlen. Am schönsten ist es, wenn man eine findet, die noch in der stachligen Umhüllung steckt. Frisch entnommen, fühlt sich die Schale so schön, wie wenig anderes an. Schöner als ein Babybauch, sagt er Mu und ich nicke obwohl sich ein Babybauch zweifellos doch noch ein klein wenig schöner anfühlt. Vor allem weil der Bauch eines ganz kleinen Kindes über Monate herrlich bleibt, während die Kastanie schon nach wenigen Tagen etwas von ihrer Feuchtigkeit verliert und sich nach einer Woche schon nicht mehr frisch anfühlt. Im Zweifel also lieber ein Baby, überlege ich mit der Kastanie in der Hand und schwanke. Babys mit herrlichen Bäuchen gibt es das ganze Jahr über und frische Kastanien nur für ein paar Herbstwochen, was sie zu etwas ganz besonderem macht. Das muss man bedenken. Vielleicht im Oktober Kastanien und im restlichen Jahr ein Babybauch. Oder vielleicht doch lieber eine verschmuste Katze, da sind die Chancen, dass sie einen durchschlafen lässt höher. Ein Hund – besonders die Stelle hinter den Ohren – fühlt sich auch fein an. Mein Bus kommt, bevor ich Herrn Mu fragen kann, was sich für ihn am allerbesten auf der ganzen Welt anfühlt. Weiterlesen

Grundschulfäden

Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann kenne ich die Seele des Menschen, der mir schräg gegenüber am Tisch sitzt nicht. Nichts darin weckt Erinnerungen und sie sind mir so fremd wie fast alles an diesem längst erwachsenen Mann. Nicht unsympathisch, schöne Augen, aber ich kenne ihn nicht.  Er mich vermutlich auch nicht. Alle an diesem Tisch sind sich fremd und schon jetzt bei der Vorspeise dürften es gut vier Fünftel der Anwesenden bedauern, nicht mutig genug für eine Absage oder nicht spontan genug für eine vorgetäuschte Krankheit gewesen zu sein. Klassentreffen der Grundschule sind und waren schon immer eine bescheuerte Idee und es wäre ein leichtes die Hälfte der Anwesenden mit völlig Fremden auszutauschen. Wir würden es nicht einmal merken, weil es keinen Unterschied machen würde. Wir sind Fremde, die zufällig einmal für ein paar Jahre in einem gemeinsamen Klassenzimmer saßen. Idiotisch sich jetzt an einen Tisch zu setzen. Wir sind Fremde. Weiterlesen

Anna

Wer ist Anna, höre ich dich leise fragen und lächle überrascht. Deine Stimme ist selten geworden und in den letzten zwei Jahren hörte ich sie kaum noch. Das sei normal sagen meine Freunde und ich glaube sie sind froh, dass dein Präsenz endlich schwächer wurde. Mir hast du gefehlt. Dass du nie ganz verschwunden warst, erzählte ich ihnen nicht, weil es immer ein wenig seltsam anmutet, wenn Menschen die ihr Leben zurück gelassen haben, ab und an noch neben einem stehen. Seltsam ist es auch, dich hier zu hören und ich frage mich, in welcher Tasche ich dich wohl bis ans Meer mitgeschleppt habe. Wer ist sie, wiederholst du deine Frage und ich zucke mit den Schultern, während wir beide die Bilder Annas betrachten.

Ob es Anna war, die vor vielen Jahren die kleine, zarte Zuckerdose aus Silber in die Wohnung am Meer brachte, frage ich dich und du nickst. Es war eine Frau, da bist du dir sicher. Das Döschen ist alt und es fällt uns schwer zu glauben, dass sie nicht von einer Frau – eben Anna – ausgesucht und gekauft wurde. Anna ist schön. In jungen Jahren war sie hübsch. Ein hübsches, junges Ding mit zarten Brüsten und langen, dunkelbraun gewellten Haaren. Schön war sie noch nicht, finden wir. Schön wurde sie erst später, in ihren Dreißigern. Du sagst, dass es immer immer ein paar Jahrzehnte an Leben braucht, bevor eine Mensch wirklich schön sein kann und ich gebe dir recht. Augen zum Beispiel….Schönheit braucht schöne Augen und Augen werden erst wirklich schön, wenn sie Erfahrungen und Erlebtes ausdrücken können. Von Anna kenne wir nur drei Bilder, die in roten Rahmen im Flur hängen und ne doch sind wir sicher, dass sie gutes Leben führte.

Drei mal Anna, drei verschiedene Frauen – nur die Augen verraten, dass es sich um immer die selbe Frau handelt. Anna entblößt, unschuldig und jung. Anna stolz, unnahbar und sehr attraktiv und Anna, wild, energisch und ein wenig hart. Uns beiden ist die dritte Anna die liebst. Ich nehm dich an der Hand und führe dich durch die Wohnung, in der noch vieles an den Vorbesitzer erinnert. Es ist ein großes Glück die Wohnung in all ihren Facetten kennenlernen zu dürfen. Das erste Mal betrat ich sie zur Besichtigung und sagte dem, der mir mit am liebsten ist, dass sie wunderschön und perfekt ist. Zwischen all den alten Möbeln sah man sofort, dass dies ein guter Ort ist. Einer an dem die Träume gut und die Tage voll Leben sein werden. Jetzt ist vieles was den Vorbesitzern gehörte nicht mehr hier. Sie sind nicht gekommen um zu holen was ihnen gehörte – die eine bereits verstorben, der andere zu alt. Unmöglich alles zu bewahren. Es wäre auch nicht gut, denn neues Leben in Räumen, kann sich nur entfalten, wenn das alte zurück weicht. Und doch wird vieles bleiben. Warum das alte und doch noch schöne entsorgen, wenn sich darin der Charme vergangener Jahrzehnte auf feine Art erhalten hat? Warum neue Töpfe kaufen, wenn die alten glänzen und leise flüsternd, von unzähligen Speisen erzählen. Die silberne Zuckerdose summt, erzähle ich dir und schreibe es einem anderen auf. Jeden Morgen steht sie bei mir auf dem Tisch und ihr leises Summern vermischt sich mit dem Rauschen des Meeres. Vielleicht ist es eine Melodie, die vor vielen Jahren Anna summte, wenn sie im Sommer aus der Stadt ans Meer zurückkehrte. Ein Stück von Anna wird hier bleiben – auch wenn die Wände frisch gestrichen sind. Das ist gut, weil Anna hier glücklich war. So wie ich es jetzt bin. Anna war mit ihrem Mann hier, ich – Jahrzehnte später – besuche meinen besten Freund. Er hätte dir gefallen, Anna. Er gefällt allen Frauen und ich weiß warum. Auf deine Sachen wird er gut achtgeben. So wie du – irgendwann, als die Wohnung noch die deine war. Ob du es seltsam gefunden hättest, dass ich hier in deiner Wohnung einen Abend mit einem verbringe, der schon so lange nicht mehr bei mir ist? Ich glaube nicht. Zurück in München werde ich dein Lied vom Meer summen und so wie ein Teil von dir immer dort in den Räumen am Meer bleiben wird, schleppe ich einen anderen für wahrscheinlich immer mit mir herum. Das ist in Ordnung, denn eigentlich gefällt es mir sehr gut, dass geliebtes und gelebtes Lieben nie so ganz verschwindet. Wie hartnäckig es sich einnisten kann, sehe ich an Anna und höre einen leise murmeln, dass er doch schon längst nicht mehr hier sei. Darüber können wir nur schmunzeln, nicht wahr, Anna?

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Sie sagen, der Sommer sei vorbei

Der Sommer ist vorbei, sagen sie und blicken wehmütig aufs Meer. Schön war er, der Sommer, und heiß. Aber jetzt ist er vorbei, bekräftigen sie. Man würde es bereits spüren und den Herbst bereits in den Wolken erahnen. Für einen kurzen Moment nicke ich, bevor ich heimlich den Kopf schüttle. Nein, für mich ist der Sommer noch nicht vorbei – zwischen meinen Zehen kitzelt der Sand, das Meer ist herrlich warm und die Abendsonne ist stark genug, um mein Strandtuch in kurzer Zeit zu trocknen. Trotzdem stoße ich mit Freuden am Abend auf den zur Neige gehenden Sommer an. Schön war und ist er. Besonders schön, weil ich ein Teil von ihm sein durfte. Ein kleiner Teil des ligurischen Sommers, der spätestens in diesem Jahr zu meinem wurde. „Ciao Mitzi“ sind nur zwei Worte, aber wenn sie täglich mehrmals von verschiedenen Menschen gerufen werden, dann sind es Worte die bewusst machen, dass man an einem Ort nicht mehr länger fremd ist, weil man regelmäßig kommt und geht und trotz des Urlaubs ein bisschen in das italienische Leben von früher eintaucht. Der Sommer ist vorbei sagen meine Freunde und ich verdränge den Gedanken, dass dies auf München vermutlich wirklich zutrifft, indem ich noch einmal ins Meer springe und das Gesicht in die warmen Sonnenstrahlen halte um möglichst viel davon mit in den Herbst und den Winter zu nehmen.

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Schön war´s irgendwie doch

Stadt oder Land. Das dazwischen ist meistens Mist. Mist für mich, die mit klassischen Vororten von Städten nie warm geworden ist und sich das Leben dort beim besten Willen nicht vorstellen kann. Rund um München gibt es viele dieser schwer zu definierenden und immer etwas anonymen Vororte und fast ausnahmslos denke ich bei Besuchen daran, dass ich dort nicht leben und auf keinen Fall hinziehen möchte. Auf dem Land sieht es anders aus – das echte Land hinter den Vororten ist mir so vertraut wie die Stadt und beides kann ich mir vorstellen. Auch jenen Ort im Münchner Osten durch den ich gestern Mittag gelaufen bin. Ein kleines Dorf fast noch, dem das bäuerliche erhalten blieb und vor dessen alten und neuen Häusern in den Bauerngärten noch jene wilde Blütenpracht steht, die mich an zu Hause erinnert. Straßen mit Schlaglöchern und eine warme, gemütliche Atmosphäre – ein schöner Ort und ich verstehe, warum ihn Freunde von mir ausgesucht haben. Mir selbst ist er fremd, weil sie die ersten sind, die sich in dieser Himmelsrichtung angesiedelt haben. Die Ortsnamen beim Hinfahren kenne ich – aber nur aus den Staumeldungen im Radio. Nicht eines der Dörfer habe ich bisher besucht, weil es sich schlicht und einfach nie ergab. Stunden später schlendere ich deshalb ein wenig verloren durch die kleinen Straßen und weiche den Pfützen des Sommergewitters aus. Heimelig sehen die erleuchteten Fenster im Dunklen aus und das leise Muhen aus einem Stall verstärkt das Gefühl, in einem guten Ort zu stehen. Einem Ort dessen Anbindung an das Bahnnetz Münchens aus einem einzigen, selten fahrenden Bus besteht. Auch das kenne ich von zu Hause und empfinde es als wenig schlimm gegen halb zehn Uhr abends im Gewitter an einer verlassenen Bushaltestelle zu stehen. Auch der ältere Mann neben mir, nimmt den Regen und die sporadischen Busse als gegeben hin, grüßt bayerisch knapp und grummelig aber nicht unfreundlich. Lächeln müssen wir nicht, weil man es in solchen kleinen Orten nicht sieht – Bushaltestellen sind unbeleuchtet. Es würde sich bei den wenigen Fahrgästen wahrscheinlich einfach nicht rentieren. Wir lächeln beide, als der Bus – ohne zu halten – an uns vorbeifährt und nicken uns ein „Scheiße“ denkend zu, bevor wir die Bushaltestelle in gegensätzliche Richtungen verlassen. Ich gehe zurück zu meinen Freunden, weil der nächste und letzte Bus erst in knapp zwei Stunden fährt. Ein Kuh muht und der Ort wirkt trotz des mittlerweile kühlen Regens noch immer einladend. Doch, ja, es ist wirklich ein guter Platz um seine Kinder großzuziehen. Weiterlesen

Leider nicht meine

Die besten Geschichten schreibt das Leben. Das behaupte ich schon immer und mache es mir seit Jahren recht bequem, in dem ich einfach nur das aufschreibe und erzähle was ich selber erlebe. Ausdenken muss ich mir, dank des unerschöpflichen Archivs an Alltagsbegegnungen kaum etwas. Auch heute Abend und überhaupt seit ein paar Wochen erzählt das Leben eine ganz fantastische Geschichte. Nicht ganz so fantastisch allerdings für die direkt Beteiligten. Für die es doch ein wenig anstrengend, da sie sich in einer Geschichte befinden deren Ende noch in den Sternen steht. Die Protagonisten durchleben derzeit ein Wechselbad der Gefühle und erfreuen sich an ihren Emotionen, die gleich einem Pendel zwischen hoch erfreutem Kribbeln und zu tiefst verstörenden Unverständnis – das andere Geschlecht betreffend – schwanken. Leider neigen emotionale Pendel dazu, den Ruhepunkt der gefühlsmäßigen Ausgeglichenheit schlicht und einfach zu überspringen. Phasen der Erholung gibt es in der Regel nicht. Phasen der emotionalen Erholung. Selbst ich, als unbeteiligter Beobachterin und hochinteressierte Zuhörerin, befinde mich in einem Zustand ständiger Anspannung und kann es kaum erwarten bis das nächste Kapitel aufgeschlagen wird. Zweifelsfrei ist es also wirklich so, dass das Leben die aller besten Geschichten schreibt. In diesem Fall, ist es nur leider nicht mein Leben und es verbietet sich mir, Ihnen diese Geschichte zu erzählen. Sie gehört mir nicht. Leider. Oder vielleicht auch zum Glück. Das Ende ist ja noch offen. Obwohl, genau das ist doch eigentlich das schöne an diesen Erzählungen. Die Phase, in der man nicht weiß was daraus wird, aber noch voller Hoffnung ist und sich voll und ganz auf das herrliche Kribbeln konzentrieren kann. Sie wissen schon, dieses ganz besondere Kribbeln, das nur dann zustande kommt, wenn ein bisschen Unsicherheit darin mitschwingt.

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Und wenn die Welt untergeht!

Ohne die verdammte Pandemie würde ich jetzt am Meer sitzen. Nein, stehen – in Cogoleto regnet es gerade. Das wäre mir sehr wahrscheinlich aber völlig egal. Nachdem ich die Fahrt fünf Mal verschieben musste, wäre mir heute alles egal, weil ich endlich wieder am Meer stehen würde. Gegen elf Uhr wäre ich angekommen und hätte bis jetzt mindesten schon fünf Kaffee getrunken und wäre vier Kilometer am Strand bis Arenzano entlang gelaufen. Bei jedem einzelnen Kaffee hätte ich eine SMS an meinen Freund geschrieben und gefragt wie lange er noch arbeiten muss und ihn gleichzeitig gebeten langsam zu fahren, weil die Straßen nass und glitschig sind. Ich hätte ihn tierisch genervt und Ausschau nach Menschen gehalten, die ich bereits kenne. Wäre mir wider Erwarten doch langweilig geworden, wäre ich in jene Metzgerei gegangen in der ich vorletztes Jahr wie eine Idiotin gehackten Hund bestellt habe. Irgendwann muss ich dort noch klarstellen, dass ich diese zwei Worte – Fleisch und Hund – seit zwanzig Jahren verwechsle und das nichts mit einen Italienischkenntnissen zu tun hat. Vielleicht hätte ich heute die Chance und das schlechte Wetter genutzt. Stattdessen sitze ich auf meinem Balkon in der Sonne, überlege schon wieder ob der Hund nun Carne oder Cane ist und habe meinen Besuch wieder verschieben müssen. Das erste Mal ist es mir egal. Es ist egal, weil ich in sechs Wochen in Italien sein werde. Und wenn wir dann mitten in der vierten Welle stecken, ist mir auch das egal – in sechs Wochen bin ich unten. Und wenn die Welt untergeht, ich fahre! Weiterlesen

Vom Entkalken und Abbrennen von Streichhölzern oder 2021

Alles gut bei ihm, schreibt er. Er würde den Abend zum Entkalken des Toiletten-Spülkasten nutzen. Was man an einem Abend im Jahr 2020 eben so machen würde. Der trockene Humor des besten meiner Freunde bringt mich zum Lächeln und die Gewissheit, dass er nicht scherzt, sondern den Silvesterabend tatsächlich mit dieser profanen Tätigkeit zu verbringen gedenkt, vertreibt ein wenig meine schlechte Laune. Eigentlich sollte er gerade hinter mir in meiner kleinen Küche stehen und den Wein entkorken, während ich das Auberginencurry abschmecke und später mit mir auf dem Sofa lümmelnd in das neue Jahr gleiten. Noch eigentlicher sollte er den Wein entkorken und sich um das Curry, das ich zu kochen versprochen hatte kümmern, während ich im Bad stehe und mich wie jedes Jahr viel zu spät fertig mache, damit wir einer jahrzehntelanger Tradition folgend um Mitternacht weiteren Freunden in die Arme fallen und mit Anlauf in das neue Jahr springen. Dieses Jahr also ein Toiletten-Spülkasten. So viel Rationalität passt zu ihm und auch zu den letzten  Stunden eines Jahres in dem einem das eigene Handy mitteilt, dass auch eine zweite Person vielleicht noch zu viel an Gesellschaft ist.  Weiterlesen