Wälzen Sie sich im Dreck!

Heute ist Sonntag.
Heute Nacht ist der erste Schnee gefallen.
Ich erzähle es Ihnen, falls er sich nicht hält und weggeschmolzen ist, bevor Sie aufwachen.

Der erste Schnee eines Jahres kann nur einmal fallen. Schneit es weiter, wird man morgen schon nicht mehr vom ersten Schnee sprechen. Umso schöner ist es, dass die Flocken von Samstag auf Sonntag gefallen sind. Nach Schneefallnächten von alleine aufzuwachen ist ein großes Glück. Ohne das penetrante Scheppern, das immer ein Stück weit vorwurfsvoll klingt, rutscht man langsamer in den Tag. So richtig schön, ist das Aufwachen für mich eigentlich nur am Sonntag. An Samstagen übernimmt mein Kopf ungebeten die Aufgabe des Weckers.  Er hat sich in der Nacht schon darauf vorbereitet mich direkt nach dem Aufwachen an die Wochenendwäsche zu erinnern. Nun ist die Wäsche die gewaschen werden will, nicht wirklich wichtig. Wie ich kürzlich feststellte, besitze ich so viel Kleidung, dass ich mehrere Wochen am Stück überhaupt nicht waschen müsste. Trotzdem fordern Kopf und Gewohnheit, dass ich jeden Samstag in die Waschküche renne. Oder das Bad putze. Und wenn ich ihn ausgetrickst habe, den Kopf, und schon Freitags gewaschen habe, dann fällt ihm etwas anderes ein, was dringend erledigt werden möchte.

Sonntags nie. Sonntags sind sich Körper und Geist ausnahmsweise einig. Da schlendern wir ohne Pläne und Verpflichtungen durch den Tag und rutschen ganz langsam in ihn hinein. Noch im Halbschlaf habe ich gehört, dass Schnee gefallen ist. Dank des immer gekippten Fensters und schöner, aber zur richtigen Verdunklung sinnloser Vorhänge, bekomme ich das Wetter schon beim Aufwachen mit. Ein Zentimeter Schnee reicht um die Geräusche der Stadt leiser werden zu lassen. Die kleine weiße Schicht stemmt sich tapfer allen hässlichen Stadtgeräuschen entgegen. Wie sie es schafft, dass selbst das Hupen eines Autos oder die keifende Stimme meiner Nachbarin sanfter klingen, weiß ich nicht. Aber es ist so. Ich höre den Schnee schon bei geschlossenen Augen und wenig später rieche ich ihn auch. Die Stadt riecht dann….an dieser Stelle muss auf eigene Erfahrungen zurück gegriffen werden. Ich versuchte eine ganze Kaffeetassen-Länge lang nach einem Vergleich und bin gescheitert. Am ehesten vielleicht nach frisch gewaschener Wäsche, nur ohne den Duft von Waschmittel und Weichspüler. Schnee riecht wie er sich anhört.

Früher hat es mich nicht gehalten. Sofort musste ich raus in den Schnee. Es gibt alte Fotos auf denen ich mich vierjährig und glücklich in einem Häufchen Dreck  (ein Zentimeter Schnee verwandelt sich unter dem Körper eines Kind unglaublich schnell in nassen Schmutz) wälze, während mein Vater verschlafen und nur verholen missmutig Lächelnd daneben steht. Eben rief er an um zu fragen ob es auch bei mir geschneit hat. Ich vermute er ist heilfroh, dass er seit einigen Jahrzehnten nicht mehr vor dem ersten Kaffee mit mir nach draußen muss. Dass er keinen Hund hat, obwohl er nun Zeit hätte, könnte auch daran liegen, dass seine Tochter ihn jahrelang schon morgens mit unangenehm guter Laune am langsamen Aufwachen gehindert hat. Ein ins Bett springender Bernhardiner dürfte ähnlich dezent sein, wie ich es gewesen war.

Heute wälze ich mich nicht mehr im Dreck und springe nur noch sehr selten mit Anlauf in  Betten, in denen noch geschlafen wird. Wie Sie sehen, überlasse ich es ganz alleine Ihnen selbst ob und wann Sie über den ersten Neuschnee lesen. Während Sie noch schlafen, sitze ich mit einer großen Tasse Milchkaffee am Fenster und freue mich still am ersten Schnee. Alles was den täglichen Schmutz verdeckt ist mir willkommen. Im Laufe des Tages wird es von alleine wieder lauter und dreckiger. Aber jetzt noch nicht. Genießen Sie den ersten Schnee, wenn er auch bei Ihnen gefallen ist. Und wenn Sie das Bedürfnis verspüren, sich im Dreck zu wälzen, tun Sie das ruhig.  Vielleicht begegnen Sie mir dann doch noch.

 

46 Gedanken zu “Wälzen Sie sich im Dreck!

  1. und ich blicke durch die seitlichen Schlitze, welche die schwarzen Rollos offen lassen, auf einen wohl kalten Novembersonntag. Der blaue Himmel ist mit dem für diese Stadt typischen Dunst zart verschleiert. Schnee wird es noch lange keinen geben, auch typisch für diese Stadt und typisch für mich, dass ich nicht weiß, wie ich diese Rollos hoch kriege. Blöd nicht?

    Deine Geschichte mag ich wieder einmal sehr, die Atmosphäre am Morgen des ersten Schnees erscheint mir sehr vertraut. Auch ich war als Kind dann nicht mehr in der Wohnung zu halten und träume heute gerne mit einer Tasse Kaffee vorm Fenster 😉

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  2. Liebe Mitzi,
    Das Drückt genau das aus, was hier oben soweit nördlich auch grad „los“ ist…draußen und in mir 😉 …schön, dass Du das aufgeschrieben bekommen hast, …mein Tee ist längst leer, aber die Freude und die Erinnerungen ebben nur langsam ab, während der Schnee unbeeindruckt weiter fällt…aber so gar nichts liegen bleibt …kann mich nicht losreißen, von meinem Fenster 😉
    Liebe verschneite Sonntagsgrüsse

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  3. Hallo Mitzi, bei uns ist letzte Nacht auch der erste Schnee gefallen. Die Sonne war bei meinem ersten Gassigang auch da. Leider ist es nicht kalt genug. Daher ist nur noch etwas Schnee auf den Autos und den Dächern. Der Rest ist schon geschmolzen.
    Deine Erinnerungen an deine Kindheit sind wunderschön. Ich habe dann auch immer gleich draußen versucht im Schnee etwas zu bauen und zu spielen. Habe Schnee-Eiskrem gegessen oder die Schneeflocken direkt mit meiner Zunge gefangen.
    Ich wünsche dir einen wunderschönen Sonntag. GGLG Odie

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      1. Ja das stimmt. Mein liebstes Spiel war immer Herrchen hat ein Loch in den Schnee gemacht und meinen Ball darin versteckt. Ich war immer so schlecht im Wiederfinden, dass ich den Ball schon längst hinter mir ausgebuddelt habe und es aber nicht gemerkt habe. Dann haben Frauchen und Herrchen immer gelacht und mir gezeigt wo der Ball ist. In Wahrheit wusste ich wo der Ball war, ich wollte nur so tun damit sich meine Zweibeiner freuen. Hatte immer alles unter Kontrolle. Ja und Kinder sind da genauso. Die meisten Erwachsenen vergessen immer wie viel Spass man im Schnee haben kann. GLG Odie

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  4. Leider ist es bei uns noch zu warm für Schnee, aber irgendwann wird es auch in der südlichen Steiermark soweit sein und bei uns, außerhalb von Graz, am Land. Dann legt sich auch bei uns die Stille über den Wald, man hört nicht einmal einen Flügelschlag eines Vogels. Ich wünsche mir auch, dass es dann Sonntag ist, und dann werde ich auch noch vor dem ersten Kaffee hinausgehen und den Flocken das Gesicht entgegen halten, bis sie mir in den Wimpern hängen und auf der Nase schmelzen.
    Danke dafür, das ich mich jetzt auf den Schnee freue.

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      1. Danke 😀. Ja, es ist sehr schön hier im grünen Herzen Österreichs und ich war glatt ein bisschen neidisch, dass es kein einziges Flöckchen hier gegeben hat ❄️❄️❄️❄️❄️❄️❄️❄️🌨🌨🌨❄️❄️

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  5. Ein wunderbar eingefangenes Stimmungsbild, liebe Mitzi. Es gibt mir eine Vorrahnung auf den ersten Schnee am Morgen. Dass der Schnee die Geräusche einer Stadt dämpft und dass „Schnee riecht wie er sich anhört“ Hier hat es erst am Abend reichlich nassen Schnee gegeben, der leider schon fast wieder getaut ist. Hier ein Gedicht von mir für dich zum Thema:

    Schlechter Witz über weißes Zeug

    Auf allem lastet dicke Schicht;
    Was mag das sein? Man weiß es nicht.
    Vermutlich wurden über Nacht,
    Rasierschaumdosen leer gemacht.

    Und ist erst alles eingeschmiert,
    Dann wird das ganze Land rasiert.
    Sein Zustand macht die Götter krank,
    Drum hobeln sie den Erdball blank.

    Entschuldigung, hab’ Spaß gemacht
    Und hoffe sehr, dass einer lacht.
    Man trinke ruhig einen Tee,
    Das weiße Zeug, das ist nur Schnee.

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  6. Der erste Schnee ist bei uns längst geschmolzen, aber frostig ist es immer noch. Die Dächer draußen sehen aus als hätte man sie mit Puderzucker bestäubt und erinnern mich ein bisschen an Lebkuchenhäuschen, auch Sträucher und Bäume sind dick mit Raureif überzogen, finde ich genauso schön Schnee.

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  7. von allen jahreszeiten und möglichen wetterbedingungen ist der erste schnee die schönste. am liebsten wenn es dunkel ist. ich liebe es auch, wie schon die dünnste schicht weißer kristalle die stadt so still und langsam macht.

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