Mach´s gut

Irgendwer sagte einmal, dass keiner wirklich weg ist, solange es Menschen gibt, die an ihn denken. Ob es auch auf jene zutrifft, die nie wirklich da waren, weiß ich nicht.

In meiner Schublade liegt ein kleines, von meiner Mutter gehäkeltes Jäckchen. Generationen meiner Stoffbären haben es getragen, nur nie das kleine Kerlchen für das es gemacht wurde. Sternenkinder nennen sie manche. Bei uns hat er einen Namen. Er wird nicht mehr oft ausgesprochen, wurde es nie, weil wir ihn nie kennen gelernt haben. Aber das kleine Jäckchen, das bleibt und ich mag es. Es macht mich nicht traurig, weil es mir schwer fällt etwas zu vermissen, dass ich nicht kannte. Und doch, ab und zu und ausnahmslos immer am 11. August, denke ich an ihn. An meinen kleinen Bruder, den ich wirklich gut hätte brauchen können. Gerne hätte ich es ihm überlassen, der jüngste in dieser großen Familie zu sein. Wahrscheinlich auch der Größere von uns beiden, was bei meinen Kinderzimmerregalen durchaus von Vorteil gewesen wäre. Überhaupt hätte man sich gut brauchen können. Als jüngste zieht man viel zu oft die volle Aufmerksamkeit der Eltern auf sich. Ein wenig mehr Ablenkung und geteilter Ärger wäre schön gewesen. Wir hätten uns sicher auch ganz wunderbar gestritten. Mit einer großen Schwester wie mir, hätte er gelernt sich durchzusetzen und wäre auf geballten weiblichen Wahnsinn ganz famos vorbereitet gewesen. Und heute, heute würden wir, an seinem Geburtstag vielleicht zusammen in der Sonne sitzen und uns fragen wie wir in so kurzer Zeit, so alt werden konnten.  Weiterlesen

Alltag VIII – einmal noch

Obwohl die Sonne in diesem Frühjahr noch nicht oft schien, reichten ihre Strahlen, um die Haut der Unterarme deines Bruders zu bräunen. Eine Bräune, die ich am Ende des Hochsommers nicht erreiche und die in deiner Familie noch fast als blass gilt. Man sollte einem Menschen ins Gesicht sehen, wenn man sich mit ihm unterhält. Ich blicke auf einen Unterarm und halte mich an feinen, hellbraunen Härchen fest. Ab Juli sind sie blond und kurz nach Weihnachten dunkelbraun. Obwohl ich diese Härchen, diese Haut und diesen Menschen kaum kenne, weiß ich, dass es bei ihm nicht anders ist als bei dir. Ihr seht Euch ähnlich. Viel zu ähnlich für zwei Männer von denen einer viel später als der andere geboren wurde. Es irritiert mich, obwohl es mich nicht wundern sollte. Deine Uhr ist stehen geblieben, die seine nicht. Jetzt seid ihr etwa gleich alt und die Familienähnlichkeit ist unverkennbar. Es tue ihm leid, sagt er verlegen lächelnd und macht es nicht besser, weil sein Lächeln fremd und doch vertraut ist. Es tue ihm wirklich leid, wiederholt er und ich muss ihm in die Augen sehen, weil man das tut, wenn einer höflich um Entschuldigung bittet. Seine Augen sind braun und ich bin erleichtert. Braun und nicht grün, das ist gut. Seinem Schneidezahn fehlt ein winziges Stück, das du hattest und über seiner Augenbraue fehlt die kleine Narbe. Gleicher Schlag, das ja, aber doch ganz anders. Blödsinn, sage ich und schüttle den Kopf, weil es albern ist sich zu entschuldigen, nur weil man jemanden ähnlich sieht. Weiterlesen

Mama sagt NEIN

Meine Mutter hat mir explizit verboten über sie zu schreiben. Sie hätte ich rauszulassen und sie würde ganz sicher nicht zum Thema irgendeiner meiner Erzählungen werden. Keine Bitte, eine Feststellung. Mein Vater hat das nicht. Vermutlich weil er lange Zeit von der Existenz meiner Homepage nichts mitbekam und es schlicht und einfach versäumt hatte, auf seine Persönlichkeitsrechte zu pochen. So wie meine Nachbarn, meine Bekannten und meine Freunde auch. Jetzt ist es zu spät und meine Mutter kann sich über ihre Weitsicht freuen. Von ihr findet sich nichts im Internet. Ok, sie hat sich vor Jahren versehentlich (fragen Sie nicht) bei Facebook angemeldet, aber auch dort kann man nichts über sie finden. Ihre Privatsphäre ist ihr wichtig und Dinge die ihr wichtig sind, die behütet und beschützt sie. Mich zum Beispiel. Weiterlesen

Dachschaden aber überlebensfähig

Früher sagte meine Mutter, wenn sie sich über mich ärgerte, dass sie mir einmal eine Tochter wünschen würde, die genau wie ich ist. Dann würde ich sehen, wie anstrengend und nervenaufreibend das bzw. ich doch gewesen sei. Da ich ihr den Wunsch bis heute nicht erfüllt habe, höre ich den Satz kaum noch. Ich dagegen weise sie noch immer mit großer Freude auf missratene Töchter in Funk und Fernsehen hin und werde nicht müde zu betonen, dass ich vielleicht ein wenig anstrengend bin und manchmal an den Nerven meiner Erzeuger zerrte, alles in allem aber ein echter Glücksgriff bin. Seit die Zeit, die ich nicht mehr zu Hause wohne, die Tage, die wir unter einem Dach verbracht haben, deutlich übersteigt, sieht meine Mutter das ähnlich. Ich würde ihr wirklich gerne sagen, dass auch ich mittlerweile der Meinung bin, dass ich ein anstrengendes Kind war, aber das kann ich nicht. Es wäre gelogen. Ich bin ein Kind der späten Siebziger Jahre und hatte einen ganz gewöhnlichen und  durchschnittlichen Dachschaden. Hatten wir alle. Heute wäre ich anstrengend, aber damals, da war ich die Norm. Weiterlesen

Fernruf

Das Schild muss alt sein. Älter als 26 Jahre ganz sicher, denn die Adresse ist noch mit „8000 München 40“ angegeben und an diese Postleitzahl erinnert sich nur der, der 1993 schon Briefe verschickt und die Umstellung auf die fünfstelligen Ortszahlen miterlebt hat. Wahrscheinlich ist das Schild aber um einiges älter. Der Firmeninhaber wäre ja blöd, wenn er ein Metallschilder für die Ewigkeit angebracht hätte, und schon ahnen konnte, dass die Adresse so bald nicht mehr stimmt. Es muss auch älter sein, weil anstelle des Telefons, der Fernruf angegeben ist. Natürlich weiß ich, dass das eine den anderen sprachlich nur abgelöst hat, aber fremd klingt es dennoch. Wann, frage ich deshalb den, der es wissen muss. Mitte der Achtziger sagt er schmunzelnd und sofort habe ich den Geruch derer, die das Schild abgebracht haben, in der Nase. Mitte der Achziger roch ich ihn jeden Abend und mag ihn noch heute. Metallspäne riechen fein und vermischen sie sich mit schwerem Baumwollstoff und einer grobkörnigen Handwaschpaste, dann riechen sie nach Kindheit und Heimat. Auch wenn schon damals niemand mehr von Fernrufnummern sprach. Von der Firma Niedermaier schon. Und das auch heute noch. 

Es ist so gut wie unmöglich mit meinem Vater durch München zu gehen, ohne an einem Ladenlokal vorbei zu kommen, in dem er im Laufe seines Lebens gearbeitet hat. Nicht nur München – ganz Bayern ist übersät mit den Stationen seiner beruflichen Laufbahn. Ein Schlosser auf Montage kommt rum und die Tochter freut es. Ich gehöre zu jenen Töchtern, die unglaublich stolz auf ihren Vater sind (am Rande…auf meine großartige Mami auch. Aber sie mag es nicht, wenn ich über sie schreibe und ich versuche mich weitestgehend daran zu halten). Das war ich schon immer. Penetrant stolz. Als Grundschülerin erzählte ich jedem, dass mein Vater für die Scheiben des Affenhauses verantwortlich war. Das war er wirklich, denn im Auftrag der kleinen Firma für die er arbeitete, hatte er die Metallrahmen eingesetzt. Und wann immer ich mit Freunden, Verwandten und Schulkameraden die Gorillas und Schimpansen besuchte, wies ich auf die Scheiben meines Vaters hin. Ich mache das immer noch, nur belasse ich es heute bei den Metallrahmen – früher erzählte ich noch eine hochdramatische Geschichte über einen mutigen, zufällig mit mir verwandten Schlosser und einen wilden Gorilla. Möglich, dass die sich nicht ganz so zugetragen hat. Vielleicht auch nicht einmal annähernd, aber die Rahmen, die waren von ihm und die waren toll. Die Rahmen an sich sind es gar nicht. Auch nicht die Schlösser, die Geländer und die Beschläge. Es sind die kleinen Geschichten, die hinter ihnen verborgen liegen und die ich noch immer unheimlich gerne höre, wenn ich mit meinem Vater durch die Stadt laufe. Er braucht keinen wilden Gorilla zu erfinden, um mein Interesse zu wecken. Mir reicht es, die Stadt durch seine Arbeitsstätten besser kennen zu lernen und freue mich mit ihm, wenn es einige der kleinen Einzelhandelsgeschäfte oder auch das Kino am Sendlinger Tor (klar, da hat er auch gearbeitet. Ich sag doch….Papa war überall und kennt alles) bis ins Heute geschafft haben. 

Ich würde Ihnen gerne erzählen was er wo gemacht hat, traue mich aber nicht, denn wenn einer von Ihnen Ahnung vom Handwerk hat oder mein Vater diesen Artikel liest, dann kommt schnell raus, dass ich allen Erzählungen zum Trotz keine Ahnung vom Metallbau habe. Gerne würde ich Ihnen auch all die Anekdoten erzählen, von denen meine Vater beim Spazieren durch die Stadt berichtet, aber auch hier scheitere ich. Er kann es so viel besser und täte ich es, wäre es doch nur ein müder Abklatsch. Damit Sie aber auch ein wenig vom besten Schlosser Münchens profitieren, ein kleiner Tipp. Bei vielen Wohnungstüren ist es besser den Schlüssel nur einmal rum zu drehen. Der Zylinder schiebt sich beim zweiten Drehen zwar tiefer in den Türrahmen, ein Großteil der Schlösser verliert dabei aber an Stabilität. Klingt logisch, oder? Sie sollten aber vorsichtshalber im Kleingedrucken Ihrer Hausrat-Versicherung nachlesen, ob der Vertragspartner das auch so sieht. Aber selbst wenn, wenn Sie mich fragen, dann hat ein Schlosser deutlich mehr Ahnung, als ein Versicherungskaufmann. Dennoch….ich will ja nicht schuld sein und vielleicht gibt es Ausnahmeschlösser bei denen das nicht so ist. Wenn Sie in München wohnen, können Sie mir auch einfach Ihre Adresse mailen und ich frag nach – via Fernruf. Mein Vater kennt Ihren Wohnblock und dessen Schlösser ganz bestimmt. 

Viele Grüße von Mitzi (8000 München 90 / Fernruf auf Anfrage)

 

Um 06:05 Uhr – große Ferien

Grausam früh klingelt dieser Tage mein Wecker. So früh, dass mich noch keine Sonnenstrahlen wecken und ich den Kaffee in der Küche unter dem sanften Licht der Dunstabzugshaube zubereiten muss. Um kurz nach fünf bin ich zu müde für das grelle Deckenlicht und mache alles im Halbdunkel. Wenn ich noch schnell die Blumen auf dem Balkon gieße, erinnert mich die Dämmerung daran, dass der Herbst bereits vor der Türe steht. So war es in den großen Ferien immer. Uns Münchner Kinder hat man solange ich denken kann, stets erst mit dem August entlassen. Wenn endlich die freie Zeit begann, hatten wir den Sommer im Nacken und rannten mit bereits gebräunten Armen und Beinen und mit neuen Sommersprossen auf den Nasenspitzen in die endlos erscheinende Freiheit. Kaum waren die ersten Wochen vorbei, begann es bereits nach dem Herbst zu riechen. Wir rochen nichts, weil unsere Nasen vom vielen Chlor in den Freibädern, abgestumpft und verstopft waren. Aber unsere Mütter, die hörten wir sagen, dass man das Ende des Sommers bereits riechen konnte. Sie zeigten uns die ersten welken Blätter der Kastanien und sprachen von kürzer werdenden Tagen. Wir merkten davon nichts. Wer den ganzen Tag draußen verbrachte und um acht Uhr abends ins Bett geschickt wurde, der bemerkte das früher Dämmerlicht nicht. Es hätte uns auch nicht interessiert – wir befanden uns in den großen Ferien und unsere Körper waren bis unter die Haarspitzen voll mit Sommer.

Heute rieche ich es. Ich rieche den Herbst und sehe die Blätter, die noch grün und saftig sind, sich aber schon bereit machen, zu welken. Besonders früh morgens an der Tankstelle an der ich im Stehen einen Espresso trinke, um den Arbeitsbeginn noch ein klein wenig hinauszuzögern, so wie ich früher einmal um das Schulgebäude herum gelaufen bin, bevor ich mich schweren Herzens hinein begeben habe. Immer die Letzte vor dem Achtuhr-Läuten, bin ich heute im Büro die Erste. Ich mag die Ruhe des Morgens und ich stelle fest, dass ich seit einigen Tagen nach dem Sechs-Uhr-Morgens-Tankstellengeruch süchtig geworden bin. An jedem einzelnen Tag möchte ich, dem mutigsten meiner Freunde schreiben, dass es jetzt in diesem Moment so sehr nach Italien riecht, dass ich mich ganz seltsam fühle. Ich tue es nicht. Ich würde ihn wecken und ich weiß nicht ob er sich noch an den Geruch nach Italien erinnert und begreifen würde wovon ich spreche. Er lebt schon so lange in Italien, dass er womöglich vergessen hat, wie das deutsche Italien riecht. Es würde mir schwer fallen, es ihm zu erklären. Es riecht nach den großen Ferien, die wir nie Sommer-, sondern immer nur die großen Ferien genannt haben. Es riecht nach Spätsommer. Spätsommer, morgens um sechs Uhr, wenn die Luft noch kühl ist, man die Hitze, die der Tag mit sich bringt, aber schon erahnen kann. Ein Hauch, bereits welker Blätter und Gras, das vom Sommer schon erschöpft und nicht mehr saftig ist. Und – das ist das wichtigste, würde ich ihm erklären – man riecht es nur an einer Tankstelle. Das deutsche Italien riecht nach Benzin mit einer feinen, kaum wahrnehmbaren Kaffeenote. Kein guter Kaffee – Tankstellenkaffee.

So riecht es, weil es der Geruch unserer Kindheit ist. Wir alle sind in den großen Ferien zu nachtschlafender Zeit von unseren Eltern halb getragen, halb geschoben in ein bis unter das Dach vollgepacktes Auto gesetzt worden und mit ihnen gemeinsam in Richtung Süden aufgebrochen. Die erste Pause, meist wurden wir dann erst richtig wach, fand gegen sechs Uhr morgens statt. Übermüdete Väter, verschlafene Mütter und Kinder die an einer Tankstelle aus dem Auto krochen. Und dann, dann roch es eben genau so. Dann roch es nach Italien. Selbst wenn wir, wegen eines Staus noch in Österreich waren oder unser Ziel nicht Italien sondern Jugoslawien (damals noch ein Land) oder gar Griechenland war. Ich erinnere mich, dass meine Mutter spätestens bei der zweiten Pause behauptete, bereits das Meer riechen zu können. Vielleicht, würde es für sie um sechs Uhr morgens an meiner Tankstelle auch nach Meer riechen. Das könnte gut sein, weil Gerüche so subjektiv empfunden werden, wie Erinnerungen.

Bei Gelegenheit werde ich den mutigsten meiner Freunde fragen ob er weiß, was ich meine. Ich denke, er kennt den Geruch noch. Schließlich hat er ihn mit mir gemeinsam auch einige Male gerochen und wir waren in diesen Momenten genauso aufgeregt, zappelig und ungeduldig wie Achtjährige gewesen. Mit ihm roch ich den Duft der großen Ferien auf dem Weg nach Elba. Auch an einer Tankstelle unterhalb von Rom und auf dem Heimweg von Salerno. Morgen früh vielleicht, werde ich ihn fragen. Wenn er sich nicht erinnert, dann werde ich ihm sagen, dass er unbedingt nach München kommen muss. Ein Tag reicht – wichtig ist nur, dass die Sonne scheint und der Tag heiß wird. Das sollte er unbedingt, denn morgens um sechs im August an einer Tankstelle, da riecht es so sehr nach den großen Ferien, dass man heulen könnte vor tief empfundenen Glück. Ganz so wie damals, als endlich die Tore der Schule aufgingen und man raus konnte. Raus in einen endlosen Sommer.

Man darf nur nicht daran denken, dass man eigentlich ins Büro muss. Ich gebe mir noch drei Tage an der Tankstelle. Dann bin ich soweit und fahre nicht in die Arbeit sondern direkt weiter auf die Autobahn, über den Brenner und nach Italien. Oder Kroatien. Vielleicht auch nach Griechenland. Es könnte mir niemand verübeln – es ist August, da hat man große Ferien.

Ein Schatz

Meine Großmütter haben mir in meiner Kindheit viel erzählt. Geschichten um Geschichten aus dem Fundus ihrer Erinnerungen. Keine von beiden dachte sich je etwas aus oder las mir ein Märchen vor.  Die Erzählungen meiner Großmütter bestanden ausschließlich aus ihren Erinnerungen. Beide berichteten am liebsten von ihren großen Lieben. So weiß ich, dass der Martl, der Martin, die erste große Liebe meiner Großmutter mütterlicherseits war. Sie hat uns Kinder oft von ihm erzählt. Ich kann mich an ihre leuchtenden Augen und das warme Lächeln erinnern, wenn sie von ihm berichtete und erzählte wie schwer es mit einem ledigen Kind war. Er ist ihr weggestorben noch bevor sie ihn heiraten konnte, auch das wusste ich, und dass sie ihn nie vergessen konnte, war mir leicht zu verstehen. Die erste Liebe bleibt immer eine ganz besondere. Sie hat uns so oft von ihm erzählt und doch nicht alles. Oder ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. Seltsamer Weise verschwinden die Details bei Erzählungen, die man besonders oft hört, am leichtesten. Gestern Abend hat sie es mir noch einmal erzählt. Ganz in Ruhe und ganz ausführlich. Hat erzählt und sich erinnert: Weiterlesen