12 Monate Rosen und Schornsteine – November

Die ersten Schneeflocken fallen. Als ich nach Hause ging, waren es noch ganz wenige. Als ich das Foto schoss noch gar keine und jetzt schneit es vor meinem Fenster dicke Flocken. Munter wirbeln sie im Wind und die ersten, ganz mutigen, bleiben bereits auf den Holzfließen meines Balkons liegen. Ich hätte sie gerne auf dem Bild eingefangen, aber der Schnee kommt ja nur selten, wenn man auf ihn wartet.

Ich frage mich, ob sie frieren. Die beiden zankenden Jungen, die im Rosengarten für alle Ewigkeit mitten in der Bewegung in Stein gefangen sind. Sie tragen ja kaum etwas am Leibe und jetzt wo der Schnee fällt, ist es bitter kalt. Auch die Liebenden müssen jetzt tapfer sein und ihre Körper aus Stein mit warmen, ja feurig lodernden Gedanken wärmen. Ob sie frieren, das fragen ich mich auch immer, wenn Beerdigungen im Winter stattfinden. Ein dummer Gedanke, aber er kommt mir ein ums andere Mal. Die Erde ist doch viel zu kalt um sich darin schlafen zu legen. Ihr beide wurdet nicht in kalte Erde gelegt. Ich weiß nicht wo ihr seid, aber dass ihr nicht in kalter Erde liegen werdet wusste ich. Es ist gut, dass es nicht so ist. So muss ich mir nicht vorstellen, dass eure Körper kalt sind und ihr den Schnee weniger freudig willkommen heißt als ich. So können wir uns gemeinsam über die Flocken freuen.

Sie frieren nicht, höre ich dich sagen, als ich vor den beiden Jungen stehe und sie das erste Mal nach all den Monaten fotografiere. Sie würden sich doch bewegen, ob ich das nicht sehen würde. Und das kein Junge friert, der sich balgt, zankt und rauft. Schau genau hin, bittest du mich und obwohl ich es nicht sehe, will ich dir glauben, dass hinter dem eingefrorenen Moment Bewegung und Leben ist. Dein Großvater hat es dir erzählt. Du musstest ihm als kleines Kind versprechen, dass du das Geheimnis für dich behältst und es niemanden verrätst. Mir hast du es dennoch verraten. An einem Tag, an dem Schnee fiel und ich mich sorgte, ob die hübschen Figuren im Rosengarten nicht arg zittern und frieren müssten. Sie frieren nicht, sagtest du auch damals. Sie würden sich bewegen, die Statuen. Alle. Nächtens, wenn keiner hinsah, würden sie von ihren Sockeln springen und sich recken und strecken und die Wärme des Mondlichts speichern. Die Geschichte deines Großvaters war kein großes Geheimnis. In vielen Büchern kann man ähnliche lesen und vielen Kindern erzählt man es. Im Schutze der Nacht wird manches lebendig, was tagsüber leblos und starr erscheint. Ich selbst glaubte, meine Stofftiere würden, kaum war ich eingeschlafen, munter durch mein Kinderzimmer streifen und ab und zu sogar einen Ausflug nach draußen wagen.

Ich weiß noch, dass du todernst genickt hast. Ja, die auch. Auch die Stofftiere. So ernst sagtest du es, dass ich lachend den Kopf schüttelte und dich darauf hinwies, dass wir mindestens zwanzig Jahre zu alt waren, um daran zu glauben. Du würdest es beweisen, hast du behauptet, bist aufgestanden und hast mir ruhig die Hand hingehalten. Wir würden jetzt einen leeren Sockel suchen. Dass wir keinen fanden, obwohl es längst dunkel war, läge an den vielen Menschen in der Stadt. Du hast behauptet, dass man Ruhe und Stille bräuchte um das so offensichtliche zu sehen. Eine Woche später hast du erklärt, du hättest es überprüft und es sei alles wahr. Du wärst mitten in der Nacht über den Zaun des Rosengartens geklettert und….die Sockel waren leer. Die zankenden Jungen, die Liebenden und selbst der säugende Wolf – sie alle waren weg gewesen. Ich musste dir glauben. Warum auch nicht.

Sorgen Sie sich nicht um die Figuren im Rosengarten. Die Kälte und der Schnee machen ihnen nichts aus. Nachts werden sie lebendig und laufen, springen und tanzen durch den Garten. So munter, dass ihnen gar nicht kalt werden kann. Woher ich das weiß? Ich habe es überprüft. Bin nächtens über den Zaun geklettert, habe die leeren Sockel gesehen und sie beim Tanzen und Toben beobachtete. Auch die heimlichen Küsse der Liebenden sah ich. Wenn Sie mir nicht glauben, schauen Sie selbst nach. Der Zaun ist nicht allzu hoch.

 

 

November

 

Oktober

September


August

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Juli

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Juni

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Mai

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April

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März
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Februar
img_3596Das Zeilenende schrieb im Februar auf seinem Blog: „Zwölf Monate lang begleite ich ein Motiv. Es springt einmal im Monat vor die Kamera und lässt den Augenblick für die Ewigkeit gefrieren. Am letzten Sonntag im Monat werfe ich einen Blick auf das Bild: Was hat sich verändert, was bleibt gleich?“ und lädt zum  mitmachen ein. 

Ich schulde einem, der es selbst nicht mehr sehen kann, die Fortsetzung einer Momentaufnahme

Weiter Teilnehmer sind bei Zeilenende aufgelistet. Alles was ich bisher gesehen habe ist sehens-, lesens- und sogar hörenswert dank eingefügter Klangbilder.

Schwindliger Beton

Immer wenn es regnet denke ich an den Innenhof des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin. Tief im Magen spüre ich dann das schlechte Gewissen des Vorschulmädchens, von dem ein kleiner Teil nie ganz erwachsen wurde. Der winzige Rest einer Vierjährigen hat noch heute ein schlechtes Gewissen. Sehr selten, wenn es nach dem Regen, sehr heiß wird, träume ich dann, dass ich wieder ein kleines Mädchen bin. Eines, das mit seinen Stofftieren spricht und bei Sonnenschein stundenlang auf den Stufen im Treppenhaus sitzt und auf die Türe zum Hof starrt. Ich war das einzige Kind im Haus und vermute heute, dass mich die Nachbarn vielleicht für etwas zurück geblieben hielten. Für Erwachsene ist ja schwer zu verstehen, dass es sich durchaus lohnt lange Zeit auf eine geschlossene Tür zu starren. Man müsste ihnen, den Erwachsenen, erst erklären, dass sie nicht einfach starren dürfen, sondern die Augen fast vollständig zusammen kneifen müssen und nur durch einen winzigen Schlitz blinzeln dürfen. Denn nur dann brach sich das Sonnenlicht im grobkörnigen Glas der Türe zum Hof und nur dann sah man alle Farben des Regenbogens zu gleich. Wenn man dann noch gleichmäßig monoton den Kopf von einer Schulter zur anderen drehte und ab und zu ganz schnell nickte, dann wurde einem herrlich schwindlig. Als Vierjährige merkt man nicht, wenn hinter einem getuschelt wird. Sonst hätte ich es vielleicht gelassen. Meine beste Freundin, damals und heute, war zum Glück ebenfalls ein wenig verhaltensauffällig. Sie nahm den Daumen nur aus dem Mund um so schallend zu lachen, dass sich alle nach ihr umdrehten. Das konnte sie schon als Zweijährige. Sie war es auch, die den Schlachtruf „Wursti Wursti“ erfand. Auf ihr Kommando hin, schnappten wir uns das Essen, das auf unseren Tellern lag, matschten es durch die Finger und erstickten fast an unserem Lachen. Wir praktizierten das einige Jahre und ich frage mich heute manchmal, was in unserer Erziehung wohl falsch gelaufen ist.

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Für Jules, der mutig genug ist, nach dem Anfang zu fragen.

Lieber Jules,
mein Rechner ist der wohl einzige Platz an dem eine strenge Ordnung herrscht. So war es mir ein leichtes, die gestern erwähnten anfänglichen Schreibversuche herauszusuchen. Die ersten beiden, die werde ich niemanden mehr zeigen. Selbst heute, vor fünf Minuten, sind sie mir noch peinlich. Den dritten dagegen, den mag ich noch immer. Ich widerstehe der Versuchung an ihm herumzubasteln und stelle dir das erste Kapitel so hinein, wie es war.

Du und jeder der sich ran wagt….ihr könnt froh sein, dass Herr Williams im ersten Kapitel noch nicht auftaucht. So ist es eigentlich ganz ok ;). Weiterlesen

Synchron tanzende Männer? Ich bitte Sie!

Ich bin kein Fan. Von nichts und von niemanden. Ich mag Menschen, manchmal auch Musiker und ich mag Dinge, Orte oder Begebenheiten. Als Fan würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen. Mit großem Glück und einem ersten, fünf Jahre älteren Freund, ging auch der Kelch zum Boy-Band Fan zu mutieren an mir vorüber. Synchrontanzende Männer fand ich albern. Als die tanzend Deutschland eroberten, saß ich in einer Garage und beobachtete, wie mein Freund seine Vespa frisierte. Konzertkarten konnte ich mir bis in die Zwanziger nicht leisten. Ich saß mit meinem Freunden mit einem Kasten Bier an der Isar und wir hörten die Charts im Radio. Eingestiegen bin ich erst, als ich mir einen lebensgroße Pappfigur von Robbie Williams kaufte und begann Romane zu schreiben. Nicht im übertragenen Sinn – ich schrieb drei- bis achthundert Seiten lange Romane. Über Robbie Williams. Fast über Robbie Williams. In meinen Erzählungen war er Maler, Schreiner oder Student und ich lieh mir nur sein Äußeres, seinen destruktiven Lebensstil und seine Angewohnheit in den Neunzigern wild kopulierend durch die Lande zu ziehen. Woher ich weiß, dass er das tat? Ich stand in der Hotelbar (fast) neben ihm und konnte es beobachten. Aus Recherchezwecken. Man kann nicht vernünftig über einen Maler schreiben, wenn man ihn nicht live beobachtet hat. Mit etwas Phantasie ist es ein leichtes die aufgedonnerte Blondine durch eine Leinwand und das Glas in der Hand durch einen Pinsel zu ersetzen. Weiterlesen

Zum Abschied ein Winken

Bevor meine Großmutter starb, winkte sie mir ein letztes Mal zu. Ich war zwölf Jahre alt und besuchte sie mit meinen Eltern im Krankenhaus. Weder an diesen, noch an die vorangegangenen Besuche kann ich mich heute noch erinnern. Als sie in die Klinik eingeliefert wurde ging es ihr schlecht und die fahle, matte Gestalt in dem weißen Bett hatte nichts mit dem Menschen zu tun, den ich Oma nannte. Beim letzten Mal, das erzählte man mir, war sie nicht mehr ansprechbar.  Ich selbst erinnere mich nicht. Nur das aller letzte Bild von ihr ist in meiner Erinnerung haften geblieben. Zum Abschied drehte ich mich noch einmal um und sah durch den Spalt, der sich bereits schließenden Tür, dass sie die Hand hob, mir winkte und mich ansah. Ob sie lächelte weiß ich nicht. Es ist nicht wichtig. Meine Oma hat sich verabschiedet und meinem Mädchen-Ich ein schönes letztes Bild geschenkt. Es ist ein versöhnliches Bild. Eines, das man für den Rest seines Lebens im Herzen tragen kann und das mit den Jahren an Schönheit gewinnt. Weiterlesen

Thukydides und ein Loch in der Wand

Wenn Sie sich nicht an meinen kürzesten Blogartikel Anfang Januar erinnern, dann überspringen Sie doch bitte den ersten Absatz. Es wird sonst zu lange und Sie schaffen den Artikel nicht mehr vor der Tagesschau. Erinnern Sie sich, verpassen Sie sie auch, können aber morgen ja immer noch aufmerksam die Zeitung lesen.

zirkel und Loch in der Wand Weiterlesen

Zwölf Monate Rosen und Schornsteine

Weißt du noch, ist eine Frage die nur dann schön ist, wenn es jemanden gibt, der darauf antworten kann. Bei einem „weißt du noch?“, muss ein anderer nicken oder den Kopf schütteln. Meinetwegen auch mit den Schultern zucken. Nur still sollte es danach nicht bleiben. Orte die ein unbeantwortetes „weißt du noch?“ hervorrufen, sollten bei instabilem emotionalen Gleichgewicht gemieden werden. Ist die ganze Stadt voll davon und führt die Vermeidungstaktik zu einem lächerlichen Slalom durch das eigene Viertel, dann muss man sie wohl zulassen, die gemeine kleine Frage. Weiterlesen