Zum Abschied ein Winken

Bevor meine Großmutter starb, winkte sie mir ein letztes Mal zu. Ich war zwölf Jahre alt und besuchte sie mit meinen Eltern im Krankenhaus. Weder an diesen, noch an die vorangegangenen Besuche kann ich mich heute noch erinnern. Als sie in die Klinik eingeliefert wurde ging es ihr schlecht und die fahle, matte Gestalt in dem weißen Bett hatte nichts mit dem Menschen zu tun, den ich Oma nannte. Beim letzten Mal, das erzählte man mir, war sie nicht mehr ansprechbar.  Ich selbst erinnere mich nicht. Nur das aller letzte Bild von ihr ist in meiner Erinnerung haften geblieben. Zum Abschied drehte ich mich noch einmal um und sah durch den Spalt, der sich bereits schließenden Tür, dass sie die Hand hob, mir winkte und mich ansah. Ob sie lächelte weiß ich nicht. Es ist nicht wichtig. Meine Oma hat sich verabschiedet und meinem Mädchen-Ich ein schönes letztes Bild geschenkt. Es ist ein versöhnliches Bild. Eines, das man für den Rest seines Lebens im Herzen tragen kann und das mit den Jahren an Schönheit gewinnt. Weiterlesen

Thukydides und ein Loch in der Wand

Wenn Sie sich nicht an meinen kürzesten Blogartikel Anfang Januar erinnern, dann überspringen Sie doch bitte den ersten Absatz. Es wird sonst zu lange und Sie schaffen den Artikel nicht mehr vor der Tagesschau. Erinnern Sie sich, verpassen Sie sie auch, können aber morgen ja immer noch aufmerksam die Zeitung lesen.

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Zwölf Monate Rosen und Schornsteine

Weißt du noch, ist eine Frage die nur dann schön ist, wenn es jemanden gibt, der darauf antworten kann. Bei einem „weißt du noch?“, muss ein anderer nicken oder den Kopf schütteln. Meinetwegen auch mit den Schultern zucken. Nur still sollte es danach nicht bleiben. Orte die ein unbeantwortetes „weißt du noch?“ hervorrufen, sollten bei instabilem emotionalen Gleichgewicht gemieden werden. Ist die ganze Stadt voll davon und führt die Vermeidungstaktik zu einem lächerlichen Slalom durch das eigene Viertel, dann muss man sie wohl zulassen, die gemeine kleine Frage. Weiterlesen

Halloween? Doch nicht heute! 

Halloween kommt mir immer etwas ungelegen. Es liegt einfach blöd. Gerade heute, passt es mir gar nicht. Früher war das egal, da gab es Halloween bei uns noch gar nicht. Da ist am 31.10. eh nicht ausgegangen, weil der darauffolgende Feiertag ein „stiller Feiertag“ ist und man nun wirklich keine zehn Mark Eintritt bezahlt hat, nur damit man miterleben konnte, dass die Musik um Mitternacht abgestellt wurde. Es kam mir also schon immer gelegen, dass der 31.10. bei uns zum Geburtstag meines Vaters erklärt wurde. Meine Großmutter hat Weitsicht bewiesen und ihren Sohn so zur Welt gebracht, dass er ein Leben lang am Tag nach seinem Geburtstag nicht in die Schule und nicht zur Arbeit musste. Noch besser wäre Ende April gewesen, dann hätte man den darauffolgenden Tag ausschlafen können und hätte sich nicht an den Gräbern die Beine in den Bauch stehen müssen. Vermutlich haben ihr die wenigen Hafturlaube meines Großvaters einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mein Vater wurde Ende Oktober geboren und daran ändert auch Halloween nichts. Weiterlesen

Sehnsuchts Orte

Es gibt Orte, nach denen man sich ein Leben lang sehnt. Dabei ist es völlig egal, wie oft man sie besucht. Wann immer man an sie denkt, spürt man ein zartes Ziehen im Magen. Schön ist es, wenn die Orte nicht aus der Welt sind und immer die Möglichkeit einer Rückkehr besteht. Dann ist das Ziehen ein wohliges und die Sehnsucht etwas Schönes. Manchmal bezieht sich die Sehnsucht auf ein ganzes Land und wurde durch viele große und kleine Begebenheiten geprägt. Mein Sehnsuchts Ort ist natürlich Italien. Das Land habe ich mir ausgesucht. Ein zweites Land wurde mir schon bei der Geburt mit auf den Weg gegeben. Schuld daran ist Fritz. Weiterlesen

Albtraum gefällig?

Es gibt wenige Menschen, die man mitten in der Nacht anruft. Und es gibt nur einen Menschen, den ich mitten in der Nacht anrufe, weil ich schlecht geträumt habe. Ich bin zu alt um mich von Träumen schrecken zu lassen und zu wenig ängstlich um nicht wieder einzuschlafen. Und doch rief ich vor einigen Wochen spät nachts  den klügsten meiner Freunde an. Seine Stimme klang verschlafen und er fragte nur leise, ob ich vom Wasser geträumt hätte? Seltsam, dass er nach über zwanzig Jahren noch ahnte, dass mich nur ein Traum von Wasser dazu bringen würde, ihn aus dem Schlaf zu reißen. In dieser Nacht verneinte ich und erzählte ihm, dass meine Wohnung im Traum zu einem Bordell umfunktioniert worden war. Anders waren die vielen nackten Asiatinnen, die im Schneidersitz auf meinem Bett, dem Sofa und dem Küchenboden saßen nicht zu erklären gewesen. Auch die ebenfalls asiatische Puffmutter, die unglaublich dick war und Termine vereinbarte passte zu meiner Vermutung, dass man meine Wohnung in ein Freudenhaus verwandelt hatte. Seltsam war, dass es mich nicht störte, da ich nur telefonieren wollte und mit der Puffmutter stritt, weil sie die Leitung blockierte. Ich hörte ihn leise lachen bevor er mich fragte, wo das Wasser gewesen sei. In diesem Traum gab es kein Wasser, aber auch in ihm kam ich an einem Punkt, in dem ich etwas vergleichsweise einfaches tun möchte und es nicht kann. Von der Puffmutter drohte mir keine Gefahr. Als ich im Traum das Telefon in der Hand hatte, scheiterte ich am wählen der Nummer. Immer wieder verwählte ich mich und nie gelang es mir die wenigen Zahlen in der richtigen Reihenfolge einzutippen. So lange bis ich wütend und verstört aufwachte. Normalerweise stehe ich im Traum im Hüfttiefen Wasser und komm nicht von der Stelle. Eigentlich müsse es leicht gehen, man kann sich im Wasser ja gut fortbewegen. In meinen Träumen nicht. Da ist es unendlich anstrengend und meine Beine gehorchen mir nicht. In diesem Traum versagten meine Finger und ich hatte ihn angerufen um mich zu versichern, dass ich noch wählen konnte. Jeder andere hätte mich für verrückt erklärt. Der klügste meiner Freunde, lachte nur leise und wünschte mir eine gute Nacht. Eine Traumlose fügte er an und legte auf.

Seine ganz persönlichen wiederkehrenden Träume hat jeder und meine sind vergleichsweise harmlos. Zum Albtraum werden sie wenn ich im Wasser stehe, nicht von der Stelle komme und spüre, dass es mich langsam auf ein Wehr zutreibt. So wie als Kind, als wir im Mühlbach mit schwammen und ich die vorletzte Leiter verpasste. Die Strömung war viel zu stark um stehen zu bleiben und hinter der letzten Leiter kam die Krämer-Mühle. Deshalb nahmen wir sicherheitshalber immer schon die vorletzte Leiter. Nur an diesem Nachmittag nicht und meine Freunde begannen zu schreien und zu brüllen, dass ich unbedingt die letzte erwischen musste. Ich habe sie locker erreicht. Trotzdem habe ich minutenlang gezittert, als ich aus dem Wasser stieg. Vor der Mühle war ein Gitter, aber wir erzählten uns, dass der Sog des Wassers dort so stark war, dass es einen direkt nach unten zum Wehr zog. Ausprobiert hat es niemand, aber noch heute läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich so ein Wehr sehe. Ein paar Kilometer statt einwärts steht eine weitere, viel kleinere Mühle. Ein Überbleibsel alter Zeiten aber heute noch zur Stromgewinnung genutzt. Als Kind warf ich mit meiner Mutter immer Stöckchen hinein und wir sahen zu wie sie verschwanden. Schon damals empfand ich es als gruselig mir den Wassersog vorzustellen und nicht zu wissen was im Wehr geschah. Geschwommen bin ich dort natürlich nie. Wobei es auch dumm war bei der anderen Mühle zu schwimmen. So dumm, dass man es uns gar nicht erst verbot. Wir hätten es eh nicht geglaubt, schließlich gab es Leitern die zum ein- und aussteigen einluden. Überhaupt hat man uns als Kind das Schwimmen nie verboten. Unsere Eltern setzten gesunden Menschenverstand voraus. Den wir allerdings nicht hatten. Wir liebten die kleinen, harmlosen Wasserwalzen in der Isar. Und die großen unterschätzten wir aus Dummheit und Unwissenheit. Noch heute ertrinken immer wieder Menschen an der Stelle an der wir als Kinder am liebsten badeten. An der Floßrutsche bei der Marienklause oder an den  Wasserrutschen unter der Flaucherbrücke, war es am schönsten sich ins Wasser zu stürzen. Die kleinen Stufen im Flussbett sehen harmlos aus und in all den Jahren hat es von uns niemanden erwischt.  Manchmal sehen meine Freundin und ich uns heute an, wenn wir dort spazieren gehen. Glück, frage ich dann und sie zuckt mit den Schultern, weil sie lieber nicht darüber nachdenken möchte.

Ich kann nicht lange in der Nähe von Wasserkraftwerken stehen. Wenn ich zu lange dort hinsehe wo sich Turbinen, Wehre und Fanggitter befinden, dann spüre ich den Sog an meinen Beinen und habe das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Für meine Albträume brauche ich keinen Traumdeuter. Die Erinnerung an eine ganz normale Kindheit reicht. Eine Kindheit mit viel Glück und die Erinnerung an die starke Strömung an den Beinen – herrlich und gruselig zu gleich. Der klügste meiner Freunde weiß was ich meine. Auch er schwamm als Kind in der Isar an den Stellen, an denen heute Baden-Verboten-Schilder stehen. 

 Nur für diesen Blogartikel bin ich bei der Bäckermühle, bei mir ums Eck stehen geblieben. Und auch nur für das Foto.