Schwindliger Beton

Immer wenn es regnet denke ich an den Innenhof des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin. Tief im Magen spüre ich dann das schlechte Gewissen des Vorschulmädchens, von dem ein kleiner Teil nie ganz erwachsen wurde. Der winzige Rest einer Vierjährigen hat noch heute ein schlechtes Gewissen. Sehr selten, wenn es nach dem Regen, sehr heiß wird, träume ich dann, dass ich wieder ein kleines Mädchen bin. Eines, das mit seinen Stofftieren spricht und bei Sonnenschein stundenlang auf den Stufen im Treppenhaus sitzt und auf die Türe zum Hof starrt. Ich war das einzige Kind im Haus und vermute heute, dass mich die Nachbarn vielleicht für etwas zurück geblieben hielten. Für Erwachsene ist ja schwer zu verstehen, dass es sich durchaus lohnt lange Zeit auf eine geschlossene Tür zu starren. Man müsste ihnen, den Erwachsenen, erst erklären, dass sie nicht einfach starren dürfen, sondern die Augen fast vollständig zusammen kneifen müssen und nur durch einen winzigen Schlitz blinzeln dürfen. Denn nur dann brach sich das Sonnenlicht im grobkörnigen Glas der Türe zum Hof und nur dann sah man alle Farben des Regenbogens zu gleich. Wenn man dann noch gleichmäßig monoton den Kopf von einer Schulter zur anderen drehte und ab und zu ganz schnell nickte, dann wurde einem herrlich schwindlig. Als Vierjährige merkt man nicht, wenn hinter einem getuschelt wird. Sonst hätte ich es vielleicht gelassen. Meine beste Freundin, damals und heute, war zum Glück ebenfalls ein wenig verhaltensauffällig. Sie nahm den Daumen nur aus dem Mund um so schallend zu lachen, dass sich alle nach ihr umdrehten. Das konnte sie schon als Zweijährige. Sie war es auch, die den Schlachtruf „Wursti Wursti“ erfand. Auf ihr Kommando hin, schnappten wir uns das Essen, das auf unseren Tellern lag, matschten es durch die Finger und erstickten fast an unserem Lachen. Wir praktizierten das einige Jahre und ich frage mich heute manchmal, was in unserer Erziehung wohl falsch gelaufen ist.

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Für Jules, der mutig genug ist, nach dem Anfang zu fragen.

Lieber Jules,
mein Rechner ist der wohl einzige Platz an dem eine strenge Ordnung herrscht. So war es mir ein leichtes, die gestern erwähnten anfänglichen Schreibversuche herauszusuchen. Die ersten beiden, die werde ich niemanden mehr zeigen. Selbst heute, vor fünf Minuten, sind sie mir noch peinlich. Den dritten dagegen, den mag ich noch immer. Ich widerstehe der Versuchung an ihm herumzubasteln und stelle dir das erste Kapitel so hinein, wie es war.

Du und jeder der sich ran wagt….ihr könnt froh sein, dass Herr Williams im ersten Kapitel noch nicht auftaucht. So ist es eigentlich ganz ok ;). Weiterlesen

Synchron tanzende Männer? Ich bitte Sie!

Ich bin kein Fan. Von nichts und von niemanden. Ich mag Menschen, manchmal auch Musiker und ich mag Dinge, Orte oder Begebenheiten. Als Fan würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen. Mit großem Glück und einem ersten, fünf Jahre älteren Freund, ging auch der Kelch zum Boy-Band Fan zu mutieren an mir vorüber. Synchrontanzende Männer fand ich albern. Als die tanzend Deutschland eroberten, saß ich in einer Garage und beobachtete, wie mein Freund seine Vespa frisierte. Konzertkarten konnte ich mir bis in die Zwanziger nicht leisten. Ich saß mit meinem Freunden mit einem Kasten Bier an der Isar und wir hörten die Charts im Radio. Eingestiegen bin ich erst, als ich mir einen lebensgroße Pappfigur von Robbie Williams kaufte und begann Romane zu schreiben. Nicht im übertragenen Sinn – ich schrieb drei- bis achthundert Seiten lange Romane. Über Robbie Williams. Fast über Robbie Williams. In meinen Erzählungen war er Maler, Schreiner oder Student und ich lieh mir nur sein Äußeres, seinen destruktiven Lebensstil und seine Angewohnheit in den Neunzigern wild kopulierend durch die Lande zu ziehen. Woher ich weiß, dass er das tat? Ich stand in der Hotelbar (fast) neben ihm und konnte es beobachten. Aus Recherchezwecken. Man kann nicht vernünftig über einen Maler schreiben, wenn man ihn nicht live beobachtet hat. Mit etwas Phantasie ist es ein leichtes die aufgedonnerte Blondine durch eine Leinwand und das Glas in der Hand durch einen Pinsel zu ersetzen. Weiterlesen

Zum Abschied ein Winken

Bevor meine Großmutter starb, winkte sie mir ein letztes Mal zu. Ich war zwölf Jahre alt und besuchte sie mit meinen Eltern im Krankenhaus. Weder an diesen, noch an die vorangegangenen Besuche kann ich mich heute noch erinnern. Als sie in die Klinik eingeliefert wurde ging es ihr schlecht und die fahle, matte Gestalt in dem weißen Bett hatte nichts mit dem Menschen zu tun, den ich Oma nannte. Beim letzten Mal, das erzählte man mir, war sie nicht mehr ansprechbar.  Ich selbst erinnere mich nicht. Nur das aller letzte Bild von ihr ist in meiner Erinnerung haften geblieben. Zum Abschied drehte ich mich noch einmal um und sah durch den Spalt, der sich bereits schließenden Tür, dass sie die Hand hob, mir winkte und mich ansah. Ob sie lächelte weiß ich nicht. Es ist nicht wichtig. Meine Oma hat sich verabschiedet und meinem Mädchen-Ich ein schönes letztes Bild geschenkt. Es ist ein versöhnliches Bild. Eines, das man für den Rest seines Lebens im Herzen tragen kann und das mit den Jahren an Schönheit gewinnt. Weiterlesen

Thukydides und ein Loch in der Wand

Wenn Sie sich nicht an meinen kürzesten Blogartikel Anfang Januar erinnern, dann überspringen Sie doch bitte den ersten Absatz. Es wird sonst zu lange und Sie schaffen den Artikel nicht mehr vor der Tagesschau. Erinnern Sie sich, verpassen Sie sie auch, können aber morgen ja immer noch aufmerksam die Zeitung lesen.

zirkel und Loch in der Wand Weiterlesen

Zwölf Monate Rosen und Schornsteine

Weißt du noch, ist eine Frage die nur dann schön ist, wenn es jemanden gibt, der darauf antworten kann. Bei einem „weißt du noch?“, muss ein anderer nicken oder den Kopf schütteln. Meinetwegen auch mit den Schultern zucken. Nur still sollte es danach nicht bleiben. Orte die ein unbeantwortetes „weißt du noch?“ hervorrufen, sollten bei instabilem emotionalen Gleichgewicht gemieden werden. Ist die ganze Stadt voll davon und führt die Vermeidungstaktik zu einem lächerlichen Slalom durch das eigene Viertel, dann muss man sie wohl zulassen, die gemeine kleine Frage. Weiterlesen