Ein Schatz II

106 Jahr wäre sie heute geworden, meine Großmutter. Ein stolzes Alter, aber das hatte sie auch, als sie mit weit über 90 von uns gegangen ist. Immer an hl. Drei König, wenn bei uns Feiertag ist, denke ich an sie und seit sie nicht mehr da ist, würde ich so gerne an diesem Tag zu ihr fahren und mich auf das alte Kanapee in ihrer Stube setzen. Kaum ein Ort strahlte je so eine Gemütlichkeit aus, wie dieser Raum. Immer roch es nach feinem Essen, warmen Kaffee und dem unverwechselbaren Duftgemisch, der auf Bauernhöfen in der Luft liegt. Ein bisschen Stall, ein bisschen Heu, manchmal frisch gemähtes Gras und immer ein Hauch Lavendel, der in kleinen Säckchen in ihren Schränken hing. Meist lag eine Katze auf einem der vielen Kissen und oft der Hund mitten im Raum. Gelassen stieg sie über ihn hinweg und saß jahrein jahraus, auf immer dem selben Stuhl. Dampfnudeln…das würde ich mir zu essen wünschen. Für mich mit Vanillesauce, für sie mit Hollerrzel, von dem ich mal weiß, wie er auf Hochdeutsch heißt. Hollunderkompot vielleicht, aber ein Rezl ist ja doch was anderes. Etwas viel feineres und der von der Oma….einen kleinen Löffel davon wollte ich immer in meine Vanillesauce. Aber nur einen winzigen und den erst ganz zum Schluss. Ja Oma, das wär schön, heut noch einmal bei dir sitzen zu können. Dann könntest du noch einmal von deiner Geburt erzählen. 

„Bin geboren am 6. Januar 1914 bei eisiger Kälte und einem fürchterlichen Schneetreiben, so sagte man es mir. Die Deiniger Hebamme Elisabeth Kainz, war beim Goll zum Hanster in Kleindingharting, wo eine Maria noch am 5. Januar das Licht der Welt erblickte……..Mein Vater erzählte immer: ‚Mei liaba Gott, bei deiner Geburt wäre ich bald erfroren. Ich musste nach Ascholding um eine andere Hebamme zu holen bei Nacht, eisiger Kälte und Schneetreiben. Die Schlittenspur war schon wieder zugeweht vom Schneetreiben und den Doktor haben wir auch noch gebraucht, weil du warst eine Querlage. Und dann warst wieder bloß ein Madl und ich hätte doch so gern einen Buben gewollt und gehofft. Jetzt konnt ich mich beim Wirt wegen Büchsenmacherei derbelecken lassen.‘ 
Was aber meine Mutter dabei ausgehalten hat, darüber hörte ich eigentlich sehr wenig, nur immer dass er bei mir bald erfroren wäre. Ein Mann, ein Selbstmitleid.“

Du hättest dabei gelacht oder ein bisschen verschmitzt gegrinst. Den Männerschnupfen, den gab es schon bei dir und überhaupt, alles was mich in jungen Jahren überraschte, hast du schon gekannt. Anders waren die Probleme damals, aber am Ende viele doch so ähnlich, dass du meist verstanden hast, wenn deine Enkel dir erzählten. Oh mei!, das hörte ich oft von dir, wenn ich dir erzählte. Lachend und verstehend. Hübsch ist er, sagtest du als ich dir meinen Freund vorstellte. Oh mei, is der fesch, sagtest du und dann, dass das nicht unbedingt gut sei. Wenn schon sie ihn hübsch und fesch fände, dann duzend andere Weibsbilder auch. Den halt nur fest, sagte sie und lachte dabei herzhaft und wissend, das Festhalten noch nie geholfen hat. Dich, Oma, hätten wir gerne noch ein bisschen länger festgehalten. 120 hättest du ruhig werden dürfen. Aber Festhalten hat ja noch nie geholfen und am Ende hättest du es wahrscheinlich auch gar nicht mehr gewollt.

Sie haben ja auf dich gewartet. Deine großen Lieben. Der Jakl, die erste und vielleicht größte. Und der Schorsch, der Vater meiner Mutter und vielleicht eine genau so große Liebe. Von beiden hast du mit so warmen Blick gesprochen, dass wir beruhigt glaubten, dass man mehr als eine große Liebe haben kann. Oder von der letzen, die wir Opa nannten und der deine letze Liebe war. Und der von dem du sicher warst, dass er in der Ewigkeit nicht auf dich wartete, weil er ganz sicher bei seiner ersten Frau schon „aufgeräumt“ war. Ich bin mir nicht sicher und ich hätt es gern gesehen, wenn die stolze, schlaue und fesche Babett durchs Himmelstor gegangen wäre und dann gleich drei Mannsbilder auf sie gewartet hätten. Vielleicht, wenn du recht hast, und wir uns irgendwann wieder sehen, kannst du es mir erzählen. Bis dahin hüte ich deinen Schatz, den du zurück gelassen hast. Zehn handgeschriebene Seiten über früher, die ich immer am hl. Drei König Tag lese. Zehn, Oma, zehn Seiten, das ist so wenig für ein so langes und erfülltes Leben. Ich lese von Schmalznudeln, Kirdanudln, Auszognen, Kiachal, Schuxen und Hasenöhrl und würd so gern noch eins davon essen. Heut leuchten noch einmal die Kerzen am Christbaum, bevor er nächste Woche wegkommt. Und irgendwo zwischen ihnen leuchtet die Erinnerung an dich. Am hellsten, liebe Oma. Ein sentimentales Ding würdest du mich schimpfen und dich wahrscheinlich doch freuen, dass ich, das dumme Ding, so schlecht loslassen kann. Weißt, nur einmal noch, a Stund auf deinem Kanapee. Gar ned mehr. Einfach g´mütlich an Kaffee trinken und a bisserl ratschen, des würd ich mir heut halt wünschen. Wenn sie dich lassen, deine Mannsbilder.

13 Gedanken zu “Ein Schatz II

  1. Mitzi, deine Oma und meine Mutter sind nur ein Jahr auseinander. Meine Mutter ist im März 1915 geboren und jetzt seit fast 7 Jahren tot. So ist das Leben. – Aber schön, dass du dich jetzt noch so gut an deine Oma erinnern kannst – meine Tochter erinnert sich auch gern an ihre Oma.

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  2. und schon heult sie wieder, am anderen ende des bildschirms. mir gehts mit meiner oma gleich, auch wenn vieles anders war. bei deinem letzten satz musste ich unwillkürlich an „großvater“ von s.t.s. denken. „kannst du nur owakumman auf an schnö’n kaffee?“ ❤

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      1. Ja das passiert bei dir öfter. Aber das ist auch ok. Ich bin gar nicht so unglücklich drüber dass ich es auch wieder kann. Auch wenn es phasenweise anstrengend ist.

        Oh schön ❤

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