Ein Schatz II

106 Jahr wäre sie heute geworden, meine Großmutter. Ein stolzes Alter, aber das hatte sie auch, als sie mit weit über 90 von uns gegangen ist. Immer an hl. Drei König, wenn bei uns Feiertag ist, denke ich an sie und seit sie nicht mehr da ist, würde ich so gerne an diesem Tag zu ihr fahren und mich auf das alte Kanapee in ihrer Stube setzen. Kaum ein Ort strahlte je so eine Gemütlichkeit aus, wie dieser Raum. Immer roch es nach feinem Essen, warmen Kaffee und dem unverwechselbaren Duftgemisch, der auf Bauernhöfen in der Luft liegt. Ein bisschen Stall, ein bisschen Heu, manchmal frisch gemähtes Gras und immer ein Hauch Lavendel, der in kleinen Säckchen in ihren Schränken hing. Meist lag eine Katze auf einem der vielen Kissen und oft der Hund mitten im Raum. Gelassen stieg sie über ihn hinweg und saß jahrein jahraus, auf immer dem selben Stuhl. Dampfnudeln…das würde ich mir zu essen wünschen. Für mich mit Vanillesauce, für sie mit Hollerrzel, von dem ich mal weiß, wie er auf Hochdeutsch heißt. Hollunderkompot vielleicht, aber ein Rezl ist ja doch was anderes. Etwas viel feineres und der von der Oma….einen kleinen Löffel davon wollte ich immer in meine Vanillesauce. Aber nur einen winzigen und den erst ganz zum Schluss. Ja Oma, das wär schön, heut noch einmal bei dir sitzen zu können. Dann könntest du noch einmal von deiner Geburt erzählen.  Weiterlesen

Nicht aussteigen 

Das leise streitende Paar in der Straßenbahn sollte noch nicht aussteigen. Nicht solange sie noch streiten und nicht solange nicht mindestens einer von ihnen wieder lächelt. Einer reicht, höre ich dich sagen und nicke. Natürlich reicht einer. Einem Lächelnden kann man schwerer böse sein und ein Lächeln lässt Streitmauern immer ein kleines Stück bröckeln. Es erinnert mich daran, dass ich dir böse bin. Du hast Geburtstag und ich mag dich heute nicht. Ich empfinde es als Zumutung an die Geburtstage von Menschen denken zu müssen, die nicht mehr hier sind, um ihn zu feiern. Wenn die Zahl der Geburtstage, die nicht mehr gemeinsam gefeiert werden können, die Zahl der Geburtstage, die man gemeinsam verbracht hat, übersteigen, dann wird das Datum scheußlich. Weiterlesen

Misstrauen Sie Wikipedia (und mir…denn dieser Text hat eigentlich nichts mit Wikipedia zu tun)

Halleluja, endlich Juni! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin! Der Mai steckt mir noch in den Knochen und ich bin noch etwas wacklig auf den Beinen. Aber es geht aufwärts. 01.06.2016 – sagt der Kalender und  erfahrungsgemäß habe ich jetzt für 11 Monate meine Ruhe. Sie sehen schon, ich habe es nicht so mit dem Mai. Frühling hin oder her, blaues Band, Fliederbusch-Duftattacken – alles schön und gut, aber als Gesamtpacket mag ich den Mai nicht. Mehr noch, er ist mir zutiefst zuwider. Statistisch gesehen passieren gut drei Viertel aller Dramen in meinem Leben im Mai. Weiterlesen