Nicht aussteigen 

Das leise streitende Paar in der Straßenbahn sollte noch nicht aussteigen. Nicht solange sie noch streiten und nicht solange nicht mindestens einer von ihnen wieder lächelt. Einer reicht, höre ich dich sagen und nicke. Natürlich reicht einer. Einem Lächelnden kann man schwerer böse sein und ein Lächeln lässt Streitmauern immer ein kleines Stück bröckeln. Es erinnert mich daran, dass ich dir böse bin. Du hast Geburtstag und ich mag dich heute nicht. Ich empfinde es als Zumutung an die Geburtstage von Menschen denken zu müssen, die nicht mehr hier sind, um ihn zu feiern. Wenn die Zahl der Geburtstage, die nicht mehr gemeinsam gefeiert werden können, die Zahl der Geburtstage, die man gemeinsam verbracht hat, übersteigen, dann wird das Datum scheußlich.

Man darf nicht aussteigen, solange nicht einer lächelt. Ich sehe in dein ausdrucksloses Gesicht und bleibe sitzen. Ich werde es sicher nicht sein. Ich werde nicht lächeln, nicht heute. Vor Jahren saßen wir in der gleichen Straßenbahn und hatten keine Lust zu lächeln. Gestritten hatten wir uns nicht. Wir stritten nie. Aber ab und an hatten wir verschiedene Meinungen. Wenn einer das Leben als Belastung empfindet und einer das Leben liebt, dann vergeht einem das Lächeln. Es sind schwer vereinbare Meinungen. Vor Jahren saßt du neben mir und hast einundfünfzig Stationen lang aus dem Fenster geschaut ohne einen Ton zu sagen. Bei der zweiundfünfzigsten, als wir das dritte Mal am Krankenhaus vorbei fuhren hast du gelächelt. Essen, war das erste Wort seit Stunden und das Lächeln, das erste des Tages. Wir  holten uns Pasta vom kleinsten und besten Italiener der Stadt und mussten sie mitnehmen, weil das Lokal früh schloss. Dein Lächeln war wieder verschwunden und weil auch ich nicht lächeln mochte, konnten wir noch nicht nach Hause und mussten wieder in die Tram einsteigen. Ich erinnere mich daran, weil auch jetzt vor dem Fenster das Krankenhauses zu sehen ist und sich dein Bild im Fenster spiegelt. Auch meines ist darin und weil wir nicht lächeln, muss ich weiter fahren. Drei Stationen später stiegen wir damals aus und obwohl ich nicht lächeln wollte, musste ich, als du an eines der hellerleuchteten Fenster einer Erdgeschosswohnung klopftest. Wir bräuchten Gabeln für unsere Pasta, hast du der irritierten Frau am Fenster erklärt und dabei so umwerfend gelächelt, dass sie dir tatsächlich zwei Stück nach draußen reichte. Das Küchenfenster gibt es noch immer. Aber heute steht niemand darin und ich habe auch die beiden Gabeln nicht dabei, die wir den Bewohnern noch immer schulden. Ich will nicht lächeln, aber ich muss, weil ich die Erinnerung mag und noch heute niemanden kenne, der wildfremden Leuten am Küchenfenster Besteck abschwatzen kann. Dir fiel so etwas leicht. Du bekamst sogar die Flasche Wein um die du gebeten hast, durch ein anderes Fenster gereicht. Das angebotene Geld, wollte niemand annehmen. Wahrscheinlich war es zu verrückt, dass einer abends auf der Straße steht und an ein fremdes Fenster klopft. Getrunken haben wir sie an zwischen zwei Stationen auf einer Bank, nachdem ich dich längst wieder lächelnd und davon abgehalten habe, in einen Vorgarten zu klettern um an einem weiteren Fenster um Gläser zu bitten.

Alleine klopfe ich an keine Fenster. Aber ich sehe gern hinein und mag es, wenn die Bewohner sich nicht hinter Vorhängen verstecken. Obwohl ich lächle, will ich nicht nach Hause. Dort hängt der Kalender mit deinem Geburtstag und den will ich nicht sehen. Wir müssen aussteigen, sage ich dir. Es gibt ein Fenster, das ich dir zeigen möchte und bei dem wir nie gemeinsam waren, obwohl es das schönste Fenster überhaupt ist. Wir müssen den Bus nehmen, aber weit ist es nicht. Eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster und ein unscheinbares vierstöckiges Haus. Das unten rechts, neben der Eingangstür ist es. Es ist ein Küchenfenster. Du musst dir jetzt ein wärmeres Licht vorstellen. Kein Deckenlampenlicht, sondern Licht, das unter den Küchenschränken nur die Arbeitsflächen erhellt. Die Küche ist dunkelgrün, kannst du dir das vorstellen? Und der PVC Boden dunkelrot. Natürlich läuft der Radio und man hört leise das Wasser einer einlaufenden Badewanne. In der liegt mein Papa. Er ist Schlosser und badet jeden Abend. Meine Mama schneidet Gemüse und hätte gerne mehr Licht. Aber ich mag es gemütlich lieber. Obwohl dort längst andere Menschen leben und die Küche sicher nicht mehr grün ist, musst du dir vorstellen, dass ich auf der Arbeitsfläche sitze und munter drauf los plappere. Das ist sicher leicht, ich plappere ja heute noch und sitze noch immer auf der Arbeitsfläche. Wollten wir klopfen, müssten wir ein Stück den Baum zwischen Küchen- und Schlafzimmerfenster hinauf klettern. Aber das ist leicht, ich habe es oft gemacht.

Jetzt können wir nach Hause. Heute nehme ich dich nicht mit. Wir würden uns nur an unseren unterschiedlichen Meinungen zerreiben. Ich werde mich mit einem Glas Wein auf die Arbeitsfläche der Küche setzen und das Licht ausmachen. Den Kalender mag ich ja nicht sehen. Ich sehe mir lieber die vielen hell erleuchteten Fenster im Innenhof an. In die haben wir oft gemeinsam geschaut. Und weil ich dich nicht mitnehme, habe ich das letzte Wort und widerspreche dir bei jedem Schluck. Das Leben ist keine Belastung. Das sind nur die, die so empfinden. Man muss die schlechten Tage eben aussitzen. Man kann ja dabei in fremde Fenster blicken und sich ein bisschen selbst leid tun.

Alles Liebe zum Geburtstag, sage ich dann doch, als du dich neben mich lehnst und die Lampe des Nachbarn als scheußlich empfindest.

32 Gedanken zu “Nicht aussteigen 

  1. Ach, so schön. Die Öffis sind doch ein wahrer Segen ! Ich bin auch eine, der das Leben leicht fällt und die einen Partner hat, der es oft als Belastung empfindet. Ja, das ist nicht immer leicht, aber meistens treffen wir uns in der Mitte mit einer Tendenz in Richtung „das Leben ist schön“ …

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  2. Hach … Ein melancholischer Text, passend zum etwas trüben Wetter und der Dunkelheit des Morgens. Bewaffnet mit Kaffee und Kaputze auf dem Kopf – obwohl ich am Schreibtisch sitze – beleuchtet nur durch den Monitor mit deinem Text. Genau passend zu meiner Stimmung. Und der leise Trotz, der mir von Anfang an darin zu stecken scheint, bringt mich zum Lächeln. Ich habe spontan beschlossen, mich doch auf den heutigen Tag zu freuen. Und vielleicht durch das ein oder andere Fenster zu schauen. Danke. 🙂

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  3. der text ist so liebevoll geschrieben und macht mich so unglaublich traurig. man glaubt die gefühle tatsächlich verstehen zu können, auch wenn man sich das nie anmaßen sollte. danke, dass du uns auch auf diesen kleinen ausflug mitgenommen hast.

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  4. So schön und gefühlvoll geschrieben, liebe Mitzi. Man liest, ist gepackt und fühlt mit. Wie du es schreibst, kann diese Liebe nur tief erlebt sein, und du hast sie in deinem Herzen bewahrt, als ob es gestern gewesen wäre, obwohl „die Zahl der Geburtstage, die nicht mehr gemeinsam gefeiert werden können, die Zahl der Geburtstage, die man gemeinsam verbracht hat, übersteigen.“ Diese Liebe wirkt noch frisch, vielleicht weil die gemeisame Zeit nicht gereicht hat, als dass sie im Alltag des Immerwiederkehrenden hätte dahinwelken können.
    Drückt dich,
    Jules

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    1. Ich danke dir, lieber Jules. Für das Begleiten und für das Feingefühl mit dem du sehr genau heraus liest, wie diese Zeilen empfunden sind.
      Vor allem die Anmerkung, dass ihr die Zeit fehlte zu welken, ist richtig. Für schöne Erinnerungen ein Vorteil.
      Umarmt und gegrüßt.

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  5. Das ist völlig unsentimental erzählt, und trotzdem rührt es mich zu Tränen – große Kunst, ernsthaft. Sentimentale Geschichten sind nur manipulativ, Deine dagegen sind … wie soll ich sagen – wahrhaftig, womit ich nicht sagen will, daß es darauf ankommt, ob sich sich tatsächlich so abgespielt hat (was ich andererseits aber auch gar nicht in Abrede stellen will), sondern das Gefühl, das sich beim Lesen einstellt, ist so „echt“, jedenfalls fühlt es sich so an. Ein seltenes Erlebnis, wirklich gut.

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