Hör´n Sie mal II

Weihnachten liegt dieses Jahr so ungünstig, dass ich mir keinen Urlaub genommen habe. Behaupte ich. Die Wahrheit ist, dass ich kaum noch einen habe und den, der noch übrig ist, lieber in ein Wochenende Italien im Frühjahr investiere. Ich werde also durcharbeiten. Das ist ok. Der Jahresendstress macht mir nichts aus. Überhaupt bin ich nur selten gestresst und am durchdrehen bin ich nie.

Da können Sie wirklich jeden fragen. Ich bin…. ok, fragen Sie vielleicht doch lieber nicht. Oder erst nach den Feiertagen. Gerade erreichte mich die bitte meiner Kollegen, mir wenigstens ein paar Tage frei zu nehmen. Ihnen zuliebe.

Und wenn Sie über meine Ruhe und Gelassenheit lieber lesen, als sich diese ins Ohr brüllen zu lassen, dann können Sie das hier.

Hör´n Sie mal I

Kaum droht man der Kiste mit der endgültigen Entsorgung, zeigt sie sich von ihrer besten Seite. Mir soll´s recht sein und ich will es ihr nachtun, indem ich mich an die Adventslesungen setze und mit einer schon vor dem 1. Dezember beginne. Zum einen weil sie nicht wirklich weihnachtlich ist, zum anderen weil ich tatsächlich heute erst wieder an Claudia gedacht habe.

Claudia, das Miststück! Es gibt wenige Menschen denen ich einen solchen Titel verpasse. Eigentlich gibt es gar keinen. Claudia ist die unrühmliche Ausnahme. Sie nannte ich mit 14 Jahren Miststück, weil mich ihr Verhalten so nachhaltig betroffen machte, dass mir das hässliche Wort noch heute auf den Lippen liegt, wenn ich an sie denke.

Falls Sie weiterhin lieber lesen als zuhören, dann können Sie das hier.

Übrigens ist mir aufgefallen, dass ich in dieser alten Erzählung weder Claudias, noch die Namen meiner damaligen Lehrer geändert habe. Ein Anfängerfehler, der womöglich aber erklärt, warum ich beim letzten Klassentreffen von einer Person überdeutlich ignoriert wurde und mir eine andere mehrfach versicherte, eigentlich ganz gut in der Schule gewesesen zu sein.

Manchmal seufze ich leise Miststück

Mein Rechner mag WordPress nicht. Szenen einer zerrütteten Beziehung. Also nicht meine, sondern die von meinem Rechner und WordPress. Ein Drama.

Nachdem die dritte Lesung in Folge und die letzte in diesem Jahr abgesagt wurde, und überhaupt bei mir in diesem Jahr der Wurm drin ist, mache ich jetzt nur noch worauf ich Lust habe. Der Wurm ist nämlich ein ganz schön ärgerlicher. Das ganze Jahr über schon streikt mein Rechner immer wieder wenn ich die WordPress Seite aufrufe.

Die automatische Speicherung speichert so lange, dass ich ihr Ende nicht erwarten kann. Wir sprechen hier von Stunden… Während dieses Speichervorgangs, kann ich den Text auch nicht anderen Ort kopieren und dann wieder einfügen. Nein, mein Text wird unendlich gespeichert und irgendwann schließe ich die Seite ohne ihn gespeichert zu haben. Auch die Möglichkeit die Zwischenschritte oder Entwürfe wieder aufzurufen funktioniert nicht. Mache ich das kommen nur Sonderzeichen. Mehrere Freunde, die sich durchaus mit Rechner auskennen haben sich diesem Problem bereits angenommen. Sie scheiterten alle. Die allgemeine Überzeugung lautet nun, dass mein Rechner diese Internetseite einfach nicht mag. Die Erklärung ist so bescheuert, dass sie mir tatsächlich am wahrscheinlichsten erscheint. Zumal ich mich an fremden Rechnen durchaus mit meinem Account anmelden kann und dort alles wunderbar funktioniert.

Dieses Jahr hat mich wirklich geschafft. Etwa jeder fünfte Beitrag ist mir irgendwann flöten gegangen. Ich hätte mir natürlich einen neuen Rechner kaufen können, da aber alles wunderbar funktioniert und nur diese eine Seite nicht, habe ich bis jetzt nicht aufgegeben. Ich schreibe dies übrigens gerade über das Handy, wie so viele andere Artikel in diesem Jahr auch. Das macht aber keinen Spaß und ich habe das Gefühl dass ich anders denke und unrunder schreibe und formuliere wenn ich es über dieses kleine Display mache.

2022 war ein mieses Blog Jahr. Während ich das schreibe klingt es so unglaublich bescheuert wegen technischer Probleme zu behaupten weniger geschrieben zu haben. Es ist aber so, da ich in diesen Dingen ein wahnsinnig ungeduldiger Mensch bin. Ich werde den getippte Blog jetzt einfach vorzeitig beenden. Nase voll, keine Lust mehr. Nächstes Jahr werde ich dafür eine Lösung finden. Ganz sicher sogar. Muss ja, denn ich würde wirklich gerne wieder in Ruhe schreiben, in Ruhe andere Artikel lesen, kommentieren und nicht mehrfach in der Woche an der Technik verzweifeln.

Und damit der Blog in den letzten vier Wochen des Jahres nicht völlig verweist, mache ich das was mir letztes Jahr schon großen Spaß gemacht hat. Wenn die Lesungen abgesagt werden, dann lese ich Ihnen eben hier etwas vor. Für den Rest des Jahres gibt es hier also keine Buchstaben sondern nur noch gesprochene Wörter.

Und nächstes Jahr werden sich WordPress und mein Rechner zusammenraufen müssen. Ansonsten steht die Scheidung an! Eine von beiden wird ausziehen müssen, und WordPress bzw mein Blog ist es sicher nicht.

Kultur Herbst

Ob ich klarkommen würde, fragte mich ein ganz in schwarz gekleideter Security Mitarbeiter, bevor er mich – ohne eine Antwort abzuwarten – durch einen Seitenausgang auf einen ausgestorbenen Parkplatz schob. Sie kennen „Aktenzeichen XY“? Dann wissen Sie wie dieser Parkplatz aussah. Riesengroß, stockdunkel und mit vereinzelten Laternen, die einzig und alleine dazu dienten, den wabernden Nebel in ein angemessen gruseliges Licht zu rücken. Drei Stunden nach Ladenschluss des dazugehörigen Einkaufszentrums, stand kein einziges Auto mehr hier. Einen kurzen Moment empfand ich diese Tatsache als beruhigend. So konnten wenigstens keine vermummten Personen plötzlich hervorspringen. „Aktenzeichen XY“ lehrt, dass dies ab und an durchaus vorkommt. Allerdings stand ein dunkler, wenig vertrauenserweckender Lieferwagen direkt an der Einfahrt des Parkplatzes. Sie wissen schon, so ein dunkler Lieferwagen, wie man ihn aus Tatortfolgen kennt. Einer in den man gezogen wird, nachdem einem ein Lappen mit Betäubungsmittel auf Mund und Nase gedrückt wurde. Eigentlich schaue ich mir den Tatort nicht an. Aber an die wenigen Folgen erinnerte ich mich, als die den Parkplatz überquerte. Die Lesung, die ich an diesem Abend hatte, war toll. Ich bedauerte es nur, mich danach so lange mit dem Veranstalter verquatscht zu haben, dass ich am Ende mitten in der Nacht im nirgendwo stand.

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Wenn er nur wieder grantig schaun würd´

Obwohl es erst kurz nach sechs ist, liegt über der kleinen Straße, nahe der Isar bereits die Nacht. Novemberdunkel und Herbstkalt wirkt sie wenig einladend, obwohl sie hübsch ist. Alte Häuser reihen sich aneinander und die Straßenlaternen versuchen tapfer die Dunkelheit zu vertreiben. Ab und an geht einer über den Gehsteig. Menschen die nach Hause kommen, Paare die ihren Hund ausführen und manche die einfach nur von einem Ende des Viertel zum anderen müssen. Sie unterscheiden sich von mir und haben ein Ziel. Ich habe keines. Ich bin nur hier, weil Jules über Semmelknödel geschrieben hat und ich ganz plötzlich selbst einen solchen im Magen hatte. Einen harten, kalten und schwer verdaubaren. Woher der kam, wusste ich nicht, bis ich auf dem Heimweg in die kleine Straße an der Isar eingebogen bin. Jetzt weiß ich es, denn ich und der blöde Knödel der zwischen Magen und Herz hängt, stehen vor dem Geburtshaus von dem, der einst so wunderbar über diese Beilage geschrieben hat. Hier in der Zeppelinstraße 41 wurde Münchens großer Volkssänger am 4. Juni 1882 geboren. Und auch wenn es dem Valentin wahrscheinlich herzlich wurscht gewesen wäre, dass hundertvierzig Jahre später eine am Abend vor der Gedenktafel steht und sich erinnert, bleib ich genau da stehen. Viel mehr hätte es ihn vielleicht gefreut, dass er, der alte Grantler, mir und meinen Geschichten recht viel Glück gebracht hat. Obwohl…wahrscheinlich wäre ihm auch das egal gewesen. Recht freundlich soll er ja nicht gewesen sein. Das widerrum ist mir reichlich wurscht. Von seinem grantigen und missmutigem G´schau hab ich mich noch nie nicht einschüchtern lassen.

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Natraj mit Rhett Butler

Verdammt, ich fluche leise, als ich mich durch mein Kellerabteil schiebe und im Dunklen an etwas stoße. Ein leises Lachen verrät mir, dass ich Paul und keinen Karaton angerempelt habe. Zum bestimmt fünften Mal an diesem Abend. Jedes Mal, wenn das Licht im Keller ausgeht, muss sich einer von uns den Weg nach draußen bahnen, um es für kurze drei Minuten wieder anzumachen. Seit meiner nächtlichen Ansprache zur Energiekries vor versammelter Nachbarschaft, darf ich mich über die kurze Zeitschaltuhr nicht beschweren und fluche nur ganz sanft. Ich stoße mit dem Gesicht gegen den Pauls Rücken und höre sein Lachen jetzt von oben und nicht mehr unten. Wir tasten uns kichernd an der Wand des Kellers entlang und als wir gleichzeitig nach dem Lichtschalter greifen und uns gegenseitig kichernd auf die Finger klopfen, entsteht im wieder angehenden Licht für einen kurzen Moment eine etwas peinliche Stille. Kein Wunder, denn sind wir beide nur im Keller, weil uns Halloween und die nach Süßigkeiten bettelnden Kinder auf die Nerven gehen. Unsere Wohnungen sind beide über Laubengänge zu erreichen und wenn wir unsere Türen nicht öffenen, klopfen die Eltern der Kinder an unsere Fenster. Da wir nicht im Dunklen sitzen wollten, sind wir geflohen. Dass wir das nun trotzdem tun und beide vorgaben unsere Keller ein wenig aufzuräumen ist reichlich albern. Anfangs mittlerweile aber ganz lustig. Paul grinst und hält mir eine CD unter die Nase. Eine die er auch einmal hatte. Eine, die vermutlich jeder in unserem Alter einmal hatte und die ich mir mit siebzehn gekauft habe. Wir gehen zurück in mein Kellerabteil und hocken uns wieder vor den Karton mit meinen alten CDs und Kassetten. Drei Minuten lang wühlen wir uns durch meine musikalische Vergangenheit, erkennen einen ähnlichen Musikgeschmack und rempeln uns an, als das Licht erneut ausgeht.

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Nächtliche Energiekrise

Ich gehe jetzt rüber! Mit Schwung schlage ich die Bettdecke zurück und setze mich auf die Bettkante. Wartend. Wenn man nachts um kurz vor drei Uhr ankündigt, zu den Nachbarn auf der ande, der neben einem liegt, davon abhält. Finden Sie nicht auch? Der meiner dreht sich auf die andere Seite und macht gar nichts. Ich gehe jetzt rüber, wiederhole ich und warte. Drei Atemzüge lang. Dann stehe ich auf und höre ein gemurmeltes „bis gleich“. Bis gleich? Ich verkünde ein drittes Mal, dass ich jetzt sofort, im Nachthemd und mit einer Stinkwut im Bauch an ein fremdes Fenster auf der anderen Straßenseite im Erdgeschoss klopfen werde. Der, der neben mir liegt schlägt jetzt endlich ebenfalls die Bettdecke zurück und setzt sich auf. Weiterlesen

Nett. Wirklich nett.

Herbstgraufeuchtwindigtrüb ist es heute, ruft einer vom Küchenfenster zu mir ins Wohnzimmer. Hier auch, antworte ich nach einem Blick durch das Wohnzimmerfenster und verdrehe die Augen, als mir mitgeteilt wird, dass dies zu erwarten war. Ein Päckchen Taschentücher fliegt durch den Raum und weil ich keine Lust habe, es zu fangen, fällt es neben dem Sofa auf den Boden. Der Werfer bewaffnet sich mit einem weiteren Päckchen und ich frage ihn, ob er es mir nicht lieber bringen möchte. Er schüttelt den Kopf, wirft es – sanft immerhin – in meinen Schoß und greift nach seiner Jacke. Er geht ins Herbstgraufeuchtwindigtrübe Wetter zu sich nach Hause, sagt er und als ich wissen möchte warum, antworte er mit einem Schulterzucken. Was soll ich hier noch, fragt er und ich finde, dass er mich ja noch etwas länger mit seinem Charme erfreuen könnte. Er überlegt und schüttelt den Kopf. Besser nicht übertreiben, meint er und ich erkläre ihm, dass ich neben seinem Charme, sein unerschütterliches Selbstvertrauen besonders gern habe. Verständlich sagt er, drückt mir einen Kuss auf die Stirn, wünscht gute Besserung und verschwindet.

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Entriegelungstaste

In caso di mancata accensione si ha l’illuminazione della lampada spia. Premendo il pulsante dello sbloccaggio, si avrà la ripetizione dell accensione.

Was bedeutet das, möchte die Frau neben mir wissen und sieht mich fragend über den Rand ihrer Brille an. Die Frage irritiert mich, denn von uns beiden ist sie die Muttersprachlerin. Aber bitte. Ich kneife die Augen zusammen, lese noch einmal und übersetze dann: „Wenn die Zündung ausfällt, leuchtet die Warnlampe auf. Durch Drücken der Entriegelungstaste wird die Zündung erneut ausgelöst.“ Der darauf folgende Knurrlaut bedeutet sowohl auf Italienisch als auch auf Deutsch das gleiche: „Hä?!?“ einen Moment lang schaut sie mich irritiert an und schüttel dann den Kopf. Was der Blödsinn soll, das ganze jetzt auf Deutsch zu sagen, will sie wissen und erklärt dass sie keine Ahnung hat was diese Anweisung zu bedeuten hat. Nicht auf Italienisch und auf Deutsch schon gleich gar nicht. Deutsch würde sie nämlich nicht sprechen. Ich bedanke mich für diese, mir nicht neue, Info und stecke die Hände in die Hosentasche. Was ist denn die Entriegelungstaste, frage ich und beuge mich nach vorne um besser zu erkennen was hier vielleicht nach einer Entriegelungstaste aussieht. Es folgt eine kleine Diskussion darüber, dass deutsche Worte grundsätzlich zu lang sind. Die bringt uns nicht weiter und ich frage, was im vorliegenden Fall denn der pulsante dello sbloccaggio sein könnte? Dreimal wird (völlig unnötig) meine Aussprache korrigiert, dann wird mit den Schultern gezuckt. Pulsante… doch ja, das müsste etwas zum Drücken sein, aber ich sehe nichts was man drücken könnte. Ich frage ob man einen Pulsante immer drückt, oder ob man ihn womöglich auch drehen kann. Neben mir sieht mich eine an als ob ich nicht mehr ganz dicht wäre und beginnt langsamer zu sprechen. Das nervt mich und ich versichere ihr, dass ich ihr Italienisch durchaus auch schneller gesprochen verstehe, bei der Betriebsanleitung eines Warmwasserboilers aber unsicher bin. Und auch das liegt weniger an meinem Italienisch, sondern an der Tatsache, dass ich bei diesem antiquierten Ding Angst habe auch nur irgendetwas zu drücken. Vor allem dann, wenn etwas das, was eindeutig als Warnleuchte beschrieben wird, bereits rot leuchtet.

Die freundliche Nachbarin, die bereit war zu helfen, klopft mir aufmunternd auf die Schulter. Pass auf, sagt sie, ich gehe jetzt wieder rüber und du drückst einfach auf den einzigen Knopf der frei zugänglich ist. Ich möchte mich gerade bedanken, als mir durch den Kopf schießt, dass es kein gutes Zeichen ist das sie vor dem Drücken die Flucht ergreift. Ich erkläre ihr, dass es auf jeden Fall besser ist wenn sie den Knopf drückt. Wenn hier etwas in die Luft fliegt, dann wäre sie doch sicher versichert. Ich dagegen, weiß nicht ob meine Haftpflichtversicherung auch im Ausland gültig ist. Das Wort „Zündung“ beunruhigt uns beide. Wir besprechen das ganze eine Weile und nach 5 Minuten stehe ich wieder alleine vor den komischem technischen Ding, das in den Wohnungen hier am Meer auf den kleinen Balkonen vor den Küchen steht und vor dem ich einen heiden Respekt habe. Ich würde es gerne ignorieren, aber ich dusche bereits seit zwei Tagen kalt. Und auch wenn es hier noch deutlich wärmer als in München ist, für eine kalte Dusche ist es einfach schon zu frisch. Außerdem habe ich keine Lust mehr zum Abspülen Wasser im Wasserkocher zu erhitzen. Das könnte ich natürlich auch auf den Gasherd machen. Eigentlich. Vor allem wäre es wesentlich leichter, da der Wasserkocher dem Besitzer dieser wunderschönen Wohnung, aus Deutschland mitgebracht wurde und sein Stecker nur in die Steckdose im Schlafzimmer passt. Aber man will ja nicht meckern, dank dieses Wasserkochers konnte ich mir wenigstens die Haare mit warmen Wasser waschen. Ach so ja der Gasherd… Der funktioniert ganz sicher, aber diesmal scheint es nicht zu reichen den Hahn aufzudrehen. Ich muss irgendeinen Haupthahn aufdrehen hat man mir gesagt. Und so sehr ich es liebe mit Gas zu kochen, es widerstrebt mir irgendwelche Hähne aufzudrehen, die ich noch nie aufgedreht habe und bei denen ich immer die Vorstellung habe etwas in die Luft zu jagen.

Eine Stunde später rufe ich einen alten Arbeitskollegen aus Verona an. Ich schildere ihm mein Problem und er hört mir geduldig zu. Etwa fünf Minuten lang, dann unterbricht er mich. Er wisse beim besten Willen nicht ob eine deutsche Haftpflicht Versicherung auch für Auslandsschäden aufkommt. Allerdings, so sagt er, würde er sich ehrlich gesagt weit mehr dafür interessieren, was zum Henker ich eigentlich gerade machen würde. Ich müsste es ihm auch gar nicht sagen, versichert er mir. Noch viel wichtiger sei ihm, dass ich das was ich machen möchte bitte auf keinen Fall machen soll, denn Dinge bei denen man überlegt ob etwas in die Luft fliegt, die lasse man besser. Mir wird klar, dass ich ihm von meinem Schalter Problem noch gar nicht erzählt habe. In wenigen Sätzen erkläre ich es ihm und er bittet mich um ein Foto der Therme. Ich schicke es ihm und er ruft mich zurück. Drück auf den schwarzen Knopf neben der roten Lampe und dreh den grünen Schalter in die horizontale, sagt er und wünscht mir einen schönen Tag.

Eine gute halbe Stunde habe ich mich nicht getraut. Dann kam aus Verona eine SMS. Mein ehemaliger Arbeitskollege kennt mich gut. Er kennt mich sogar sehr gut. Er schrieb mir: MACH ES!

Gerade habe ich warm geduscht und Nudelwasser aufgesetzt. Ob meine Haftpflicht Versicherung hier in Ligurien für mögliche Schäden bezahlt weiß ich nicht, aber das ist jetzt erst mal auch nicht mehr wichtig. Mein Kollege schrieb übrigens nicht, dass ich es einfach machen soll. Er schrieb: Mio Dio, come si fa a sopravvivere se si ha paura di un bottone innocuo? Was übersetzt in etwa bedeutet, dass er sich fragt wie ich den Alltag über lebe wenn ich schon vor harmlosen Tasten Angst habe. Gut, würde ich sagen. Meines Erachtens liegt das vor allem daran, dass ich in der Regel nur ungerne Knöpfe drücke die Zündung auslösen. Nachvollziehbar, oder?

Ohne ihn brennt´s nur halb so schön

„Iljana, komm raus“, fordert der alte Säufer mit rauer, noch nachtschwerer Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe des vietnamesischen Schönheitssalons schüttelt lächelnd den Kopf. Sie kennt den Alten seit bald einem Jahr und hat sich daran gewöhnt, dass er morgens vor dem Laden sitzt und nach ihr ruft. Er ist eine treue Seele. Und wie man die meisten treuen Seelen gern hat, so mag man auch ihn. Man hat sich an seine kratzige Stimme und seinen schwankenden Schritt gewöhnt. Nach den ersten Schlucken aus der kleinen Jägermeisterflasche geht er gerader und man versteht ihn besser. Die meisten. Iljana nicht. Sie spricht noch immer kaum Deutsch, braucht es aber auch nicht. Letztes Jahr stand Iliana an der Kasse des vietnamesischen Backshops. Seit er schließen musste arbeitet sie im vietnamesischen Schönheitssalon. Iljana ist eine treue Seele. Ihr ist es egal, ob sie Semmeln abkassiert, oder Geld für frisch manikürte Fingernägel in die Kasse wirft. Ihre Arbeitgeber versteht sie noch schlechter als den Säufer, weil der ihr wenigstens nur einzelne Worte um die Ohren haut. Der vietnamesische Singsang dagegen gleicht einem nicht zu verstehenden Gemurmel. Auch für mich.

„Iljana“, schreit der Alte, „es brennt!“ Solange es draußen brennt, ist es nicht ihr Problem, sagt Iljana – glaube ich – und füllt meinen Becher mit heißer Milch. Weil die Kaffeemaschine aus dem Backshop noch nicht abgebaut ist, gibt es im Schönheitssalon morgens warme Getränke zu erwerben. Warum auch nicht. Der Säufer hat sich selbst etwas mitgebracht und öffnet im Türrahmen stehend den zweiten Jägermeister. Ich stell mich mit meinem Kaffee neben ihn und trinke draußen, weil es drinnen nicht mehr nach Gebäck sondern nach Lacken riecht. Seine Fingernägel sind gepflegter als meine. Es wundert mich, das einer, der so riecht, so schöne, alte Finger hat. „Schau, Iljana“, sagt er und meint mich. Ihm ist es egal,mit wem er spricht. So egal, wie ihm der Laden ist, vor dem er sitz. „Schau, Iljana, es brennt. So schön brennt es.“ Ich nicke und rufe nach Iljana. Auf der anderen Straßenseite steht eine Pappel. Ihre gelben Blätter brennen im Sonnenlicht des Herbstmorgens. Der Baum ist wunderschön. Zu schön um ihn nicht anzusehen.

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