Ferragosto ohne Vorwarnung

Ob sie jemanden aus der Isolation retten solle, fragte mich heute morgen Francesca aus Italien via SMS. Garniert mit einem Smily der boshaft lächelte und dem Hinweis auf einen neuen, modernen Supermarkt in der nähe meiner alten Wohnung. Ein wenig teuer, aber immerhin nachmittags geöffnet. Nicht nötig, schrieb ich schmunzelnd und wünschte ihr und mir einen schönen Feiertag. Hier in Bayern ist es Maria Himmelfahrt, bei ihr in Italien Ferragosto. Obwohl Italien durch und durch katholisch ist, kennt man den 15. August nur als den Tag der als Wendepunkt des Sommers empfunden wird. Zurück gehend auf Kaiser Augustus, der bereits 8 v. Chr. mehrere freie Festtage eingeführt hatte, macht der Italiener rund um den 15. August Ferien. Damit Sie mich richtig verstehen….nicht viele Italiener fahren in dieser Zeit in den Urlaub, sondern alle Italiener.  Als ich den zweiten Sommer in Italien verbrachte, wusste ich das bereits. Es hielt mich allerdings nicht davon ab, einem befreundeten Pärchen großzügig meine Wohnung anzubieten. Natürlich könnten sie gerne kommen und bei mir wohnen. Es sei  zwar etwas warm, mitten im August, dafür sei die Stadt aber auch recht ruhig. Fast schon gemütlich. Dass die Stadt ausgestorben, verdorrt und schlichtweg tot war, verschwieg ich ihnen. Zwei Jahre zuvor hatten mir die beiden gründlich mehrere Abende verdorben, indem sie vehement versuchten mich an einen vom Hauch der Verzweiflung umwehten Kommilitonen zu verschachern. In jenem Sommer war ich noch beleidigt und überließ ihnen meinen Wohnung daher sehr gerne. Weiterlesen

Giesinger Tauschgeschäfte

„Woin´S a Zwetschgnrohrnudel?“, ob ich eine Zwetschgen Rohrnudeln wollen würde, fragte mich Herr Mu heute morgen an der Bushaltestelle. Weil ich bei dreißig Grad schon am frühen Morgen bei solchen Angeboten etwas misstrauisch bin, erkundigte ich mich, wie lange er die Zwetschgenrohrnudeln schon in den Tiefen seiner Tasche mit sich herumschleppte. Herrn Mu kann man so etwas fragen. Herr Mu ist nie beleidigt und grinste auch heute morgen. Ohne zu antworten, beugte er sich über die große Plastiktasche und teilte mir mit, dass ich gleich schlecken und juchzen würde. Die Zwetschgenrohrnudeln sein nämlich von der alten Huber. Ich kenne die alte Huber nicht, aber Zwetschgenrohrnudeln von alten Frauen sind eigentlich immer besser, als die vom Bäcker. Als Herr Mu sich wieder aufrichtete, war ich mir sogar sicher, dass die Rohrnudeln etwas besonders feines waren. Sie waren nämlich in Pergamentpapier eingeschlagen und nicht in eine lieblose Plastikdose geworfen worden. Ich nickte. Ja, so eine Zwetschgenrohrnudel nahm ich gerne. Herr Mu reichte mir eines der Prachtstücke und ich bot ihm einen Tausch an. Da er für mein Mittagessen gesorgt hatte, konnte ich ihm leicht das meine abtreten. Rohrnudel gegen Kichererbsensalat. Herr Mu verzog den Mund und schüttelte den Kopf. So etwas gesundes würde er nicht essen. Einen Mann wie Herrn Mu muss man aber nur lange genug ansehen und er knickt ein. Nach zwei Atemzügen nahm er meine lieblose Plastikdose und versprach, den Salat wenigstens einmal zu probieren. Die Dose verschwand in seiner Plastiktüte und mir fiel ein, dass ich vergessen hatte beim vietnamesischen Backshops eine Pfandflasche zurück zu geben. Eine Entscheidung die ich schnell bereute. Weiterlesen

Alter egal – U-Bahn Gedanken

Obwohl es gestern erst den ganzen Tag geregnet hat, ist es heute schon wieder angenehm heiß. Zu heiß würden viele behaupten; angenehm italienisch warm, sage ich. Obwohl es in München im Sommer recht warm wird, gibt es nur wenige italienische Woche. Solche Wochen zeichnen sich nicht nur durch die Temperatur aus. Vielmehr erinnert sich an diesen Tagen die ganze Stadt, dass sie sich tief im Herzen dem Süden häufig verbundener fühlt als dem Norden. An solchen Tagen gehen die Münchner langsamer, schlendern mehr und bleiben noch lieber für ein Schwätzchen stehen. Die Münchnerinnen tragen schönere Kleider, höhere Schuhe und ein bisschen mehr Rouge auf den Wangen. Sie tun es, weil die Münchner Männer in jenen Tagen ihren Charme zusammen kratzen und häufiger anerkennend lächeln, wenn ein schönes Kleid an ihnen vorbei läuft. Und wenn die Münchnerin ein besonders großes Glück hat, dann trifft sie auf einen Italiener, der das ganze noch ein bisschen besser als der Münchner kann. Weiterlesen

Fremde Männerknie – U-Bahn Gedanken

Wussten Sie, dass männliche Geschlechtsorgane gerade in der heißen Jahreszeit ordentlich viel Raum brauchen? Unter der Beinbekleidung und der hoffentlich vorhandenen Unterwäsche scheint es besonders im Sitzen schnell unangenehm warm zu werden. Hilfreich ist dann das weite Spreizen der Beine um den armen, arg eingeklemmten Organen wenigstens ein bisschen Frischluft zu gönnen. Besonders angenehm ist eine Sitzhaltung bei der Mann mit dem Hintern auch noch etwas nach vorne rutscht und so statt einem gleich dreieinhalb Plätze in Bus und Bahn in Beschlag nimmt.  Ist das so, frage ich den der nicht mehr bei mir ist in Gedanken und funkle sein Spiegelbild in der Scheibe angriffslustig an. Es verschwindet, so wie er grundsätzlich erst einmal verschwand, wenn ich angriffslustig zu funkeln begann. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in der Regel bereits so wütend, dass jede Antwort falsch ist. Es kommt nicht oft vor, dass ich so funkelnd wütend werde. Wenn ich wütend bin, bin ich durchaus noch in der Lage ein Gespräch zu führen. Beginne ich aber angriffslustig zu funkeln, dann warte ich nur darauf, dass mein Gegenüber den Mund aufmacht. Egal was es sagt, das Donnerwetter entlädt sich. Und sagt er nichts, dann fange eben ich an. Weiterlesen

Atmen – das reicht

Wenn man sich entschließt, nach Italien auszuwandern, dann sollte man unbedingt darauf achten, dass man im ersten Jahr einen besonders heißen Sommer erwischt. Einen, der später als Jahrhundert Sommer bezeichnet wird und an den man sich sein Leben lang erinnert. Nicht unbedingt, weil es sich bei einem solchen Jahrhundert Sommer um ein besonders schönes Ereignis handelt, sondern vielmehr weil man so auch gleich dieses Extrem am Anfang er- und überlebt. Extreme Hitze passt hervorragend zum Wahnsinn italienischer Behörden, Einsamkeit, Heimweh, einer Zahnwurzelbehandlung und ungewollten Kontakten mit der örtlichen Polizei und Feuerwehr. Wer auswandert, egal wohin, sollte sowieso darauf achten dass er jeden Mist bereits in den ersten Monaten erlebt und sich den Katastrophen gleich am Anfang stellt. Wer dann bleibt, den haut so schnell nichts mehr um. Ich erledigte den ersten Anruf bei der Feuerwehr gleich in der ersten Nacht, lies mein Auto am dritten Tag abschleppen und fand mich auf einer Polizeistation wieder, hatte meine hysterischen Heulkrämpfe in den Wartehallen italienischer Behörden in den ersten zwei Wochen und verzweifelte am italienischen Arbeitsmarkt im ersten Monat. Die entzündete Zahnwurzel beglückte mich in ersten Arbeitswoche und eine Wohnung mit Fenster ergatterte ich erst nach neun Monaten. Nach alldem glaubte ich gerüstet zu sein. Mit dem italienischen Sommer 2003 hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet. Weiterlesen