Statistisch unwahrscheinlich

Wir werden nicht grillen. Der Wald, der unsere kleine Hütte umgibt ist strohtrocken und den Funkenflug eines Feuers zu riskieren, ist eine Mischung aus Ignoranz und Dummheit. Mit dem einen oder anderen werde ich darüber noch diskutieren müssen und mich am Ende doch durchsetzen. Die Hitze eines Feuers und die Schönheit einer langsam verlöschenden Glut, gehört zu Abenden, an denen man sich nach dem Sonnenuntergang eine Jacke um die Schultern legt. Jene seltenen Nächte, die die Hitze des Tages gespeichert habe und sie bis weit nach Mitternacht ausdünsten, brauchen kein Feuer. Ihnen reicht ein kleines Teelicht, weil sie im Dunklen besonders schön sind. Weiterlesen

Hildes Blumenkohl

Eigentlich konnte er ihn nicht ausstehen, den immer etwas zu matschig gekochten Blumenkohl seiner Hilde. Weil er aber die Hilde so gern hatte, aß er eben auch ihren Blumenkohl. So sei das eben, sagt Herr Mu. Wenn man jemanden gern hat, dann sieht man über die kleinen Macken im Charakter des anderen hinweg. Ich schmunzle und frage Herrn Mu ob es denn wirklich ein charakterlicher Fehler ist, wenn man den Blumenkohl verkocht. Das erscheint mir etwas sehr streng. Auch Herr Mu schmunzelt. Nur, wenn man es aus purer Bosheit über mehrere Jahrzehnte hinweg, immer wieder machen würde. Dann könne man durchaus von einem unschönen Charakterzug sprechen. Herr Mu lächelt so versonnen, dass ich mir sicher bin, dass seine Hilde als Ausgleich sehr viele, sehr schöne Charakterzüge gehabt haben muss. Ich merke es an und Herrn Mu er schüttelt den Kopf. Nein, seine Hilde sei ein rechtes Miststück gewesen. Den Blumenkohl zum Beispiel hätte sie nur deshalb ein ums andere Mal absichtlich verkochen lassen, weil er kurz nach der Hochzeit einmal feixend einen Scherz über die Ähnlichkeit von knackigem Gemüse und hübschen Frauen gemacht hat. Ab jetzt sei es vorbei mit dem jungen Gemüse, meinte seine Hilde und von da an gab es den Blumenkohl und auch den Kohlrabi eben nur noch weich und lasch. Weiterlesen

Feiertag

Ich mag es, wenn es heiß ist. So heiß, dass man glaubt man würde gegen eine Wand laufen, wenn man vom Schatten in die Sonne tritt. Die Hitze macht mich müde und schläfrig und ich schleiche durch die Straßen meines Viertels. Ab 30 Grad kann ich in der Sonne nicht schnell gehen. Ich schlurfe so langsam, dass mich alle Rentnerehepaar problemlos überholen können. Das dürfen sie ruhig – ich hab es ja nicht eilig und meine Langsamkeit ist Balsam für die Seele. An Tagen, die kein Sonntag sind und trotzdem Feiertag erhole ich mich. Dann mache ich am liebsten gar nichts. Besonders gut geht das an den brüllend heißen Sommertagen. Biergarten? Nein danke, da muss ich ja erst einmal hinkommen. An den See? Fein, aber lieber an einem Samstag und nicht heute. Heute reicht mir mein kleines Viertel. Das ist genauso schläfrig wie ich.

Wer wach sein möchte, wer sehen und gesehen werden will, der geht runter an die Isar. Legt sich ins Schyrenbad oder stürzt sich ins Glockenbachviertel. Wer lieber nichts tut, bleibt in Giesing oder einem der anderen Viertel, die nicht auf den ersten Seiten der Reiseführer stehen. Da ist es heute schön ruhig. Wenige Straßen, die mit den Cafés, Biergärten und Restaurants, sind belebt, der Rest dämmert vor sich hin. Das können wir Münchner gut. Wir sitzen freilich auf unseren Balkonen, fast alle Bänke sind besetzt und auf den Steinmäuerchen vor den Vorgärten sitzen Kinder. Trotzdem ist es ruhig, fast still. Die anderen, die die Stille stören könnten, sind alle unterwegs. Wer geblieben ist, der dämmert vor sich hin, redet automatisch etwas leiser und schlurft recht langsam durch die Straßen. Autos fahren kaum. Wo sollten sie auch hinfahren? Sie sind ja schon in den Bergen, am See oder den anderen Vierteln, in denen heute mehr los ist. Laufen tut auch keiner. Es ist viel zu heiß. Hetzen eh nicht. Wohin auch? Heut ist Feiertag und alles hat zu. Gott lob. Weil Fronleichnam ist und weil ich ihm zu verdanken habe, dass hier noch keine Läden sonntags offen haben. Irgendein Nachbar hat schon das was fehlt und wenn er es nicht hat, dann gibt es das heute halt nicht.

An so ruhigen, fast stillen, Feiertagen darf man „rumsandln“. Dem Dolce Vita frönen und das Nichtstun genießen. Man kann ja nicht anders. Ich müsse saugen. Dringend. Würde ich es heute tun, Herr Meier würde an meinem Verstand zweifeln und mir noch vor Frau Obst eine Standpauke halten. Der Gute! Heut wäscht auch keiner. An Feiertagen hängt man die Wäsche nicht in den Innenhof. Zum Glück! Ich müsste nämlich eigentlich, aber weil ich nicht darf, muss ich doch nicht. Für die Berge und den See ist es jetzt zu spät. Ich sitz mit einem Eiskaffee (die Eisdiele hat nämlich auf) auf dem Balkon und spitz die Ohren. Heut hört man ja, was man sonst nicht hört. Jetzt grad, das Rauschen der Blätter im Wind von den drei Bäumen bei meinem Balkon; die fette Hummel, die sich auf die ersten Blüten in meinen Kästen stürzt und das leise Murmeln von Herrn Iwanov, der sich nicht laut telefonieren traut. Ab und zu höre ich wie Herr Meier unten in der Kneipe leise rülpst. Die hat zwar zu, aber er sitzt trotzdem davor und trinkt sein Radler, das er sich selbst mitgebracht hat. Irgendwo klappern Teller und ein Skatboard schreddert durch die Straße, bevor es wieder still wird. Wenn der leichte Wind sich dreht höre ich die Live Band aus dem Biergarten des Schinkenpeters. Aber nur ganz leise. Einschläfernd sind diese Geräusche. Und schön. Es ist das leise Murmeln der Stadt, wenn sie vor Hitze ächzt und stöhnt.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich hab heut Feiertag. Keine Muse für ein Beitragsbild und die Schlagworte. Als Entschädigung bekommen Sie das Bild eines Hundes. Der stöhnt auch. Ich glaub aber, dass er wegen seines Frauchens streikt. Das ist ähnlich gekleidet, aber nicht so zierlich. 

Gefunden Sätze #36

„Man überlegt nicht lange, fisch sich,  fast ohne hinzusehen, ohne hinzusehen, ein Leben heraus, fragt nicht viel, ob es passt, lebte es eben, da wurde es passend.“

„Nachdenken über Christa T.“
Christa Wolf

Aufgehoben und verschoben

Ob er schnell noch bei mir duschen könne, fragt er in einer SMS, die weder Begrüßung noch Verabschiedung enthält. Halb acht würde er schaffen. Der klügste meiner Freunde, muss sich nicht mit getippten Höflichkeitsfloskeln aufhalten. Nach all den Jahren sind sie unnötig. Respektvoll, höflich und liebevoll gehen wir seit einem Vierteljahrhundert dann miteinander um, wenn wir uns gegenüber sitzen. Das Telefon ist nur Mittel zum Zweck um eine Uhrzeit zu fixieren. Ich antworte ebenso knapp, ja natürlich und komme nicht auf die Idee, das Bad noch zu putzen. Er würde es nicht bemerken, auch wenn es seit drei Wochen nicht gewischt worden wäre. Dass ich mich freue, ihn zu sehen, auch wenn wir uns erst vor ein paar Tagen gesehen haben, schreibe ich nicht. Nettes, herzliches und warmherziges sage ich ihm, wenn ich ihn dabei anlächeln kann. Weiterlesen

Ballett zwischen U1 und U2

Ich kann Sie beruhigen. Der von mir vor einigen Tagen beschriebene Mitarbeiter der Münchner Verkehrsbetriebe sitzt noch immer in seinem Glaskasten an den S-Bahn Gleisen des Hauptbahnhofes. Man hat ihn nicht, wie befürchtet, strafversetzt. Er darf die Fahrgäste weiter anschnauzen und für die gebührende Ordnung am Bahnsteig sorgen. Vielleicht hat man ihn sogar befördert, wie einige von Ihnen vorschlugen. Heute morgen ist mir nämlich aufgefallen, dass er eine zur Uniform passende Kappe trägt. Eine solche Kappe darf nicht jeder tragen. Jedenfalls nicht die, die einen Stock tiefer zum Ballettensemble gehören. Ich glaube, wenn sie beim MVG arbeiten, dann ist der Satz „du bist ab morgen im Ballett“ gleichbedeutend mit „Ab nach Sibirern“. Weiterlesen

Auf dem Vulkan

Zwischen all den Blogs die ich lese, gibt es diesen einen. Den einen der so ganz anders ist. Den einen, den ich ein Jahr lang „nett und ok“ fand und dann mit jedem Tag besser. Mag sein, dass ich nur ich lange brauche, aber wenn Sie auf der Suche nach etwas anderem sind, dann ist es vielleicht der.

Ich kenn den Autoren nicht. Nur das was man eben so kennt, wenn man sich Kommentare unter die Texte wirft. Aber ich mag ihn. Den, dessen Blog, ich mittlerweile grandios finde.

Vielleicht weil er da wo ich plappere, erkläre und diskutiere, einfach ein paar Sätze ins Netz wirft. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten wirft er weit mehr. Der Christophrox. Der eine, den ich nicht kenne, den ich aber mag.

christophrox

Lerne ich eine Frau kennen, dann erwarte ich Drama. 3. 2. 1. Los geht’s. Ein Naturgesetz. Sonst werde ich misstrauisch.

Was ist überhaupt der Maßstab? Freunde? Familie? Filme? Plötzlich sieht man in seiner Timeline ein dämliches Pärchen-Selfie. Den Weg dahin sieht man nicht.

Möglichkeiten. Freiheiten. Individualität. Mehr als je zuvor. Die Vegane-Öko-Rucksack-Techno-Tussi verliebt sich in den Leberwurst-Hardrock-Vollpension-MSV-Macker.

Der Jahresurlaub ist verplant. Tickets für das Festival gekauft. Neue Projekte in Aussicht. Am Ende der Welt.

Zwei Leben, die synchronisiert werden müssen. Ohne Probleme? Wohl kaum.

Kiloweise Ballast schleppt man mit sich herum. Weil jeder schon auf die Fresse gefallen ist. Aua am Herzen.

Theaterstücke. Opern. Weltkriege. Wegen WhatsApp.

Nach dem ersten Date: Interesse zeigen, okay. Übertreiben? Auf keinen Fall! 24-Stunden-Ghosting. Lalala.

Läuft das später immer noch so, ist vielleicht eine Aussprache über das Kommunikationsverhalten nötig. Ruhig. Sachlich.

„Du scheiß Spacko! Wenn du nicht sofort auf meine verkackten Nachrichten antwortest, ramm ich…

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