Sendlinger Wahnsinn

Kennen Sie das Sendlinger Tor in München? Es handelt sich hierbei um das südliche Stadttor der historischen Altstadt und wenn Sie München als Tourist besucht haben, dann sind Sie sicher daran vorbei gekommen. Das erste Mal im Jahr 1319 als Ausgangspunkt für den Weg nach Italien urkundlich erwähnt, steht es vermutlich schon um einiges länger. Es ist auch heute noch hübsch anzusehen und bietet mit seinem breiten Torbogen einen angenehmen Schutz vor Sommergewittern oder Schneestürmen. Sogar den zweiten Weltkrieg hat es kaum beschädigt überstanden und wurde in den 1980iger Jahren generalsaniert. Es liegt zwischen der Fußgänger Zone und dem Verkehrsreichen Sendlinger-Tor-Platz. Dort befindet sich auch der U-Bahnhof „Sendlinger Tor“ mit ganzen sechs U-Bahn Linien und fünf Trambahnlinien. Sie können sich also vorstellen, dass an diesem schönen Ort Münchner Stadtgeschichte abends und morgens der Bär steppt. Wer in München mit den Öffentlichen unterwegs ist, der landet früher oder später am Sendlinger Tor. Weiterlesen

U-Bahn-Gedanken Nummer gesucht

Konzentriert tippt der alte Mann in der U-Bahn auf das Display seines Handys. Wacklig liegt das moderne Gerät auf seinen Knien, wo er es vor einigen Minuten abgelegt hat um mit zwei Fingern der einen Hand das zu lesende vergrößern und mit dem Finger der anderen Hand etwas anzuklicken. Es dauert und ich höre ihn leise stöhnen. Ein Stöhnen, das man versteht, wenn man schon einmal einen Menschen dabei beobachtet hat, die simpelsten Funktionen auszuführen und  ahnt, dass dieser vermutlich vor dem Smartphone wenige ähnliche Geräte in den Händen hatte. Selbsterklärend sind diese Dinge nur, wenn man mit ihnen aufgewachsen ist oder sich langsam an die immer präsentere Technik gewöhnt hat. Manchem der älteren Generation macht es Freude, diesem nicht. Kein Wunder. Seine Hände sind zu groß für das kleine Telefon und die dicken, schwieligen Finger können es nur schwer bedienen. Schöne Hände sind es. Alte Männerhände, die in ihrem Leben wohl hart und viel gearbeitet haben. Man sieht es an den Fingern. Handwerkerfinger. Im Alltag so oft viel nützlicher als filigrane und zarte Akademikerhände. Hände, die notfalls eine Brennnessel ohne Handschuhe heraus reißen und es trotzdem spielend schaffen einem kleinen Kind sanft über die Wange zu streichen. Solch grobe Hände sind manchmal die zärtlichsten. Ob es die seinen sind, weiß ich nicht. Ich kenne ihn ja nicht und sitze ihm nur zufällig gegenüber. Beobachte wie er über das Display fährt und ungläubig den Kopf schüttelt wenn er versehentlich eine App öffnet. Weiterlesen

Biologisches Unkraut

Was ist das wohl sein könne beginnt eine drei Minuten lange Sprachnachricht meiner Freundin Mimi. Detailliert beschreibt sie mir einen Pilz. Von den Lamellen bis zum Stiel schildert sie mir sein Aussehen und endet mit der erneuten Frage, was das wohl sein könne. Ein Pilz, tippe ich, an der Supermarktkasse stehend, in das Handy und beschließe den Redeschwall nicht weiter zu kommentieren. Ja, schon, ein Pilz, höre ich wenig später in einer weiteren Sprachnachrichtund schichte meine Einkäufe in die den Korb. Es stelle sich aber die Frage, welcher genau es sein könne. Mimi beschreibt die Kappe und ich rufe sie an um ihr zu sagen, dass ich erstens, das Brot für unseren Grillabend vergessen habe und sie doch bitte zweitens, einfach den Verkäufer am Marktstand oder im Supermarkt fragen soll. Ich schlage es vor, obwohl ich bereits ahne, dass meine Freundin sich weder am Vikualienmarkt noch an einem anderen Gemüsemarkt befindet. Meine Ahnung bestätigt sich, als sie mir ein Foto schickt. Mimi kniet auf dem feuchten Waldboden und beäugt einen einzelnen Pilz. Weiterlesen

Rückkehr ungewiss

Mit Sabine Bohlmann, Tanja Mairhofer & Petra Lewi.

Dass ich mich kurz fasse, sind Sie von mir nicht gewohnt. Sehen Sie es mir bitte nach, ich bin arg eingespannt. Der einzige Obstbaum auf unserer Lichtung im Wald trägt so viele Äpfel, dass ich mich gezwungen sehe, das Wachstum im Auge zu behalten. Wie man weiß, kann das dauern.

Auch die Wolken muss ich beobachten. Sie wissen ja, dass sich ein Sommerhimmel schnell ändert und man Gefahr läuft etwas zu verpassen. Das tue ich eh, denn ich schlafe ständig ein. Die wenigen Wanderer die hier vorbei kommen sind schon ganz besorgt. Es könne, allein im Wald, so viel passieren. Eine dumme Sorge, den jeder weiß, dass man kaum an einem Ort so unbesorgt wie in einem Wald schlafen kann. Besonders mit den herrlichen Träumen die hier kommen.

Wenn ich die Augen offen habe, träume ich noch etwas vom der Lesung am Donnerstag. Die war nämlich wirklich ein Traum.

Wenn ich mit all dem fertig bin, dann komm ich zurück in die Stadt und zu Ihnen. Ein bisschen noch. Nur bis die Äpfel reif sind…..

Postkarten Ersatz

Kontrastprogramme mag ich. Deshalb bin ich direkt nach der Lesung im Hofspielhaus zu unsere Hütte in die Berge gefahren.

Herrlich. Nur dass ich die Milch vergessen habe ist blöd. Um die zu holen musste ich gerade zurück ins Dorf und bevor ich mich wieder an den Aufstieg mache winke ich Ihnen und schreibe diese „Karte“.

Bis bald, Ihre Mitzi

P. S. Das Reh heißt Agnes. Wir haben uns auf dem Weg nach unten angefreundet.

Verplappert

Mein Nachbar Paul ist gekränkt und ich bin schuld daran. Behauptet er. Eigentlich ist er nur beleidigt und hat überhaupt keinen Grund gekränkt zu sein. Behaupte ich. Es wird ja wohl noch erlaubt sein, einem erwachsenen Mann objektiv und gelassen seine Meinung zu sagen. Ebenso muss es erlaubt sein, einem in sich ruhenden Mann zu sagen, dass man sein Angebot dankend ablehnt. Wir sind doch erwachsen. Da kann man doch auch mal nicht einer Meinung sein. In unserem Falle nicht. Ich vermute es liegt daran, dass Paul alles andere als ein in sich ruhender Mann ist und ich beileibe weder objektiv und in wachem Zustand nie gelassen bin. So war ich auch , als wir uns vorhin im Lift trafen trotz des bevorstehenden Wochenendes nicht gelassen, sondern leicht panisch. Das wären Sie auch, wenn Ihnen wie mir plötzlich klar geworden ist, dass der hübsche Sessel, den sie am Donnerstag unbedingt brauchen, völlig unbrauchbar ist. Nach 15 Jahren hat man manche Möbelstücke weit hübscher in Erinnerung als sie eigentlich sind. Noch vor ein paar Stunden war ich überzeugt davon, dass der Sessel, den ich mit Anfang zwanzig für meine erste Wohnung am Sperrmüll gefunden hatte, ein 1a Vintage Stück ist. In meinem dunklen Kellerabteil steht er seit einer Ewigkeit und obwohl ich ihn dank vieler Kartons seit Jahren mehr gesehen hatte, hatte ich ihn hübsch in Erinnerung. Das ist er nicht.  Er ist scheußlich. Ich war also gestresst und nicht gelassen, als ich Paul im Lift fragte ob er mir nicht zufällig am Donnerstag einen Sessel borgen könne. Paul nickte. Klar, kein Problem. Er hätte mehr als einen und es sei eh an der Zeit, dass ich ihn einmal besuchen würde.  Weiterlesen