Randnotiz Restauranttoiletten

Am Rande, ärgern Sie sich auch über die Toiletten in Restaurants? 

Manche gleichen Wohnzimmern. Sie sind fast schon gemütlich und so schlecht beleuchtet, dass es unmöglich ist, sich die Petersilie zwischen den Schneidezähnen rauszupfriemeln. 

Schlimmer sind aber die, die gut beleuchtet sind. Eben noch saß man bei Kerzenlicht vor einem Rotweinglas und lächelte sein Gegenüber verführerisch an. Weil man wollte und vor allem weil man es konnte. Man war verführerisch. Hat es genau im Spiegelbild der Weinflasche gesehen. Rosige Wangen, lange seidige Wimpern und ein feiner Glanz in den strahlenden Augen. Auch im Löffel des Gegenübers sah man sich glänzen. 

Wie eine Speckschwarte glänzt man, bemerkt man Stunden später auf der Toilette unter grellem Neonlicht. Oktoberblasse Haut und rosig sind nicht die Wangen sondern die Zähne. Vom Rotwein. 

Restaurants mit Kerzen am Tisch, haben auf der Toilette doch bitte ein eben solches Licht bereit zu stellen. Stumpenkerzen zum Beispiel. Gerade so viele, dass man die Petersilie noch entdeckt, sich den Rest aber schön reden kann.  

Gestern grüßt Sie Mitzi, auf einer Restauranttoilette tippend. 

Ich gehe nicht zurück. Wenn ich schon mitgenommen aussehe, wie mag dann er erst bei Tageslicht aussehen. 

Iljana, es brennt

„Iljana, komm raus“, fordert der alte Säufer mit rauer, noch nachtschwerer Stimme. Iljana, die mazedonische Aushilfe des vietnamesischen Schönheitssalons schüttelt lächelnd den Kopf. Sie kennt den Alten seit bald einem Jahr und hat sich daran gewöhnt, dass er morgens vor dem Laden sitzt und nach ihr ruft. Er ist eine treue Seele. Und wie man die meisten treuen Seelen gern hat, so mag man auch ihn. Man hat sich an seine kratzige Stimme und seinen schwankenden Schritt gewöhnt. Nach den ersten Schlucken aus der kleinen Jägermeisterflasche geht er gerader und man versteht ihn besser. Die meisten. Iljana nicht. Sie spricht noch immer kaum Deutsch, braucht es aber auch nicht.

Letztes Jahr stand Iliana an der Kasse des vietnamesischen Backshops. Seit er schließen musste arbeitet sie im vietnamesischen Schönheitssalon. Iljana ist eine treue Seele. Ihr ist es egal, ob sie Semmeln abkassiert, oder Geld für frisch manikürte Fingernägel in die Kasse wirft. Ihre Arbeitgeber versteht sie noch schlechter als den Säufer, weil der ihr wenigstens nur einzelne Worte um die Ohren haut. Der vietnamesische Singsang dagegen gleicht einem nicht zu verstehenden Gemurmel. Auch für mich.

„Iljana“, schreit der Alte, „es brennt!“ Solange es draußen brennt, ist es nicht ihr Problem, sagt Iljana – glaube ich – und füllt meinen Becher mit heißer Milch. Weil die Kaffeemaschine aus dem Backshop noch nicht abgebaut ist, gibt es im Schönheitssalon morgens warme Getränke zu erwerben. Warum auch nicht. Der Säufer hat sich selbst etwas mitgebracht und öffnet im Türrahmen stehend den zweiten Jägermeister. Ich stell mich mit meinem Kaffee neben ihn und trinke draußen, weil es drinnen nicht mehr nach Gebäck sondern nach Lacken riecht. Seine Fingernägel sind gepflegter als meine. Es wundert mich, das einer, der so riecht, so schöne, alte Finger hat.

„Schau, Iljana“, sagt er und meint mich. Ihm ist es egal,mit wem er spricht. So egal, wie ihm der Laden ist, vor dem er sitz. „Schau, Iljana, es brennt. So schön brennt es.“ Ich nicke und rufe nach Iljana. Auf der anderen Straßenseite steht eine Pappel. Ihre gelben Blätter brennen im Sonnenlicht des Herbstmorgens. Der Baum ist wunderschön. Zu schön um ihn nicht anzusehen.

Was so ein Gehirn alles kann…..unangenehm ist das!

Am 29.10.2017 um 18:00 Uhr ist es für mich wieder so weit. Dann schlagen meine Gedanken Purzelbäume und ich wundere mich, dass ich an etwas anderes denken kann, während ich doch gerade einen meiner Texte vorlese. Dann fällt mir auf, dass das nun wirklich seltsam ist, dass der Mund Worte formt während der Geist sich darüber wundern kann, das diese doch so flüssig über die Lippen kommen. Das passiert mir jedes Mal und während ich darüber erschrecke, atme ich ganz automatisch tief ein und bin für die nächsten 60 Minuten nur noch am lesen und denke an nichts anderes. Obwohl…so ganz stimmt das nicht. Immer wieder freue ich mich zwischendurch und spüre kribbelnde Freude. Darüber, dass ich meine Erzählungen teilen darf. Und über das Lachen, das ich beim Lesen höre. Auch über den einen oder anderen Kommentar, der mir zugerufen wird. Ich genieße es, die direkte Reaktionen mitzubekommen. Sie zwingen mich zu kurzen Pausen und verführen mich immer wieder die Reihenfolge der ausgesuchten Texte spontan über den Haufen zu werfen. 

Und Sorgen mache ich mir auch jedes Mal. Zum Beispiel darüber, ob mein Handy auch wirklich auf lautlos gestellt ist. Und während ich darüber nachdenke, wünsche ich mir fast, dass das eines andren kurz los klingelt. Mit der Vorlage könnte ich, sollte meines ebenfalls klingeln, das Missgeschick in einen Witz verpacken. Ich mache mir Sorgen und lese gleichzeitig. Dass auch das geht, wundert mich und schon denke ich wieder darüber nach, dass man sich sorgen und lesen gleichzeitig kann. Tief einatmen. Das Telefon ist lautlos. Das war es immer. Seit es beim ersten Mal in meiner Hosentasche vibriert hat und ich mir gedanklich – natürlich während ich gelesen habe – schwor den Anrufer umzubringen, deponiere ich meine Tasche ganz hinten im Raum möglichst weit weg von mir. Dann kann es ruhig bimmeln, ich bin es dann nicht. Ich könnte milde lächelnd sagen, dass das nicht so schlimm ist. Mich bringt nichts so leicht aus dem Konzept. Nichts…außer ich selbst.
Davon werden Sie aber nichts merken, das verspreche ich Ihnen. Ich habe noch 18 Tage und eine Stunde. Die werde ich nutzen, neue Texte heraus zu suchen, sie zu polieren, fein abzufeilen und Ihnen dann daraus vorlesen. Wenn Sie Lust und Zeit haben… Ich würde mich sehr freuen. Über Sie als Zuhörer. Und über Sie als Gast mit dem ich danach bei einem schönen Schluck ein bisschen ratschen kann. Sie können gern auch vorher schon etwas trinken. Ich besser nicht. Sonst passiert es am Ende noch, dass ich in der Lesung, mitten im Satz stocke, sie anschaue und sage: „Wissen Sie woran ich gerade denken musste?“ Und dann würde ich von diesem Text hier erzählen. Dem, der in der Lesung ja gar nicht vorkommen wird, weil er ja nur als Einladung dient und Sie dann, wenn ich über ihn sprechen würde, ja schon da sind.

Sollten Sie es mit mir lieber nicht riskieren wollen (eine völlig unbegründete Sorge, wie Sie merken werden, wenn Sie es doch tun), dann kann ich Ihnen auch alle anderen Südsehen Lesungen ans Herz legen. 

(K)eine Zweckgemeinschaft

Es gibt viele Arten von Zweckgemeinschaften. Sie alle haben gemein, dass sie aus pragmatischen und nur selten aus romantischen oder tief empfundenen Emotionen heraus gebildet werden. So kann man manche Ehen durchaus auch mit der wirtschaftlichen Definition der Zweckgemeinschaft beschreiben. Nach ein paar Jahren sind sie der Zusammenschluss von mehreren Personen, die sich (häufig vertraglich) verpflichten, ein gemeinsames Ziel durch Zusammenwirken zu erreichen und die entsprechend erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen. Es versteht sich von selbst, dass die Beteiligten einer solchen Ehe, häufig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was das Schaffen der erforderlichen Voraussetzungen betrifft. Am Ende ist der Zweck der Gemeinschaft beiden Parteien nicht mehr bewusst und sie schaffen die Voraussetzungen den Zusammenschluss dauerhaft an die Wand zu fahren. Meine Freundin Roza und ich waren keine eheliche Zweckgemeinschaft. Das war damals, als wir uns in Italien kennenlernten, noch nicht erlaubt und beidseitig auch nicht erwünscht. Wir wurden zu einer Zweckgemeinschaft, weil wir keine andere Wahl hatten und uns in einem herunter gekommenen Waschsalon in Verona ganz pragmatisch die einzige noch funktionierende Maschine teilen mussten. Weiterlesen

Sonntags Liebe

Das achtzehnjährige Teenagermädchen schleudert sein Smartphone durch den Flur und brüllt, dass sie den blöden Arsch nie wieder sehen möchte. 
Meine doppelt so alte Freundin Hannah am Telefon überlegt ob sie den Idioten, der ihr die letzten Monate Zeit und Nerven raubte, auf WhatsApp nicht besser blockieren sollte.
Der Teenager jault auf, weil das Telefon im Arsch ist und der Arsch sie nun nicht mehr erreichen kann.
Hannah flucht, weil sie feststellt, dass sie den Idioten schon gestern, nach dem dritten Glas Wein blockiert hat und nun nicht weiß, ob er nächtens nicht etwas versöhnliches geschrieben hat.
Ich löffle Kartoffelsuppe und deeskaliere. Reiche mein eigenes Smartphone der einen und lüge die andere an, indem ich behaupte, dass Nachrichten nach dem Entblocken selbstverständlich nachträglich zugestellt werden.
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Digitaler Idiot

Als ich meinem Vater vor einigen Jahren mein altes Smartphone vererbte, wusste ich, dass mir keine Gefahr droht. Mein Vater ist pensionierter Schlosser, in vielen Dingen versiert, das Internet und seine vielfältigen Möglichkeiten aber, würde er ignorieren. Ich wusste, dass er in erster Linie an der Kamerafunktion, dem Kompass und der integrierte Taschenlampe interessiert war. Das Telefon würde er natürlich bedienen können und SMS und WhatsApp Nachrichten zumindest erhalten und auch lesen. Mehr aber auch nicht. Als das alte erste alte iPhone das ich im vermacht hatte seinen Geist aufgab, schenke ich ihm deshalb sehr gerne das Nachfolger Modell, weil er Spaß damit hatte und ich ihm bei den wenigen Funktionen die er nutzte gut helfen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte meine Mutter behauptet, dass sie ein Smartphone wieder brauchen noch nutzen würde. Das Telefon meines Vaters überzeugte sie vom Gegenteil und schnell beschäftigte sie sich gerne und viel damit. Es war klar, dass ich nun auch ihr ein iPhone zum Geburtstag schenken würde. Auch wenn sie es nicht zugab, ich wusste dass ich damit eine Freude machen würde. Der Sinn eines Geschenkes und der Beginn meiner Karriere als digitaler Idiot. Meiner Karriere, nicht der meiner Eltern. Die werden langsam zu Experten. Weiterlesen