S´Wuggerl

„Schau, des Wuggerl do“, hat mich mein Nachbar Herr Meier eben auf dem Heimweg aufgehalten und mit einer Kopfbewegung auf ein kleines Kind gedeutet. Schaut lieb aus, sage ich und werfe einen Blick über meine Schulter zu dem Wuggerl, dem kleinen Mädchen, das mitten auf dem Gehweg sitzt und in seinem rosa Schneeanzug und der Bommelmütze fast verschwindet. Ich nicke Herrn Meier, der neben Herrn Mu an der Bushaltestelle in der Sonne sitzt zu und wende mich ab um nach Hause zu gehen. Herr Meier hält mich zurück. Ich soll nicht nur blöd schauen, sondern mich um das Kind kümmern, blufft er mich an und Herr Mu nickt. Ja, das wäre angebracht. Ich sei schon die fünfte die an dem Mädchen einfach vorbei geht und es ignoriert.  Heute Nachmittag habe ich frei und viel zu erledigen. Im Gegensatz zu meinen Nachbarn sind Nachmittag ohne Büro für mich ein Luxus, der genutzt werden möchte. Ich frage die alten Herren, warum sie selbst denn nur blöd schauen würden, aber in der Sonne hocken blieben. Der alte Meier holt Luft, aber Herr Mu kommt ihm zu vor. Mit einer Strenge, die ich an ihm noch nicht gekannt habe, schickt auch er mich zu dem Kind. Genervt mache ich kehrt und gehe die zwanzig Meter bis zum rosa Wuggerl zurück. Weiterlesen

Ich kann das!

Ich bin die Tochter eines Handwerkers. Das erkennen Sie, wenn Sie einen Blick in meine Werkzeug-Blechkiste werfen, sofort. Nur die Tochter eines Handwerkers hat gleich drei Wasserwaagen und nur bei der Tochter eines Handwerkers sind diese sechseckigen, L-förmigen Geräte in acht Größen vorhanden. Sie wissen schon, diese Dinger, die man für etwas braucht, das mir gerade nicht einfällt. Die, die in jedem guten Werkzeugkasten zu finden sind und die immer in so einen Stofffetzen eingeschlagen sind. Sie wissen schon. Obwohl es sich um einen Lumpen handelt und das Päckchen mit einem schäbigen Gummiband zusammen gehalten wird, schnalzen die Männer meines Freundeskreises immer mit der Zunge wenn sie es sehen und sind erstaunt, dass ich diese sechseckigen Dinger in allen Größen besitze. Als Tochter meines Vaters weiß ich natürlich auch was eine Hilti ist. Nicht weil ich eine besitze, sondern weil einer mal ein Auto hatte, von dem es hieß, es wäre Hilti-rot. Ich habe den Farbton damals nachgeschlagen. Richtig scharfe Teppichmesser besitze ich auch. Weil ich keinen Teppich in der Wohnung habe, schneide ich damit Chillischoten. Überhaupt bin ich der Meinung, dass man sein Werkzeug regelmäßig benutzen sollte. Zumindest das, von dem man weiß, wozu es nötig ist. Mit dem kleinen Beil, das mir der beste Freund meines Vater überließ um den Stamm des Christbaumes zurecht zu schnitzen, zerhacke ich zum Beispiel besonders gerne Hokaidokürbisse und mit einem meiner vier Hammer hacke ich die Walnüsse von Herrn Meier. Den Stamm des Christbaums habe ich damit natürlich auch zerhackt und weiß seit dem, dass man da leicht abrutschen kann und ein handelsüblicher Laminatboden wirklich nichts verzeiht. So gefährliche Arbeiten verrichte ich seit dem auf dem Balkon. Dort hört und sieht man mich und die Nachbarn können notfalls den Krankenwagen rufen. Weiterlesen

peinlICH

Ich bin peinlich, wurde mir letztes Jahr von einem attestiert, dem ich peinlich war. Ich war peinlich berührt, weil ich an achtundzwanzig von dreißig  Tagen versuche eben nicht peinlich aufzufallen. An achtundzwanzig gelingt es mir, an einem kann ich nun wirklich nichts dafür und an einem ist es mir scheissegal. 
Ja, ich habe „vom Winde verweht“ umgeschrieben, mir ein alternatives Ende für Rhett und Scarlett ausgedacht und die 106 Seiten ausgedruckt in einer Schublade liegen. In einer privaten, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Schublade. Es ist nicht meine Schuld wenn das einer auf der Suche nach der Bedienungsanleitung für den Rauchmelder findet und auch noch liest.  Weiterlesen

Träume U-Bahn Gedanken

„Das ist mir das Leben schuldig, verstehst du?“, erklärt die Frau schräg neben mir, ihrer Arbeitskollegin. Seit es  kühler geworden ist und öfter regnet, begleitet mich ihre Stimme auf dem Weg zur Arbeit. Sie und ich steigen morgens an der gleichen Haltestelle ein und sitzen uns häufig gegenüber. Ich mag ihre klare und dunkle Stimme, verstehe aber auch nach zwei Wochen noch immer nicht, warum ihr das Leben etwas schulden sollte. Der Pakt, den sie bei ihrer Geburt mit dem ganzen großen Universum geschlossen zu haben glaubt, steht für mein Empfinden auf einem doch recht wackligem Fundament.  Sie ist jetzt fünfundvierzig, höre ich sie sagen, da stehe es ihr doch zu, sich einen anständigen Urlaub leisten zu können und nicht mehr an einem mittelklassigen spanischem Strand zwischen lauter Großfamilien liegen zu müssen. Sie sagt es nicht zu mir. Wir kennen uns nicht. Wir sitzen nur zufällig nebeneinander. Und weil wir uns fremd sind, kann ich sie nicht fragen, wie sie denn auf die irrwitzige Idee kommt, dass ihr das Leben etwas schulden sollte. Schließlich hat sie selbst weder zu ihrer eigenen Geburt noch zum Erreichen des fünfundvierzigsten Lebensjahres etwas nennenswertes beigetragen. Sie, die mir in der U-Bahn gegenüber sitzt, hat viele Träume. Einen Teil davon habe ich in den letzten Tagen mitbekommen. Eine Wohnung mit einem anständigen Balkon, das würde ihr nach all den Jahren mit einem Wohnzimmer Richtung Norden zustehen. Auch ein besser bezahlter Job. Der aber nur für die nächsten Jahre, denn mit Fünfzig hätte sie keine Lust mehr täglich in die Arbeit zu fahren. Dann würde sie sich gerne im Süden niederlassen und dort ab und an ein paar Yogastunden geben und ansonsten als Lebensberaterin tätig sein. Natürlich auch ein Mann, der ihren Ansprüchen gerecht wird und eigentlich wäre sie schon lange an der Reihe um endlich einmal den Lotto Jackpot zu gewinnen. Weiterlesen

Randnotiz – Geschlachteter Nikolaus

08:00 Uhr
Wie schön es doch ist, wenn man morgens im Büro einen Nikolaus vorfindet. Diesmal schlachte ich ihn nicht. Ich muss an meinem Ruf arbeiten. Ganz liebevoll werde ich ihn durch den Advent auf meinem Schreibtisch stehen haben. Er wird mich ermahnen, es ruhig und gelassen angehen zu lassen. Einen Kerl, der so lieb lächelt, schlachtet man nicht einfach.

08:10 Uhr
Ich hätte etwas frühstücken sollen. Mein Magen knurrt und ich rieche die Schokolade durch das Papier. Wenn ich ihn vorsichtig am Rücken öffne, dann kann ich ihm eine kleine Rippe entnehmen. Ganz vorsichtig. Und dann wieder einpacken, damit er den ganzen Advent neben dem Bildschirm steht und lächelt.

08:25 Uhr
Ich habe ihm den Kopf abgerissen. Den ganzen Rumpf abgetrennt. Bin ja kein Chirurg und weiß nicht wo Nikoläuse die Rippen haben, die man entfernen kann. Es war ein Versehen und weil mir das sonst keiner glaubt, fotografiere ich den sterbenden Nikolaus. Zu lange lasse ich ihn aber nicht leiden. Das hat er nicht verdient. Er lächelte so lieb.

09:00 Uhr
Welcher Depp schenkt mir einen Nikolaus? Es muss einer sein, der mich nicht mag. Einer der weiß, dass ich jetzt über ein schlechtes Gewissen habe, weil alle meine Kollegen die ihren jetzt bis Weihnachten auf dem Tisch stehen haben und ich, die kleine Blonde aus dem hintersten Zimmer, erbarmungslos zugeschlagen hat. Wüsste ich es nicht besser, würde ich vermuten er kommt aus Norddeutschland. Irgendwo bei Hamburg.

Aufgeblüht

Hier werden wir glücklich werden, sagte er mir und ließ den ersten Karton, von vielen auf den Boden fallen. Hier beginnt der Rest unseres gemeinsamen Lebens, behauptete er, als wir in die Nähe seiner Eltern und den Ort seiner Kindheit zogen. Du wirst dich hier wohlfühlen, war er überzeugt und überließ es mir, dafür zu sorgen, dass es so sein würde. Mit einigen Jahren Italien im Nacken, dem Diplom in der Tasche und einer erschreckenden Planlosigkeit was den Rest des Lebens betraf, war es gut, dass mir einer sagte, dass ich nun angekommen sei. Hätte er es nicht so überzeugend behauptet, ich hätte es womöglich hinterfragt.

Was zum Teufel ich hier eigentlich mache, erkundigte sich vor vielen Jahren, der klügste meiner Freunde, als er mir kurz vor Weihnachten. Er war mir in die Küche, in der ich den Rest meines Lebens begonnen hatte, gefolgt. Ich lebe jetzt hier mit ihm, teilte ich dem Klügsten mit und er leerte eine halbe Flasche Bier, bevor er mich aufstoßend beglückwünschte und mir kopfschüttelnd gegen die Stirn tippte. Mehr sagte er nicht. Es wäre sinnlos gewesen, mir damals mehr zu sagen. Hundert Quadratmeter, Kinderzimmer, zwei sichere Jobs und ein Blick auf den Wald. Perfekt. Der klügste meiner Freunde sah es in meinen Augen, schüttelte resigniert den Kopf und raunte mir beim Abschied zu, dass dieses Kartenhaus ein Witz sei. Ein schlechter. Die nächsten fünf Jahre hielt er den Mund.

Das  ist ein Witz, lachte der mutigste meiner Freunde vor vielen Jahren an hl. Abend und ignorierte den Mann, von dem ich behauptete, er wäre der richtige, mit einer so unverschämten Arroganz, dass der nie wieder ein Wort mit ihm sprach. Zwei Stunden, saß er im Wohnzimmer, das ich eingerichtet hatte und verschwand an diesem Weihnachten viel früher als sonst. Fünf Jahre lang kam er nicht wieder, weil man den hl. Abend nicht zu dritt ausklingen lassen konnte, wenn zwei von dreien sich nichts zu sagen haben.

Der älteste meiner Freunde schrieb mir vier Jahre nach diesem Weihnachten eine Karte. Er säße gerade betrunken in Thailand am Strand. Sentimental blicke er auf den andauernden Move seines Lebens und gerade würde ihm auffallen, dass wir uns nach all den Jahren tatsächlich auseinander gelebt hätten. Etwas das er nie für möglich hielt, das nun aber wohl eingetreten sei. Lass dich nicht unterkriegen, wünschte er noch und erwähnte nicht, dass er es bedauerte, dass ich ihn weder in Hongkong, noch in New York oder Singapur besucht hätte. Das Leben in einer perfekten hundert Quadratmeter Wohnung mit Kinderzimmer und Abstellraum würde einen auf Trab halten, das verstand er, wie er mir vor langem bei einem unserer letzten Telefonate mit süffisantem Unterton mitteilte.

Die Karte steckte in meiner Handtasche als ich ein  Jahr später aus der perfekten Wohnung mit Waldblick auszog. Sie lag auf dem Fensterbrett als ich zwischen Kartons in einer lauten fünfunddreißig Quadratmeterwohnung stand . Spät im Herbst rief ich den klügsten meiner Freunde an. Ich sei wieder da, sagte ich und eine Weile war es still. Dreißig Minuten später stand er neben mir und schleppte schweigend die schweren Kartons nach oben. Dass ich auf dem Sofa schlief, weil für ein Bett kein Platz war und man dieses nur betreten konnte, wenn man zuvor über eine Bank kletterte, gefiel ihm. Seine Frau, die ich kaum kennen gelernt hatte, richtete schöne Grüße aus. Es sei kein Problem, wenn ich nicht alleine schlafen wolle, würde es reichen wenn ich mit einer Zahnbürste vorbei kommen würde. Kein Witz, sagte er – jederzeit.

Sechs Wochen später, an Weihnachten, stand der mutigste meiner Freunde vor der Tür. Er kündigte sich nicht an. Mit einer kleinen Unterbrechung von fünf Jahren kam er immer an hl. Abend und nicht einmal meine nicht funktionierende Heizung war ein Grund, diese Tradition zu ändern. Wir heizten mit 25 Teelichtern und balgten uns um die Wärmflasche. Der Christbaum stand auf der Bank zwischen Tisch und Sofa, weil auf dem Boden kein Platz war. Er war hässlich, aber Weihnachten war wieder schön.

Beide, der Klügste und der Mutigste, sagte mir, dass diese fünf Jahre der Freischuss waren, den eine gute Freundschaft verträgt. Künftig könne ich gerne ans andere Ende der Welt auswandern, in einer Kommune glücklich werden oder mich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen – sie würden damit klar kommen. Aber wenn ich noch einmal aufhören würde, ich selbst zu sein, dann würden sie mir den Kopf waschen. Danach sprachen sie es nie wieder an. Einer von ihnen hat seinen Freischuss längst selbst eingelöst. Als er wieder aufwachte, stellte ich ihm für einige Wochen eine Zahnbürste in mein Bad und sagte nichts. Es wird nicht der letzte gewesen sein. Eine gute Freundschaft verträgt so manchen Aussetzer. Manche muss man aussitzen. Die schlechten Witze, die ernst gemeint sind, zum Beispiel.

Gestern ging ich die Straße entlang, in der mir einer sagte, dass ich dort glücklich werden würde. Am Balkon hängt noch immer die orange-grün gestreifte Markise und weil in den Fenstern Licht brannte, vermutete ich, dass dort nun andere Menschen versuchen, glücklich zu werden.

Bummel über den Teestübchen-Weihnachtsmarkt

Wenn es Ihnen draußen zu kalt und ungemütlich ist – auch hier können Sie bummeln. Ich kenne da einen hübschen, kleinen Basar.

Schauen Sie hier ist er, der Teestübchen Weihnachtsbasar. Es findet sich dort ganz besondere Bücher. Nein, nicht das meine. Auch, aber das kenne Sie ja schon. Aber vielleicht kennen Sie weder Jules van der Ley noch Malte Schiefer. Beide finden Sie im Basar vertreten. Die Bücher von Jules kann ich Ihnen von Herzen empfehlen. Malte Schiefer kenne ich noch nicht, aber Cover und Rezension haben mich sofort angesprochen. Ein Besuch lohnt sich.

Meine Lieben Damen und Herren, über Nacht hat es auch im Norden geschneit, und beinah ebenso über Nacht ist der Teestübchen-Weihnachtsmarkt eröffnet worden. Es findet sich dort ein prächtiges Buchangebot von einer Autorin und zwei Autoren. Ich lade Sie und euch herzlich zum literarischen Bummel ein, ganz bequem vom heimischen Rechner aus, vielleicht bei einem […]

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