Gespült aber nicht geschleudert

Frauen, die sich einen deutlich jüngeren Liebhaber zulegen, verstehe ich nicht. Zum einen käme ich mir mit so einem älter vor als ich bin, zum anderen bin ich mir sehr sicher, dass ein Mann ein gewisses Alter erreicht haben muss, bevor er erkennt, wann es besser ist, den Mund zu halten. Mein Nachbar Paul hat ein gewisses Alter erreicht. Ohne zu wissen, wie alt genau er ist, erkenne ich das gewisse Alter heute an seinem Schweigen. Er grüßt mich im Waschkeller nur mit einem Kopfnicken und schließt seinen Mund, nachdem er mir in die Augen gesehen hat, sofort und fest. Paul ist ein kluger Mann. Nur ein Wort, egal welches, und ich hätte zu schreien begonnen. Ihn an, das Haus zusammen undüberhaupt. Nur ein Wort und ich hätte geschrien. Weiterlesen

Leerer Platz – U-Bahn Gedanken

Fast jeden Freitag sehe ich das alte Ehepaar in der Bahn sitzen. Wenn ich nach Hause fahre, machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Einholen gehen sie. Das weiß ich, weil er es immer murmelt, wenn er sich etwas schwerfällig in den Sitz am Fenster fallen lässt. Seine Schwerfälligkeit ist dem Alter geschuldet und scheint ihn selbst zu überraschen. Jedes Mal sortiert er schmunzelnd seine Arme und Beine, klemmt den Gehstock umständlich zwischen Sitz und Abfallkasten und atmet dann einmal tief durch, bevor er auf das Polster neben sich klopft und seiner Frau die Hand reicht, damit auch sie sich setzen kann ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sie sind ein eingespieltes Team. Beide sicher in ihren Neunzigern und doch noch immer mit hellwachem Blick. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Mag ihre leisen, angenehmen Stimmen und höre ihnen gerne ein paar Stationen lang zu. Fast immer ist die Innenstadt ihr Ziel. Auch wenn der Weg aus einem Münchner Vorort längst beschwerlich geworden ist, fahren sie jeden Freitag mitten in die Menschenmassen um dort ihre Besorgungen zu erledigen. Draußen vor der Stadt scheint es ihnen manchmal zu still und zu ruhig zu werden. Weiterlesen

Carpe… bloß nichts

Letzter Tag, höre ich dich leise fragen und nicke fröstelnd. Du weißt, dass ich keine letzten Tage mag. Sie sind mir zuwider, weil sie Erwartungen wecken, die selten erfüllt werden. Einen letzten Tag hat man gefälligst zu etwas Besonderem zu machen und das Jahresende muss ordentlich mit Konfetti beworfen werden, damit man auf Instagram und Facebook mit den entsprechenden Bildern glänzen kann. Ich glänze nie. Ich bin die, die sich um Mitternacht das Seidentop mit einer zu eng am Körper gehaltenen Wunderkerze versaut, sich genau vor dem Silvesterkuss ein Stück Lachs in den Mund schiebt oder gerade in der Kloschlange steht, wenn die letzten Sekunden runter gezählt werden. Abschiede sind mir verhasst. Selbst die von einem Jahr, das mit 365 Akten nun wirklich seine Schuldigkeit getan hat. Ich hasse es, nicht zu wissen was kommt.
Ob das nicht Teil des Deals sei, erkundigst du dich und ich schüttle den Kopf. Nein, ich möchte wissen, was kommt. Haarklein, detailliert und mit der Garantie auf ein Happy End. Fast schon wütend sehe ich dich den Kopf schütteln. Ich hätte noch immer nicht gelernt, mit meinen Wünschen vorsichtiger zu sein. Eine Garantie auf ein Happy End, sei der unverschämteste und auch dümmste Wunsch, von dem du je gehört hast. Wie naiv ich noch immer sei. Man dürfe auf keinen Fall wissen, was kommt. Weiterlesen

Danke

Bevor Sie alle ins neue Jahr stolpern, fallen, taumeln und sinken….

Danke für das Begleiten meiner Gedanken, dem geduldigen Zuhören meines Geplappers, den aufmunternden Worten, den Denkanstößen, dem Teilen Ihrer Gedanken.
Danke für das Abonnieren meines Blogs, dem Kaufen und Weitersagen meines Buches,  den Rezensionen, die ausnahmslos besser als mein Klappentext sind und danke für jedes einzelne Like und für die Kritik im richtigen Moment.
Danke auch denen die mich persönlich kennen und….lassen wir das, Sie wissen, was ich sagen will.
Hinter mir lacht sich einer kaputt. Steht mit einer Teetasse hinter dem Stuhl, tippt sich  gegen die Stirn und erkundigt sich, was das soll. Es würde nach der Neujahrsansprache einer alternden Hollywood Diva klingen. Man wird doch mal danke sagen können, oder? Ich sag Ihnen das viel zu selten. Dass ich wirklich sehr glücklich bin, hier mit Ihnen….er hat ja recht, der hinter mir. Das klingt schrecklich.
Und ausnahmsweise lasse ich mir in meine Texte reinreden. Der hinter mir hat nämlich recht. Danke ist ein Wort, das am besten für sich alleine steht und keinerlei Begründung braucht.

….DANKE. Ist schön mit Ihnen.

 

 

 

Mustis Schatz

Mustafa, der Inhaber des kleinen Kiosk an der Kreuzung, grüßt mich heute morgen mit einem „Guten Morgen“. Das ist ein Wort mehr als sonst, aber deutlich weniger Herzlichkeit, die sonst in seiner Begrüßung mitschwingt. Normalerweise werde ich mit einem „Schatzi“ und drei Ausrufezeichen begrüßt. Bei Mustafa sind alle Frauen zwischen 15 und 75 Schatzi. Besucherinnen die dieses Alter deutlich sichtbar überschritten haben, sind Omi. Die Kundenansprache in Form von Koseworten ist ein kluger Schachzug. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich begriffen habe, dass ich nicht das einzige Schatzi bin und Mustafa vermutlich einfach keine Ahnung von meinem wirklichen Namen hat. Mir ist es egal. Wenn mich einer morgens so freundlich anstrahlt, dann darf er mich auch gerne Schatzi nennen. Dass ich es heute nach zwei Jahren, das erste Mal nicht bin, fällt daher auf. Ich frage ihn ob er schöne Weihnachten hatte und ernte ein Stirnrunzeln. Nein, hatte er nicht. Wie mir sicher aufgefallen sei, ist er Türke, klärt er mich auf. Um seinen Hals baumelt kein Kreuz und ich könne daraus schließen, dass er Muslime ist und Weihnachten etwas sei, das ihn weder interessierte noch betreffe.
Alles gut, Musti, frage ich ihn und verkneife mir den Hinweis, dass um meinen Hals auch kein Kreuz baumeln würde und er die letzten vier Wochen fast täglich betonte, dass er sich dieses Jahr ganz besonders auf Weihnachten freuen würde, weil er es das erste Mal in seinem Leben feiern würde. So richtig. In einer christlichen Familie. Als Muslime in Bayern könne man den Advent und Weihnachten eh feiern, verkündete er. Nicht unbedingt wegen Christi Geburt, eher wegen der schönen Lichterketten, dem Baum und der heimeligen Stimmung – ganz so wie auch 75 % der getauften, aber längst gleichgültigen Katholiken. Er hatte sich darauf gefreut, das weiß ich.  Musti? Ich schaue ihn lange an und gebe den Geldschein für meine Zeitung nicht aus der Hand, bis er sich auf den Tresen lehnt und mit der Sprache rausrückt.

Das dann auch mit Nachdruck. Ersten sei sein Name Mustafa und nicht Musti. Und zweitens würde er Weihnachten ab sofort aus seinem Wort- und Gedankenschatz verbannen. Die drei Feiertage hätten ihn um zehn Jahre altern lassen und in dieses Minenfeld würde er sich nie wieder begeben. Die spinnen doch, die Christen. Er nimmt mir den Schein aus der Hand und streicht ihn glatt. Nicht alle Christen, korrigiert er sich, um mich nicht ungewollt zu beleidigen, aber die in der Familie seiner Freundin. Die würden wirklich spinnen. Weil Musti, den ich heute Mustafa nennen muss, so in Fahrt ist, nehme ich den Pappbecher den er mir reicht, ohne ihn darauf aufmerksam zu machen, dass ich weder die Filterkaffee noch den Müll in Form von Pappbechern sonderlich mag. Manchmal muss man den Mund halten. Dann, wenn einem einer vordergründig wütend, etwas sehr trauriges erzählt. Musti erzählt, dass er sich auf alles eingelassen hatte. Sogar in die Christmette war er mitgegangen und hatte gefallen daran gefunden, weil das was Religionen verbindet am Ende mehr zählt als das was sie trennt. Und musste feststellen, dass Eltern und Großeltern seiner Freundin dort nur hingingen, damit die Nachbarn sich nicht das Maul zerrissen. Beim Essen nannte er die Neunzigjährige Großmutter „Omi“ und erntete entsetzte Blicke, die nur von denen übertroffen wurden, als er die Schwester der Freundin „Schatzi“ nannte. Wer Musti kennt, weiß, dass er sich keine Namen merken kann und wer sich ein bisschen Zeit nimmt, sieht an seinem warmen und herzlichen Lächeln, dass er alle seine Omis und Schatzis sehr wohl auseinander halten kann. Nur eben nicht namentlich. Besinnlich sei außer den Kerzen am Tisch nichts gewesen. Die Kinder wollten nur Geschenke und bekamen so viele, dass sie kaum Zeit hatten sich darüber zu freuen. Gestritten hatten sich seine Gastgeber schon bei der Vorspeise und noch vor dem Dessert musste er mit seiner Freundin die Wohnung der Eltern verlassen, weil die Generationen sich so in die Haare bekamen, dass eine Versöhnung an diesem Abend ausgeschlossen war.

Noch immer streicht er meinen Geldschein glatt. Als er ihn endlich in die Kasse schiebt, lacht er leise und schüttelt dann traurig den Kopf. All das gäbe es in seiner Familie auch. Man tappt in Fettnäpfchen, benimmt sich daneben, streitet und versöhnt sich oder versöhnt sich auch nicht. Die Familie macht es einem manchmal nicht leicht, aber von seiner Freundin, von der ist er sehr enttäuscht. Das von ihm überreichte Geschenk hat ihr nicht gefallen. Er sah es an ihrem Blick, als sie das Papier und die Schleifen löste und bekam die Bestätigung, als sie ihn am nächsten Morgen um den Kassenzettel bat, um es umzutauschen. So ist das, sagt er und lächelt tapfer. Geschenke müssen ja gefallen und es ist gut, dass sie so ehrlich war. Und jetzt raus mit mir, er müsse weiter arbeiten.

Draußen trinke ich den scheußlichen Kaffee. Nein, es ist nicht gut, dass sie ehrlich war. Ich und viele andere Schatzis haben in den letzten Wochen das zarte, filigrane Goldkettchen gesehen, dass er für sie schon im November gekauft hat und es aufgeregt wie ein kleines Kind den Stammkunden zeigte. Es ist wunderschön. Und selbst wenn man es nicht wunderschön findet. Wenn Mustis Augen nur halb so sehr geleuchtet haben, wie an dem Tag als er es mir zeigte, dann verstehe ich nicht, wie man sich nicht darüber gefreut haben kann. Es gibt Geschenke, die lieblos und herzlos ausgesucht werden. Ob man sie umtauschen darf, will ich gar nicht beurteilen. Etwas, das aber mit so viel Liebe ausgesucht wurde, das darf man nie, nie, nie einfach umtauschen. Selbst wenn man es scheußlich findet. Und nie, nie, nie, darf man einem Schatz wie Musi so vor den Kopf stoßen.

Loslassen – buon viaggio, Mutiger.

Als ich eben die Tür aufsperrte, roch es nach Italien. Ein feiner Hauch nur, aber ganz eindeutig, hing der Duft des Landes, in dem ein Teil meines Herzens für immer wohnen bleibt, in der Luft. Im Bad ganz besonders. Da hängt ein noch feuchtes Handtuch zum Trocknen über der Türe und verströmt den ganz eigenen Geruch einer kleinen Mittelmeerinsel. Sie, die Insel, riecht ein wenig nach einem Boss After Shave, aber ich erkenne darin ganz eindeutig Italien. Auch am Duft des Sofa- und Kopfkissen erahne ich mein Sehnsuchtsland. Das Sofakissen verströmt Mailand, im Schlafzimmer riecht es nach Verona. Ich spinne, würde mir der mutigste meiner Freunde vermutlich attestieren und hat trotzdem nur kurz gegrinst als ich ihm mit dem Kissen im Arm nachlief und ihn bat, mir etwas von Italien da zu lassen. Jetzt hängt es hier zwischen den Nadeln meines Christbaums und flackert zwischen den Flammen des Adventkranzes. Am 25.12 eines jeden Jahres macht mich Italien ein wenig traurig, weil es mich an den Abschied erinnerte. Einen, den wir jedes Jahr haben und von dem man meinen könnte, dass man sich längst an ihn gewöhnt haben müsste. Wir verabschieden uns, seit wir uns kennen, ein halbes Leben lang, und müssten uns längst daran gewöhnt haben. Mir fällt es schwer und ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob der Preis in Form beständiger Abschiede nicht ein wenig zu hoch ist. Weiterlesen