Ein zweites Türchen

09.12.2016 – Stadt Atem oder wie alles begann

Eine Inzidenz von über 200 bedeutet für mich als Münchnerin, dass ich heute ab 21.00 Uhr zu Hause bleiben muss. Kein großer Unterschied zu einem anderen Mittwochabend und nur der Begriff der Ausgangssperre ist hässlich, ungewohnt und ein wenig gruselig.
Der Gedanke, dass meine Heimatstadt heute Abend sehr still, so still wie sonst selten ist, gefällt mir trotzdem. Heute ist eine jener klaren Winternächte in denen man die Stadt atmen hört. Und heute, wenn wir alle zu Hause bleiben müssen, klingen die Atemzüge in den leeren Straßen bestimmt noch schöner. Wie das klingt, habe ich versucht Ihnen in der obigen Aufnahme zu beschreiben. Den Stadt Atem und den Abend, heute vor vier Jahren, an dem ich das erste Mal überhaupt vor Publikum gelesen habe. Wenn Sie reinhören möchten, dann erzähle ich Ihnen auch davon. Weiterlesen

Tauchen Sie! Trinken Sie! – Ein Glas Lyrik

Tauchen sie ein in starke Wortbilder,
hinab zwischen den Zeilen,
bis auf den Grund des Unaussprechlichen,
in den Sound hinter den Worten

Schön, nicht wahr?
Mit diesen (und anderen) Worten wurden die ersten Lesungen, die das Münchner Theater Südsehen im Geburtshaus von Karl Valentin 2016 organisierte, angekündigt. Am 09.12.2016 mich und am 17.12.2016 Simone Lucia Birkner. Ein Glas Lyrik wurde die kleine Reihe genannt. Die Idee dahinter, unter anderem Blogger aus dem virtuellen Raum in den realen des kleinen, gemütlichen Raum im Herzen Münchens zum Lesen einzuladen. Für mich, die noch nie gelesen vor anderen gelesen hatte und deren Texte sicher nicht als Lyrik einzuordnen sind, war es der Anfang von jetzt recht genau vier Jahren, die zu den spannendsten und aufregendsten meines Lebens gehören. Am 09.12. erzähle ich Ihnen davon. Heute nicht, heute gehört der Tag Simone und ihren Worten. Und ihrer Stimme. 

Sie ist das fünfte Türchen im Adventskalender vom Südsehen. Eine Stadtnacht (mit Make-up) Und obwohl ich sie alle schön finde, gehört dieses Türchen mit zu meinen liebsten. Lesen können Sie Simone auch: Gedanketrifftpapier

Einen schönen zweiten Advent!

Randnotiz Star Wars

Wenn der beste Freund zum Essen vorbei kommt und sich im Auto daran erinnert, dass man (er mit mir) doch schon immer mal alle Star Wars Filme ansehen wollte.

Das sind die Momente, in denen man verflucht, dass vermutlich alle Teile über Amazon Prime verfügbar sind. Drücken Sie mir die Daumen dass ich diese Nacht überstehe.

Das 1. Türchen

Jetzt ist er da – der letzte Monat dieses seltsamen Jahres. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe mich auf meine Art mit 2020 ausgesöhnt. Am Sonntag noch, dem ersten Advent, war es seltsam. Überall im Radio liefen die Weihnachtslieder rauf und runter und auf meinem Tisch brannte die erste Kerze am Kranz. Eine Stimmung die ich in jedem Jahr sehr gerne habe und die einen für mich immer besonderen Monat einläutet. Kein anderer Monat steht so sehr für Freundschaft wie der Dezember. Für mich. Denn in diesen Monat packen meine Liebsten und ich seit Jahrzehnten all das, für das die restlichen elf Monate keine Zeit bleibt. Bescheuert, denn es artet jedes Jahr in eine einzige Rennerei und Stress aus.  Weiterlesen

Kann ich (nicht)!

Meine erste Lesung vor nun fast fünf Jahren begann ich mit den Worten: „Mein Name ist Mitzi Irsaj und… ich bin nervös.“ Kein besonders gelungener Beginn, aber auf jeden Fall freundlicher als das was ich letzten Samstag zustande brachte. Da war ich nicht nervös, aber hochgradig genervt und begann mit: „Mein Name ist Mitzi Irsaj und… Verdammt was ist denn daran so schwer!“ Das allerdings war eine berechtigte Frage, die ich mir nach etwa zwei Stunden stellte in denen ich es nicht geschafft habe zwei meiner eigenen Geschichten fehlerfrei einzulesen. Es mag daran gelegen haben, dass meine Nerven beim Beginn des eigentlich Lesens bereits blank lagen. Weiterlesen

Dem Regal wäre es nicht egal

Entgegen der Annahme meiner Nachbarn befindet sich in meinem Keller kaum Gerümpel. Alles was ich dort lagere, hebe ich aus guten Grund auf. Dem einen oder anderem mag es übertrieben erscheinen einen kompletten Umzugskarton mit Kinderzeichnungen aufzubewahren, aber bei einer so großen Familie wie ich sie habe, ist es mit einer kleinen Schachtel nicht getan. Heute morgen zählte ich die kleinen Künstler an den Fingern ab – es sind insgesamt achtzehn (inklusive der beiden Nachbarskinder und dem Nachwuchs meiner beiden engsten Freunde). Achtzehn kleine Händepaare, die sich irgendwann einmal große Mühe gegeben haben. Schmierereien habe ich nie aufgehoben, nur die schönen Sachen und die müssen noch etwas bleiben. Künstlern zollt man Respekt. Auch wenn es selten so ist, so sollte es sein. Deshalb bleiben die Bilder, die Klorollengiraffen und die Einladungen zu Teddybären Teestunden noch ein paar Jahre bei mir. Auch die über Generationen von Tanten und Großmütter bemalten Ostereier will ich nicht weggeben, nur weil ich jedes Jahr höchstens zwölf davon aufhänge. Immer andere und jeden Frühling freue ich mich über die filigranen Erbstücke. Mit meinem Christbaumschmuck könnte ich vier Tannen dekorieren, aber auch hier, weiß ich bei fast jeder Kugel wie sie den Weg zu mir gefunden hat und die sehr große Krippe ist vom besten Freund meines Vaters und erinnert mich jedes Jahr an eine ganz besondere Männerfreundschaft. Nein, das meiste ist kein Gerümpel. Ganz im Gegenteil – es ist mein Leben, das manchmal aus Dingen besteht, die man nur einmal im Jahr braucht. Um diesem Leben wieder mehr Raum zu geben, habe ich heute noch einmal rigoros ausgemistet. Rollerblades, ein altes Paar Ski und mein Holzschlitten und alles was ich doppelt habe, weil man es mir schenkte, brachte ich in den Nachbarschaftsladen. Mein Keller war deutlich leerer und dann sah ich es. Ganz am Ende, hinter der Türe blitzte es und ich hörte das laute Schimpfen einer meiner besten Freundinnen.

Nie vorher und nie nachher hatte ich sie so laut und derbe fluchen gehört, wie an jenem Tag als wir gemeinsam zwei Regale durch die Altstadt Veronas schleppten. Eine völlig bekloppte Idee nannte sie es schon im Laden und eine Zumutung, wenig später auf der Straße. Der Balkon Julias, war ein antikes Scheißteil und die Touristen davor dumm glotzende Idioten. Sie hatte Recht, nur dass das Scheißteil das Regal und der Idiot ich gewesen bin, der die bekloppte Idee hatte, spontan zwei massive Eisenregal für die eben neu bezogene Wohnung zu kaufen und sie in Ermanglung eines Autos zu Fuß durch die Altstadt zu schleppen. Frauenpower versuchte ich mir meine Idee an der Kasse noch schön zu reden und ahnte doch schon nach zehn Metern, dass nicht einmal zwei starke Männer die Kartons ohne weiteres hätten tragen können. Wir schoben sie. Fluchend, schwitzend und streitend. Zwei Deutsche, die eine davon gerade in die Stadt gezogen, die andere zu Besuch und beide nach den ersten hundert Metern schon mit hochrotem Kopf. Ab und zu boten sich Touristen und Einheimische an, die sperrigen Kartons mit zu tragen. Kaum einer schaffte mehr als zwanzig Meter. Fünf Stunden – mit vielen Pausen, einer Pizza, drei Espressi und eine halbe Schachtel Zigarette – später, waren die Regale bei mir im ersten Stock. Es wurde einer der schönsten Abende, die ich in dieser Stadt verbracht habe. Wir tranken Wein aus Kaffeetassen, weil ich noch keine Gläser hatte und naschten Schokolade und Nüsse am Boden sitzend, weil die Kartons der Regale auf Bett und Sofa lagen. So wenig braucht man nur, wenn man Anfang zwanzig und sehr, sehr glücklich ist. Glücklich machten mich auch die Regal. Sie waren das erste was ich mir von italienischem Gehalt kaufte. Schon lange passen sie nicht mehr zu meiner Einrichtung und doch stehen sie noch immer in meinem Keller und erinnern mich an diesen verrückten Tag und wie herrlich stur ich damals war, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.

Meine Regale steht jetzt bei Herrn Iwanow. Er sah mich den Keller ausräumen und fragte warum ich so schöne Regale nicht oben in der Wohnung aufstellen würde. Ich erzählte ihm die Geschichte und er revanchierte sich indem er mir seine Kellerabtteil und damit Teile seines Lebens zeigte. In meiner Küche steht jetzt ein etwa vierzig Jahre altes Matroschkapüppchen, das Herr Iwanow von seiner Jugendliebe geschenkt bekommen hat. Seine Frau mag sie nicht in der Wohnung haben und Herrn Iwanow tut es leid, sie im Keller zu lassen. Es macht mich glücklich, dass mein Regal jetzt wieder verwendet wird. Wir haben es schließlich nicht quer durch Verona geschleppt, nur um es dann in einem Keller versauern zu lassen.

Auf das Beitragsbild müssen Sie leider erst einmal verzichten. Der Zettel mit dem Titel klebt daran, aber ich vergaß ihn zu fotografieren. Bei Iwanows macht gerade keiner auf.

Fensterrezepte

Ob ich jetzt völlig spinne, raunt mir der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht zu und versucht mich vom einem hell erleuchteten Küchenfenster wegzuziehen. Ich mag es nicht, gezogen zu werden und stemme mich ihm entgegen. Er soll mich los lassen, flüstere ich und stelle mich auf die Zehenspitzen um über den Rand der kleinen Gardine besser in die Küche blicken zu können. Durch das gekippte Fenster riecht es nach Zimt und ich würde zu gerne wissen ob das auf dem Herd Milchreis oder Grießbrei ist. Warum ich nicht gleich an die Scheibe klopfe, werde ich gefragt und ein Arm schiebt sich um meine Taille und zerrt an mir. Jetzt frage ich ihn ob er völlig spinne und springe dann doch schnell aus dem Lichtquadrat vor dem Fenster als sich dort etwas bewegt. Obwohl ich hell erleuchtete Küchenfenster wahnsinnig anziehend finde, wäre es mir doch peinlich, wenn mich der Eigentümer direkt davor entdecken würde. Es ist eine Sache, beim Spazierengehen in der Dämmerung in fremde Fenster zu blicken. Das ist etwas völlig normales. Etwas ganz anderes ist es, auf die Balkone der Nachbarschaft zu klettern, nur um einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Das wäre unverschämt und vermutlich auch strafbar. Die Laubengänge in meinem Haus sind eine Art Grauzone. Jeder der dort lebt, muss an den Küchenfenstern seiner Nachbarn vorbei. Wer ganz vorne wohnt nur an seinem eigenen, der Mieter ganz hinten an allen sechs. Und dann noch die, die ab und zu vorbei kommen. Zum Beispiel ich, wenn ich ein Paket bei meinen Nachbarn abholen muss. Weiterlesen

November – da müssen wir durch

Rückblickend, war der Oktober ein einziges großes Glück. Ich konnte einen Großteil der wegen Corona verschobenen Lesungen nachholen und galoppierte fünf Wochen lang durch das, was eigentlich auf ein halbes Jahr verteilt gewesen wäre. Atemlos wäre das Wort, das ich wählen würde, müsste ich diesen Monat beschreiben und es wäre durchaus positiv behaftet. Negativer, das gleiche Wort einen Monat später. Ich fühle mich ein wenig, als hätte jemand auf die Stopptaste gedrückt und uns zurück in den Frühling geworfen. Zurück auf Start, aber im Wissen, dass die zweite Runde um einiges härter als die erste werden wird. Der November hat gerade erst angefangen und doch schon so viel bereit gehalten, dass es leicht für den Rest dieses Herbstes reichen würde. Mein Freundeskreis befindet sich abwechselnd in Quarantäne, mindestens ein Kindergarten- oder Schulkind kann muss gerade immer zu Hause bleiben und jeder hat nun schon Coronafälle im näheren Bekanntenkreis gehabt. Bis jetzt ist hier bei mir und meinem Umfeld alles gut gegangen, aber dieser Herbst hält uns auf Trapp und macht es uns schwer, frei zu atmen. Und wenn man es doch einmal tut, dann hört man von Menschen, die fern sind und doch sehr nahe stehen, dass sie in Wien so großes Glück hatten, dass einem ganz schlecht wird. Er macht es uns nicht leicht, dieser Herbst und auch der Winter flüstert schon leise, dass man sich besser auf holprige und ungewohnte Feiertage einstellen sollte.  Weiterlesen

Lichtblick für Paul

Wie nervig der Klingelton des eigenen Handys ist, wird einem erst bewusst, wenn es das dritte Mal innerhalb einer Viertelstunde klingelt. Auch, dass der Ton viel zu laut eingestellt ist, erkennt man erst, wenn der Anrufer beim vierten Mal und zunehmend genervt ins Telefon blökt. Meine Nachbarin Judith ist selten genervt, blökt nur wenn sie einen sehr schlechten Tag hat und ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mich schon einmal vier Mal hintereinander angerufen hat. In all den Jahren stand sie aber auch noch nie in meinem Kellerabteil und musste nach etwas suchen, von dem ich selbst nicht weiß, wo es sich befinden könnte. Eigentlich bin ich noch immer davon überzeugt, dass ich die Lichterkette für unseren gemeinsamen Laubengang im Februar links ins Regal gelegt habe. Dort liegt nämlich alles was ich regelmäßig, also einmal im Jahr, brauche. Zwei Mal habe ich Judith versichert, dass die kleinen LED Lichter nur dort – direkt beim Weihnachtsfondue –  sein können und zwei Mal teilte sie mir mit, dass sich dort weder ein Fondueset noch eine Lichterkette befinden würden. Bevor ich ein drittes Mal darauf bestehen konnte, erhielt ich ein Beweisfoto via WhatsApp und Judith drang tiefer in den wohl intimsten meiner angemieteten Räume vor. Der dritte Anruf war von lautem Scheppern begleitet und informierte mich, dass es eine saublöde Idee sei, die Blumentöpfe des Sommers auf den Boden und nicht in die Regale zu stellen. Der vierte, dass mein Regal ein Miststeil und eine Beladung von fünf Terrakottatöpfen tatsächlich nicht gewachsen sei. Ich sparte es mir ihr zu sagen, dass ich das bereits gewusst habe. Überhaupt sparte ich mir jeden Kommentar, weil ich schließlich dankbar sein musste, dass sie sich an meiner statt in den Keller begeben hatte. Ich darf nämlich nicht. Seit ich unter Quarantäne stehe, ist mir das Verlassen meiner Wohnung verboten und für die Suche von Dekorationsmaterial wird keine Ausnahme gemacht.  Weiterlesen