Authentizität – U-Bahn Gedanken.

Authentizität. Die neben mir in der S-Bahn hat das Wort zwischen den letzten zwei Bahnhöfen drei mal fehlerfrei ausgesprochen. Chapeau. Ich stocke immer. Authenzität würde mir leicht über die Lippen gehen, ist aber falsch. Es heißt AuthenTIzität wie ich jetzt zum vieren Mal höre und eigentlich auch weiß. Es ist mir ein Rätsel warum ich an diesem Wort ein ums andere Mal stocke. Sie, die Frau um die vierzig, neben mir, nicht. Da ist es schon wieder. Das fünfte mal innerhalb von drei, nicht besonders weit auseinander liegenden, Haltestellen. Authentisch, sage ich meistens, wenn ich es denn sagen will und vermeide so, das Stocken bei der Authentizität. Es reicht ja, den Satz im Kopf ein bisschen umzuformulieren, um auf Nummer sicher zu gehen. Sich bei einem so gewichtigen Wort zu verhaspeln ist nämlich unangebracht, seit jeder authentisch sein möchte oder es zumindest sein sollte.  Weiterlesen

Alltag VII – Freunde

Heute brennt die dritte Kerze am Kranz und es ist noch still und ruhig im Haus, als ich sie anzünde. So still ist es mitten in München selbst an Sonntagen nur selten. Irgendwo trampelt immer einer und irgendwo scheppert immer etwas. Heute nicht. Das Haus schläft noch und ich bin alleine mit dem Geruch des abgebrannten Streichholzes. Es war das Letzte aus einer alten Schachtel mit dem Werbedruck einer Bar in Italien. Eine große Schachtel, die ich so gut wie nie benutzte und ohne Vorsatz über all die Jahre meist zum Anzünden der Kerzen am Kranz im Advent nutzte. Ein bisschen verschroben, aber Adventskranzkerzen müssen bei mir mit Streichhölzern angezündet werden. So verschroben wie ich, höre ich dich sagen und nicke. Ein bisschen verschroben, so wie ich, das stimmt. Die Bar aus der die Schachtel stammt, gibt es sicher nicht mehr. Gut fünfzehn Jahre lag sie in meiner Schublade und stammte aus einer Zeit, als ich noch Italien lebte. Jahr für Jahr stimmte sie mich ein wenig melancholisch, dieses Jahr nicht. In den letzten 24 Monaten habe ich es mir zurück geholt, mein Italien. 2017 noch vorsichtig, 2018 schon entschlossener und dieses Jahr endgültig. 2019 endlich gehörte Italien wieder zu meinem Alltag. Italien und noch wichtiger, ein Mensch, der noch immer dort lebt. Weiterlesen

Positiv denkend mit warmer Winterjacke

Eine der größten Herausforderungen des Winters ist das Finden einer perfekten Winterjacke. Eine die richtig warm ist, die man aber mit Handschuh-Händen öffnen kann, wenn es plötzlich wärmer wird. Also so warm, dass man die Jacke gerne aufmachen, die Handschuhe aber noch nicht ausziehen will. Genau so eine habe ich gefunden und ich würde wirklich gerne den Reißverschluss mit meinen Handschuh-Fingern öffnen, mich freuen, wie leicht und unkompliziert das geht und mich dann ein bisschen hinsetzen. Gerne in eine S-Bahn und richtig gerne fünf Stationen lang, bis ich mein morgendliches Ziel erreicht habe und wieder aussteigen kann. Am heutigen morgen sieht es allerdings nicht danach aus, dass ich meine Jacke in nächster Zeit öffnen werde und seit etwa dreißig Minuten bin ich mir sicher, dass ich mich so schnell über nichts freuen werde. Wie auch – ich bin ein Nutzer des Münchner Nahverkehrs und die haben selten Grund zur Freude. Selbst dann nicht, wenn sie so positiv wie ich denken.  Weiterlesen

Dünnes Eis

Der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, schüttelt den Kopf und schnalzt mit der Zunge. Bei ihm heißt das nein. Die Kombination aus Kopfschütteln und Zungeschnalzen ist ein „Nein“ mit einem dicken, fetten Ausrufezeichen. Ein „Nein“ über das er nicht zu diskutieren bereit ist. Obwohl er dem Valentinstag ebenso wenig Bedeutung wie ich zumisst, ist er nicht gewillt, sich an genau jenem Tag einen neunzig minütigen Monolog seiner Freundin anzuhören der den Titel „Nix mit Amore“ trägt. Selbst ihm, einem überaus pragmatischen und sicher nicht abergläubischen Menschen, erscheint das ein wenig unpassend. Er grinst und schiebt hinter her, dass er außerdem, leider, leider, an diesem Freitag auch ungewöhnlich lange arbeiten müssen wird. Ich bin ein wenig erstaunt, dass er das schon neun Wochen vorher weiß, aber auch ein bisschen erleichtert. Einer weniger. Ich gebe zu, dass die Erleichterung einen Zuhörer weniger zu haben, auch für mich neu ist. So neu, wie aus dem eigenen Tagebuch zu lesen, fragt mein Freund und zwinkert mir noch breiter grinsend zu. Auch er ist erleichtert. Erleichtert, bei den damaligen Einträgen noch nicht in Erscheinung getreten zu sein und wünscht mir einen wunderschönen Abend. Einen, bei dem er leider, leider nicht anwesend sein kann. Weiterlesen

Ein ganz besonderer Abend

Es gibt Abende an denen will man sich nur auf dem Sofa einkuscheln, eine Tasse Tee trinken und auf gar keinen Fall mehr das Haus verlassen. An solchen Abenden bin ich in der Regel ein wenig stur und nur wenige Anlässe locken mich doch nach draußen. Der Literaturabend mit Felix Leibrock bei mir ums Eck gehörte dazu. Ich hatte sein Buch gelesen und war neugierig geworden. Auf den Menschen und auf die Buchempfehlungen, die er an jenem Abend im Gepäck haben würde. Es war gut, dass ich das Sofa verlassen habe. Ohne diesen Abend stünden auf meiner Liste „Bücher, die ich gerne lesen will“ drei weniger und ohne diesen Abend hätte ich Felix Leibrock nicht kennen gelernt. 

Ich wäre nicht neben einem Mann gesessen, der mir vom ersten Moment an unglaublich sympathisch war und ich hätte ich keine so gute Vorstellung von seinem herrlich Humor bekommen. Hätte nicht mit dem Publikum gelacht, hätte nicht über das Glück nachgedacht und wäre nicht so zufrieden und glücklich nach Hause gegangen. Warum? Das ist schwer zu beschreiben. Weil ich mit fremden Menschen gelacht habe. Weil ich Erzählungen und Geschichten hörte, die mich berührt haben, weil ich mich über mein eigenes kleines Alltagsglück freute und weil ich dem 16.01.2020 noch viel dicker als zuvor im Kalender anstrich. An diesem Tag darf ich ein kleiner Teil eines Abends mit Felix Leibrock sein. Keine Mitzi Erzählungen werde ich lesen, aber ein Märchen. Ein wunderschönes und eines das Potenzial hat, lange nachzuhallen. Es ist aus dem Buch „Nur im Dunkeln leuchten dir Sterne“, was ich Ihnen von Herzen empfehlen kann. Genauso wie den Abend im Hofspielhaus. Nicht nur Felix, auch noch mit Oliver Pötzsch. 

Das wird fein.

NUR IM DUNKELN LEUCHTEN DIR STERNE privat Greg Jeanneau 16.1. 20.00 Uhr

https://www.hofspielhaus.de/spielplan/detailansicht/nur-im-dunkeln-leuchten-die-sterne.html

Dezember geordnet

Ich mag es, wenn der erste Advent zugleich der erste Tag im Dezember ist. Das fühlt sich ordentlich an und ein wenig Ordnung zum Jahresende schadet nicht. Die Wolken am Himmel, die sich um kurz vor halb sieben langsam rosa färben, sind nicht ordentlich. Allenfalls ordentlich rosa, wie es sich für einen Sonnenaufgang gehört. Auch das mag ich. Im Dunklen sitzen und darauf warten, dass es hell wird. Im Winter besonders schön, weil viel seltener. Im Winter schlafe ich länger und tiefer und die Sonne weckt mich nicht so früh wie im Hochsommer. Im Moment schlafe ich kurz und träume tief. Je mehr ich meinen Tagesablauf ordnen möchte, umso unordentlich werden meine Träume. Leider neige ich dazu mich an meine Träume zu erinnern und ein wenig zu lange in ihnen festzuhängen. Momentan bin ich bis etwa Mittags in exakt der selben Stimmung, wie im Traum. Dann sitze ich am Schreibtisch und obwohl ich längst die warmen Schuhe aus dem Keller geholt habe, spüre ich noch ein bisschen das Meer, an dem ich dieses Jahr so schöne Tage verbracht habe. Ich mag es, aber es passt nicht so ganz zum Christbaum der vor dem Bürofenster steht und seit Donnerstag leuchtet. Manchmal bin ein wenig verstimmt, weil mich im Traum einer geärgert hat. Nur im Traum, aber ich trage es ihm nach und weiß wie albern es ist. Kollegen fahren auf Flößen an mir vorbei, Freunde sitzen auf Hausdächern und meine Großeltern grillen auf meinem Balkon. Ich versuche gar nicht erst Ordnung in diese Träume zu bekommen und vermute, dass sie der Preis für einen halbwegs ordentlichen Dezember sind und mich noch ein  wenig begleiten werden. Weiterlesen

Teppich Klang

Obwohl das Jahr noch nicht zu Ende ist, bin ich mir sicher, dass die schlimmsten zwölf Stunden von 2019 bereits hinter mir liegen. Sie waren etwas ganz besonderes und völlig unerwartetes. Nur leider nicht im positiven Sinn. Mittlerweile spielt es auch keine Rolle mehr. Sie sind vorbei und ich kann beruhigt in die letzten fünf Wochen des Jahres gehen. Schlimmer als diese zwölf Stunden wird heuer nichts mehr. Auf seine Art ein schöner Gedanke. So schön und beruhigend, wie das eine Lied, das ich in den zwölf Stunden hörte. Es war das einzige, das die widerliche und zähe Stille durchbrach. Beim ersten Mal gefiel es mir nicht, beim dritten Mal hatte ich mich daran gewöhnt und nach sieben Stunden, in denen immer wieder die gleiche Playlist ablief, wartete ich schon darauf. Wenn man stundenlang sonst nichts zu tun hat, dann kann man auch 85 Minuten auf ein Lied warten.  Weiterlesen