Alltag – Fotos IV

Würde es brennen, ich wüsste, was ich aus den Fenstern werfen würde. Es wären meine Fotos, die ich retten müsste. Längst sind sie auf Sticks und Platten gesichert und ich müsste sie nicht auf die Straße herab regnen lassen. Und doch würde ich im Falle eines Brandes wahrscheinlich mit ihnen unter dem Arm auf die Straße rennen. Als Backup, falls der Stick nicht funktioniert, die Festplatte versehentlich gelöscht wurde und mit jenem Karton aus der Zeit als es noch keine digitalen Bilder gab. Gerne schmückt man sich damit, dass Besitz nur belastet und die Erinnerung hundert mal wertvoller als ein Abzug sei. Für mich nicht. Ich brauche meine Fotos und kann mir einen Alltag ohne nicht vorstellen. Im Vorbei gehen brauche ich den Blick auf all die Erinnerungen, auf meine Familie, meine Freunde und mein Leben. Es macht mich glücklich, meine Eltern küssend auf einem Balkon stehend zu sehen. Ich lächle, wenn mich mein zweijähriger Neffe anstrahlt und ab und zu frage ich mich was aus jenem Jungen geworden ist, dessen Bild seit Jahrzehnten bei mir hängt und den ich nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen habe.  Weiterlesen

Gefundene Sätze #49

„Warum gehst du so krumm, Tiger?“ fragte der kleine Bär. „Ich bin so unglücklich, Bär“
„Dann steig auf, ich trag dich ein Stück.“

„Oh wie schön ist Panama“
Janosch

Endlich ist das Kind alt genug um Janosch vorgelesen zu bekommen.

Uno heißt in München nicht eins

Wie Sie wissen, wohne ich alleine. Bei mir geht es deshalb zu wie in einem Taubenschlag. Es ist ein einziges Kommen und Gehen, weil ja Besucher und Gäste ja nicht bleiben, sondern beständig ankommen und wieder gehen. Seit ich alleine wohne, ist die Tür zu meinem Badezimmer oft verschlossen, und wenn ich an klopfe dann heißt es ein halbes Stündchen, bis das Wasser in der Wanne kalt ist, habe ich noch zu warten. Mein Kühlschrank ist meist leer gefressen, und meine Wohnungsschlüssel oder meine Handtasche, liegen selten an der Stelle, an der ich sie beim Betreten meiner Wohnung hinterlassen habe. Früher läutete es oft an der Türe, aber seit mein Drittschlüssel verschwunden ist, dreht er sich oft im Schloss und mein Telefon wird abgenommen, bevor ich rangehen kann. So ist das, wenn man unverheiratet ist und keine Kinder hat. Dann ist man wirklich selten alleine und die Wohnung für die man Miete bezahlt gehört einem nicht wirklich, weil Partner, Familie und Nachbarn sich sorgen, man könne sich einsam fühlen. Weiterlesen

10717 Extragroß

Ob 1.500 Teile wohl reichen? Ich bin mir nicht sicher und konsultiere vorsichtshalber meine Kollegin. Ihr Brief muss warten. Das Zeug ist schließlich nicht billig und es war schon früher so, dass die begehrten Teile nur begrenzt verfügbar waren und meist auch nur in der falschen Farbe. 1.500, frage ich, reichen die? Sie zuckt mit den Schultern und tippt auf den Bildschirm. Vielleicht ja, aber noch wichtiger ist es, eine ordentliche Anzahl an Bodenplatten zu bestellen. Die waren schon damals, sie erinnert sich genau, Mangelware. Ich nicke und lege einen Satz besonders großer Bodenplatten in den virtuellen Einkaufskorb. Wenn man gerade im Begriff ist fast 75 Euro für Legobausteine auszugeben, dann kommt es auf die Bodenplatten nicht mehr an. Auch, weil diese nicht mehr nur in dunkelgrün, sondern in allen nur erdenklichen Farben zu haben sind. Ein Kollege aus dem Nachbarbüro wartet ungeduldig auf den zu unterschreibenden Brief und schüttelt jetzt den Kopf. Bodenplatten sind ja ganz ok, viel wichtiger aber sind die Räder. Genau die, sind früher doch immer ausgegangen. Räder und diese kleinen durchsichtigen Knöpfchen, die man als Sirenen verwenden konnte. Sirenen und Räder? Meine Kollegin und ich schütteln den Kopf und der wartende Zimmernachbar blickt über unsere Schultern auf den Bildschirm, der seit geraumer Zeit schon die Ebay Suchergebnisse anzeigt. Hier, er tippt energisch dagegen, das muss ich kaufen. Alle Kinder stehen auf Fahrzeuge, von den Steinen reichen ein paar Handvoll, aber die Räder und dünnen Plättchen, die zu Tragflächen werden, die sind wichtig für die Kinder.  Kinder? Wir sehen ihn fragend an und scheuchen ihn aus dem Büro, bevor er nachhaken kann. 4.500 Teile, frage ich die Kollegin und sie nickt. Wenn schon, dann das gesamt Programm. 75 Euro für drei Bodenplatten und 4.500 Teile – ein Schnäppchen.  Weiterlesen

Fernruf

Das Schild muss alt sein. Älter als 26 Jahre ganz sicher, denn die Adresse ist noch mit „8000 München 40“ angegeben und an diese Postleitzahl erinnert sich nur der, der 1993 schon Briefe verschickt und die Umstellung auf die fünfstelligen Ortszahlen miterlebt hat. Wahrscheinlich ist das Schild aber um einiges älter. Der Firmeninhaber wäre ja blöd, wenn er ein Metallschilder für die Ewigkeit angebracht hätte, und schon ahnen konnte, dass die Adresse so bald nicht mehr stimmt. Es muss auch älter sein, weil anstelle des Telefons, der Fernruf angegeben ist. Natürlich weiß ich, dass das eine den anderen sprachlich nur abgelöst hat, aber fremd klingt es dennoch. Wann, frage ich deshalb den, der es wissen muss. Mitte der Achtziger sagt er schmunzelnd und sofort habe ich den Geruch derer, die das Schild abgebracht haben, in der Nase. Mitte der Achziger roch ich ihn jeden Abend und mag ihn noch heute. Metallspäne riechen fein und vermischen sie sich mit schwerem Baumwollstoff und einer grobkörnigen Handwaschpaste, dann riechen sie nach Kindheit und Heimat. Auch wenn schon damals niemand mehr von Fernrufnummern sprach. Von der Firma Niedermaier schon. Und das auch heute noch. 

Es ist so gut wie unmöglich mit meinem Vater durch München zu gehen, ohne an einem Ladenlokal vorbei zu kommen, in dem er im Laufe seines Lebens gearbeitet hat. Nicht nur München – ganz Bayern ist übersät mit den Stationen seiner beruflichen Laufbahn. Ein Schlosser auf Montage kommt rum und die Tochter freut es. Ich gehöre zu jenen Töchtern, die unglaublich stolz auf ihren Vater sind (am Rande…auf meine großartige Mami auch. Aber sie mag es nicht, wenn ich über sie schreibe und ich versuche mich weitestgehend daran zu halten). Das war ich schon immer. Penetrant stolz. Als Grundschülerin erzählte ich jedem, dass mein Vater für die Scheiben des Affenhauses verantwortlich war. Das war er wirklich, denn im Auftrag der kleinen Firma für die er arbeitete, hatte er die Metallrahmen eingesetzt. Und wann immer ich mit Freunden, Verwandten und Schulkameraden die Gorillas und Schimpansen besuchte, wies ich auf die Scheiben meines Vaters hin. Ich mache das immer noch, nur belasse ich es heute bei den Metallrahmen – früher erzählte ich noch eine hochdramatische Geschichte über einen mutigen, zufällig mit mir verwandten Schlosser und einen wilden Gorilla. Möglich, dass die sich nicht ganz so zugetragen hat. Vielleicht auch nicht einmal annähernd, aber die Rahmen, die waren von ihm und die waren toll. Die Rahmen an sich sind es gar nicht. Auch nicht die Schlösser, die Geländer und die Beschläge. Es sind die kleinen Geschichten, die hinter ihnen verborgen liegen und die ich noch immer unheimlich gerne höre, wenn ich mit meinem Vater durch die Stadt laufe. Er braucht keinen wilden Gorilla zu erfinden, um mein Interesse zu wecken. Mir reicht es, die Stadt durch seine Arbeitsstätten besser kennen zu lernen und freue mich mit ihm, wenn es einige der kleinen Einzelhandelsgeschäfte oder auch das Kino am Sendlinger Tor (klar, da hat er auch gearbeitet. Ich sag doch….Papa war überall und kennt alles) bis ins Heute geschafft haben. 

Ich würde Ihnen gerne erzählen was er wo gemacht hat, traue mich aber nicht, denn wenn einer von Ihnen Ahnung vom Handwerk hat oder mein Vater diesen Artikel liest, dann kommt schnell raus, dass ich allen Erzählungen zum Trotz keine Ahnung vom Metallbau habe. Gerne würde ich Ihnen auch all die Anekdoten erzählen, von denen meine Vater beim Spazieren durch die Stadt berichtet, aber auch hier scheitere ich. Er kann es so viel besser und täte ich es, wäre es doch nur ein müder Abklatsch. Damit Sie aber auch ein wenig vom besten Schlosser Münchens profitieren, ein kleiner Tipp. Bei vielen Wohnungstüren ist es besser den Schlüssel nur einmal rum zu drehen. Der Zylinder schiebt sich beim zweiten Drehen zwar tiefer in den Türrahmen, ein Großteil der Schlösser verliert dabei aber an Stabilität. Klingt logisch, oder? Sie sollten aber vorsichtshalber im Kleingedrucken Ihrer Hausrat-Versicherung nachlesen, ob der Vertragspartner das auch so sieht. Aber selbst wenn, wenn Sie mich fragen, dann hat ein Schlosser deutlich mehr Ahnung, als ein Versicherungskaufmann. Dennoch….ich will ja nicht schuld sein und vielleicht gibt es Ausnahmeschlösser bei denen das nicht so ist. Wenn Sie in München wohnen, können Sie mir auch einfach Ihre Adresse mailen und ich frag nach – via Fernruf. Mein Vater kennt Ihren Wohnblock und dessen Schlösser ganz bestimmt. 

Viele Grüße von Mitzi (8000 München 90 / Fernruf auf Anfrage)

 

Gefundene Sätze #48

„Das ist alles was wir tun können:
Immer wieder von vorne anfangen – immer und immer wieder. „

Thornton Wilder

Und wenn man bei diesen Sätzen, die man so sehr mag an Bastian Yotta denkt und ihn „weiter, immer weiter“ plärren hört, dann hat man doch wieder heimlich das Dschungel Camp angesehen. 

Kleben statt reden U-Bahn Gedanken

Das wird nicht funktionieren, möchte man ihr sagen und weiß, dass es sinnlos ist, weil die, die da steht, bereits verloren hat. Wenn sich eine, direkt vor der S-Bahn Tür stehen, erst aus dem Mantel schlüpft, sich dann den Schal vom Hals wickelt, beides zu einem Häufchen zu ihren Füßen drapiert und dann beginnt ein Buch der Dicke und Schwere von „Krieg und Frieden“ zu lesen, dann weiß man als erprobter MVG Fahrgast, dass das spätestens an der nächsten Haltestelle gehörig schief gehen wird. Morgens um sieben zwischen Isartor und Marienplatz ist es das selbe wie sich bäuchlings auf dem Boden vor die einzige funktioniere Rolltreppe zu legen. Kann man machen, ist aber keine gute Idee. Der lesenden Frau, fiel am Marienplatz das Buch aus der Hand, als sich 42 Pendler an ihr vorbei schoben; ihr Schal verfing sich am Stachus in den Rädern eines Kinderwagens und am Hauptbahnhof wurde sie von der aussteigenden Masse, samt Kleiderhaufen einfach aus der S-Bahn geschoben. Vielleicht ganz gut so, ihre Nerven lagen eh schon blank und spätestens an der Hackerbrücke hätte sie zu Brüllen begonnen. Das sah man schon an der pulsierenden Ader an ihrem schalfreien Hals. Weiterlesen