Post Problem

Jedes mal, wenn ich auf den Nachbarsjungen aufpasse, spielen wir Post. Schnell hat der Knirps begriffen, dass ich für Ninjago  zu dämlich bin (googeln Sie es, ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, worum es geht) und ihm bei Memory so hoffnungslos unterlegen bin, dass es keinen Spaß macht. Unsere Schnittstelle ist die Spielzeugpost, die heute noch genauso aussieht, wie in meiner Kindheit. Da kenn ich mich aus und da kommen wir uns nicht in die Quere, weil ich gerne Kunde und er gerne Postbeamter ist. Postbeamter will ich nicht mehr sein. Nicht mehr, seit ich im echten Leben Kunde und mit dieser Gattung des Beamten konfrontiert bin. Wenn Sie selbst schon mal ein Paket aufgegeben haben oder – bei weitem schlimmer – eines abholen wollten, dann wissen Sie warum. Es ist mir unverständlich, dass ich mit Vierjahren überzeugt davon war, eine Karriere im Postamt einzuschlagen. Ich war ein schlaues Kind und hätte ahnen müssen, dass man mich dort nicht gewollt hätte und ich nie eingestellt worden wäre. An der Hand meiner Mutter, in der langen Schlange stehend, hätte es mir klar sein müssen. Schon damals, konnte ich nämlich nicht langsam gehen. Springen, hüpfen und rennen – das waren meine Fortbewegungsarten. Heute springe und hüpfe ich weniger und renne nur noch, wenn ich den Bus erwischen oder drei Kilo abnehmen muss. Langsam gehen oder gar schlendern kann ich aber noch immer nicht und das ist Einstellungsbedingung für einen künftigen Postler. Auf der Homepage steht das nicht, aber ich habe mich schlau gemacht. Letzte Woche betrieb ich eine knappe Stunde lang Feldforschungen und habe begriffen – schlendern und nur schlendernd darf sich ein Postbeamter fortbewegen. Weiterlesen

Randnotiz

Er mag es nicht, wenn ich wegen eines Baches vom Schlafen abhalte. Kennt mich aber gut genug um zu wissen, dass ein fiktiver Bach ein Thema ist, dass ich erörtert haben möchte. Man weiß ja nicht, ob wir morgens nicht doch vielleicht…..
Still, unterbricht er mich und setzt sich auf. Für ihn sei es ein leichtes, sich schlafend um das Haus kümmern. Was uns aber aufhalten würde, und daher schnellstmöglich geklärt werden muss, ist die Frage was ich mitnehme. Gähnend hält er mir den Mund zu. Nein, jetzt zu wichtigem.

Wir sind die letzten Menschen. Den anderen geht es gut, aber sie sind, weiß der Henker wo und wir ganz alleine. Er und ich. Schmerzen gäbe es nicht. Leichtes Baugrummeln, wenn man sich überfressen hat, aber sonst nichts. Verlassene Geschäfte versorgen uns mit Büchern, Werkzeug und Kleidung. Dinge die Jahre überstehen und um die wir uns nicht sorgen müssen. Aber, und das sei die Voraussetzung, dass er mitkommt, unsere eigenen Wohnungen sind verschwunden. Nicht mehr zugänglich. Zurück auf Null. Einzig drei Dinge dürfen wir mitnehmen. Er löscht das Licht. Was nimmst du mit, murmelt er noch, gähnt und lässt mich mit dieser wichtigen Frage alleine. Schlafen kann ich nun nicht. Ich muss aus meinen etwa 10.000 Dingen nun die drei Wichtigsten aussuchen. Das ist gemein. An Schlaf ist heute nicht mehr zu denken.

Denk an den Bach!

Wir sind die letzten Menschen. Du und ich. Es gibt niemanden außer uns beiden. Ich habe es mir oft gewünscht und mir dabei vorgestellt, dass wir uns einen Ort suchen würden, an dem die Einsamkeit schön und nicht bedrückend ist. Niemanden gibt es außer uns beiden. Alle die wir liebten sind an einem Ort an dem es ihnen gut geht. Man muss sich nicht sorgen. Sie sind nicht gestorben, sie sind nur nicht hier. Nur du und ich. So kurz vor dem Einschlafen denke ich oft daran. Weiterlesen

Kotzen und Bauchweh

Nicht nur Chemnitz. Auch, aber längst nicht nur, verdirbt mir die Lust, Ihnen dieser Tage von meinem Nachbarn Paul zu erzählen.

Ich schreibe kaum über Politik. Nicht weil ich mich nicht interessiere und nicht weil ich keine Meinung habe, sondern weil ich beides, Interesse und Meinung, nur schwer schriftlich in Worte fassen kann und vermutlich jedem Kommentator anschließend meine Telefonnummer anbieten müsste, damit ich mich adäquat in einem Gespräch erklären könnte.

Ich erzähle Ihnen nächste Woche von Paul. Bis dahin lese ich weiter die Zeitung und wechsle zwischen akutem Brechreiz und von Besorgnis hervorgerufenen Bauchschmerzen.

Geputz

Ich putze gerne. Im Gegensatz zu vielen anderen Tätigkeiten sind Putzen und Aufräumen sinnvolle Beschäftigungen. Im Gegensatz zu einem Date zum Beispiel, hat man immer und ausnahmslos ein sofortiges Erfolgserlebnis und kann dabei seine Gedanken ganz wunderbar sortieren.

Die besten Ideen  hingegen kommen mir grundsätzlich beim Abstauben meines Bücherregals. Dort sind so viele Leben, Geschichten, Wissen und Erzählungen auf engem Raum vereint, dass ich selbst bei einer banalen Tätigkeit wie Staubwischen inspiriert werde. Hinterfrage ich mein eigenes Veralten in einer Beziehung, dann reicht zum Beispiel ein Blick auf den Einband von Madame Bovary und ich weiß, dass noch viel Luft nach oben ist, bevor ich mich sorgen muss. Brauche ich einen Hinweis wie ich mit meinen Nachbarn Paul umgehen soll, dann sehe ich mir „Vom Winde verweht“ an und ermahne mich…nicht wie Scarlett, nicht wie Scarlett. Weiterlesen

Um 06:05 Uhr – große Ferien

Grausam früh klingelt dieser Tage mein Wecker. So früh, dass mich noch keine Sonnenstrahlen wecken und ich den Kaffee in der Küche unter dem sanften Licht der Dunstabzugshaube zubereiten muss. Um kurz nach fünf bin ich zu müde für das grelle Deckenlicht und mache alles im Halbdunkel. Wenn ich noch schnell die Blumen auf dem Balkon gieße, erinnert mich die Dämmerung daran, dass der Herbst bereits vor der Türe steht. So war es in den großen Ferien immer. Uns Münchner Kinder hat man solange ich denken kann, stets erst mit dem August entlassen. Wenn endlich die freie Zeit begann, hatten wir den Sommer im Nacken und rannten mit bereits gebräunten Armen und Beinen und mit neuen Sommersprossen auf den Nasenspitzen in die endlos erscheinende Freiheit. Kaum waren die ersten Wochen vorbei, begann es bereits nach dem Herbst zu riechen. Wir rochen nichts, weil unsere Nasen vom vielen Chlor in den Freibädern, abgestumpft und verstopft waren. Aber unsere Mütter, die hörten wir sagen, dass man das Ende des Sommers bereits riechen konnte. Sie zeigten uns die ersten welken Blätter der Kastanien und sprachen von kürzer werdenden Tagen. Wir merkten davon nichts. Wer den ganzen Tag draußen verbrachte und um acht Uhr abends ins Bett geschickt wurde, der bemerkte das früher Dämmerlicht nicht. Es hätte uns auch nicht interessiert – wir befanden uns in den großen Ferien und unsere Körper waren bis unter die Haarspitzen voll mit Sommer.

Heute rieche ich es. Ich rieche den Herbst und sehe die Blätter, die noch grün und saftig sind, sich aber schon bereit machen, zu welken. Besonders früh morgens an der Tankstelle an der ich im Stehen einen Espresso trinke, um den Arbeitsbeginn noch ein klein wenig hinauszuzögern, so wie ich früher einmal um das Schulgebäude herum gelaufen bin, bevor ich mich schweren Herzens hinein begeben habe. Immer die Letzte vor dem Achtuhr-Läuten, bin ich heute im Büro die Erste. Ich mag die Ruhe des Morgens und ich stelle fest, dass ich seit einigen Tagen nach dem Sechs-Uhr-Morgens-Tankstellengeruch süchtig geworden bin. An jedem einzelnen Tag möchte ich, dem mutigsten meiner Freunde schreiben, dass es jetzt in diesem Moment so sehr nach Italien riecht, dass ich mich ganz seltsam fühle. Ich tue es nicht. Ich würde ihn wecken und ich weiß nicht ob er sich noch an den Geruch nach Italien erinnert und begreifen würde wovon ich spreche. Er lebt schon so lange in Italien, dass er womöglich vergessen hat, wie das deutsche Italien riecht. Es würde mir schwer fallen, es ihm zu erklären. Es riecht nach den großen Ferien, die wir nie Sommer-, sondern immer nur die großen Ferien genannt haben. Es riecht nach Spätsommer. Spätsommer, morgens um sechs Uhr, wenn die Luft noch kühl ist, man die Hitze, die der Tag mit sich bringt, aber schon erahnen kann. Ein Hauch, bereits welker Blätter und Gras, das vom Sommer schon erschöpft und nicht mehr saftig ist. Und – das ist das wichtigste, würde ich ihm erklären – man riecht es nur an einer Tankstelle. Das deutsche Italien riecht nach Benzin mit einer feinen, kaum wahrnehmbaren Kaffeenote. Kein guter Kaffee – Tankstellenkaffee.

So riecht es, weil es der Geruch unserer Kindheit ist. Wir alle sind in den großen Ferien zu nachtschlafender Zeit von unseren Eltern halb getragen, halb geschoben in ein bis unter das Dach vollgepacktes Auto gesetzt worden und mit ihnen gemeinsam in Richtung Süden aufgebrochen. Die erste Pause, meist wurden wir dann erst richtig wach, fand gegen sechs Uhr morgens statt. Übermüdete Väter, verschlafene Mütter und Kinder die an einer Tankstelle aus dem Auto krochen. Und dann, dann roch es eben genau so. Dann roch es nach Italien. Selbst wenn wir, wegen eines Staus noch in Österreich waren oder unser Ziel nicht Italien sondern Jugoslawien (damals noch ein Land) oder gar Griechenland war. Ich erinnere mich, dass meine Mutter spätestens bei der zweiten Pause behauptete, bereits das Meer riechen zu können. Vielleicht, würde es für sie um sechs Uhr morgens an meiner Tankstelle auch nach Meer riechen. Das könnte gut sein, weil Gerüche so subjektiv empfunden werden, wie Erinnerungen.

Bei Gelegenheit werde ich den mutigsten meiner Freunde fragen ob er weiß, was ich meine. Ich denke, er kennt den Geruch noch. Schließlich hat er ihn mit mir gemeinsam auch einige Male gerochen und wir waren in diesen Momenten genauso aufgeregt, zappelig und ungeduldig wie Achtjährige gewesen. Mit ihm roch ich den Duft der großen Ferien auf dem Weg nach Elba. Auch an einer Tankstelle unterhalb von Rom und auf dem Heimweg von Salerno. Morgen früh vielleicht, werde ich ihn fragen. Wenn er sich nicht erinnert, dann werde ich ihm sagen, dass er unbedingt nach München kommen muss. Ein Tag reicht – wichtig ist nur, dass die Sonne scheint und der Tag heiß wird. Das sollte er unbedingt, denn morgens um sechs im August an einer Tankstelle, da riecht es so sehr nach den großen Ferien, dass man heulen könnte vor tief empfundenen Glück. Ganz so wie damals, als endlich die Tore der Schule aufgingen und man raus konnte. Raus in einen endlosen Sommer.

Man darf nur nicht daran denken, dass man eigentlich ins Büro muss. Ich gebe mir noch drei Tage an der Tankstelle. Dann bin ich soweit und fahre nicht in die Arbeit sondern direkt weiter auf die Autobahn, über den Brenner und nach Italien. Oder Kroatien. Vielleicht auch nach Griechenland. Es könnte mir niemand verübeln – es ist August, da hat man große Ferien.