Nur Elvis lässt es ruhig angehen

Ich bin wieder daheim. Daheim in München. Daheim, wo es jetzt wieder etwas ruhiger wird und wo ich jetzt, an diesem Samstagvormittag, eine dreckige Kaffeetasse abspüle, die ich vor zwei Wochen um fünf Uhr morgens nur in die Spüle stellte, bevor ich nach Italien fuhr. Ehrlich gesagt, hätte ich die Tasse bereits vor ein paar Tagen abspülen können. Theoretisch. Praktisch, war dafür noch keine Zeit. Seit Mittwoch war für gar nichts Zeit und das ist seltsam, weil ich doch daheim bin und es daheim eigentlich ruhiger ist. Egal, jetzt ist es ruhig. Samstagmorgen ruhig und…..ok, nicht ganz ruhig. Durch das Küchenfenster sehe ich Paul stehen, der eine – für einen Münchner typische, aber auch in Italien gängige Geste in meine Richung macht. Was ist jetzt, sagt die Handbewegung und ich erinnere mich, dass ich ihm zwei Flaschen Wein mitgebracht und noch nicht übergeben habe. Ich nicke, stelle die noch immer dreckige Tasse zurück in die Spüle und übergebe das Mitbringsel im Treppenhaus.

Danke und ein kurzes Grinsen. Auf dem Weg zurück bringe ich auch noch schnell die ebenfalls mitgebrachten Süßigkeiten zu einer Nachbarin und lasse mich auf einen Kaffee einladen. Zwei Stunden und drei Kaffee später, bin ich wieder in meiner Wohnung. Dort klingelt es, bevor ich mich hinsetzen kann und zwischen Tür und Angel ratsche ich mit einer anderen Nachbarin, die bisher noch keine Gelegenheit hatte, sich mit mir zu unterhalten. Überfällig. Ich wollte mich schon Dienstagabend melden, bin da aber bei den Nachbarn hängen geblieben, die meine Blumen gegossen haben. Nicht lang, nur zwei, drei Stunden bei einem Gläschen Wein, zum Ankommen. Trotzdem war es schon dunkel, als ich wieder hoch zu mir bin. Mittwoch ist verflogen. Ab und zu arbeite ich nämlich auch. Und Donnerstag, was hab ich Donnerstag eigentlich gemacht. Ach ja, da war ich auf einem Ochsenrennen im Ort meiner Eltern. Wenn Sie das interessiert, dann googeln Sie. In Bayern gibt es einige Dörfer, die mit ihren gutmütigsten Ochsen ein Rennen veranstalten. Tierschützer müssen sich keine Gedanken machen. Drei von vier Ochsen bleiben in der Regel einfach stehen und sind viel zu schwer, als das man sie überreden könne sich zu bewegen. Man lässt es daher und kührt den einen, der über die Ziellinie trottet zum Gewinner. Dieses Jahr der Elvis. Der hat seinen Reiter zwar abgeworfen, aber da die anderen drei sich gar nicht bewegt haben, hat er gewonnen. Das also am Donnerstag. Freitag war ich kurz im Büro und dann wollte ich irgendetwas machen, bin dann aber von einer Freundin abgeholt worden, war auf einem Konzert, bin einem Bus nachgelaufen, den ich nicht erwischt habe und bin zu Fuß nach Hause, was gut war, weil ich eh meine neuen Schuhe einlaufen wollte. Wollte, weil die Schuhe gewonnen und meine Fersen verloren haben.

Dass ich, wegen der Blasen an den Füßen, nicht gescheit laufen kann, erzähle ich dann auch dem, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Türe steht und sich erkundigt, wann ich eigentlich zurück gekommen bin. Bei „Dienstag“ schnalzt er leise mit der Zunge und mir fällt ein, was ich die Tage eigentlich machen wollte. Also, was wir eigentlich machen wollten. Damit er mich nicht für völlig gedankenlos und wenig wertschätzend hält, erzähle ich ihm, was mir alles ungeplant dazwischen gekommen ist. Beim der Schilderung des Ochsenrennens höre ich ihn tief einatmen und „anstrengend“ murmeln. Für die Ochsen frage ich nach und will ihm gerade schildern, dass Elvis, der Ochse, völlig entspannt wirkte, als er mich unterbricht. Ne, meint er, eine Beziehung mit mir. Aber das sei ok, solange ich ihm den Wein, der nach Sommer schmeckt mitgebracht hätte.

Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, wird das auch diesmal machen müssen. Paul weigert sich lachend, seinen Wein wieder herzugeben und das Blumengießgeschenk wurde ja schon getrunken. Auch der mit dem Wein, weigert sich. Nämlich quer durch die Stadt zu mir zu fahren. Das tat er schon am Dienstag, Donnerstag und Freitag ohne mich anzutreffen. Und falls Sie sich fragen, warum er nicht einfach vor der Tür stehend angerufen oder eine WhatsApp geschrieben hat? Der Mann möchte aktuell sein Leben zu entschleunigen und versucht gerade ohne Handy klar zu kommen.

Mit mir an seiner Seite, sehe ich da schwarz. Unabhängig vom Handy.

19 Gedanken zu “Nur Elvis lässt es ruhig angehen

  1. Ich lache jetzt auch. Was für eine herrliche Schilderung mal wieder! Beinahe tut mir der Entschleuniger schon Leid. Ihr könntet übrigens einfach spontan bei Paul vorbeischauen, der hat ja jetzt garantiert sommerlichen Wein zuhause, und dein üblicher Weinlieferant kann ihm notfalls erklären, dass es gesünder ist, die Flaschen nicht allein zu leeren, sondern unter ärztlicher Aufsicht. 🤭

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    1. Eine ganz wunderbare Idee! 😅 Zumal Paul mit Sicherheit ganz grundsätzlich einen Vorrat an Wein zu Hause haben sollte.
      Dein Lachen freut mich und ich hoffe, du hast noch viele Gründe an diesem schönen Wochenende zum Lachen oder lächeln.

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    1. Die Kaffeetasse wurde zwischenzeitlich abgewaschen 😉
      Da ich meine Küche heute tatsächlich benutzt habe und auch gekocht habe, wurde das arme Teil endlich auch bedacht.

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  2. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich schon einmal auf einem Ochsen geritten bin. Aber dafür auf einem Stier! – Nein, nein, ich meine diese Rindviecher, Bos taurus. Und es war kein wilder Ritt im Rahmen eines Rodeos, sondern vergleichbar dem Ochsenrennen. Und vor mir saß mein damals noch kleiner Sohn. Der breitkreuzige Geselle war ein sehr gemächlicher, sonst hätte ich mich dazu auch nicht überreden lassen.

    Das Kaffeetassenproblem kenne ich, es wird durch die Dienste einer Spülmaschine meist nicht einmal besser. Eine bliebt immer übrig und neigt dazu, verlassen und vergessen zu werden. Das, ganz analog, als Drohung zu mißbrauchen, nur weil man nicht ausreichend Wein mitgeschleppt hat, halte ich für unfair, dem würde ich den Kopf waschen. Am Besten mit der Spüllauge, die für die Kaffetasse gedacht war.

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    1. Mit einem Ritt auf einem Stier hast du mir etwas voraus! Ich bin ja immer froh, wenn ich lese, dass es anderen wir mir geht – zum Beispiel mit der übrig gebliebenen Kaffeetasse. Dann scheint es normal zu sein. Das beruhigt.

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      1. Tatsächlich bleiben keine übrig… Ach so, ja: wir sind grad am Umziehen (wobei manches verlustig geht) und heiraten, also nein, nicht wir, die Töchter hatten es mit einem Mal eilig und sind jetzt das, was einstens unter der Haube sein hieß. Bekanntlich geht dabei Geschirr zu Bruch!
        Und Nerven. Das war jetzt alles ein bißchen viel und ist ja auch noch nicht vorbei.

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      2. Viel Erfolg beim Umzug – immer eine Herausforderung. Gepaart mit einer Hochzeit (oder gleich mehrere?) klingt das sehr schön, aber auch stressig. Glückwunsch an die Tochter oder Töchter!

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      3. Ja, 2, beide Töchter bestanden auf einer solchen Aktion in ein und demselben Juni. Beide Feste (oder, die Jüngere zog das recht groß auf, die Festserie) waren gelungen, aber der Streßlevel… oje.
        Danke für die Wünsche, ich war so frei und wies darauf hin, dass das Eigentliche jetzt kommt.
        Aber das ist ein Allgemeinplatz. Das andere war ja immer schon, das Eigentliche hat man immer vor sich…

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      4. Als Mutter darfst und musst du so frei sein, auf das Kommende hinzuweisen. Erfahren und erleben werden sie es eh. Und mit etwas Glück und einen Funken Verstand (von dem gehe ich aus) kommen sie gut durch die Jahre. Unbekannterweise wünsche ich ihnen das ganz fest.
        Außerdem ist Juni ein guter Monat – meiner Meinung nach der beste im ganzen Jahr. Hochzeiten passen da perfekt.
        Dir gute Erholung nach den Festen (und nach dem Umzug).

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      5. Ach, der Umzug! Das ist fast wie bei den Jecken, eine Ganzjahresaktivität. Im Herbst zieht mein Sohn mit Familie in das Stockwerk, das bisher wir bewohnten, da ist am meisten Platz. Wir kauern dann unterm Dach (doch, das ist groß genug, aber man bemerkt all das Angesammelte mal wieder bewußt…)

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      6. Man sagt ja auch…je mehr Platz, umso mehr sammelt sich an. Bei mir trifft das auf jeden Fall zu.
        Ruhig wird es bei dir also in nächster Zeit nicht ;). Bei drei Kindern (oder gibt es noch mehr) ist das aber auch nicht zu erwarten.

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