Giesing – bin ich!

In regelmäßigen Abständen erzähle ich meinem Vater, welche unserer ehemaligen Nachbarn noch immer im Haus meiner Kindheit leben. Obwohl wir dort schon lange nicht mehr wohnen, ist es noch immer unser Haus. Vor allem meines. Ich wuchs dort auf und kenne den Hof, das Treppenhaus und jeden Winkel im Keller vermutlich besser als meine Eltern. Dennoch ist es auch für sie noch immer „unser Haus“ oder zumindest das Haus, in dem sie vor vielen Jahren eine Familie gründeten. Auch wenn wir behaupten, dass es egal ist – wir freuen uns, dass sich einige Namen auf den Klingelschildern über all die Jahre nicht geändert haben. Es wäre seltsam, wenn in „unserem Haus“ nur noch Fremde wohnen. Und das obwohl uns selbst die vertrauten Gesichter von früher, längst fremd geworden sind. Das Haus ist nicht schön. Schlicht, unspektakulär und mit einem scheußlichen Hof, der während unserer Zeit aus Garagen und Beton bestand und erst lange nach unserem Auszug begrünt wurde. Als Kind war es mir egal. Über die Dächer der flachen Garagen konnte ich in die anderen Höfe klettern und das Grau wurde durch die Menschen, die in ihm lebten bunt genug. Außerdem hatten wir eine Hecke. Für meine Mutter ein Witz, für mich völlig ausreichend, um den Wechsel der Jahreszeiten vom Fenster meines Kinderzimmers aus zu beobachten. Zumal man in Untergiesing die Isar ihre weitläufigen Grünanlagen vor der Nase hatte und jede Gelegenheit nutzte das Blickfeld der Eltern zu verlassen. Wenn ich heute vor dem schmalen Haus stehe und in den Hof blicke, dann ahne ich, dass dieses Viertel mich mehr geprägt hat, als ich mir selbst eingestehen möchte. Mehr als einmal hätte sich die Gelegenheit ergeben, in ein anders Viertel zu ziehen. Eines das schicker, aufregender oder moderner war. Ich bin geblieben. Und war ich doch einmal weg, dann bin ich zurück gekommen. Heute vermute ich, dass das Kind in mir, trotzig gegen neues protestierte und stur auf das Vertraute und Bekannte bestand. Es bekam seinen Willen. Damals wie heute. Das Viertel betreffend. Meine Eltern zogen erst um, als ich meine erste eigene Wohnung mietete.

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Abgestaubt

Nur mein Nachbarsjunge darf es. Er ist der einzige, dem ich es nicht übel nehme, wenn er bäuchlings auf dem Boden liegt, mit der Taschenlampe unter mein Sofa leuchtet und mir dann mitteilt, dass es dort unten so dreckig ist, dass er auf die kleine, darunter gerollte Playmobil Figur verzichtet. Falls ich jemals dort unter sauber machen würde, könne ich sie gerne behalten. Für einen Fünfjährigen sind das schön formulierte Sätze. So ausgewählt drückt er sich nur aus, wenn etwas seinem ästhetischen Empfinden widerspricht. Ein Empfinden, das bei diesem kleinen Menschen erstaunlich ausgeprägt ist. Ohne ihn würde ich wahrscheinlich noch immer nicht einmal monatlich auch die Unterseite des großen Tisches im Wohnzimmer putzen. Seit Ludwig aber auch unter dem Tisch nach verloren gegangenen Lego- oder Playmobilteilen sucht, wische ich regelmäßig auch unten und entsorge bei der Gelegenheit mögliche Ansätze von Spinnweben. Wie gesagt – er darf das, bei anderen reagiere äußerst empfindlich darauf, wenn man mich auf Defizite meiner hausfraulichen Qualitäten hinweist. Mal ehrlich, was bitte reitet Gäste, ungefragt aber höchst erfreut mitzuteilen, dass die Wohnung für ihr empfinden durchaus etwas ordentlicher sein könnte? Das weiß ich selbst und nicht umsonst lasse ich das grelle Deckenlicht im Wohnzimmer aus, wenn Besuch kommt. Ludwig gab mir den Tipp. Er meinte nämlich, dass es dann bei mir manchmal fast so ordentlich wie bei seiner Mama sei. Ludwig gehört auch zu den wenigen Menschen, die ich gerne um mich habe, wenn ich krank bin.

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Passt schon

Passt schon, sagt man in München gerne, wenn gar nichts passt. Wenn so viel im argen liegt, dass man nicht recht weiß, wo man anfangen soll, dann sagt man „passt schon“. Das ist wie „wird schon“, wenn einem unklar ist, wie überhaupt irgendwas wieder werden kann. Der Sonne am heutigen Sonntag ist das egal. Sie scheint und wenigstens das ist schön. Mehr als schön – es hilft, weil Sonnenstrahlen im Frühjahr nicht nur das Gesicht, sondern auch das Herz erwärmen und es leichter machen die Gedanken zu ordnen. Sie zu beruhigen ist angesichts der Nachrichten nur schwer möglich, aber ein paar Atemzüge mit geschlossenen Augen in der Sonne sind angenehm. Den Menschen in meinem Viertel scheint es ähnlich zu gehen. Sie sitzen auf den Bänken, legen den Kopf in den Nacken, schließen die Augen und strecken die Nasenspitze in die Sonne. Das tut gut, man sieht es ihnen an. Mir wahrscheinlich auch. Das und die Ruhe, die nicht ungewöhnlich ist, da ich nicht in einem Café sondern auf einer Bank auf dem Friedhof sitze. Bei so viel Scheußlichkeit ist hier, trotz des oft traurigen Ortes, viel Schönes zu sehen.

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Alles ganz normal

Laut der Studie einer Partnervermittlungsbörse, streiten sich Paare am häufigsten über herumliegende Kleidungsstücke, die Unordnung in der Küche oder die Lautstärke von TV und/oder Radio. Ich halte diese Studie für nicht sonderlich repräsentativ, da ich erstens selbst Teil eines Paares bin und mich über diese Dinge noch nie ernsthaft gestritten habe und zweites, in einem hellhörigen Mietshaus lebe und damit die Beziehungen von gut einer Handvoll anderer Paare unangenehm nah miterleben darf. Bei dem einen oder anderem würde ich mir wünschen, dass sie den Fernseher lauter drehen und es mir so ersparen ihre Konflikte fast wörtlich mitzuerleben. Vielleicht könnte man sich aber darauf einigen, dass es am Ende aber tatsächlich die banalen und alltäglichen Dinge sind, die eine Beziehung killen. Mein Freund und ich, wir sind ein sehr durchschnittliches Paar. Kreativ werden wir nur wenn wir uns streiten – genau gesagt bei den Gründen. Die sind weder banal, noch erscheinen sie in Statistiken. Ein Grund stolz zu sein, ist das vermutlich aber nicht. Stolz könnten wir allenfalls darauf sein, seit über einer dreiviertel Stunde über ein – für einen der Beteiligten sehr schmerzhaftes – Thema zu diskutieren ohne uns Türen knallend anzubrüllen. Das betreiben meine Nachbarn über mir nämlich zeitgleich und jedes Mal wenn oben eine Tür zugeschlagen wird und gleichzeitig „dann verpiss dich doch“ geplärrt wird, fühlen wir uns sofort etwas besser. Kultivierter – wir brüllen nicht. Wir streiten ja nicht mal richtig. Wir diskutieren.

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Schande hoch 2

Der Mann an sich ist ein wunderbares Wesen. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen, aber alles in allem, sind es doch herrliche Geschöpfe. Ich persönlich bevorzuge jene Exemplare, die deutlich größer als ich sind und gerne auch etwas mehr Kraft als ich selbst besitzen dürfen. Das mag oberflächlich klingen und es wahrscheinlich auch sein, aber ganz ehrlich….andernfalls, kann ich mich auch selbst um die Entsorgung meines Christbaums kümmern. Das ich das kann, steht außer frage und wurde hier in vielen Jahren dokumentiert. Dieses Jahr kann ich es nicht. Mein rechtes Handgelenk ist verknackst, tut weh und der Baum muss weg. Mein Nachbar Paul wird sich darum kümmern. Mein Nachbar Paul ist groß, stark und sehr lieb ist, schrieb ich ihm in einer SMS und erwähnte den Christbaum nicht. Dein Nachbar Paul ist groß, stark, lieb und nicht bescheuert, antwortete er und wusste genau, dass es um das grüne Nadelding geht. Mein Nachbar Paul und ich schreiben uns gerne SMS.

„Dein Nachbar Paul findet es traurig, dass du ihn für so simpel gestrickt hältst.“
„Mein Nachbar Paul sollte wissen, dass ich seine körperlichen Attribute durchaus zu schätzen weiß.“
„Dein Nachbar Paul fragt sich ob sich dieser – grenzwertige – Dialog noch um die Entsorgung des Baumes dreht.“
„Selbstverständlich!“



„Hast du das Ding in den Laubengang geschleppt, damit du mir leid tust?“
„Ja! Funktioniert es?“
„Nein.“
„Mist.“

….
….
„Mitz…im Ernst, was zum Henker machst du da?!?“
„Das kleine Beil von mir ist lose. Ich hab Judiths Hackmesser genommen. Geht fast genauso gut.“



„Scheint nicht zu gehen ;). Lass ihn liegen. Ich hol ihn später ab.“


„Danke. Und sorry – ich bin eine Schande für die Emanzipation!“


„Und ich für die Nachbarschaft 🙂 – siehe Foto.“


Falls Sie sich fragen ob dies das Endstadium der Entsorgung durch Paul war…ja.

10.000 Dinge #3

Vor etwa 100 Jahren bestand ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland aus lediglich 100 Gegenständen. Im Jahr 2014, so las ich, besaß ein jeder Mensch bereits 10.000 Dinge. 10.000….das ist unglaublich viel. Oder gar nicht so viel, da ich nicht weiß ob wirklich jedes einzelne Foto und jeder Bleistift gezählt wurde. Wahrscheinlich ist das aber auch nicht wichtig, denn dass wir viel besitzen zeigt ein kurzer Gang durch den Keller eines durchschnittlichen Mietshauses. Zwischen den Holzsparren quillt der Besitz bis an die Decke und beim Öffnen des einen oder anderen Verschlages läuft man Gefahr vom eigenen Hab und Gut erschlagen zu werden. Mein Kellerabteil kann ich sorglos öffnen – dank des letzten Lockdowns habe ich ihn auf- und vor allem ausgeräumt. Gerümpel fand ich keines, aber viele kleine Schätze, die für mich mit den Jahren an Bedeutung verloren haben. Fast alles hat via der von mir initiierten Tauschbörse rund um die Briefkästen meines Hauses einen neuen Besitzer gefunden. Ein schöner Gedanke. Viel schöner, als etwas, das man einmal mochte wegzuschmeißen. Unser Hausmeister und etwa ein Drittel meiner Nachbarn fand meine Idee nicht sonderlich schön und bat mich mehrfach „den Mist“ auf den Sperrmüll zu werfen. Ich habe dann begonnen kleine Zettel an die Dinge zu kleben, damit die Ignoranten verstehen, dass es sich um wirklich feine Dinge und nicht um Müll handelt. Zum Beispiel auf die schweren, weißen Porzellan Terrinen aus der Kantine, in der mein Großvater nach dem Krieg arbeitete. Solche Suppenterrinen werden heute wohl nun noch wenig genutzt aber nachdem ich „Hält Suppe mindestens eine Stunde auf dem Tisch warm und wurde von meiner Oma sehr gerne und oft benutzt“ auf einen Zettel geschrieben habe, waren sie nach einer Stunde weg. Im Sommer sah ich eine auf einem Balkon – sie wurde als Übertopf genutzt. Eine nette Idee, die meiner Großmutter sicher auch gefallen hätte. Einer hat nun 10.001 Gegenstände und ich nur noch 9.999.

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Autunno und Herbst gut gemischt

„Was?“ fragt der Nachbarsjunge als er mich in der Türe unseres Laubenganges stehen sieht und reibt sich verschlafen die Augen. „Wie bitte, heißt das.“, korrigiere ich ihn automatisch und übergehe die Antwort. Nach fast zwei Wochen wäre es mir unangenehm, wenn das erste was er von mir hört, ein beherztes „Scheiße“ ist. „Merda“ das italienische Pendant versteht er nicht, kann es sich aber denken. Er grinst, zuckt mit den Schultern und verschwindet in seiner Wohnung. Dreieinhalb Meter trennen mich von seiner Wohnungstüre und drei Meter von meiner – drei Meter, die ich in den nächsten vier Stunden nicht betreten darf. So lange dauert es noch, bis erste Anstrich des gerade renovierten Laubengangs getrocknet ist. Bis dahin ist es dem Nachbarsjungen verboten aus seiner Wohnung zu treten und mir unmöglich in die meine zu gelangen. Verdammt, wiederhole ich etwas weniger derb und schiebe meinen Koffer zurück ins Treppenhaus um erst einmal blöd rumzustehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich irgendwann wusste, dass der Laubengang am 26.10.2021 für ein paar Stunden gesperrt ist. Stunden, welche die Bewohner einplanen und berücksichtigen müssen. Natürlich wusste ich es – bevor ich nach Italien fuhr und meinen Aufenthalt dort kurz vor der Abfahrt noch einmal um wenige Tage verschoben hatte. Der dämliche Flyer, der mir von der Hausverwaltung sogar persönlich in die Hand gedrückt wurde, liegt auf dem Tisch im Wohnzimmer. Da liegt er richtig, murmelt wenig später Herr Meier, der nicht am Laubengang wohnt und den ich um eine Tasse Kaffee angebettelt habe, um die Zeit des Wartens nicht im Treppenhaus hockend verbringen zu müssen. Ich nicke und wundere mich, dass Herrn Meiers Kaffee nach über eine Woche Italien trotzdem unglaublich gut schmeckt. Er grinst als ich es ihm sage und verrät mir sein Geheimnis – ein Löffel Kakao (der für Kinder) muss mit in den Filter. Meine italienischen Freunde würden die Augen verdrehen. Ich nicht. Ich bin heilfroh nicht auf den Stufen sitzen zu müssen. Weiterlesen

Müde Herbstkastanien

Schön, gell, fragt Herr Mu an der Bushaltestelle und hält mir eine Kastanie unter die Nase. Ich nicke und nehme die glatte Kugel, die mir Herr Mu in die Hand drückt. Meine Haltestellenbekanntschaft Herr Mu und ich gehören zu den Menschen, die sich auch als Erwachsene noch jeden Herbst nach Kastanien bücken und über Wochen immer mindestens eine in Hosen- oder Handtaschen mit sich herumschleppen. Weder er noch ich haben oder werden je etwas mit ihnen machen – keine Türdekoration und kein Biowaschmittel. Wir mögen es einfach, die ganz frische Frucht in der Hand zu halten und erfreuen uns an der makellos glatten Perfektion der braunen Perlen. Am schönsten ist es, wenn man eine findet, die noch in der stachligen Umhüllung steckt. Frisch entnommen, fühlt sich die Schale so schön, wie wenig anderes an. Schöner als ein Babybauch, sagt er Mu und ich nicke obwohl sich ein Babybauch zweifellos doch noch ein klein wenig schöner anfühlt. Vor allem weil der Bauch eines ganz kleinen Kindes über Monate herrlich bleibt, während die Kastanie schon nach wenigen Tagen etwas von ihrer Feuchtigkeit verliert und sich nach einer Woche schon nicht mehr frisch anfühlt. Im Zweifel also lieber ein Baby, überlege ich mit der Kastanie in der Hand und schwanke. Babys mit herrlichen Bäuchen gibt es das ganze Jahr über und frische Kastanien nur für ein paar Herbstwochen, was sie zu etwas ganz besonderem macht. Das muss man bedenken. Vielleicht im Oktober Kastanien und im restlichen Jahr ein Babybauch. Oder vielleicht doch lieber eine verschmuste Katze, da sind die Chancen, dass sie einen durchschlafen lässt höher. Ein Hund – besonders die Stelle hinter den Ohren – fühlt sich auch fein an. Mein Bus kommt, bevor ich Herrn Mu fragen kann, was sich für ihn am allerbesten auf der ganzen Welt anfühlt. Weiterlesen

Giesinger Sturschädel mit Weitblick

Ein echter Münchner, so sagt man, erkennt schnell aus welchem Stadtteil sein Gegenüber kommt. Ich bezweifle, dass ich eine Haidhausenerin von einer Lehelbewohnerin auseinander halten könnte, einen echten Giesinger aber, den erkenne ich. Spätestens dann, wenn ich weiß, dass er eigentlich etwas will und trotzdem stur und ausdauernd behauptet, genau das nicht zu wollen. Einen solchen, oft an Dummheit grenzenden Starrsinn haben nur die Giesinger. Und zwar alle. Dann kommen zwei die eigentlich das gleiche wollen, nicht zusammen, nur weil der eine dem anderen beweisen will, dass seine Argumente besser sind. Im Fall von Herrn Mu und mir geht es um eine kleine Steigung vor der Stadt, von der Herr Mu behauptet, es sei ein „Bergerl“, fast schon ein Berg und ich darauf bestehe, dass es wenn überhaupt, nur ein kleiner Hügel sei. Seit über einer halben Stunde sitzen wir an der Bushaltestelle und versuchen einander die jeweils eigene Meinung aufzuzwängen. Anfangs schmunzelnd, dann lachend, nach einer Viertelstunde ungeduldig und jetzt kurz vor einem handfesten Streit stehend. Das riskieren wir sorglos, denn Giesinger streiten gerne, schnell und ohne sich Sorgen um das künftige Verhältnis zum Mitmenschen zu machen. Das können sie, weil der Giesinger zu seinem großen Glück nicht nachtragend ist. Gesten gestritten, heut schon wieder vergessen. Selten bleibt etwas hängen. Nur Herr Mu und ich bewegen uns auf dünnem Eis. Wenn der alte Mann die Ludwigshöhe weiter als Berg bezeichnet, dann kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen. Es ist nämlich kein Berg. Wie der Name schon sagt, ist es eine Höhe. Eine Anhöhe, von der ich überzeugt bin, dass er da rauf muss. Und zwar schnell, weil jetzt der Raps blüht, das Gras gemäht wird und er genau die Luft von da oben in der Nase braucht, so blas wie er ist. Des is koa Berg. Ned amoi a Bergerl. Des ist nix und des da´schnauft der leicht! Selten war ich froher meine Nachbarin Frau Obst plötzlich neben uns zu sehen. Jetzt versucht auch sie, Herrn Meier davon zu überzeugen, dass die Ludwigshöhe kein Berg ist und der Atem von Herrn Mu leicht für den kurzen Aufstieg reichen wird. Weil zwei gegen einen unfair sind, gehe ich einkaufen und überlasse Herrn Mu seinem Schicksal. Morgen wird er im Bus Nr. 271 sitzen und Richtung Ludwigshöhe fahren. Und wenn er es nur tut, um mir und Frau Obst zu beweisen, dass er mit seinem Berg recht hat. Weiterlesen

Langsam wird´s eng

Danke, schreibe ich den Gruppenchat mit meinen Kollegen und radiere ein paar Minuten später die kleinen Kreuze rund um Pfingsten aus dem Kalender. Mittlerweile reicht eine WhatsApp ans Team um den Urlaub zu verschieben – es ist das fünfte Mal und lange Erklärungen sind nicht mehr nötig. Auch beim Vermieter des kleinen Appartements in Ligurien reicht ein Smiley und ein knappes „mi dispiace“ – es tut mir leid. Ihm auch, das sehe ich an der ebenso kurzen Antwort. Vielleicht Ende Juni, Anfang Juli. Da setze ich jetzt die Bleistiftkreuze im Kalender und wenn es dann nicht klappt, macht das Schieben keinen Sinn mehr, weil dann bereits der nächste für diese Jahr geplante Besuch des mutigsten meiner Freunde in Italien anstehen würde. Überhaupt macht das Planen keinen Sinn. Meine Lesungen wurden bereits so oft verschoben, dass ich längst den Überblick verloren habe und vermutlich mindestens eine gründlich gegen die Wand fahren werde, weil ich die Kalendereinträge vor lauter Pfeilen, Fragezeichen und Radiergummischlieren nicht mehr lesen kann. Irgendwann werde ich wieder lesen, ein Jahr Pause ist nicht schlimm. Ein wenig schon, den gerade begann es gut zu laufen, aber meine Existenz hängt nicht davon ab. Schlimm ist das Fehlen eines solchen Abends an sich. Losgelöst von der Lesung selbst – egal ob ich oder andere gelesen haben – das Drumherum, das fehlt. Am meisten das im Münchner Valentinhaus. Da hilft irgendwann auch kein gemeinsam eingelesener Adventskalender und kein kleines Treffen mit einem Ensemblemitglied mehr. Beides wirklich schöne und tolle Dinge, aber es bleiben Teile von einem großen Ganzen, das sich komplett zerschlagen hat.

Das Publikum im Valentinhaus war immer ein ganz besonderes. Wahrscheinlich, weil man es kennt. Zum einen die Freunde und Bekannten die man selbst mitbringt, zum anderen die, die selbst regelmäßig lesen oder so gut wie immer zu den Veranstaltungen kommen und dann noch die, die im Viertel wohnen und einem längst ans Herz gewachsen sind. Die meisten nicht mehr jung, manche in einem Alter von dem man sich selbst wünscht, später noch geistig so wach und körperlich fit zu sein. Menschen bei denen man erleichtert ist, sie nach der Sommerpause noch zu sehen. Wegen ihnen ist die Coronapause zunehmen schwerer zu ertragen. Wir, die wir zwischen dreißig und fünfzig sind, können abwarten. Irgendwann wird es schon wieder gehen. Wir reden uns die erzwungene Ruhe schön, murmeln etwas davon, dass es ja irgendwie auch etwas gutes hat und versuchen das ganze mit schwarzem Humor rumzubringen. Bei manchen aus dem Publikum sieht es anders aus. Einer meiner liebsten Gäste im Valentinhaus ist eine ganz wunderbare ältere Dame, die – so glaube ich – mittlerweile um die neunzig ist. Ob ich sie noch sehen werde, wenn wir wieder so können wie wir wollen? Ich hoffe es, aber realistisch betrachtet, sinkt die Chance mit jedem Corona-Monat. Seit Weihnachten schreiben wir uns Karten. Das ist schön, aber am Ende nur ein fader Ersatz – für sie, die wunderbare alte Dame. Ich kann mich beschäftigen. Ich kann abwarten. Aber bei ihr, bei ihr ist alles weggebrochen, was geistig und körperlich fit hält. Kulturelle Veranstaltungen, die sie mit ihren Bekannten besuchte sind geschlossen. Der Verein organisiert seit über einem Jahr gar nichts mehr und die Busfahrten und Tagesausflüge die sie noch immer regelmäßig unternommen hat, die gibt es nicht mehr. Und auch die Lesungen im Valentinhaus, die sie fast ausnahmslos besucht hat, finden nicht mehr statt. Sie schrieb mir, dass es sie es vermisst, sich danach noch ein Stündchen mit uns zu unterhalten. Auch wir vermissen es, denn sie hatte immer etwas interessantes zu erzählen. Das Zusammentreffen von vielen Menschen unterschiedlichem Alter und Lebensumständen war es, das diese Abend zu etwas besonderem gemacht hat. Bei allem Verständnis für das was wir gerade versuchen zu bekämpfen – für Menschen wie sie, wird es eng. Da rinnt die Zeit und das fühlt sich nicht gut an.

Auch nicht für Herrn Mu, der alleine an der Bushaltestelle hockt und die Masken verflucht, die ihn davon abhalten Gespräche zu führen. Wie schlecht er hört, weiß er erst, seit er die Münder der anderen nicht mehr sieht. Ihm ist es jetzt egal und er wird still. Seit Anfang des Jahres schaut er nur noch und lüpft den Hut, wenn er ein bekanntes Gesicht sieht. Das ist nicht gut. Bei ihm zu Hause ist es still. Er braucht das Leben draußen und ich verstehe, dass es ihm und einigen anderen alten Menschen zunehmend egal wird, dass sie ihren neuen Platz – eine Bank im Park, mit vier Haushalten bevölkern. Diese vier treffen ihre eigene Entscheidung, damit sie nicht eingehen. Nicht erlaubt, aber verständlich. Letztendlich, da es immer die selben sind, wird die Bank zum Haushalt und ist damit nur einer, sagt mein Nachbar Herr Meier, der sonst nicht mehr viel sagt.  Herr Meier erklärt, er bleibt daheim, bis er wieder so kann wie er will. Wäre er keine 80, dann könnte man den Satz abnicken. So aber, rennt ihm die Zeit davon und das weiß er selbst am besten. Weder die Kneipe im Haus kann er besuchen, noch sich Trauergesellschaften am Friedhof anschließen. Auch für Herrn Meier wird es langsam eng.

Eine Nachbarin verteilt Kuchen. Mir versüßt sie damit den trüben und verregneten Nachmittag. Herrn Meier höre ich im Treppenhaus leise, Scheiß Kuchen murmeln. Ich kann es ihm nicht verdenken.