Sehend blind

Es gibt Menschen, die alle kennen, die jeder schon einmal gesehen und getroffen hat und die dennoch auf eine seltsame Art unsichtbar sind. Bei alten Menschen ist es häufig so. Ein jeder kennt sie, begegnet ihnen regelmäßig auf der Straße oder im Supermarkt und könnte dennoch nicht sagen, wer genau sie eigentlich sind. Sie verschwinden in der Masse namensloser alter Menschen, die immer da und doch kein Teil der Gemeinschaft mehr sind. Bei manchen von ihnen weiß man nicht einmal den Namen und stellt nach Jahren erschrocken fest, dass sie im eigenen Haus leben. Der oft zu flüchtige Blick gaukelt denen, die sie nicht mehr sehen vor, dass sie sich alle ähneln und kaum auseinander zu halten sind. Wenn man nicht mehr ins Gespräch kommt, dann wird es schwer einen Menschen zu beschreiben obwohl man ihn ständig sieht. Auch der, der mir erst letztes Jahr auffiel, ist nicht mehr jung. Die meisten kennen ihn und doch gehört auch er zu jenen Menschen, die auf eine seltsame Art unsichtbar sind. Trotz seiner immer gleichen und  immer etwas grellen Kleidung, fällt er nicht auf. Fast erscheint es unheimlich, dass ein Mensch, der aufgrund seines ungewöhnlichen Verhaltens so deutlich hervorstechen müsste, im alltäglichen Leben der meisten untergeht. Auch ich weiß erst, seit dem Lockdown, wo genau er wohnt – mir gegenüber. Erst jetzt, nachdem ich das erste Mal über ihn nachdachte, sehe ich ihn ständig und nehme seine Präsenz an allen Ecken und Enden war. Seit ich ihn sehe, ist mir seine Bedeutung klar geworden. Für mich ist er der Hausmeister unseres Viertels. Einer, den niemand bezahlt und einer, der von niemandem eingestellt wurde. Dennoch ist er genau das – unser Hausmeister. Weiterlesen

Zwischen den Jahren

„Wenn die stille Zeit vorbei ist, wird es auch wieder ruhiger“, sagte Karl Valentin und ich wünschte er hätte recht. Nach einer so stillen Adventszeit wie der meinen, brauche ich Zeit um mich im neuen Jahr zu akklimatisieren. Mit etwas Glück werde ich 2021 wieder mehr soziale Kontakte haben. Das ist gut, aber daran muss ich mich erst wieder gewöhnen. Was ich am dritten Tag des noch jungen Jahres gar nicht gebrauchen kann, ist das wilde durcheinander Geplapper von Menschen. Menschen, die mir im Waschkeller gegenüber stehen und Menschen, die anscheinend wirklich viel zu sagen haben. Noch schlimmer, Menschen die auch noch eine Antwort wollen. Mein Nachbar Paul und seine aktuelle Freundin jedenfalls, scheinen genau darauf zu warten. Ich nickte schief lächelnd und hoffe das es reicht. Tut es nicht, denn beide blicken mich weiter abwartend an. Dann eben ehrlich. Ich sage ihnen, dass mich so ein Wortschwall im noch frischen Jahr wirklich überfordert und mir das heute gerade alles ein wenig zu früh ist. Paul verzieht die Stirn und teilt mir mit, dass es bereits nach elf Uhr sei. Kein Rhythmus mehr, murmle ich und stupse ihn mit der Hüfte zur Seite um an den Trockner zu gelangen und schiebe ein „geh weg“ hinterher. Er lacht, seine Freundin nicht. Die geht und bevor Paul ihr nachläuft, erkundigt er sich, seit wann ein gutes neues Jahr zu wünschen, zum Wortschwall wurde. Seit 2020 sage ich und er grinst sein Rhett Butler Grinsen, dass mich aus Gründen, die ich nicht auf den Dezember schieben kann überfordert. Weiterlesen

Fensterrezepte

Ob ich jetzt völlig spinne, raunt mir der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht zu und versucht mich vom einem hell erleuchteten Küchenfenster wegzuziehen. Ich mag es nicht, gezogen zu werden und stemme mich ihm entgegen. Er soll mich los lassen, flüstere ich und stelle mich auf die Zehenspitzen um über den Rand der kleinen Gardine besser in die Küche blicken zu können. Durch das gekippte Fenster riecht es nach Zimt und ich würde zu gerne wissen ob das auf dem Herd Milchreis oder Grießbrei ist. Warum ich nicht gleich an die Scheibe klopfe, werde ich gefragt und ein Arm schiebt sich um meine Taille und zerrt an mir. Jetzt frage ich ihn ob er völlig spinne und springe dann doch schnell aus dem Lichtquadrat vor dem Fenster als sich dort etwas bewegt. Obwohl ich hell erleuchtete Küchenfenster wahnsinnig anziehend finde, wäre es mir doch peinlich, wenn mich der Eigentümer direkt davor entdecken würde. Es ist eine Sache, beim Spazierengehen in der Dämmerung in fremde Fenster zu blicken. Das ist etwas völlig normales. Etwas ganz anderes ist es, auf die Balkone der Nachbarschaft zu klettern, nur um einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Das wäre unverschämt und vermutlich auch strafbar. Die Laubengänge in meinem Haus sind eine Art Grauzone. Jeder der dort lebt, muss an den Küchenfenstern seiner Nachbarn vorbei. Wer ganz vorne wohnt nur an seinem eigenen, der Mieter ganz hinten an allen sechs. Und dann noch die, die ab und zu vorbei kommen. Zum Beispiel ich, wenn ich ein Paket bei meinen Nachbarn abholen muss. Weiterlesen

Lichtblick für Paul

Wie nervig der Klingelton des eigenen Handys ist, wird einem erst bewusst, wenn es das dritte Mal innerhalb einer Viertelstunde klingelt. Auch, dass der Ton viel zu laut eingestellt ist, erkennt man erst, wenn der Anrufer beim vierten Mal und zunehmend genervt ins Telefon blökt. Meine Nachbarin Judith ist selten genervt, blökt nur wenn sie einen sehr schlechten Tag hat und ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mich schon einmal vier Mal hintereinander angerufen hat. In all den Jahren stand sie aber auch noch nie in meinem Kellerabteil und musste nach etwas suchen, von dem ich selbst nicht weiß, wo es sich befinden könnte. Eigentlich bin ich noch immer davon überzeugt, dass ich die Lichterkette für unseren gemeinsamen Laubengang im Februar links ins Regal gelegt habe. Dort liegt nämlich alles was ich regelmäßig, also einmal im Jahr, brauche. Zwei Mal habe ich Judith versichert, dass die kleinen LED Lichter nur dort – direkt beim Weihnachtsfondue –  sein können und zwei Mal teilte sie mir mit, dass sich dort weder ein Fondueset noch eine Lichterkette befinden würden. Bevor ich ein drittes Mal darauf bestehen konnte, erhielt ich ein Beweisfoto via WhatsApp und Judith drang tiefer in den wohl intimsten meiner angemieteten Räume vor. Der dritte Anruf war von lautem Scheppern begleitet und informierte mich, dass es eine saublöde Idee sei, die Blumentöpfe des Sommers auf den Boden und nicht in die Regale zu stellen. Der vierte, dass mein Regal ein Miststeil und eine Beladung von fünf Terrakottatöpfen tatsächlich nicht gewachsen sei. Ich sparte es mir ihr zu sagen, dass ich das bereits gewusst habe. Überhaupt sparte ich mir jeden Kommentar, weil ich schließlich dankbar sein musste, dass sie sich an meiner statt in den Keller begeben hatte. Ich darf nämlich nicht. Seit ich unter Quarantäne stehe, ist mir das Verlassen meiner Wohnung verboten und für die Suche von Dekorationsmaterial wird keine Ausnahme gemacht.  Weiterlesen

Herbstkerzen

Heute Nachmittag kommt er in den Keller, verspreche ich meiner Nachbarin, als wir uns im Laubengang treffen und deute auf den Sonnenschirm. Ohne das wir uns je abgesprochen hätten, ist sie es, die sich seit Jahren um die Bepflanzung unseres gemeinsamen Laubengang-Balkons kümmert, während ich den Rest übernehme. Viel ist es nicht, aber das wenige wechselt mit den Jahreszeiten und dieses Jahr bin ich spät dran. Den Sonnenschirm zum Beispiel, hätte ich schon Anfang September  in den Keller räumen können. Als ich aus Italien zurück kam und mit den Koffern in der Hand vor meiner Wohnungstür stand, erreichten die Sonnenstrahlen gerade noch eine Ecke unseres gemeinsamen grünen Wohnzimmers. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Tag ein wenig wehmütig an die vielen Frühlings- und Sommertage zurück dachte, die hinter mir lagen. In diesem verrückten Coronajahr war unser kleiner Laubengang wichtiger als je zuvor. Er verband uns mit den Nachbarn und als wir uns mit kaum jemand treffen konnten, legten meine Nachbarin und ich unsere Haushalte zusammen, um uns dem Wahnsinn gemeinsam entgegen zu stemmen. Trotz allem war es ein schöner Sommer und wir genossen den Frühling so gut es ging, während die Welt still stand. In den kommenden Wochen vergaß ich den Sonnenschirm. Bis März brauchen wir ihn nicht und doch habe ich ihn noch immer nicht in den Keller geräumt. Heute werde ich ihn nach unten bringen und – auch wenn es noch zu früh ist – nach der Lichterkette suchen. Wenn die Tage kürzer werden, leuchtet sie ab halb fünf vor meinem Küchenfenster und taucht den winterlichen Laubengang in ein gemütliches Licht. Ein Licht, das Geborgenheit ausstrahlt und ein kleiner Ersatz für ein fehlendes Kaminfeuer ist. In diesem Herbst werde ich sie etwas früher anbringen. Geborgenheit werden wir brauchen, das spüren wir schon jetzt. Weiterlesen

Kommen Sie mir nicht mit Ingwer!

Liebe Mitbewohner,

am letzten Samstag/Sonntag kam es zu einem „Alarm“ in meiner Wohnung. Leider hatte sich der Rauchmelder von selbst von der Decke gelöst und Alarm geschlagen. 
Für Sie war es sicher sehr unangenehm das Piepgeräusch auch über Nacht zu hören. Da ich von Samstag auf Montag nicht in der Wohnung war. Ich möchte mich bei Ihnen ganz herzlich dafür entschuldigen. Die herbeigerufene Feuerwehr hat von außen feststellen können, dass keine Rauch- oder Feuerentwicklung festzustellen ist und hat dankenswerter Weise die Türe nicht gewaltsam aufgebrochen. Ich hoffe sehr, dass so etwas nicht noch einmal passiert. 

Herzliche Grüße und auf eine gute Nachbarschaft
Else Wanninger

Fand ich heute im Briefkasten. Frau Wanninger, die noch nicht lange bei uns wohnt hat uns allen ein Tüte Gummibärchen als Wiedergutmachung mit reingelegt. Nett, gell? Frau Wanninger weiß noch nicht, dass eine Flasche Schnaps besser gewesen wäre. Nüchtern ist das Zusammenleben in meinem Haus an manchen Tagen schlicht nicht auszuhalten. Heute zum Beispiel gehen meine Kopfschmerzen eindeutig auf Kosten der Hausgemeinschaft. Die liebe Wanninger und ihr blöder Rauchmelder waren die ersten. Wer es nicht erlebt ahnt gar nicht, durch wie viele Wände so ein Rauchmelder-Piepsen noch klar und deutlich zu hören ist. Wenn man wach ist, dann nervt es – wenn man im Bett liegt ist die moderne Art der Wasserfolter. Bisher noch nicht verboten, aber ganz sicher ähnlich wirksam. Am Vormittag hat dann das neue Selbstverteidigungsstudio übernommen. Dort wo vorher der vietnamesische Bäcker und später der vietnamesische Schönheitssalon waren, ist jetzt ein (Nationalität des Inhabers unbekannt) Selbstverteidigungsstudio. Seit Monaten quietscht es bei uns im Haus und keiner wusste woher dieses penetrante, zermürbende und unregelmäßig auftretende Geräusch kam. Wir verdächtigten uns im Vorderhaus alle gegenseitig. Von Rudergerät, über Handbohrer bei Stahlbetonwänden bis hin zur Liebesschaukel hatten wir an alles gedacht – nur nicht an den Boxsack in dem neuen Laden. Weiß der Henker wie die Befestigung in den Mauern ein solches Geräusch erzeugen kann, aber sie schafft es. Quietschen über Stunden, wenn man von zu Hause arbeitet ist Folter – auch legal. Den Boxsack einfach verschwinden zu lassen ist leider nicht legal. Ab dem späten Nachmittag übernimmt die Kneipe. Die hat sich auf was ganz neues spezialisiert – alles auf der Speisekarte ist frittiert und weil eine vernünftige Abluftanlage nicht ins Budget passt, wird einfach vorne und hinten das Fenster aufgemacht. Wenn man seit Wochen Fett riecht, dann ist das….genau! Noch eine Art der legalen Folter. 

Meine Agenturkollegin hat mir zu Ingwer-Mandarinen-Zimt-Wasser mit Honig gegen die Kopfschmerzen geraten, weil ich gar so gejammert habe. Ich hab mich bedankt, macht man ja so. Gerade schrieb sie „oder heiße Milch mit Likör 43 – gut, sie kennt mich also doch. Die Milch kann man sicher weglassen. Ich würd den Likör auch mit Frau Wanninger teilen. Die Feuerwehr hat zwar die Wohnungstür ganz gelassen, ihren Balkon aber ziemlich verwüstet. Bei der Gelegenheit könnten wir dann auch bei einem Gläschen den Rauchmelder im Wohnzimmer abschrauben. Ich vermute ja die Fettrauchschwaden der Kneipe sind durch das gekippte Fenster in ihr Wohnzimmer gezogen.

Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht, fragt via SMS: „Rot, Rosé oder Weiß?“ ich antworte: „Klar und mit 43%“. Der kluge Mann verschiebt unser Treffen auf den nächsten Tag. 

Schluss jetzt. Heute ist der 22.09.2020. Der 22. September ist der 265. Tag des gregorianischen Kalenders. Zum Jahresende verbleiben 100 Tage. Er ist neben dem 23. und dem 24. ein möglicher Tag für den Beginn des astronomischen Herbstes und der Tag- und Nachtgleiche. Der Tag hat etwas besseres als meine schlechte Laune verdient. Sie übrigens auch. Haben Sie sich wirklich durch sämtliche obigen Zeilen gequält? Kommen Sie als Entschädigung vorbei. Vorderhaus, 2. Stock. Ich hab hier noch Ingwer-Mandarinen-Zimt-Wasser und früher oder später kommt noch eine Flasche Wein. Die kommt immer, weil sie bzw der, in dessen Armen sie liegt, weiß, dass meine schlechte Laune meist nicht anhält. Leider ist es nun aber zu spät für einen ordentlich Blogbeitrag. 

Von Brausepulver und zurück gelassenen Dingen

Der Nachbarsjunge hämmert gegen die Wand und ich brülle durch Putz und Ziegel, dass er die Klappe halten soll. Ich musste mir jahrelang die Sirene seines Feuerwehrautos anhören, da wird er meine Lieblings-CD auch aushalten können. Meine Freundin schlägt vor die CD zu wechseln und ich stelle ihr frei zwischen den Titeln zu wählen, drohe aber mit sofortigem Entzug des restlichen Weines, wenn sie die CD zu tauschen versucht. Lachend, aber mit besorgtem Unterton, attestiert sie mir, dass ich langsam ein wenig anstrengend werden würde. Ich zucke mit den Schultern und sage ihr nicht, dass sie die Klappe halten soll. Ich weiß, dass sie Recht hat. Aus der Küche ruft einer, der mich länger als sie kennt, dass es besser sei, mich die nächsten Tage einfach in Ruhe zu lassen. Er lacht und drückt mir im Vorbeigehen ein Bussi auf die Stirn und dreht die Musik lauter. Früher, als er und ich in einer WG wohnten, verfluchte er diese CD – als Besucher sieht er es entspannt und stellt amüsiert fest, dass auch er die Texte  der Lieder noch auswendig kennt. Wir murmeln sie mit, ignorieren das Klopfen der Nachbarn und winken meiner Freundin, die sich verabschiedet und etwas von „Irrenhaus“ murmelt. Ich kann es ihr nicht verdenken. In einer Woche fahre ich nach Italien und ich musste zu lange warten, als dass ich jetzt noch rund laufen würde. Oder deutlicher, wie es der klügste meiner Freunde ausdrückt – ich spinne und das nicht zu knapp. Lucio Battisti mag aber auch er noch immer. Dieci ragazze, schreie ich als eines meiner Lieblingslieder kommt und er hält mich lachend davon ab, die Musik noch lauter zu drehen. Als Ausgleich bekomme ich eine Umarmung. Trotz Corona. Schließlich ist dieser Virus schuld, dass ich einen meiner Freunde seit Februar nicht sehen konnte. Einen, der mir besonders wichtig ist. Un avventura!!! Noch ein Lieblingslied. Ich schlüpfe aus den Armen die mich festhalten und drehe die Anlage ein kleines bisschen lauter…nur bei diesem Lied, verspreche ich und weiß, dass ich schwindle. Weiterlesen

Wurfsendung und Weinschorle

Den besten meiner Freunde erkenne ich immer. In rauchgeschwängerten, dampfigen und unübersichtlichen Clubs; mitten in einem Rapsfeld stehend; im Fasching mit eine tief ins Gesicht gezogenen Hutkrempe und am Marienplatz zwischen tausenden von Touristen. Selbst wenn er gestern nicht alleine vor dem Kino am Sendlinger Tor gestanden wäre, hätte ich ihn trotz Sonnenbrille und Mundschutz erkannt. Seine 193 Zentimeter sind mir vertraut und es braucht mehr als zehn Corona-Wochen um sich fremd zu werden. Am 15. März lag er auf meinem Sofa als ich spät abends eine E-Mail las, die von Kollegen zu Kollegen geschickt wurde und deren Inhalt uns an diesem Sonntag vor zehn Wochen noch erstaunte. Der beste meiner Freunde lümmelte neben mir, als wir überraschend und sehr konsequent ins Home Office geschickt wurden. Passend und stimmig, dass ich die erste Weinschorle „draußen“ mit ihm trinke. In den vergangenen 25 Jahren haben wir uns schon öfter zehn Wochen lang nicht gesehen. Das Leben kam dazwischen, das kann passieren. Dass wir uns zwei Monate lang nicht sehen konnten und durften, war neu. Neu auch, dass wir uns zur Begrüßung nicht umarmten. Auch wenn es bei ihm und mir vermutlich ungefährlich ist. Meine Wange (mit Sommerflachen Schuhen) wäre bei ihm gerade mal auf Brusthöhe und wenn man kurz die Luft anhält, dann…..wir haben es gelassen.  Weiterlesen

Andersostern

Dieses Jahr fällt Ostern aus, schreibt mir eine und ich ärgere mich über die Engstirnigkeit dieses Satzes. Es fällt nicht aus, weil es gar nicht ausfallen kann und es ihm, dem Osterfest wahrscheinlich herzlich egal ist, ob man große Teile der Weltbevölkerung unter Hausarrest gestellt hat. Natürlich wäre es schön heute mit den Eltern zusammen zu sein. Die meinen vermisse ich an diesem Ostersonntag sehr. Und ganz sicher werde ich es morgen bedauern nicht mit den Geschwistern, Nichten und Neffen und dem beständig wachsendem Anhang der Heranwachsenden einen Tag familiären Chaos und übersprudelndem Familiengefühls zu genießen. Dennoch…Ostern ist auch dieses Jahr. Anders. Vielleicht, ganz sicher sogar, nicht so schön, aber es ist. Hier in München hat es Nachsehen mit uns und schenkt uns einen Frühlingstag der schöner nicht sein könnte. Freilich wäre es an der Isar, im Wald oder in den Bergen noch etwas schöner, aber heute muss man eben nehmen was man hat. Löwenzahn an Häuserecken und blühende Bäume und Büsche. Aus Sturheit optimistisch? Ja und dieses Jahr auch aus Trotz. Weiterlesen

Corona Home Office XV

Die vierte Woche ist besser als die dritte. Mein Nachbar Paul behauptet, es sei die bisher beste. Jetzt gerade in diesem Moment empfinde ich es auch so. Es ist eine gute Woche, wenn es einem gelingt auszublenden, dass uns die Heimarbeit von unseren Firmen nicht als Geschenk, sondern als Schutz vor einer unsichtbaren Gefahr verordnet wurde. Die dritte Woche war unschön. Fast alle die ich kenne, empfinden es so. Die erste Woche surreal, die zweite ganz ok, die dritte aber in dem Bewusstsein, dass die Einschläge dichter werden und näher kommen. In Italien starb ein Vater von einer, hier in München liegt die Mutter von einem auf der Intensivstation und es fällt einem schwer tröstende Worte zu schreiben. Längst ist Corona nicht mehr weit weg und egal wie sehr die Augen zusammen gekniffen werden, man spürt, dass man mitten drin hockt. Besonders bedrückend waren die Mittagspausen, die man – auch in Bayern noch erlaubt – draußen verbrachte, um alleine durch das stille Viertel zu laufen. Blühende Büsche, zartgrüne Bäume und knallgelbe Löwenzahnblüten zwischen Gehwegritzen verhießen einen schönen Frühlingstag. Gegen die unzähligen Schilder an Türen und Schaufenstern kamen sie nicht an. Wegen Corona geschlossen, klärten sie auf und fast auf jedem wurde dem Vorbeigehenden gewünscht, dass er doch bitte gesund bleiben möge. Imperativ. Bleiben Sie gesund! Wir versuchten es. Die dritte Woche war unangenehm.  Weiterlesen