Giesing – bin ich!

In regelmäßigen Abständen erzähle ich meinem Vater, welche unserer ehemaligen Nachbarn noch immer im Haus meiner Kindheit leben. Obwohl wir dort schon lange nicht mehr wohnen, ist es noch immer unser Haus. Vor allem meines. Ich wuchs dort auf und kenne den Hof, das Treppenhaus und jeden Winkel im Keller vermutlich besser als meine Eltern. Dennoch ist es auch für sie noch immer „unser Haus“ oder zumindest das Haus, in dem sie vor vielen Jahren eine Familie gründeten. Auch wenn wir behaupten, dass es egal ist – wir freuen uns, dass sich einige Namen auf den Klingelschildern über all die Jahre nicht geändert haben. Es wäre seltsam, wenn in „unserem Haus“ nur noch Fremde wohnen. Und das obwohl uns selbst die vertrauten Gesichter von früher, längst fremd geworden sind. Das Haus ist nicht schön. Schlicht, unspektakulär und mit einem scheußlichen Hof, der während unserer Zeit aus Garagen und Beton bestand und erst lange nach unserem Auszug begrünt wurde. Als Kind war es mir egal. Über die Dächer der flachen Garagen konnte ich in die anderen Höfe klettern und das Grau wurde durch die Menschen, die in ihm lebten bunt genug. Außerdem hatten wir eine Hecke. Für meine Mutter ein Witz, für mich völlig ausreichend, um den Wechsel der Jahreszeiten vom Fenster meines Kinderzimmers aus zu beobachten. Zumal man in Untergiesing die Isar ihre weitläufigen Grünanlagen vor der Nase hatte und jede Gelegenheit nutzte das Blickfeld der Eltern zu verlassen. Wenn ich heute vor dem schmalen Haus stehe und in den Hof blicke, dann ahne ich, dass dieses Viertel mich mehr geprägt hat, als ich mir selbst eingestehen möchte. Mehr als einmal hätte sich die Gelegenheit ergeben, in ein anders Viertel zu ziehen. Eines das schicker, aufregender oder moderner war. Ich bin geblieben. Und war ich doch einmal weg, dann bin ich zurück gekommen. Heute vermute ich, dass das Kind in mir, trotzig gegen neues protestierte und stur auf das Vertraute und Bekannte bestand. Es bekam seinen Willen. Damals wie heute. Das Viertel betreffend. Meine Eltern zogen erst um, als ich meine erste eigene Wohnung mietete.

Ich mag mein Viertel und ganz besonders, die Menschen, die darin leben. Noch heute gilt es als Arbeiterviertel und das obwohl es längst gut gemischt ist. Gehobene Gastronomie neben Fußballkneipe, Waschsalon bei veganer Eisdiele und Handwerksläden zwischen Dönerbuden. Mir gefällt es. Und das sage ich auch einem, der so gar nicht verstehen kann, warum ich mich so wenig über die Möglichkeit der Nachmiete in einem anderen Viertel freue. Seit einer Stunde schon, versuche ich es ihm zu erklären und scheitere kläglich. Küche und Bad sind neu renoviert – dort auf der anderen Seite der Isar und bei mir reicht der Platz weder für Spülmaschine noch für Gefrierschrank und die Badfliesen in Bahamabeige sind selbst bei Kerzenlicht einfach nur scheußlich. Nicht mal teuer ist sie und gut erreichbar. Das stimmt. Alles richtig, stimme ich zu und schüttle dann doch wieder den Kopf. Schön wäre sie, die Wohnung und toll das Viertel. Trotzdem, irgendwie bin ich das nicht. Diese Viertel, das bin nicht ich. Einer schüttelt enttäuscht den Kopf und versucht witzig anzumerken, dass ich hoffentlich nicht nur Giesing bin. Also vorne an der Trambahnhaltestelle, da müsse man wirklich Humor haben um den Charme des Viertels und seiner Bewohner zu erkennen. Er vielleicht, ich nicht. Ich liebe mein Viertel. Ignorant nenne ich ihn schmunzelnd und setze zu einer Lobeshymne auf Giesing an. Mein Viertel ist ruppig, etwas derb und einfach. Aber auch herzlich, warm und mit wunderschönen Ecken – auch objektiv betrachtet. Nur die Augen, die muss man hier oben aufmachen und etwas genauer hinhören.

Einer, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Tür steht, verschließt wenig später die Augen und wünscht sich wahrscheinlich nicht jeden meiner Flüche hören zu müssen. Verschwitzt und verdreckt, versuche ich mein Fahrrad, das seit dem letzten Herbst ganz hinten im Radkeller steht, nach draußen zu befördern. Drecksviertel, schimpfe ich und er zieht eine Augenbraue nach oben. Is doch war, sage ich und frage ob er so einen Saustall schon jemals bei sich in Schwabing gesehen hat. Sicher nicht. Nur hier sind die Leute so unverschämt und dumm zugleich, ihre ausrangierten Regale in einem Fahrradkeller zu parken. Klar, hier ist der nächste Wertstoffhof einfach zu weit weg. Nach Luft schnappe ich, als ich feststelle, dass mein heiß geliebter Fahrradkorb geklaut wurde und lege mich gleich noch mit meinem Nachbarn Paul an. Der kommt vorbei und lehnt sein Rad pfeifend an die Tür zum Trockenraum. Spinnst du, fahre ich ihn an. Ob das jetzt jeder wegschieben soll der rein will, oder was das soll, will ich wissen. Paul zuckt mit den Schultern und deutet auf ein Schild, das die Bewohner informiert, dass der Trockenraum geschlossen ist, seit dort kurz nach Weihnachten mehrere Christbäume abgestellt wurden. Er trollt sich und ich schimpfe weiter. Saubären, elendige!

Vielleicht ist die Idee hier wegzuziehen gar nicht so schlecht, überlege ich und lehne mich an die Kellerwand. Ich überlasse es meinem Freund, mein Rad über die anderen zu heben, weil an schieben nicht zu denken ist. Er stellt es vor mir ab und schüttelt den Kopf. Ne, bleib mal, sagt er. Wer so zu so lautem und unflätigem Fluchen an öffentlich zugängigen Orten neigt, der sollte Giesing auf keinen Fall verlassen. Mehr noch – der hat sein Zuhause gefunden und sollte allein schon auf Rücksicht, dem restlichen München gegenüber, dort auch bleiben. Er zwinkert mir zu, wischt sich den Staub von den Händen und murmelt grinsend und kopfschüttelnd zugleich….Drecksviertel, sag mal.

25 Gedanken zu “Giesing – bin ich!

    1. Es gibt schon schöne Ecken in München (auch außerhalb Giesings 😉 ). Rund um den Südfriedhof gehört dazu und ich freu mich immer wenn ich „Tröpferlbad“ höre. Das klingt so schön. Obwohl ich schon wieder vergessen habe, woher der Name kommt. Mein Vater hat es mir erst vor ein paar Jahren gesagt. Weißt du es? Viele Grüße

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  1. Ja, ein ganz besonderer Kiez. Hoffentlich wird er von der Gentrifizierung weitgehend verschont. Aber die Chancen stehen gut, dass hier kein zweites Haidhausen entsteht oder wie auf der Schwanthaler Höhe alles so furchtbar hip wird. Mögen die 60ger das mit ihrem rauen Charme verhindern.

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    1. Ich glaub nicht. Giesing hat sich in den letzten Jahrzehnten an vielen Ecken rausgeputzt und viel neues und schickes ist eingezogen. Am Ende hat es den Charakter aber nie wirklich verändert, sondern ergänzt. Giesing hatte Glück und ich bin irgendwie überzeugt, dass es so bleibt.

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  2. Mitzi, als ich noch viel, viel jünger war, war ich dir sehr ähnlich, besonders als Kind. Wir wohnten eine lange Zeit mit 3 Erwachsenen und mir Kind in einer 2-Zimmer-Wohnung, die noch eine kleine unbeheizte Kammer hatte, in der man ein Bett aufstellen konnte.
    Meine Mutter hatte eine Wohnung aufgetrieben, die für alle bequem gereicht hätte – vielleicht 10 Minuten Fußweg bis dahin, die gleiche Schule, die gleichen Kinder im Kiez – doch Klein-Clara machte so lange Terror, bis allen Erwachsenen die Lust aufs Umziehen vergangen ist.
    Doch als ich dann selbst eine Wohnung hatte, bin ich ganz genau aller 15 Jahre umgezogen: 1970, 1985, 2000, 2015 – und du hast zumindest den letzten hier im Blog miterleben können.
    Jetzt überlege ich, ob ich 2030 diese Regel breche und hier bleibe, ob ich etwa ins Pflegeheim ziehen muss oder gleich abdanke – aber bis dahin ist noch lange Zeit.
    Aber hier in Berlin habe ich mich am allerwohlsten auf der Fischerinsel gefühlt – alles andere konnte dieser Wohnung nicht das Wasser reichen. Meine jetzige ist sehr schön, aber viel zu laut.
    Und tschüss!

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    1. Erstaunlich, dass es immer genau Jahre gewesen sind. 🙂 Ich müsste mal nachrechnen welche Zeiten zwischen meinen Umzügen lagen. Aus München weg bin ich ja doch immer mal wieder, nur zurück ging es dann immer wieder ins gleiche Viertel. Schönen Sonntag 🙂

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  3. Oane aus Giasing, do schau her! – Ich bin ja ganz auf den Münchner Osten beschränkt gewesen und hatte das unglaubliche Vergnügen, zeitweilig in Neuperlach zur Schule gehen zu dürfen. Danke, nein, es war nicht schön. Allenfalls von außen betrachtet interessant.
    Dass der Einheimische auf die anderen dort Hausenden schimpft, das ist normal und üblich, ich glaube sogar, nicht nur in München. Aber da gehört’s auf jeden Fall zum Lokalkolorit! Ohne die vertraute Umgebung wüst zu beschimpfen wäre man allenfalls ein dort Geduldeter, sicher aber nicht dort zu Hause.

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    1. Neuperlach hat noch immer den Ruf. Auch wenn man das heute nicht mehr so laut sagen darf. Man muss ja immer korrekt sein. Gleiches gilt für das Hasenbergel. Eine Freundin von mir wohnt in Neuperlach und auch wenn es nicht unbedingt mein Viertel ist, sie hat einen Balkon ganz ganz oben und der Blick ist fantastisch. Und für München bezahlbar. Und das spricht dann doch wieder für Neuperlach.

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