Corona Homeoffice XXXII

Ich würd´s ja nicht machen, gebe ich dem Nachbarsjungen auf den Weg und er ist gerade noch klein genug, um sich nicht sicher sein zu können, ob ich ihn auf den Arm nehme oder meine geflüsterte Warnung ernst meine. Todernst, gestehe ich mir selbst ein und winke der kleinen Reisegruppe durch das Küchenfenster. Nein auf die Bocca della Veritá in Rom kann ich getrost verzichten und würde meine Hand nicht für viel Geld zwischen die kalten Lippen aus Marmor stecken. Wie bescheuert muss man sein, so etwas zu tun? Kein halbwegs vernünftiger Mensch macht so etwas. Jedenfalls keiner der schon einmal einen Stephen King Roman gelesen (ES….da war es zwar ein Abfluss am Boden, aber letztendlich auch etwas vermeintlich harmloses) oder gesehen hat. Völlig idiotisch. Noch idiotischer, das mitten in der Nacht und ziemlich betrunken im deutlich unscheinbareren Pendant in Verona zu machen. Den Schreck, wenn unsensible Freunde einen im richtigen, falschen Moment dann einen Schubs geben…. unangenehm. Sehr, sehr unangenehm. Auch die vor Schreck gebrüllten Flüche, die etwas derber als vorgesehen waren….unangenehm. Dem etwas älteren Nachbarsmädchen schreibe ich vorsichtshalber noch eine WhatsApp und bitte inständig darum, die Finger NICHT in irgendwelche Münder zu stecken, bevor ich mich zurück auf das Sofa begebe und der Reisetasche im Flur einen Tritt verpasse. Wer will schon nach Rom, wenn er in München aktiver Teilnehmer einer hübschen Pandemie sein kann?

Ich! Ganz klar ich! Die Reise war seit fast einem Jahr geplant. Gebucht, reserviert und auf meine Lieblingsnachbarin, die beiden Kinder und mich abgestimmt. Kolosseum, Forum Romanum, die Katakomben, der Tiber und die Pyramide vor der ich das letzte Mal vor über zwanzig Jahren stand. Selten hatte ich mich so sehr auf einen Urlaub gefreut wie auf diesen. Nach Italien fahre ich oft. In Rom war ich bisher erst einmal und das nur für einen Tag. Mit diesen drei Menschen, mit denen ich seit Jahren Tür an Tür wohne, wäre es zudem etwas ganz besonderes gewesen. Wäre – weil ich mich (ungefragt) vier Tage vorher gegen die ewige Stadt und für Corona entschieden habe. „Merda“ antworte ich dem Nachbarsmädchen, als es mich per SMS fragt was scheiße auf italienisch heißt und frage mich ein paar Sekunden zu spät ob es klug ist alle Fragen einer Zwölfjährigen zu beantworten. Ihre Mutter hat dazu eine klare Meinung und schreibt ein paar Minuten später. Ich solle mich, solange ich Fieber habe, doch etwas zurück halten und nicht ganz so großzügig mit Schimpfworten und Horrorfilmszenarien um mich werfen. Dazu ein Küsschensmily und der Hinweis, dass man mich bereits vermissen würde. Das glaube ich ihnen sogar. Bestimmt nicht, weil jetzt einer fehlt der italienisch spricht – das braucht man in Rom nicht unbedingt und die drei eh nicht, die könnte man im Urwald aussetzen und sie würden überleben. Eher, weil wir uns wirklich mögen und sicher Spaß gehabt hätten. Sie werden mich mit Fotos versorgen. Das ist schön und ich vermisse sie ebenfalls schon jetzt. Ehrlich gesagt vor allem meine Nachbarin, die mir am ersten Tag der verordneten Isolation eine Tüte mit Lebensmitteln vor die Tür gestellt hat, die in etwa meinen eigenen Einkäufen entsprochen hat. Jetzt sind sie weg und die anderen Nachbarn übernehmen. Wer sich auf die Liebenswürdigkeit anderer verlassen muss, sollte das ohne Vorurteile tun. Ich schlaf jetzt erst mal. So ganz ohne ist diese blöde Seuche nicht. Sie ist ich-schlaf-den-Mist-weg-und-denk-nicht-an-Rom mäßig.

Ein paar Tage später, verfluche ich den noch immer positiven Test, fühle mich aber schon wieder gut. Auf dem Display meines Handys neue Bilder aus Rom. Nicht mitten drin, aber doch dabei. Das Kolosseum, Eis und Pizza, der Tiber, lachende Gesichter und (was für ein Glück) eine Kordel vor dem (oder der?) Bocca della Veritá. Die Gliedmaßen meiner Lieblingsnachbarn sind sicher. Nicht mitten drin, aber doch dabei. Das trifft auf Rom und irgendwie auch auf Corona zu. Ich schicke Fotos aus meiner Küche zurück. Weniger spektakulär, aber zumindest amüsant. Meine Nachbarin ruft kurz darauf an und ich höre, dass sie sich das Lachen nur schwer verkneifen kann. Gut versorgt, fragt sie und ich bin nicht sicher ob sie mich oder den Hund auf meinen Beinen meint. Hasso, der Schäferhund meines Nachbarn Herrn Krüger, schleckt über meine Hand. Doch, ja, ich bin sehr gut versorgt. Herr Krüger schickt mir den Hund zur Gesellschaft, Herr Meier stellt täglich eine andere Sorte Bier vor die Tür und von Paul bekomme ich Eis, Fastfood und ab und zu einen Apfel oder anderes Obst, das seine Freundin eigentlich ihm in die Küche gestellt hat. Perfekt versorgt werde ich von Frau Iwanow. Ihr Mann stellt mir täglich eine Tupperschüssel mit unglaublich gutem Essen vor die Tür. Als Dankeschön, darf er dann auch gleich Herrn Meiers Bier mitnehmen.

Beim Foto der Katakomben bin ich dann doch kurz traurig. Rom…. Paul hat mir einen Strauß Tulpen vor die Tür gestellt. Passt wieder. Rom geht so schnell nicht unter, aber Blumen von Paul, das ist wirklich etwas besonderes.

Schöne Ostern – am Sonntag darf ich wieder raus. Hasso freut sich schon.

19 Gedanken zu “Corona Homeoffice XXXII

  1. Ach Mitzi, das tut mir so unendlich leid – nicht nur für dich, dass du jetzt nicht als Touristin durch Rom schlendern kannst, sondern auch für deine Nachbarn, an die ich mich ein wenig erinnern kann.
    Aber die Rundum-Versorgung durch alle, die im Haus Mitzi lieben, ist ja großartig – das ist dann der einzige Trost bei so einer scheißigen Krankheit. Heutzutage weiß man ja schon gar nicht mehr, wo man sich das geholt hat – interessiert ja auch kein Gesundheitsamt mehr.
    Wahrscheinlich bist du jetzt schon wieder gesund – wenn nicht, dann aber nach meinen guten Wünschen.
    Und tschüss sagt Clara

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  2. Wie blöd ist das denn gelaufen bei dir … Covid ist nicht gerecht bzw. ärgert, wenn man es am wenigsten braucht. Wir hatten es bis vor anderthalb Wochen, dabei haben wir über Ostern gar keine Reise geplant. Uns hat es nur, passend zu deinem Titel, wieder Homeoffice und Homeschooling beschert. Aber wie du richtig schreibst, die Ewige Stadt läuft dir nicht davon, jetzt (bzw. bei nächster Gelegenheit) erst Recht! 💪🤞 Hab trotzdem ein paar nette Tage jetzt! Wie Eva oben schreibt, ist es grad eh überlaufen in Rom, eigentlich überall in Italien zu Pasqua. Dieses Jahr sind es vor allem auch die Italienier selbst, heißt es, die lieber im eigenen Land bleiben, aber eben unbedingt alle verreisen wollen.

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    1. Hallo Anke, timing ist alles ;). Naja, wer weiß wofür es gut gewesen ist. Besser noch zu Hause, als dann im Zug oder vor Ort. Darauf hätte ich noch weniger Lust gehabt. Früher oder später werde ich schon nach Rom kommen und dann – wie ihr schreibt – vielleicht auch an einem etwas ruhigeren Zeitpunkt. Liebe Grüße

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  3. Oh. Das tut mir leid. Ausgerechnet. Blödes Corona.
    Aber vielleicht kommt die Gelegenheit wieder. Nicht DIESE, mit der netten Nachbarin und ihren Kindern – eine andere. Rom wurde nicht an einem Tag gebaut und es geht auch so schnell nicht unter.
    Für mich war Dein Text ein Glücksfall! Wir, meine Kinder und ich, und der neue Freund :), fahren an Pfingsten nach Rom. Die Katakomben. Die hatte ich ganz vergessen. Das Kolosseum, klar, das Forum Romanum, und die Sixtinische Kapelle, daran hatte ich gedacht. Aber die Katakomben. Natürlich!
    Danke!
    Ach. So ein Pech.
    Ich wünsche dennoch frohe Ostern, gute Besserung und eine gute Zeit. Mit netten Nachbarn ist alles leichter.

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    1. Auch dir – verspätet – schöne Ostern, die du hoffentlich hattest. Pfingsten ist sicher eine bessere Wahl als Ostern. Wir wären Karfreitag wieder gefahren aber die Stadt war natürlich trotzdem voll. Das ist sie wohl immer, aber das gehört wahrscheinlich auch dazu. Schon heute ganz viel Spaß. Besonders in den Katakomben. Vielleicht gar nicht so toll, aber ich will sie einfach schon immer einmal sehen. Ganz liebe Grüße

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  4. Ja, die Seuche, um die sich offensichtlich keiner mehr kümmert, keine Regierung und keine Leute auf der Straße… Haben wir ja auch schon durch, war wie eine richtig schwere Erkältung, für die nur zweimal Geimpften schlimmer. Man könnte drauf verzichten, nicht wahr?
    Man sollte die Hand nicht in fremde Mäuler stecken, beispielsweise in die eines Schäferhundes, und tunlichst auch keine Figuren abknutschen oder begrapschen. Wozu auch. Wer weiß, woran der Schäferhund vorhin war, wer vorher seine Finger dort hatte…
    Aber die Keime, die Viren, die fliegen ja, fliegen auf einen, fliegen einem zu! Man ist wehrlos. Manchmal auch achtlos, auch das.
    Ach ja, ist natürlich Sch…, wenn’s einen erwischt. Nun, was ist geschehen? Alle kümmern sich, das ist schön. Fast die Sache wert, oder? Und Rom, nun, es ist die ewige Stadt – es wird noch dasein, es wird warten, auch noch mal tausend Jahre. Das nehmen wir doch einmal fest an. Also bleibt nur ausruhen und nebenbei hoffen, dass die Pandemie nicht zur schlechten Gewohnheit wird (aber anscheinend ist sie das ja schon. Für Medien und Macher, Doofe und Dorfsauentreiber bereits uninteressant geworden). Und gute Besserung.

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    1. Ja, man könnte verzichten. Nicht nur wegen des Urlaubs, ganz allgemein. Wie auf jede stärkere Erkältung und jeden Brummschädel. Und auch auf das innerliche Augenverdrehen, weil es ja egal ist wie die Zahlen sind und wir seit Jahren von einem Extrem ins andere rutschen. Es nervte. Jetzt wieder Normalität und wenigstens die Gewissheit Rom irgendwann sicher doch zu sehen. Das Kümmern war tatsächlich sehr fein. Man freut sich ja gerne über Kleinigkeiten.

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  5. ich bin ja erstmal froh zu hören, dass du die seuche ohne arge nachwehen überstanden hast – das ist ja auch nicht ganz so selbstverständlich… das timing ist wie meistens bei derlei dingen natürlich sehr perfekt.. lustig, dass auch du als italienliebhaberin erst einen einzigen tag in rom warst – ich plane seit jahren mich endlich mal länger durch die stadt treiben zu lassen… die ewige stadt wird hoffentlich noch auf uns warten!

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    1. Sie wird ganz sicher warten. Und wenn du einmal nach Rom kommst, dann kann ich mich wahrscheinlich auch freuen. Auf die Fotos. Vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr, vielleicht auch erst in zehn Jahren. Dann hab ich wenigstens etwas auf das ich mich freuen kann. Im Zweck Optimismus bin ich gut 😉

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