Vier Minuten Gespräche (aus dem Archiv 01.10.2015)

Wikipedia definiert Routine, als eine Handlung, die durch mehrfaches Wiederholen zur Gewohnheit wird und beschreibt dadurch zutreffend eines meiner morgendlichen, werktäglichen Rituale. Pünktlich um 06:51 Uhr stehe ich am kleinen Kiosk im U-Bahn Untergeschoss und kaufe eine Tageszeitung und ein einzelnes Ferrero Roche. Der Duden definiert wie Routine dagegen als Ausführung einer Tätigkeit, die zur Gewohnheit geworden ist und jedes Engagement vermissen lässt. Wenn ich davon ausgehe, dass das aushändigen meiner Zeitung auch für die drei Kioskmitarbeiter längst zur Routine geworden ist, muss ich dieser Beschreibung widersprechen. Sie zeigen Engagement. Mehr noch – anstelle von Routine, wird mein täglicher Einkauf durch sie zur liebgewonnen Tradition. Weiterlesen

Rekonvaleszenz (Aus dem Archiv 07.08.2015)

Rekonvaleszenz ist ein hübsches Wort. Google und Wikipedia definieren es als eine Periode der Genesung nach Krankheiten, die besondere Schonung, gute Ernährung und Vorsicht wegen der Gefahr von Rückfällen erfordert. Krankheit wiederum wird als Störung des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens beschrieben. Körperlich bin ich robust. Emotional eher anfällig, denn seelisches Gleichgewicht besitze ich leider nicht. Mir geht es entweder sehr gut oder richtig schlecht. Anstelle eines Gleichgewichts habe ich nur ein Gewicht, ähnlich einem Pendel, das mit schöner Regelmäßigkeit in die Randbereiche schwingt. In der Mitte verharrt es selten. Meistens hängt es im grünen Bereich fest, in dem ich schon fast penetrant glücklich und zufrieden bin, bis mich etwas – gerne Banales – aus der Bahn wirft. Dann knallt es mit voller Wucht in die rote Zone und ich in emotionales Grenzgebiet. Meine Mutter und ich zum Beispiel, landen gerne in diesem Bereich. Nie vorsätzlich, immer bedauernd und doch regelmäßig.
Mama bleibt da gerne etwas länger. Ich bemühe mich darum, schnellstens wieder rauszukommen. Mit besonderer Schonung (NICHT bügeln, NICHT putzen, KEINE körperliche Anstrengung in Form von z.B. Anti-Cellulite Training), guter Ernährung (Milka mit ganzen Nüssen) und extremer Vorsicht wegen der Gefahr von Rückfällen (zum Glück hat meine Mama das mit der Rufnummerunter-drückung noch nicht raus). Man könnte sagen, wenn es mir schlecht geht, dann handle ich vernünftig um eine schnelle Besserung herbeizuführen. Meistens. Weiterlesen

Randnotiz – Verpflichtung

Uno heißt in München nicht eins Sie erinnern sich? Und kein Kind zu haben, heißt bei uns im Vorderhaus noch lange nicht, dass man abends nicht noch in Hof muss um Erdbeeren zu pflücken oder eine Runde Fußball zu spielen.

Ich mag das. So kann ich das unsägliche Meeting, das bis eben dauerte, mit den Worten: „Ich muss jetzt los, das Kind wartet.“, beenden. Bei Ihnen melde ich mich auch nur, weil ich in der S-Bahn sitze und Zeit habe.

Gleich nicht mehr. Ludwig ist bereits ungeduldig und genervt. Bei Fünfjährigen eine explosive Mischung.

Sie entschuldigen mich, ich muss jetzt los. Fußball im Hof spielen und Erdbeeren suchen.

Kirschen gespuckt

Kirschen gegessen
Wasser getrunken
Bauchweh bekommen
Ins Krankenhaus gekommen
Gestorben

An den Kinderreim aus meiner Kindheit dachte ich heute vor vier Jahren. Man stand im Kreis, warf sich einen Ball zu und wenn man ihn fallen lies, musste man eine Zeile des Reimes aufsagen. Bei der fünften Zeile war man raus. Heute vor vier Jahren war ich auch raus. Ein Kilo Kirschen auf nüchternen Magen, 34 Grad und ein paar Schlucke zuviel des brackigen Seewassers hatten mich schachmatt gesetzt. Mir war schlecht und ich übergab mich in die Büsche am Seeufer. Eine Stunde ging es mir noch gut und ich hatte die letzte der Kirschen fotografiert. Das Bild ist noch heute das Titelbild meines Blogs. Vor vier Jahren wusste ich noch nicht, dass es das werden würde. Da wusste ich noch gar nichts. Weder, dass ich wieder mit dem Schreiben beginnen würde, noch das ich mir wenige Stunden später eine Domain sichern und eine Homepage erstellen würde. Ich wusste nur, dass ein Kilo Kirschen mit Seewasser eine wirklich üble Kombination sind und „kotzend in den Büschen hängend“ eigentlich eine ganz passende Beschreibung für meinen Gemütszustand und mein Leben im allgemeinen waren. Weiterlesen

Geht nicht mehr

Dein stummes Kopfschütteln bittet mich den Mund zu halten und der Blick in deinen Augen sagt mir, dass es dir ernst ist. Sag nichts, bittest du mich und ich sehe, dass du weißt, dass ich nicht still sein werde. Ich war es. Über Wochen und über Monate hinweg. Habe nichts gesagt, weil es mich nichts angeht und weil man sich in die Leben anderer nicht einmischt. Nicht, wenn es sich um Bekannte und nicht um Freunde handelt. Es gibt Dinge, die unausgesprochen bleiben müssen, wenn niemand danach fragt. Und doch fragen sie, blicken Beifall heischend in die Runde und suhlen sich in ihren Problemen, die gleich viel schicker klingen, wenn man ihnen ein wenig Dramatik um die Schultern legt. Ich sehe dich. Sehe wie du an der Bar stehst und mir nach einem letzten bittenden Blick den Rücken zuwendest. Wärst du noch wirklich hier, würdest du dir jetzt einen Gin Tonic bestellen, ihn in Ruhe trinken und dann, fünfzehn Minuten später, wortlos meine Hand nehmen und mich vom Schlachtfeld dieses Tisches ziehen. Du hättest nichts gesagt. Wärst in der Runde gesessen und nur am Spiel deiner Gesichtsmuskeln hätte man erahnen können, wie zuwider dir dieses Gespräch ist. Wahrscheinlich nicht einmal das. Abscheu und Widerwillen ist nur schwer zu erkennen, wenn sie sich hinter einem süffisanten Schmunzeln verbergen. Ich hätte es gesehen und sehe es auch jetzt in deinem Rücken. Idioten, sagt dein Rücken und ich sage es auch. Laut und deutlich. Nur ohne das süffisante Schmunzeln, das die Schärfe aus den Worten genommen hätte. Glückwunsch murmelt dein Rücken und ich vermisse deine Hand, die mich aus dem emotionalen Schlachtfeld dieses Abends führt. Jeder Blick ein Vorwurf und jeder Atemzug ein zerbrochenes Glas. Mund halten. Drei Atemzüge lang, dann entschuldigen, aufstehen und gehen, sagt dein Rücken und ich höre auf ihn. Schadensbegrenzung war eine deiner Kernkompetenzen. Weiterlesen

Anstrengendes Sommer-ich

Unverschämt sei ich, sagt der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht. Er hat nicht unrecht und weil er lacht, während er es sagt, darf er es wiederholen. Es ist unverschämt, so sehr den Sommer zu genießen wie ich es tue. Ich arbeite, das ja. Aber ansonsten genieße ich. Er tippt eine an irgendwelchen Studien und ich halte die nackten Zehen in die Sonne vor seinem Dachfenster. Mit einer Weinschorle in der Hand. Unverschämt murmelt er als ich mich wegen des schwindenden Sonnenflecks verabschiede und in die Küche gehe um meine Zehen dort in die warmen Strahlen zu halten.

Anstrengend sei ich, sagen die Kollegen. Und weil sie wegen mir bereits mehrfach dieses Jahr ihre Urlaube verschieben und mich reihum vertreten mussten, dürfen sie das sagen. Ich hopse durch die Flure. Das ist anstrengend, besonders weil meine gute Laune angesichts unseres derzeitigen Arbeitsvolumens unangebracht erscheint. Dass sie alle Lächeln freut mich. Ich stecke sie an. Wenn einer hopst, kann man keine schlechte Laune haben. Das ist wie mit Pinguinen. Die kann man nicht watscheln sehen, ohne zu schmunzeln.

Ganz toll, schreibt der mutigste meiner Freunde sarkastisch als ich ihm einen Screenshot schicke der zeigt, dass bei ihm in Italien und bei mir in Deutschland gerade 33 Grad sind. Weil er einen wutschnaubenden Smiley anfügt, verzichte ich darauf ihm zu schreiben, dass ich das fantastisch finde und meine Zehen jetzt bestimmt schon so braun wie die seinen sind.

Nur meine Mutter die Bilder von einer Wanderung schickt, frage ich ob es nicht etwas zu warm ist. Ist es nicht. Sie geht im Schatten und trägt wie ich die Sonne im Herzen.

Ich würde Ihnen so gerne so vieles erzählen und mache mir doch nur Notizen. Meine Beine hängen aus Fenstern, meine Finger pflücken Erdbeeren und ich muss den Tomaten auf meinem Balkon beim Wachsen zusehen. Und Herzklopfen muss ich auch haben. Wegen einem der seine Beine zu meinen aus den Fenstern hängt, wenn die Sonne untergegangen ist und wegen der dritten Brenner Überquerung in ein paar Wochen.

Spontan sei das schon gewesen, sagt meine Freundin und ich bin froh, dass sie es mir nicht übel nimmt das ich ihr „können ja mal schauen“ zum Anlass nahm, uns ohne Rücksprache neun Nächte auf einem Hügel mit Meerblick in Ligurien einzubuchen und ihren Resturlaub und ihr Auto zu verplanen. Es ist Sommer. Da bin ich manchmal anstrengend. Und weil ich das weiß ist es auch ok, dass Freund, Kollegen und Freunde mich immer öfter bitten, mich doch einfach raus zu setzen und der Tomate beim wachsen zuzusehen. Da gehe ich ihnen nicht auf die Nerven.

Wenn Sie mich suchen…ich bin bei den Tomaten.

Papier-Glück

Glück besteht aus Papier. Den gebastelten Fliegern der Dreijährigen, dem Zebra des Achtjährigen, den Zeichnungen Ludwigs und den Zeilen von Jules.

Ein jedes Stück wertvoll und einzigartig. Danke.