Wenn man in der Werbung der letzten Jahren anstelle gephotoshopter 18-jähriger Models, wieder echte Frauen sieht, dann finde ich das begrüßenswert. Theoretisch. Praktisch wird einem da häufig etwas als „echte Frau“ präsentiert, das zumindest in meinem Fall zu vielen Fragezeichen führt. Nur weil eine Frau ein paar Fältchen mehr und graue Haare hat, steht sie noch längst nicht für die Durchschnittsfrau. Jedenfalls dann nicht, wenn sie noch immer besser aussieht als neuen von zehn Leserinnen. Bodypositivity ist gut, aber dann nehmt ein Model, dessen Körper wirklich echt ist. Echte Zellulitis und ein richtiges Doppelkinn. Das was in dem Zeitungen als Plus size gezeigt wird, sind Frauen mit Kleidergröße 44, die aber auf wundersame Weise das Glück haben, nur leichte Dellen an den Beinen und eine fantastische Jawline zu haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der kleine positive Effekt von reichlich Frust aufgewogen wird. Mittlerweile ist mir die meiste Werbung aber relativ egal. Wenn ich echte Menschen sehen möchte dann lege ich das Handy zur Seite und schaue mich in meinem Umfeld um. Und da, in der Realität, da erfühlt sich der Wunsch nach Echtheit. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die echten Menschen sich schnellstmöglich wieder einen Filter einbauen und ihre Authentizität ganz schnell wieder zurückfahren.
Ich wollte Ihnen die Karte ja schon ganz am Anfang meines unverschämt langen Aufenthalts im Süden schicken. Aber die gibt es ja kaum noch zu kaufen. Außerdem hatte ich Ihre Adressen nicht. Und noch mehr außerdem, habe ich schon immer vergessen, Postkarten rechtzeitig zu verschicken. Deshalb bekommen Sie diese auch erst jetzt – zurück in München. Herzliche Grüße aus Arenzano, Cogoleto, Genua, Camogli, vom Boot und Monaco (hier bin ich eher unabsichtlich gelandet).
Nach fast vier Wochen mit einer Bildschirmzeit von max. 30 Minuten (ausschließlich um über den Ort des Aperitivs oder des Abendessens zu diskutieren) ist es schön wieder daheim zu sein. Zu meinem großen Glück hat sich hier auch etwas getan. Neue Nachbarn sind eingezogen. Im Hinterhaus ganz unten. Und ganz besonders wunderbar, die eine von beiden sitzt den ganzen Tag draußen und redet. Wahrscheinlich mit ihrem Partner, aber den hört man nicht. Vielleicht auch mit sich selbst. In jedem Fall unglaublich viel. Besondere freude macht es mir, dass sie über alle Nachbarn redet. Da eröffnen sich ganz neue Blicke. Ich bin übrigens die, zu deren Wohnung ungewöhnlich viele Menschen einen Schlüssel besitzen. Das macht misstrauisch, sagt die neue Nachbarin. Sie ist etwas zu weit unten im Haus, um zu erkennen, dass die verschiedenen Hausbewohner alle eine Gießkanne in der Hand hatten, wenn sie meine Wohnung in den letzten Wochen betraten. Der Schlüssel wurde von einem zum anderen weitergereicht, damit meine Blumen nicht verdursten. Frau Nachbarin heißt Margot. Und sieht wie eine Margot aus. Können Sie sich darunter etwas vorstellen? Bestimmt.
Jeden Morgen an der Bushaltestelle warten mit mir gemeinsam, zwei etwa achtjährige Kinder auf den Bus. Das Mädchen ist schmuddelig, der Junge ist es nicht. Sie warten gemeinsam mit jeweils einem Elternteil, von dem mir der eine sympathisch, die andere reichlich unsympathisch ist. Da ich keine Menschenkenntnis besitze, solange ich Menschen nicht wirklich kenne, könnte es gut sein, dass sich meine Sympathie nach eine kurzen Gespräch schon ins Gegenteil umkehrt. Weil ich mit den beiden Wartenden aber keinen Grund für ein Gespräch habe, kann ich die Mama des schmuddeligen Mädchens nicht leiden. So etwas sollte ich nicht sagen, da ich sie ja nicht kenne und vielleicht mögen würde, wenn ich sie kennen würde. Aber ich sage es ja nicht, sondern schreibe es. Schreiben ist wie denken – frei und ehrlich. Und denkend – sein Sie ehrlich – sind uns manche Menschen einfach unsympathisch. Die Schmuddelmama zum Beispiel.
Ich hatte gerade erst in Italien zu arbeiten begonnen, als man mir zu meinen morgendlichen Kaffee am Bahnhof ein Brioche umsonst dazu gab. Als ich fragt warum, lächelte man mich an und sagte, weil ich ein hübsches blondes Mädchen sei. Im Büro stand auf meinem Schreibtisch ein Wasserglas mit einem Mimosenzweig. Der sei für mich, weil ich es schön sei, dass ich jetzt hier arbeitete und mein Lachen so fröhlich klingt. Vom immer zu spät kommenden Kollegen erhielt ich eine gelbe Tulpe mit einem Grinsen. Er sagte, sie sei für mich, weil mit meinen mangelnden Italienischkenntnissen das Chaos, das man eigentlich Italienern zuschrieb, in Form einer Deutschen, eingezogen sei. Ich bekam auch am Mittagstisch im Einkaufszentrum ein gelbes Blümchen. Am Abend nahmen mich die Kolleginnen mit in ein Restaurant. Kaum ein Mann war an den Tischen zu finden, aber reichlich Frauen und alle hatten Blumen vor sich stehen. Hinterfragt hat diesen Tag außer mir, wohl keine. Später sagte mir eine Freundin, dass sie meine Fragen dumm fand. Freu dich doch einfach, meinte sie und hatte recht.
Die Italiener, die ich kenne, stürzen sich gerne mit Leidenschaft in die Dinge und zelebrieren das, was ihnen wichtig ist mit Hingabe. Am 8. März ist es egal ob man ein altes Weib hinter dem Gemüsestand oder ein junges Ding an der Supermarktkasse ist. Man braucht nicht wie am Valentinstag einen Mann um diesen Tag zu feiern, es reicht eine Frau zu sein. Man wird gefeiert und noch viel schöner, man feiert sich selbst. Nicht weil man sich für etwas besonders hält, sondern einfach freudig und herzlich. Ursprünglich entstammt er den für ihre Rechte kämpfenden Frauen. Auch nach dem Frauenwahlrecht, war es ihnen bis in die 70er Jahre in manchen, ländlichen Teilen Italiens fast unmöglich ohne männliche Begleitung in Lokale zu gehen. Der 8. März war die Ausnahme und Frauen feierten schon damals an diesem Tag und hauten ordentlich auf den Putz. Ein Recht, dass sich Frauen heute an jedem Tag heraus nehmen sollen und dürfen. Es ist ein Kampf der sicher noch nicht vorbei ist und doch ist an diesem Tag nichts vom Geschlechterkampf zu spüren. Gleicher Verdienst und Anerkennung in vielen Bereichen ist noch längst nicht an der Tagesordnung und doch haben es die italienischen Frauen geschafft, sich all das zwar in Erinnerung zu rufen, ihren Kampf an diesem Tag aber ruhen zu lassen und sich einfach nur auf Händen tragen zu lassen.
Als ich in Italien lebte, verdiente ich auch als ich fließend italienisch sprach nur die Hälfte meiner männlichen Kollegen. Es hat mich täglich geärgert. Die Blumen und die Komplimente nahm ich trotzdem gerne. Überhaupt freue ich mich über Komplimente jeder Art. Wahrscheinlich weil ich mich in Beziehungen nie beweisen musste und „schöne Augen“ oder „hübsches Lächeln“ für mich nie bedeuteten, dass man den Rest der in mir steckt übersehen könnte.
Heute bin ich nicht in Italien, sondern in München und gelbe Mimosen habe ich als Foto via WhatsApp erhalten.
Die gelben Tulpen habe ich mir selbst gekauft. Mir, meiner Freundin und meiner Nachbarin. Schönen Weltfrauentag, schönen Samstag, schönen Sonnentag. Suchen Sie sich aus, was für Sie am besten passt. Wenn Sie mich fragen, dann schadet das aber auch nicht, wenn es heute nicht nur ein schöner Samstag, sondern eben doch der Weltfrauentag ist. Wir verdienen nämlich immer noch deutlich weniger als Männer. Und angesichts der Probleme mit denen Frauen in anderen Ländern konfrontiert sind, ist das (so erbärmliches ist) noch eines der kleineren Probleme.
Manchmal, da lege ich meinen Nachbarn Worte in den Mund. Überzeichne die, die wirklich bei und mir leben und dichte ihnen die eine oder andere Geschichte ein wenig an, weil´s dann eine nette Erzählung wird. Es gibt sie aber wirklich. Herr Mu, Herr Meier, Paul und all die anderen sind real existierende Menschen, die stellvertretend für (vielleicht) Ihre Nachbarn und Freunde stehen und die fast jeder von uns schon einmal getroffen hat.
Der Bambus auf meinem Balkon, hat den Winter wohl gut überstanden. Auch wenn es noch einmal richtig kalt wird, scheine ich ihn genau richtig eingepackt zu haben. Dass es meinem Bambus gut geht, ist etwas das mich sehr freut. Und sich über etwas freuen zu können, tut mir im Moment ganz besonders gut. Das ist der Ausgleich, den ich brauche, wenn ich mein Handy in die Hand nehme oder den Rechner nach oben fahre. Leider habe ich es nämlich sehr erfolgreich geschafft, den Algorithmus meiner sozialen Medien völlig gegen die Wand zu fahren. So etwas kann kompletter Blödheit geschuldet sein, oder (was natürlich besser klingt und ich gerne hier behaupten möchte) an meinen sehr breit gefächerten Interessen liegen.