Abgestaubt

Nur mein Nachbarsjunge darf es. Er ist der einzige, dem ich es nicht übel nehme, wenn er bäuchlings auf dem Boden liegt, mit der Taschenlampe unter mein Sofa leuchtet und mir dann mitteilt, dass es dort unten so dreckig ist, dass er auf die kleine, darunter gerollte Playmobil Figur verzichtet. Falls ich jemals dort unter sauber machen würde, könne ich sie gerne behalten. Für einen Fünfjährigen sind das schön formulierte Sätze. So ausgewählt drückt er sich nur aus, wenn etwas seinem ästhetischen Empfinden widerspricht. Ein Empfinden, das bei diesem kleinen Menschen erstaunlich ausgeprägt ist. Ohne ihn würde ich wahrscheinlich noch immer nicht einmal monatlich auch die Unterseite des großen Tisches im Wohnzimmer putzen. Seit Ludwig aber auch unter dem Tisch nach verloren gegangenen Lego- oder Playmobilteilen sucht, wische ich regelmäßig auch unten und entsorge bei der Gelegenheit mögliche Ansätze von Spinnweben. Wie gesagt – er darf das, bei anderen reagiere äußerst empfindlich darauf, wenn man mich auf Defizite meiner hausfraulichen Qualitäten hinweist. Mal ehrlich, was bitte reitet Gäste, ungefragt aber höchst erfreut mitzuteilen, dass die Wohnung für ihr empfinden durchaus etwas ordentlicher sein könnte? Das weiß ich selbst und nicht umsonst lasse ich das grelle Deckenlicht im Wohnzimmer aus, wenn Besuch kommt. Ludwig gab mir den Tipp. Er meinte nämlich, dass es dann bei mir manchmal fast so ordentlich wie bei seiner Mama sei. Ludwig gehört auch zu den wenigen Menschen, die ich gerne um mich habe, wenn ich krank bin.

Deshalb zucke ich auch nur mit den Schultern als eine Bekannte mich fragt, was „dieses Kind“ hier zu suchen hat, wenn ich schniefe und huste. Ich erkläre ihr, dass die Mutter des Kindes von meinem zweifach negativen Corona Test informiert ist und “dieses Kind“ durch spielen an der frischen Luft, mehrerer Geschwister und dem regelmäßigen Kontakt mit anderen Menschen durchaus gute Chancen hat von meinen Bazillen nicht sofort kontaminiert zu werden. Bei meiner Besucherin bin ich mir da nicht ganz so sicher. Sie hat ihre Einweghandschuhe zwar mittlerweile abgelegt, spielt aber immer noch mit dem Gedanken sich das negative Test Ergebnis zeigen zu lassen. Der einzige Grund dass sie mich trotz der aktuellen und mittlerweile über zwei Jahre andauernden Gefahrenlage besucht hat, ist im permanenten Fehlverhalten Ihres aktuellen Freundes begründet. Er und ganz besonders sein Fehlverhalten wäre mir herzlich egal, aber sie sieht das anders. Da ich vor etwa 15 Jahren einen Sommer mit ihrem heutigen Partner gemeinsam verbracht habe, bin ich seit etwa einem halben Jahr ihre favorisierte Ansprechpartnerin in allen Belangen die ihn betreffen. Und ja, das ist genau so schräg, wie es sich anhört.  „Dieses Kind“ schicke ich, obwohl mir seine Gesellschaft deutlich lieber wäre nach Hause, weil meine Bekannte meint, dass es bei der aktuellen Inzidenz grob fahrlässig ist sich in Gruppen zusammen zu rotten. Ich schicke den kleinen Lieblingsmenschen also weg, um mir anzuhören, dass ein – mir mittlerweile sehr gleichgültiger Mensch – noch immer nicht in der Lage ist seine Hemden selbst aus der Reinigung zu holen. DAS ist grob fahrlässig. Das ist ein Problem, sagt meine Bekannte, und ich nicke. Ich nicke weil man bei solchen Sätzen vermutlich einfach nicht einfach fragen darf ob er oder sie oder sie beide noch alle Latten am Zaun haben, sich über so einen Mist ernsthaft zu streiten. Ich nicke auch als sie mich fragt wie wir das damals regelten. Gar nicht, denn vor 15 Jahren trug er keine Hemden. Meistens auch keine Schuhe, was – das sage ich ihr nicht – unter anderem ein Grund war, dass aus Verliebtheit nicht mehr wurde. Und jetzt fragt sie schulterzuckend und fängt ihre von der Schulter gleitende Handtasche nicht schnell genug auf.

Ja und jetzt….jetzt habe ich eine Erwachsene, die vor meinem Sofa kniet und versucht verstreute Tampons, Lippenbalsam, Kaugummi und Glückskastanien mit einem Kochlöffel aus dem Dreck zu fischen. Ich würde das lassen, sagt der zurück gekommene Nachbarsjunge und ich fürchte er hat recht. Meine Bekannte richtet sich auf und ich schwöre, dass mich noch nie jemand so entsetzt angesehen hat wie sie, nach diesem kurzen Blick unter mein Sofa. Wenig später liege ich mit meiner Nachbarin gemeinsam auf dem Bauch am Boden und wir beleuchten mit Taschenlampen den Schandfleck. Passt, murmelt sie. Außer einem Cashewkern nur ganz gewöhnlicher Staub. Passt murmeln wir beide mit Nachdruck, als wir uns aufrichten und Ludwig seine Playmobilfigur zurück geben. Die ist jetzt gut gegen Allergien, erklären wir ihm und weiter, dass man im Leben Prioritäten setzen muss. Beziehungen, deren primäres Streitthema der Gang zur Reinigung sind und ein blitzeblanker Boden UNTER einem NIEDRIGEM Sofa gehören definitiv nicht an die erste Stelle. 

19 Gedanken zu “Abgestaubt

    1. Ne, die war echt. Wobei die Bekannte bildlich für zwei verschiedene Personen steht. Allerdings kommt sie mittlerweile nicht mehr vorbei. Das bringt ja nichts und tut weder ihr noch mir gut. Wenigstens in dieser Beziehung wird man im Alter etwas klüger und zieht Grenzen. Liebe Grüße

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  1. hahahahahaha….köstlich. Aber mal ernsthaft. Es gibt da Erfindungen. z.B. den Swiffer, um nur eine zu nennen, die auch unter NIEDRIGE Sofas kommen, Du Schmutzel. Andererseits wäre die Geschichte nur halb so witzig…
    Und zum Thema „ohne Schuhe“ schlecht für Libido, könnte ich auch ein paar Geschichten erzählen 🙂

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  2. „Ich kenne einen Schriftsteller, der, nachdem er sich Wochen hindurch vergeblich abgemüht hatte, einen geeigneten Stoff aufzutreiben, endlich auf den possierlichen Gedanken kam, eine Entdeckungsreise unter seine Bettstelle zu veranstalten. Das Ergebnis des waghalsigen und gefährlichen Unternehmens war jedoch, wie jedermann ihm, der es bewerkstelligte, zum voraus hätte sagen können, gleich Null.“ (Robert Walser, Das Zimmerstück)
    Er hätte vielleicht unter dem Sofa nachsehen sollen, wo du immerhin eine witzige Geschichte gefunden hast, liebe Mitzi.

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    1. Danke für das feine Zitat, lieber Jules. Ein poetisch begabter Mensch könnte den Staubflusen und Wollmäusen in ihren Formationen sicher etwas schönes abgewinnen und womöglich ein ganzes Universum entdecken 😉

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  3. Du: „Mal ehrlich, was bitte reitet Gäste, ungefragt aber höchst erfreut mitzuteilen, dass die Wohnung für ihr empfinden durchaus etwas ordentlicher sein könnte?“ – Bei mir würden sie nicht ordentlicher, sondern gesaugter und entstaubter sagen – und sofort würde ich ihnen beide Utensilien in die Hand drücken. – Vielleicht ist mir so ein Kommentar entgangen, weil die „Dame“ nicht zu mir kommen wollte. – Wir machen das so, wie es uns gefällt!
    Liebe Grüße zum Staub und an dich

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    1. Der Staub grüßt zurück 🙂 Ich vermute, dass mache einfach heilfroh sind, eine Wohnung zu finden, die weniger ordentlich oder verstaubter als die eigene ist. Wie bei Beziehungen….puh, zum Glück, andere streiten sich auch. Egal – wir fühlen uns wohl, das passt doch. 🙂

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  4. Man kann nicht nur poetisch oder närrisch – narrativ unter dem Sofa oder Bett, hinter dem Schrank oder gar hinter der Einbauküche fündig werden. Man kann auch ganz simpel tatsächlich kleine, schmutzige Kunstwerke aus dem vorgefundenen Material (bei mir wären da noch jede Menge Hundehaare dabei) formen.
    Wenn man will.
    Man kann’s auch wegputzen, den Müll der Welt vermehren, die Halden wachsen lassen. Eine (Münchner) Tante von mir meinte dazu: ich setze meine Brille zum Putzen ab. Dann geht’s viel schneller.
    Oder liegenlassen und anderswo nach geeigneterem, formbarerem und eventuell weniger dreckigem Material suchen. Zum Beispiel Henry Miller oder Bukowski, de Sade und Baudelaire und der Bambi/Mutzenbacher – Salten, die haben doch auch nicht unterm Sofa…?
    Aber da war ja auch kein fünfjähriger anwesend.
    Trotzdem, wenn mir die Gesichte auch irgendwie gefallen hat, so ganz warm bin ich doch nicht mit ihr geworden. Irgendetwas stört mich. Ich glaube, ich sollte mal, also, mal so kurz, unter dem Bett, dem Sofa, hinterm Schrank…

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    1. Ich hoffe du konntest der Versuchung widerstehen und hast nicht mal kurz unter dem Bett oder hinter dem Sofa nachgeschaut. Zeitverschwendung. Ich habe mich gerade (ohne dass mich jemand gefragt hätte) entschlossen bei Corona mitzuspielen und lag jetzt extrem lange auf Bett und Sofa rum….völlig egal was da drunter liegt. Es tut der Gemütlichkeit keinen Abbruch ;).

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      1. Ach ja, das hab ich auch schon durch… zumindest einmal. Nein, ich hab nicht. Krampfhaft nicht. Obwohl ich sollte, vielleicht liegt da dieser Kong (Hundespielzeug), den ich suche? Oder wer weiß was noch… Doch die Versuchung ist gering: es gäbe auch sonst noch so viele Ecken und WInkel!

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  5. 😂 So schön zu lesen und ich denke, wir würden uns wohl fühlen, wenn wir uns gegenseitig besuchten.
    Ich kann jemanden, der wischte auf einer Feier mit den Finger oben an meinen Türen entlang und zeigte mir und meinen anderen Gästen dann das Ergebnis 😳.

    Bei mir gibt es übrigens nur Staub, wenn die Sonne durch das Fenster scheint. An trüben Tagen freue ich mich über meine vermeintlich staubfreie Wohnung. Übrigens bestätigen mir alle Leute, die ich frage, dass es so etwas in Wirklichkeit nicht gibt.
    Wenn mir etwas unter das Sofa fällt, dann wird es meist auch Zeit, dort zu putzen, so gut es geht. Ansonsten mache ich es , wie ich Lust habe und bevor Besuch kommt, was zur Zeit eher selten geschieht, habe ich oft große Lust dazu. Manchmal denke ich auch an die Türen🤣

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    1. Das mit der Sonne kommt mir sehr bekannt vor. Ich habe mir sagen lassen, dass Sonnenlicht auch bei fast steril sauberen Wohnung feinen Staub zum leuchten bringt. Ein bisschen Staub und die eine oder andere nicht abgestaubte Ecke sind wirklich kein Problem. 🙂 Dein Gast ist auch „lustig“ Wie bescheuert….. *G
      Liebe Grüße

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