Kopf Bauch Kombination

Die Zeit heilt alle Wunden. Finde ich einen Kalender, der diesen Spruch bereithält, werfe ich ihn weg. Egal ob er mir gehört oder nicht – Lügen darf man nicht verbreiten. Die Zeit mag vielleicht ein aufgeschlagenes Knie heilen, gegen die nicht sichtbaren Wunden aber ist sie machtlos. Die Zeit ist ein falscher Freund. Da ist eine Wunde, ein Loch im Garten des Lebens, und mit der Zeit wächst Unkraut und auch schöne Blumen über seinen Rand. Und die Zeit, der miese Freund, gaukelt einem vor, dass man nun so langsam vergessen und wieder durchatmen könne. Aber schon ein kleiner, falscher Schritt reicht, und man fällt in ein Loch das noch genauso tief und genau so scharfkantig ist wie am ersten Tag. Tut mir leid, sagt die Zeit, ich dachte ein paar schöne Blümchen, etwas Löwenzahn und feine Gänseblümchen würden es hübscher machen. Die Zeit ist ein Idiot. Weiterlesen

Vom Atmen und von Parkplätzen

Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht, fühlt sich in der U-Bahn nicht wohl. Es ist nicht sein Terrain, aber heute hilft es nichts, weil sein Auto abgeschleppt wurde. Obwohl ich eine U-Bahn Fahrt längst nicht so schlimm finde wie er, sage ich es ihm nicht. Ich bin still, weil er schlechte Laune hat. Früher hätte ich einen mit schlechter Laune gebeten, sie nicht an mir auszulassen. Heute oft nicht mehr. Auch weil die Tatsache, dass wir in der U-Bahn und nicht in seinem Auto sitzen, in der etwas zu kreativen Wahl des Parkplatzes begründet liegt, mit der ich sein Auto am Vorabend in Schwabing abgestellt habe. Bei einem abgeschleppten Auto kann man durchaus ein wenig sauer sein, aber eine so schlechte Laune ist unangebracht. Denke ich. Sage ich aber nicht, weil ich mein Gegenüber mittlerweile kenne und am Klang seiner Atemzüge erahne, dass es klüger und für den Verlauf des restlichen Wochenendes elementar wichtig ist, dass ich den Mund halte. Selbstredend, dass mein Beitrag zu einem harmonischem Wochenende weder registriert noch honoriert wird. Er wird weggeatmet. Männer können das. Die artikulieren ihre schlechte Laune anhand tiefer Atemzüge und halten diese für vollwertige Sätze. Auch eine Kunst.   Weiterlesen

Alltag VII – mein Alltag, sein Alltag, unser Alltag

Die Stille in seiner Wohnung klingt anders, als jene in meiner Wohnung. Sie müsste mir vertraut sein. Sie ist es und klingt doch ganz anders, weil Stille nur selten wirklich geräuschlos und immer ganz individuell ist. Gedämpft höre ich auch hier, auf seinem Sofa, das Geräusch von Reifen auf einer Regennassen Straße und doch klingt es anders. Er wohnt höher als ich, wahrscheinlich liegt es daran. Auch seine Schritte klingen anders als die meinen und selbst das Knarzen des Parketts in seiner Wohnung unterscheidet sich von dem meinem. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil ich hier bei ihm Gast bin und selbst keine Geräusche verursache. Still und ruhig habe ich mich unter der Decke, die er mir im Vorbeigehen zugeworfen hat, eingerollt und höre der Stille zu. In meinem Alltag komme ich dazu nicht. In seinem schon. Hier muss ich nichts machen. Alles was zu Hause ich mache, macht hier er. Und obwohl mir jeder seiner Handgriffe vertraut ist, klingen sie immer ein wenig fremd. Männlicher vielleicht. Ich schließe die Schubladen in meiner Küche mit einem Stoß der Hüfte. Bei mir scheppert es. Die seinen gleiten lautlos und wie in Zeitlupe zurück, weil er längst etwas eingebaut hat, das sie vom Scheppern abhält. Kein noch so starker Hüftstoß bringt sie zum Scheppern. Dafür kann ich in meiner Wohnung schleichen. Im Flur gibt es keinen Parkett und ich kann leise von einem Raum zum anderen gehen. Hier nicht. Ohne die Augen zu öffnen, weiß ich, dass er ins Bad gegangen ist. Ich wüsste es auch so, weil das Wasser durch die Leitungen rauscht. Kein anderer den ich kenne, wäscht sich so oft die Hände, wie er. Immer wieder wundert es mich, dass seine Haut dennoch nicht trocken ist, obwohl sein Alltag keine Handcreme bereit hält. Vielleicht hält er sie für zu weiblich. Ich erkundige mich nicht, da seine Hände trotzdem weicher als die meinen sind. Weiterlesen

Wie „ne“?!?

Ob ich wissen würde, was das heißt, fragt er und nimmt mir den Kaffeebecher aus der Hand. Ich schüttle den Kopf. Viel mehr interessiert mich, warum er jetzt meinen Kaffee austrinken würde, wo er vorher noch sagte er will keinen. Vorher stand er unter der Dusche, da wollte er keinen. Jetzt an der S-Bahn schon. Aber zurück zum Geschmiere an der Scheibe, sagt er. Ich könne das doch nicht auf Instagram hochladen, ohne zu wissen was da steht. Wohl, sage ich und stelle mich auf die Zehenspitzen um den Kaffeebecher zurück zu bekommen. Ein Herz ist ein Herz und das ist das schönst heute Morgen hier an der S-Bahn. Ein Herz, in dem womöglich „Schlampe“ steht, gibt er zu bedenken und hält den Becher extra hoch. Das ist albern, sage ich und meine den Kampf um den Kaffee. Allerdings, stimmt er zu und meint das fremdsprachige Herz.  Weiterlesen

2X=0 (aus dem Archiv 03.08.2015)

Zwei Tage vor Weihnachten stand ich mit einer monströsen Fichte an der Trambahnhaltestelle und ignorierte die etwas irritierten Blicke der restlichen Fahrgäste. Das ich in Weihnachtsstimmung war, wusste ich, dass ich noch immer in X verliebt war, erst als seine SMS kam. „Wir sollten mal wieder knutschen.“ Das was er da geschrieben hatte war einfallslos und dumm. Das was er wenig später am Telefon sagte nicht. Ich mag Worte im Allgemeinen und ich mochte ganz besonders das was er sagte. Über eine Stunde stand ich an der Haltestellte, den Baum umklammert und hörte ihm zu. Nichts besonderes. Was so in den letzten Monaten passiert war. Kann jemand gut erzählen, sind die Inhalte zweitrangig. Ich lachte mit ihm, schickte ihm ein Foto der Fichte und ließ eine Bahn nach der anderen an mir vorbei fahren. Er hörte nicht auf zu reden, bis ich am Abend mit dem Handy in der Hand vor seiner Wohnung stand. Den Baum hatte ich zuvor noch nach Hause gebracht. Weiterlesen

Sicher ist sicher

Es geht nicht, sagt er und steht wie so oft vor dem Fenster, vor dem es im noch grauen März nichts zu sehen gibt. Es geht nicht, wiederholt sein Rücken und ich warte bis er mir sagt, was nicht zu gehen er glaubt. Mit jemandem wie mir, könne er nicht für den Rest seines Lebens den ersten Kaffee des Tages trinken. Es sei ihm unmöglich das Leben mit jemanden zu teilen, der den ersten Kaffee des Morgens auf diese Art und Weise trinkt, murmeln seine Schultern bevor er sich umdreht und mir die Zuckerdose aus der Hand nimmt. Erst kommt der Zucker in die Tasse, mit dem sauberen Löffel, dann schüttet man den Kaffee darauf. Das sei doch nicht so schwer. Seinetwegen könne der saubere Löffel den Zucker auch in den Kaffee kippen, das sei ihm egal. Er könne es aber nicht mit ansehen, wie ich den schwarzen, noch ungesüßten Kaffee umrühre und dann den beschmutzten, vor Kaffee triefenden Löffel in die Zuckerdose tauche um mir zwei randvolle Teelöffel in die Tasse zu kippen. Ich erspare es uns, ihm zu erklären, dass der Zucker meiner Dose durch diese Technik ein besonderes Aroma hat und nicke verständnisvoll. Ja, ein solches Verhalten sei schrecklich. An so etwas würden Ehen zugrunde gehen und wir könnten uns glücklich schätzen, nicht verheiratet zu sein. Ich mag die Falte, die zwischen seinen Augenbrauen erscheint und sage es ihm. Er will es nicht hören und erklärt mir weiter, dass er es als besonders provokant empfindet, dass ich zwischen dem ersten und zweiten Tauchen des Löffels den Kaffee – völlig sinnbefreit – umrühren würde. Als wäre es nicht dämlich genug ungesüßten Kaffee umzurühren, rühre ich ein zweites Mal so sinnlos. Dieses Zwischenrühren würde ihm besonders auf die Nerven gehen. Seit Jahren. Eine Ehe könne er aus diesem Grund ausschließen. Man tritt nicht vor den Altar, wenn man weiß, sich so etwas jeden Morgen mitansehen zu müssen. Weiterlesen

Polyamo…was? II

Draußen schneit es und ein kalter Wind weht. Hier drinnen ist es warm und es gefällt mir, das muntere Treiben der Flocken zu beobachten während ich meine Hände einer großen Tasse Milchkaffee aufwärmen kann. Heute und hier braucht es etwas warmes, weil mich die Gespräche am Tisch kalt lassen. Es fällt mir schwer, die Begeisterung dieses Paares, das ich nicht kenne, zu teilen und schon jetzt nach nur einer halben Stunde, wäre ich lieber zu Hause geblieben. Drinnen bei mir, auf dem Sofa, eine Tasse Milchkaffee in der Hand und das Treiben der Schneeflocken beobachtend. Ich mag es, dass man in dem Dorf München, beim Frühstücken überdurchschnittlich oft Bekannte und Freunde trifft, weil wir doch immer die gleichen Orte aufsuchen. Es ist schön, sich mit Menschen zu unterhalten von denen man zuvor noch nichts wusste und die man jetzt nur kennen lernt, weil sie die Begleitung von jemanden sind, den man kennt. Es birgt das Risiko, sein Frühstück mit Menschen einzunehmen, die man nicht versteht und nach dem letzten Bissen seines Müslis auch gar nicht unbedingt verstehen möchte. Sitzt man erst einmal gemeinsam am Tisch, ist es schwierig diesen wieder zu verlassen ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Weiterlesen