Als ich meinen 20sten Geburtstag auf der Hütte feierte, teilte ich das meinen engsten drei Freunden mit und vertraute darauf, dass sich die Nachricht auch ohne weitere Infos im Freundeskreis entsprechend verbreiten würde. Alle kannten unsere Hütte und hatten entweder Schlafsäcke im Gepäck oder Schlaf in ihrer Planung von vornherein ausgeschlossen. Jeder hatte irgendetwas zu essen dabei und die wenigen, die bereits ein Auto besaßen füllten den Kofferraum mit Getränken. Wir hatten fünf Gläser Nutella (kein Brot), viel zu viel Bier (und kein Wasser), keine Handtücher, weil eh niemand duschte und ernährten uns 48 Stunden lang neben Nutella von Chips, Nudeln mit Ketchup und Gummibärchen. Hat gut funktioniert. Nur ein kleiner Unfall – Verbrennungen dritten Grades an einer Fußsohle, weil die Füße zu nah am Lagerfeuer platziert wurden und es unangehnehm lange dauert, einen Turnschuh vom Fuß zu bekommen, wenn die Sohle bereits schmilzt. Tommi kühlt seinen Fuß die restliche Nacht in einem Eimer mit kalten Wasser und hat meines Wissens keine bleibenden Schäden davon getragen. Bei Herbie wissen wir es nicht, der ist betrunken den steilen Hand beim Trampelpfad nach oben gekletter, hat das Gleichgewicht verloren und wurde von uns erst in der Früh vermisst und gefunden. Viele Jahre hat er uns das übel genommen.
An meinem 25 Geburtstag verbreitete sich die Nachricht der Hüttenfeier innerhalb meines Freundeskreises etwas zu gut und die Anzahl der (mir zum Teil unbekannten) Gäste ist bis heute absoluter Rekord. Die genaue Zahl schreibe ich hier nicht, weil ich sonst – auch ein Vierteljahrhundert später – Ärger mit meinem Vater bekomme. Es waren viele, wir hatten zu wenig nahrhaftes im Gepäck und stellten fest, dass die örtliche Pizzaria einen Boten hat, der genauso verrückt wie wir war – er belieferte uns tatsächlich.
Meinen 30sten Geburtstag feierte ich, indem ich die große Hütte nebenan mit einplante, eine Einkaufsliste schrieb und jeden bat, genau das an Verpflegung mitzubringen, was ich ihm auftrug. Wir hatten fünf Gläser Nutella, kein Brot und die Pizzeria einen neuen Fahrer, der sich weigerte uns zu beliefern. Ich lernte, dass es besser ist, selbst einzukaufen, weil meine Freunde die besten, aber nicht die schlausten sind. Herbie hatte zehn Jahre zuvor vielleicht doch einen kleinen Schaden davon getragen. Anders ist nicht zu erklären, dass er sich erneut zu einer Nachtwanderung aufmachte und morgens im ausgetrockneten Bachbett aufgewacht ist. Diesmal aber nicht alleine. Tommi war bei ihm. Beide vermissten wir erst gegen Mittag.
An meinem 40sten Geburtstag schnappte ich mir das Auto meiner Eltern, kaufte alles selbst ein und stand 24 Stunden in der Küche um endlich mit gutem Essen zu feieren. Ob es geklappt hat, weiß ich nicht. In jenem Jahr war ich emotional etwas instabil und so betrunken wie nie zuvor und nie danach in meinem Leben. Von einer Nachtwanderung mit den Jungs hielt man mich ab, vom selbstgemischten Long Island Icetea leider nicht. Meine beste Freundin legte mich noch vor dem Abendessen in das Zimmer, in dem die Kinder schliefen – da ließen sich die Fenster nicht öffnen und ich war sicher. Glaube ich den Erzählungen, war das mein schönster Geburstag – für die anderen.
Es gab Geburstage mit Europa- und Weltmeisterschaften, Jahre mit nur einer Handvoll Freunde um das Feuer und ein ganzes Jahrzehnt mit jährlich wiederkehrenden wunderbaren Feieren. Um meinen Geburstag ging es oft nur am Rande, die Hütte war es, die diese Wochenenden zu etwas besonderem gemacht hat. Einen solchen Ort zu haben, ist ein großes Glück und deshalb völlig normal, dass ich meine Hütte dieses Jahr mit wirklich allen meinen Lieben teilen wollte. Montags mit den besten aller Eltern (meinen). Dienstags mit der größten aller Familien (meiner). Mittwochs mit dem herrlichsten Frauenstammtisch Münchens (dem meiner Tante). Donnerstags zum Durchschnaufen in kleiner Runde und einem WM Spiel für das sich keiner interessierte und Freitags mit den wunderbarsten Kollegen (meinen). Für alle habe ich eingekauft, gekocht (und wie ich gekocht habe) und sie bei Bedarf vom Dorf nach oben gefahren. Es klappte perfekt. Jeder half und ich behielt – nach all den Jahren erprobt – den Überblick. Bis Samstag, dem Tag an dem meine Freunde kamen. Nach fast einer Woche bei über 35 Grad Hitzewelle und mit mittlerweile 50 Jahren auf dem Buckel verlor ich ein wenig den Überblick. Oder die Kontrolle. Beides vermutlich.
Ich begann mich zu entspannen und das war ein Fehler. Obwohl…eigentlich erst, als wir gegen acht Uhr abends langsam Hunger bekammen. Zwei verschiedene Nudelsalate waren fertig im Kühlschrank. Ein italienischer Brotsalat auch. Tiefgefroren waren dagegen noch 1,5 Kilogram Rinderhack für Chilli und Köfte und 1 Kilo Leberkäse. Fünf Auberginen warteten darauf abgebraten und anschließend zu einer Parmiggiana verarbeitet zu werden. Die Scarpaccia bestand aus rohen Zucchinis, die noch im Kühlschrank lagen und die Tomatensauce für die Kinder war auch noch nicht fertig. Zusammenfassend – nix war fertig. Gar nix. Und Hunger hatte jeder. Einen kurzen Moment spiele ich mit dem Gedanken zu weinen – bis mir meine Freundin ihr Geschenk in die Hand drückt: Ein Buch mit dem jetzt gerade wunderbar passenen Titel „The subtle Art of not giving a F*uck“ (Falls der Titel nicht selbsterklärend ist hier aus dem Inhalt: Wahres Glück entsteht…durch die bewusste Wahl, sich nur auf wenige, wirklich wichtige Dinge zu konzentrieren, während man den Rest gelassen ignoriert.) Ok, das sollte ich hinbekommen. Wirklich wichtig…WIR. HIER. JETZT.
Der Nudelsalat ging an die Kinder, die irgendwann einfach umfielen und ins Bett getragen wurden. Wir Erwachsenen haben erst weit nach Mitternacht gegessen, als es auch endlich kühler wurde. Über diesen Abend erzähle ich Ihnen nichts. Er war….wie immer. Keine bleibenden Schäden und völlig unkontrollierbar. Nur vielleicht das….Herbie war morgens nicht auffindbar. Er war ins Dorf gelaufen. Zu Fuß und stinksauer, weil er vor dem Essen unter dem Apfelbaum eingeschlafen war und ihn niemand vermisste und weckte. Er war aber nicht sauer genug um nicht für 25 Leute Semmeln und Brezen zu kaufen. An Brot für Sonntag hatte ich nämlich nicht gedacht.
Schön war´s. Nur eine Woche Urlaub hätte ich danach gebraucht.


ach, dujeh. mit den geburtagsfeiern hatte ich es nie so. den 29. feierte ich, weil ich wusste, dass ich zum dreißigsten flüchten würde. und so zog sich das durch.
anders war es mit den lebenwurst- und fettbemmen- bzw. suppenfeten. dazu immer irgendwelche billigen alkoholika. das war irgendwie viel spaßiger. und weil es in der stadt stattfand (ich war eine der ersten, die eine eigene wohnung hatten), ging auch keiner verloren. am morgen rollten sich dann alle stück für stück aus ihren improvisierten lagern (3 auf einer einbettcouch, einer auf den zusammengelegten polstern vom sessel, zwei vom teppich in der küche …) und frühstückten bei lauter musik.
ich vermute mal, dass einige der teilnehmer das jenseits der vierzig nicht mehr geschafft hätten.
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Schöne Stories!!!
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