Sonntagmorgen um kurz nach sieben ist es noch still. Die meisten in der Pineta, dem kleinen Ort zwischen zwei nicht viel größeren Ortschaften, schlafen noch. Bis vor zehn Minuten auch ich. Jetzt stehe ich vor dem Herd, kneife verschlafen die Augen zusammen und konzentriere mich, um die kleinste der vier Gasflammen am Herd, anzuzünden. Im Normalfall erfordert das keine Konzentration. Nur bei der Flamme unten rechts. Die springt nur an, wenn sich der nach innen gedrückte Schalter exakt zwei Millimeter neben dem Symbol der großen Flamme befindet. Man muss ihn länger als gewöhnlich drücken und darf dabei seine Stellung – exakt zwei Millimeter neben dem Symbol der großen Flamme – kein bisschen ändern. Sechs oder sieben Mal klackt es leise beim Funkenschlag, der das ausströhmende Gas entzündet, erst dann flammt der kleine Ring am Herd auf. Den Schalter dann mindestens drei weitere Sekunden gedrückt halten und beim Loslassen genau zwei Millimeter zurück auf das Symbol der großen Flamme drehen. So und nicht anders – unten rechts. Bei den anderen, geht es blind und ohne Fingerspitzengefühl. Langweilig. Ich mag die Herausforderung des kleinen Flämmchens unten rechts. Italienische Entschleunigung. Oder verbissene Sturheit meinerseits.
Ich mag Gasherde. Eine kleine Mokka funktioniert eigentlich nur auf ihnen. Blödsinn. Eine Mokka funktioniert überall, aber auf einer Flamme sieht sie für mich hübscher aus. Deshalb bleibe ich auf vor dem Herd stehen und warte, bis der Kaffee blubbert. Bei der kleinen Flamme unten rechts dauert das. Das ist gut, denn ich putze mir, vor dem Herd stehend, die Zähne und werde wach. Langsam nur, weil ich gestern 13 Stunden im Auto saß. 10 Stunden für knapp 400 Kilometer, weil ganz Bayern an den Gardasee fuhr. Ab Desenzano gings flott – da waren die restlichen Deutschen bereits an ihrem Ziel angekommen und nur ich (gefühlt) wollte Richtung Meer. Der Kaffee dauert länger als das Zähneputzen und ich scrolle durch die Statusmeldungen meiner Freunde in München. Am Pfingstwochenende sind alle unterwegs und suchen sich möglichst schöne Ort, um den Alltag zu entfliehen. Wie ich. Obwohl…eigentlich nicht. Ich setze mich 13 Stunden ins Auto, um in einen anderen Alltag einzutauchen. Einem der darin besteht, die schwächste der Flammen am Herd in Gang zu bekommen. Und einem, bei dem sich keiner meiner Freunde oder Bekannten hier unten am Meer, verpflichtet fühlt, seinen eigenen Alltag dem Besuch anzupassen.
Ich mag das. Ein bisschen fühlt es sich an, als würden sie alle eine große gemütlich Decke hochheben und mich einfach mit darunter schlüpfen lassen. Du bist wieder da, fein. Ich mag es, am ersten Abend alle Neuigkeiten erzählt zu bekommen. Nichts spektakuläres. Alltägliches. Im Moment brauche ich nichts spektakuläres. Ich brauche Nester. Meines in München und das am Meer. Zwei Ort, die ich sehr gut kenne und an denen ich mich wohlfühle.
Der Kaffee ist fertig und ich sitze auf dem Balkon. Unter mir, wohnen zwei, die ich seit letztem Jahr kenne. Dass sie da sind, weiß ich, weil die Markise ausgefahren ist. Wir werden uns Mittags zum Essen sehen. Auf der anderen Straßenseite im dritten Stock liegt eine noch im Bett und schaut fern. Zwei Stockwerke unter ihr ist einer, den ich mein halbes Leben kenne und der seine Freunde großzügig mit mir teilt, gerade aufgewacht. Das schreibt er mir und impliziert damit, dass es eindeutig noch zu früh für ihn ist, ein Telefonat zu führen. Muss er nicht. Ich gehe später einfach rüber. Am Meer schreit jemand seit einer Stunde nach Hilfe. Das ist ok, weil er Hunde trainiert, die Ertrinkende retten. Sonntag Morgen sollte hier besser niemand wirklich ertrinken. Jeder hier würde glauben, dass die Hundeschule probt und sich nicht die Mühe machen, auch nur aufzustehen. Und die fünf gegenüber sind dieses Wochenende nicht da. Wir werden uns das nächste sehen.
In zehn Tagen fahre ich wieder in meinen anderen Alltag zurück. Es macht mich nicht traurig. Der ist auch schön und wenn ich am Sonntag in München am Balkon sitzte, dann schaue ich in genau die gleiche Richtung wie jetzt. Nur das Meer sehe ich dann nicht, das ist ja über 700 Kilometer weit weg. Das ist ok. Es ist ja noch da, wenn ich das nächste Mal komme. Und daheim warten die Alpen auf mich, die ich bei Föhn sehe. Und Freunde, die, wenn ich wieder komme, die Decke heben und mich in ihren und unseren Alltag zurück schlüpfen lassen.
