Übungssache

Ob es nicht ein wenig seltsam sei, alleine und ohne Begleitung nach Italien zu fahren, fragt sie und ich zucke mit den Schultern. Und wenn, warum dann nicht in ein Hotel, wo man weiß was man hat und sich ein wenig verwöhnen lassen kann, will sie wissen und ich habe keine Antwort. Keine, außer die, dass es sich richtig anfühlt. Dass ein Hotelfrühstück nicht das ist, was ich in Italien möchte und dass ich alleine fahre, weil ich nichts mitnehmen, sondern etwas finden möchte. Nach Italien fuhr ich, solange ich denken kann, alleine. Ich fuhr von München nach Elba, Mailand, Verona oder noch weiter in den Süden um jene zu treffen, die dort lebten und die ich vermisste. Eine Zugfahrt mit Umstiegen in Orten, von denen ich noch nie gehört habe, schreckte mich noch nie, sind doch Bahnhöfe eben jene Orte, die kein Wissen benötigen, weil sie überall ähnlich und ohne Erklärungen funktionieren. Und doch mag ich ihre Fragen nicht, weil es mir fremd geworden ist, alleine unterwegs zu sein. Ich bin behutsamer geworden. Unsicher und ängstlich. Nichts davon war ich früher und nichts davon passt zu mir. Als ich vor vier Wochen dem mutigsten meiner Freunde sagte, dass ich Ostern auf einen Sprung runter komme, hat er nur „ja“ gesagt. Natürlich, warum auch nicht. Einsteigen, fahren und ankommen. So war es früher und so sollte es auch heute noch sein. Ein paar Tage Verona, einen Freund besuchen und dann weiter in den Süden oder ein Stück zurück in den Norden, das würde man spontan sehen, zu ihm auf einen Café und eine Pizza am Abend. Ein bisschen konfus, ein bisschen planlos, aber das war ich immer. Er sagte nur „ok“ und „bis dann“.  Weiterlesen

Hauptsache gelb

Heute stelle ich meinen Kolleginnen einen Blume auf den Schreibtisch. Jede von Ihnen bekommt ein gelbe Tulpe. Eigentlich müsste es der Zweig einer Mimose sein, aber da es a) in München schwer ist an Mimosen zu kommen und b) sie eh nicht wissen warum, wird es auch die Tulpe tun. Hauptsache gelb. Das sagte mir auch mein Italien-Sommer-Sonne-Jugend Freund als er mich vor Jahren in Verona von der Arbeit abholte und mir einen Strauß gelber Freesien in die Hand drückte. Weiterlesen

164 Tage

164 Tage, sagte ich an Weihnachten zum mutigsten meiner Freunde und umarmte ihn zum Abschied so fest wie immer. 164 Tage, dachte ich mir als ich ihm auf dem Balkon stehend ins Auto steigen sah und hatte das erste Mal seit vielen Jahren keine Tränen in den Augen. 164 Tage ist weniger als die 365 Tage die wir gewohnt waren und eine Zeitspanne die ich mit trockenen Augen überbrücken konnte. Gut möglich, dass er der mutige, schon vor zwei Monaten ahnte, dass ich 164 Tage nicht durchhalten würde.  Weiterlesen

Nur ein Freund

Manche verstehen es nicht. Verstehen nicht, was Menschen verbindet, wenn ihre Herzen im gleichen Takt schlagen. Nur Freundschaft, fragen sie und ich erspare ihnen und mir eine Erklärung, die sie nicht begreifen würden. Wer dem Wort Freundschaft ein banales „nur“ aufdrängt, dem kann ich nicht begreifbar machen, was mir manch guter Freund bedeutet und will es gar nicht erst versuchen. Manche verstehen auch nicht, dass es Orte gibt, die ich erst dann wieder sehen möchte, wenn neben mir einer steht, mit dem ich sie das erste Mal gesehen habe. Sinnlos zu erklären, dass es alleine anders und nur halb so schön wäre. Es kümmert mich nicht, ob sie es verstehen. Mir reicht es, wenn es einer versteht, auch wenn ich ihm nur zu gerne den Hals umgedreht hätte, als ich nach Jahren wieder auf das Meer geblickt habe, an dessen Strand wir vor langem einmal gesessen sind. Weiterlesen

Glücklich motzend

Eine gute Reisebegleitung zeichnet sich dadurch aus, dass sie mich auf den letzten Metern vor der Grenze nach Italien erträgt. Die ersten paar hundert Kilometer bin ich entspannt, ruhig und gelassen. Aber kurz vor der Grenze sage ich nichts mehr, wippe mit den Füßen auf und ab und kaue an den Fingernägeln. Ich laufe nicht ganz rund, wenn es um Italien geht. Sie haben es sicher schon bemerkt. Ich kann nichts dafür. An weit über dreihundert Tagen im Jahr bin ich mit Leib und Seele Münchnerin und liebe meine Heimatstadt von ganzen Herzen. Wenn ich aber in der Nähe der alten, der zweiten Heimat bin, beginnt das kleine Loch in meinem Herzen zu schmerzen. Dann und nur dann spüre ich es. Ich bin ja selbst schuld. Hab mir selbst ein kleines Stückchen Herz rausgerissen als ich zu schnell und zum falschen Zeitpunkt damals zurück nach München ging. Fast alle Herzteile habe ich wieder, nur das eine, kleine nicht. Es ist in der Hosentasche des mutigsten meiner Freunde. Längst habe ich begriffen, dass es dort bleiben und er es für mich aufbewahren muss, damit ich meine Sehnsucht nicht verliere. Ich mag sie, die Sehnsucht. Es gibt wenig schöneres, als sie zu stillen. Der Preis für dieses Gefühl ist ein kleines Loch im Herzen das weh tut, wenn ich mich der Grenze nähere und mich in eine Furie verwandelt, wenn einer 50 Kilometer vor dem Grenzübergang noch auf die Toilette möchte. NEIN, sage ich dann und versuche zu erklären, dass ich ersticke und gleichzeitig ertrinke, wenn ich nicht sofort nach Hause komme. Weiterlesen

Um 06:05 Uhr – große Ferien

Grausam früh klingelt dieser Tage mein Wecker. So früh, dass mich noch keine Sonnenstrahlen wecken und ich den Kaffee in der Küche unter dem sanften Licht der Dunstabzugshaube zubereiten muss. Um kurz nach fünf bin ich zu müde für das grelle Deckenlicht und mache alles im Halbdunkel. Wenn ich noch schnell die Blumen auf dem Balkon gieße, erinnert mich die Dämmerung daran, dass der Herbst bereits vor der Türe steht. So war es in den großen Ferien immer. Uns Münchner Kinder hat man solange ich denken kann, stets erst mit dem August entlassen. Wenn endlich die freie Zeit begann, hatten wir den Sommer im Nacken und rannten mit bereits gebräunten Armen und Beinen und mit neuen Sommersprossen auf den Nasenspitzen in die endlos erscheinende Freiheit. Kaum waren die ersten Wochen vorbei, begann es bereits nach dem Herbst zu riechen. Wir rochen nichts, weil unsere Nasen vom vielen Chlor in den Freibädern, abgestumpft und verstopft waren. Aber unsere Mütter, die hörten wir sagen, dass man das Ende des Sommers bereits riechen konnte. Sie zeigten uns die ersten welken Blätter der Kastanien und sprachen von kürzer werdenden Tagen. Wir merkten davon nichts. Wer den ganzen Tag draußen verbrachte und um acht Uhr abends ins Bett geschickt wurde, der bemerkte das früher Dämmerlicht nicht. Es hätte uns auch nicht interessiert – wir befanden uns in den großen Ferien und unsere Körper waren bis unter die Haarspitzen voll mit Sommer.

Heute rieche ich es. Ich rieche den Herbst und sehe die Blätter, die noch grün und saftig sind, sich aber schon bereit machen, zu welken. Besonders früh morgens an der Tankstelle an der ich im Stehen einen Espresso trinke, um den Arbeitsbeginn noch ein klein wenig hinauszuzögern, so wie ich früher einmal um das Schulgebäude herum gelaufen bin, bevor ich mich schweren Herzens hinein begeben habe. Immer die Letzte vor dem Achtuhr-Läuten, bin ich heute im Büro die Erste. Ich mag die Ruhe des Morgens und ich stelle fest, dass ich seit einigen Tagen nach dem Sechs-Uhr-Morgens-Tankstellengeruch süchtig geworden bin. An jedem einzelnen Tag möchte ich, dem mutigsten meiner Freunde schreiben, dass es jetzt in diesem Moment so sehr nach Italien riecht, dass ich mich ganz seltsam fühle. Ich tue es nicht. Ich würde ihn wecken und ich weiß nicht ob er sich noch an den Geruch nach Italien erinnert und begreifen würde wovon ich spreche. Er lebt schon so lange in Italien, dass er womöglich vergessen hat, wie das deutsche Italien riecht. Es würde mir schwer fallen, es ihm zu erklären. Es riecht nach den großen Ferien, die wir nie Sommer-, sondern immer nur die großen Ferien genannt haben. Es riecht nach Spätsommer. Spätsommer, morgens um sechs Uhr, wenn die Luft noch kühl ist, man die Hitze, die der Tag mit sich bringt, aber schon erahnen kann. Ein Hauch, bereits welker Blätter und Gras, das vom Sommer schon erschöpft und nicht mehr saftig ist. Und – das ist das wichtigste, würde ich ihm erklären – man riecht es nur an einer Tankstelle. Das deutsche Italien riecht nach Benzin mit einer feinen, kaum wahrnehmbaren Kaffeenote. Kein guter Kaffee – Tankstellenkaffee.

So riecht es, weil es der Geruch unserer Kindheit ist. Wir alle sind in den großen Ferien zu nachtschlafender Zeit von unseren Eltern halb getragen, halb geschoben in ein bis unter das Dach vollgepacktes Auto gesetzt worden und mit ihnen gemeinsam in Richtung Süden aufgebrochen. Die erste Pause, meist wurden wir dann erst richtig wach, fand gegen sechs Uhr morgens statt. Übermüdete Väter, verschlafene Mütter und Kinder die an einer Tankstelle aus dem Auto krochen. Und dann, dann roch es eben genau so. Dann roch es nach Italien. Selbst wenn wir, wegen eines Staus noch in Österreich waren oder unser Ziel nicht Italien sondern Jugoslawien (damals noch ein Land) oder gar Griechenland war. Ich erinnere mich, dass meine Mutter spätestens bei der zweiten Pause behauptete, bereits das Meer riechen zu können. Vielleicht, würde es für sie um sechs Uhr morgens an meiner Tankstelle auch nach Meer riechen. Das könnte gut sein, weil Gerüche so subjektiv empfunden werden, wie Erinnerungen.

Bei Gelegenheit werde ich den mutigsten meiner Freunde fragen ob er weiß, was ich meine. Ich denke, er kennt den Geruch noch. Schließlich hat er ihn mit mir gemeinsam auch einige Male gerochen und wir waren in diesen Momenten genauso aufgeregt, zappelig und ungeduldig wie Achtjährige gewesen. Mit ihm roch ich den Duft der großen Ferien auf dem Weg nach Elba. Auch an einer Tankstelle unterhalb von Rom und auf dem Heimweg von Salerno. Morgen früh vielleicht, werde ich ihn fragen. Wenn er sich nicht erinnert, dann werde ich ihm sagen, dass er unbedingt nach München kommen muss. Ein Tag reicht – wichtig ist nur, dass die Sonne scheint und der Tag heiß wird. Das sollte er unbedingt, denn morgens um sechs im August an einer Tankstelle, da riecht es so sehr nach den großen Ferien, dass man heulen könnte vor tief empfundenen Glück. Ganz so wie damals, als endlich die Tore der Schule aufgingen und man raus konnte. Raus in einen endlosen Sommer.

Man darf nur nicht daran denken, dass man eigentlich ins Büro muss. Ich gebe mir noch drei Tage an der Tankstelle. Dann bin ich soweit und fahre nicht in die Arbeit sondern direkt weiter auf die Autobahn, über den Brenner und nach Italien. Oder Kroatien. Vielleicht auch nach Griechenland. Es könnte mir niemand verübeln – es ist August, da hat man große Ferien.

Grüezi vom Bernhard

Ich bin dem mutigsten meiner Freunde für viele Dinge dankbar, besonders aber dafür, dass er manchmal keine Fragen stellt. So sagte er zum Beispiel vor einigen Wochen, nur „schön“, als ich ihm mitteilte dass ich ihn für genau 6 Stunden an einem Schweizer Ort in der Nähe zu Italien besuchen würde und leider nicht mehr Zeit hätte, weil ich mich einer Reisegruppe besteht aus 50 Rentnern (inklusive meiner Eltern) angeschlossen habe und Tags darauf das Jungfraujoch zwischen Mönch und Eiger besichtigen würde. Mit keinem Wort fragte er mich, ob es nicht sinnvoller sei, ihn für etwas mehr als 6 Stunden dann eben einfach einige Tage später zu besuchen. Die Frage wäre durchaus berechtigt gewesen. Selbst für ein Organisationstalent wie mich, handelt es sich bei 48 Rentnern (exklusive meiner Eltern) um unbekannte Variablen, die einen gut durchdachten Plan binnen kürzester Zeit zunichte machen können. Weiterlesen