Alltag VIII – einmal noch

Obwohl die Sonne in diesem Frühjahr noch nicht oft schien, reichten ihre Strahlen, um die Haut der Unterarme deines Bruders zu bräunen. Eine Bräune, die ich am Ende des Hochsommers nicht erreiche und die in deiner Familie noch fast als blass gilt. Man sollte einem Menschen ins Gesicht sehen, wenn man sich mit ihm unterhält. Ich blicke auf einen Unterarm und halte mich an feinen, hellbraunen Härchen fest. Ab Juli sind sie blond und kurz nach Weihnachten dunkelbraun. Obwohl ich diese Härchen, diese Haut und diesen Menschen kaum kenne, weiß ich, dass es bei ihm nicht anders ist als bei dir. Ihr seht Euch ähnlich. Viel zu ähnlich für zwei Männer von denen einer viel später als der andere geboren wurde. Es irritiert mich, obwohl es mich nicht wundern sollte. Deine Uhr ist stehen geblieben, die seine nicht. Jetzt seid ihr etwa gleich alt und die Familienähnlichkeit ist unverkennbar. Es tue ihm leid, sagt er verlegen lächelnd und macht es nicht besser, weil sein Lächeln fremd und doch vertraut ist. Es tue ihm wirklich leid, wiederholt er und ich muss ihm in die Augen sehen, weil man das tut, wenn einer höflich um Entschuldigung bittet. Seine Augen sind braun und ich bin erleichtert. Braun und nicht grün, das ist gut. Seinem Schneidezahn fehlt ein winziges Stück, das du hattest und über seiner Augenbraue fehlt die kleine Narbe. Gleicher Schlag, das ja, aber doch ganz anders. Blödsinn, sage ich und schüttle den Kopf, weil es albern ist sich zu entschuldigen, nur weil man jemanden ähnlich sieht. Weiterlesen

Alltag VII – mein Alltag, sein Alltag, unser Alltag

Die Stille in seiner Wohnung klingt anders, als jene in meiner Wohnung. Sie müsste mir vertraut sein. Sie ist es und klingt doch ganz anders, weil Stille nur selten wirklich geräuschlos und immer ganz individuell ist. Gedämpft höre ich auch hier, auf seinem Sofa, das Geräusch von Reifen auf einer Regennassen Straße und doch klingt es anders. Er wohnt höher als ich, wahrscheinlich liegt es daran. Auch seine Schritte klingen anders als die meinen und selbst das Knarzen des Parketts in seiner Wohnung unterscheidet sich von dem meinem. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil ich hier bei ihm Gast bin und selbst keine Geräusche verursache. Still und ruhig habe ich mich unter der Decke, die er mir im Vorbeigehen zugeworfen hat, eingerollt und höre der Stille zu. In meinem Alltag komme ich dazu nicht. In seinem schon. Hier muss ich nichts machen. Alles was zu Hause ich mache, macht hier er. Und obwohl mir jeder seiner Handgriffe vertraut ist, klingen sie immer ein wenig fremd. Männlicher vielleicht. Ich schließe die Schubladen in meiner Küche mit einem Stoß der Hüfte. Bei mir scheppert es. Die seinen gleiten lautlos und wie in Zeitlupe zurück, weil er längst etwas eingebaut hat, das sie vom Scheppern abhält. Kein noch so starker Hüftstoß bringt sie zum Scheppern. Dafür kann ich in meiner Wohnung schleichen. Im Flur gibt es keinen Parkett und ich kann leise von einem Raum zum anderen gehen. Hier nicht. Ohne die Augen zu öffnen, weiß ich, dass er ins Bad gegangen ist. Ich wüsste es auch so, weil das Wasser durch die Leitungen rauscht. Kein anderer den ich kenne, wäscht sich so oft die Hände, wie er. Immer wieder wundert es mich, dass seine Haut dennoch nicht trocken ist, obwohl sein Alltag keine Handcreme bereit hält. Vielleicht hält er sie für zu weiblich. Ich erkundige mich nicht, da seine Hände trotzdem weicher als die meinen sind. Weiterlesen

Alltag VI – Giesinger Traumwohnung

Lage, Lage, Lage – im Immobilien Jargon noch immer eines der Verkaufsargumente schlecht hin. Auch bei meiner Wohnung könnte man mit der Lage punkten. Ich könnte Ihnen jetzt viele Argumente nennen, die für mein Viertel, mein Haus und ganz besonders meine Wohnung im zweiten Stock des Vorderhauses sprechen. Die Lage, die Nachbarschaft, die wunderbare Ausrichtung der beiden Balkone die ganztägig abwechselnd Schatten und Sonne spenden und nicht zuletzt die fantastische Hellhörigkeit, die ein intensives Studium der Mitbewohner ermöglicht. Erstaunlicher Weise gilt meine Wohnung im Freundes- und Bekanntenkreis dennoch meist nicht als Kleinod. Obwohl ich es bedaure, dass viele meiner Freunde ihren Reiz nicht sofort erkennen, muss ich zugeben, dass meine vier Wände vielleicht ein kleines, ein ganz kleines bisschen nicht den gängigen Vorstellungen einer Traumwohnung entsprechen.  Weiterlesen

Warten – Alltag V

Sie, deren Blog ich seit lese, seit wir sonst keinen Kontakt mehr haben, wartet. Wieder einmal. Es ist bedrückend zu lesen, wie oft sie wartet, über das Warten schreibt und das Ende der Warterei herbei sehnt. Ändern wird es sich nicht mehr. Vielleicht doch, ich würde es ihr wünschen, glaube aber nicht mehr daran. Zu lange sprach sie vom Warten auf den richtigen Zeitpunkt und zu oft, dachte ich an verstreichende Zeit und verpasste Gelegenheiten. Gedacht und nicht gesagt, weil es anmaßend ist, von der verschwendeten Zeit eines fremden Lebens zu sprechen. Weiterlesen

Alltag – Pause III

Seit Freitag Mittag schneit es und seit dem frühen Abend ist die Stadt komplett weiß. Nur selten gibt es Schneefälle, die den Dreck der Stadt binnen Minuten verdecken. Als ich den Laden betrat, lag der Schnee nur auf den Rasenflächen, zwanzig Minuten später, waren Gehweg und Straßen weiß und nach dem Abendessen bewarfen mich zwei Kinder und ein Erwachsener mit großen, in der Luft zerfallenden Schneebällen. Sie schmolzen als ich in der U-Bahn saß und ihre Reste rannten mir in den Nacken. Ein Gefühl, das nur deshalb schön ist, weil es von den steif gefrorenen Fingern ablenkt. Sie tauen später. Mit einer heißen Tasse in der Hand tut es etwas weh, ist aber ein kleiner Preis, den man für so schönen und reichlichen Schnee gerne bezahlt. Die ganze Nacht über schneit es. Ich höre es, weil auf der Straße nichts zu hören ist. In meine kleine Seitenstraße kommt kein Schneepflug und die dicke weiße Schicht verschluckt die wenigen Autos, die bei diesem Wetter unterwegs sind. Bei Schneestille aufzuwachen ist besonders, weil man sich auf die gewohnten Geräusche nicht verlassen kann. Selbst die Glockenschläge hört man kaum. Zwischen den dicken Flocken ist dem Schall die Luft ausgegangen. 

Ludwig, dem Nachbarsjungen nicht. Er brüllt im Laubengang direkt vor meinem Fenster und wird erst leise, als er sich die dritte Handvoll Schnee in den Mund stopft. Man sollte ihm sagen, dass Schnee nicht in den Mund gehört. Meine Mutter tat es. Alle Mütter taten es. Ich nicht. Ich klopfe gegen die Scheibe und winke. Wieder bin ich das Ziel von Schneebällen. Auf der Arbeitsfläche in der Küche sitzend und mit einer Tasse Kaffee in der Hand beobachte ich die Geschosse, die gegen meine Scheibe fliegen. Noch hat er nicht genug Kraft um Schaden anzurichten und weil es schon egal ist, puste ich als Gruß von innen etwas Milchschaum  gegen das Fensterglas. Ludwig weiß es zu schätzen und verstärkt das Bombardement. Später als er längst weg ist, sitze ich noch immer im Schneidersitz zwischen Spüle und Herd und beglückwünsche mich für den Geistesblitz, die Milch gar nicht erst in den Kühlschrank zurück gestellt zu haben. So halte ich den dritten Kaffee des Morgens in der Hand und kann weiter das Schneetreiben beobachten. Draußen ist jetzt ein Schneesturm. Die Flocken wehen bis gegen mein Fenster und ich weiß, dass ich das Haus heute nicht verlassen werde. Pasta, Olivenöl und eine Ecke Parmesan. Das reicht. Es reichte das erste Jahr in Italien und es wird an diesem Wochenende reichen. Zumal ich, auf der Anrichte sitzend kaum Kalorien verbrenne. 

Was ich mache, fragt man und ich antworte nicht. Lese keine Nachrichten und überhöre das klingelnde Telefon bis weit in den Nachmittag hinein. Pause antworte ich jenen schließlich doch, die sich mehr als einmal gemeldet haben. Kaum etwas eignet sich besser für Pausen als windige Schneetage. Ab drei Uhr brennen die Kerzen am Christbaum und ich bin auf Tee umgestiegen. Sein Geruch passt zu dem Duft, des schon trockenen Baumes und ja, auch zum Schnee, der noch immer fällt. Um fünf Uhr habe ich den Moment verpasst, mich anzuziehen. Der Nachbarsjunge vor dem Fenster sieht es und lacht mich aus. Ich strecke ihm die Zunge raus und wir schneiden ein paar Minuten lang Grimassen durch das Küchenfenster. Als der Dampf des Nudelwassers die Scheibe endgültig blind macht, verschwindet er. Man könnte heute Abend doch ganz herrlich….nein, schreibe ich, heute kann ich nicht. Ich will dem Schnee noch ein wenig länger beim Fallen zusehen und bin eigentlich doch längst eingeschneit. Etwas, das mitten in der Stadt alles andere als alltäglich ist und ganz unbedingt zu einer Pause des Alltags führen muss. Die Wäsche kann warten, das Buch nicht, weil Schneefall stilles Lesen unterstützt. Von Resten des Vorratsschrankes kann man leben, ohne aus dem Fenster zu sehen nur sehr schwer, weil es dumm wäre den Blick vor etwas so schönem zu verschließen. 

Ob er sich neben mich setzen darf, fragt er und ich nicke. Gerne, aber nur wenn er still ist, damit wir das Fallen der Flocken auch wirklich hören oder es eben nicht hören, weil weniges so schön klingt, das kein Geräusch hat. Morgen ist Montag. Alltag. Heute ein weiterer Schneetag. Die Flocken haben nachgelassen. Das ist in Ordnung, solange es still bleibt. In meiner Seitenstraße sicher noch eine Weile. Lange genug um mit Kaffee drei und vier aus dem Küchenfenster zu schauen. Mit der ersten Teetasse die Lichter am Christbaum anzuzünden und das Nudelwasser ein paar Minuten beim Kochen zu beobachten. 

Alltag….Mehr Beiträge zum Thema finden sich hier:
Ulli hat und wird sie auf ihrem Blog zusammen tragen. Herzlichen Dank dafür.

Alltag [der]: Substantiv, maskulin [ohne Plural] II

Stimmt nicht. Lassen Sie sich von mir versichern, dass der Duden eben doch nicht alles weiß. Natürlich gibt es einen Plural vom Alltag. Der Alltag; die Alltage. Ausnahmsweise lehne ich mich etwas aus dem Fenster und bezeichne mich als Autorin. Als eine, die überwiegend über den Alltag schreibt und die sich anmaßt, sich aufgrund der intensiven Beschäftigung mit eben diesem, bestens auszukennen. Deshalb….Plural: [Alltage]. Sorry, Duden – ist so.  Weiterlesen

Fremder Alltag I

Blöd ist er nicht, der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht. Auch nicht schwer von Begriff. Er versteht sofort, was ich meine als ich ihm kurz nach Mitternacht eine SMS schreibe: „Hey, ich schnuppere gerade in deinen Alltag hinein.“ Warum ich in einer Klinik sei, will er wissen und ich schicke ihm ein Foto des hübschen Nachthemds, das ich tragen muss und das nicht mir gehört. Und das Wort „Idiot“, weil ich seinen Alltag in meinem nicht wirklich brauchen kann. Nicht diesen Alltag. Nicht den, der nach Desinfektionsmittel, Latex und Erbrochenen riecht. Vielleicht bin auch nur ich es, die gerade so riecht und der Rest des Krankenhauses duftet fein nach den Menschen die darin arbeiten. So wie er, zum Beispiel. Und, fragt er mich und ich schreibe ihm, dass es seltsam ist so plötzlich im Alltag eines anderen aufzuwachen. Er ist so anders als der meine. Tippen geht also noch, antwortet er mir und fügt einen Smiley, der die Augen verdreht, bei. Ja, schreibe ich und konzentriere mich wieder auf die vielen Geräusche vor der Türe. Ob hier alle Schuhe mit quietschenden Sohlen tragen, frage ich mich und ihn, ob das in einem Krankenhaus Einstellungsvoraussetzung ist. Sie kriegen den Job, aber nur, wenn ihre Sohlen ordentlich laut quietschen. Quietschen deine Sohlen, frage ich ihn und weiß, dass er beim Lesen nicht lächelt sondern die Augen verdreht, weil ich ihm noch immer nicht gesagt habe, warum ich in seinem Alltag herumliege. Weiterlesen