Alltag VII – mein Alltag, sein Alltag, unser Alltag

Die Stille in seiner Wohnung klingt anders, als jene in meiner Wohnung. Sie müsste mir vertraut sein. Sie ist es und klingt doch ganz anders, weil Stille nur selten wirklich geräuschlos und immer ganz individuell ist. Gedämpft höre ich auch hier, auf seinem Sofa, das Geräusch von Reifen auf einer Regennassen Straße und doch klingt es anders. Er wohnt höher als ich, wahrscheinlich liegt es daran. Auch seine Schritte klingen anders als die meinen und selbst das Knarzen des Parketts in seiner Wohnung unterscheidet sich von dem meinem. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil ich hier bei ihm Gast bin und selbst keine Geräusche verursache. Still und ruhig habe ich mich unter der Decke, die er mir im Vorbeigehen zugeworfen hat, eingerollt und höre der Stille zu. In meinem Alltag komme ich dazu nicht. In seinem schon. Hier muss ich nichts machen. Alles was zu Hause ich mache, macht hier er. Und obwohl mir jeder seiner Handgriffe vertraut ist, klingen sie immer ein wenig fremd. Männlicher vielleicht. Ich schließe die Schubladen in meiner Küche mit einem Stoß der Hüfte. Bei mir scheppert es. Die seinen gleiten lautlos und wie in Zeitlupe zurück, weil er längst etwas eingebaut hat, das sie vom Scheppern abhält. Kein noch so starker Hüftstoß bringt sie zum Scheppern. Dafür kann ich in meiner Wohnung schleichen. Im Flur gibt es keinen Parkett und ich kann leise von einem Raum zum anderen gehen. Hier nicht. Ohne die Augen zu öffnen, weiß ich, dass er ins Bad gegangen ist. Ich wüsste es auch so, weil das Wasser durch die Leitungen rauscht. Kein anderer den ich kenne, wäscht sich so oft die Hände, wie er. Immer wieder wundert es mich, dass seine Haut dennoch nicht trocken ist, obwohl sein Alltag keine Handcreme bereit hält. Vielleicht hält er sie für zu weiblich. Ich erkundige mich nicht, da seine Hände trotzdem weicher als die meinen sind.

In meinem Alltag mag er das Geräusch meiner tippenden Finger nicht. Es würde ihn nervös machen, sagt er und dass er nicht verstünde warum ich konstant schneller tippen als denken würde. Etwas, von dem er überzeugt sei, weil man unmöglich so schnell einen vernünftigen Satz denken könne, wie ich ihn aufzuschreiben versuche. Ich widerspreche nicht, nur manchmal stehe ich in seinem Alltag hinter ihm und kann mir nur schwer vorstellen, wie es ist, so lange über einen nicht mal besonders hübschen Satz nachzudenken, bevor man ihn Buchstabe für Buchstabe der Tastatur übergibt. Wahrscheinlich tippt sich „Trastuzumab (Herceptin)“ einfach nicht so schön wie „Eichhörnchen (hellbraun)“. Fragen Sie nicht nach Trastuzumab…..kaum etwas in seinem Alltag liest sich schön. Die harten, stockenden Anschläge auf der Tastatur passen dazu. Ein Stück weit auch zu ihm und dem Arbeitszimmer, dessen Alltagsgeräusche mir nicht sonderlich gut gefallen. Schöner klingt es in der Küche. Seit ich Marmeladengläser in das Türfach gestellt habe, scheppert es dort ab und zu doch. Ich mag das leise Stöhnen, dass ausnahmslos immer darauf folgt. Erstaunlich, wie lieb man ein leicht genervtes Stöhnen gewinnen kann, wenn es aus der richtigen Kehle kommt. Eine, die darauf besteht, dass sich niemand in ihrem Alltag breit macht und nur einer anderen Kehle zu liebe, Zugeständnisse macht. Zugeständnisse, die ebenfalls nur leise stöhnend gemacht und immer verleugnet werden. Das zweite Kissen, leise murrend besorgt, weil ihm der Arm einschliefe, wenn ich ihn zu lange darauf liegen würde. Bis heute habe ich es nicht benutzt. Auch das Murren gehört zur Geräuschkulisse seines Alltags, wenn er auf den meinen trifft. Schöner, aber nicht ganz so wertvoll, das Summen im Bad. Er summt nicht, sagt er und tut es doch. Bis unter meine Decke auf dem Sofa höre ich es und mag es sehr. So sehr wie das Zischen seiner Kaffeemaschine und die schwungvoll in die Spüle geworfenen Teelöffel. 

Was ich mache, will er wissen und setzt sich zu mir. Ich höre ihm ein wenig zu, sage ich und lausche seinem leisen Lachen, das er immer lacht, wenn er nicht weiß, was ich meine. Vielleicht erkläre ich es ihm später. Dann wenn keine harten Buchstaben mehr getippt werden, wenn die Milch weggeräumt und die Türe des Kühlschranks stöhnend geschlossen wird und wenn meine Schuhe im Flur murrend zur Seite gekickt wurden. Gastschuhe haben bei ihm keinen Platz. Vielleicht in zwei Jahren. Solange dauerte es, bis das zweite, nie benutzte Kissen auftauchte. Ich mag seinen Alltag, der nicht der meine ist. In seinem Alltag sorgt er sich um mich. In meinem, ich mich um ihn. Dass ist wichtig, so vergessen wir nicht, wie schön und wertvoll es ist, wenn einer sich kümmert. Nicht weil er muss, sondern weil er will, dass der andere sich wohlfühlt und nicht versehentlich im Alltag verloren geht. Ob ich das Sofa heute noch mal verlasse, fragt er und ich schüttle den Kopf. Na dann, stöhnt er lachend, wird er mir den Kaffee wohl bringen müssen. Muss er. Es ist ja sein Alltag, der gerade auf dem Herd zischt. 

 

Liebe Ulli, wie jeden Monat ist es eine Freude in den Alltag von mir, von ihm und allen anderen die sich an deinem Projekt beteiligen einzutauchen. Wer mehr Alltagsgeschichten lesen möchte…hier.

17 Gedanken zu “Alltag VII – mein Alltag, sein Alltag, unser Alltag

  1. ach, ist das wieder schön! So gut geschrieben Mitzi! Schon oft ist mir schon aufgefallen, wie werschieden die Alltagsgeräuschee in meiner Wohnung hier und dort sind, aber drauf gekommen, ihnen mit so beweglichem Geist nachzulauschen, bin ich nicht.

    Gefällt 4 Personen

  2. Das schnelle Tippen nähert sich der Denkgeschwindigkeit an? Man ist versucht, auch so schnell zu lesen, liebe Mitzi Manchmal denke ich, dass wir zum Unhandlichen wie dem Kartoffeldrruck zurückkehren müssten, um wieder Langsamkeit ins Einfühlen zu bekomen. Dem Textverständnis käme es zugute.

    Gefällt 3 Personen

  3. Liebe Mitzi, welch ein Genuss! Ich danke dir für deinen Beitrag, ich weiß, ich mach das auch bei anderen, aber hier geht es um etwas, das ich gerade nicht ausdrücken kann, weil deine Geschichte etwas mit mir macht.
    Herzensgrüße an dich,
    Ulli

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  4. ich liebe deine alltagsgeschichten. immer wenn ich sie lese, denke ich, adss es die geschichten sind, die ich am allerliebsten mag. und dann schreibst du eine geschichte über italien und ich denke, es sind die italiengeschichten. dann schreibst du wieder einen über die vergangenheit und dann ist es diese. langer rede, kurzer sinn, dies ist wieder eine besondere beschreibung eines
    alltäglichen moments, den du durch deine augen so besonders machst, wie er sein kann. ergibt das sinn? ich bin nicht sicher. ich hoffe, du weißt in etwa, was ich damit sagen will ❤

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    1. Ich glaub ich weiß was du sagen möchtest und freue mich sehr darüber. Ein sehr schönes und ganz wunderbares Gefühl, wenn meine kleinen Erzählungen einen anderen berühren und etwas auslösen. Eine Umarmung über die Grenze nach Österreich! ❤

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  5. Pingback: Alltag 8 |

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