Alltag VI – Giesinger Traumwohnung

Lage, Lage, Lage – im Immobilien Jargon noch immer eines der Verkaufsargumente schlecht hin. Auch bei meiner Wohnung könnte man mit der Lage punkten. Ich könnte Ihnen jetzt viele Argumente nennen, die für mein Viertel, mein Haus und ganz besonders meine Wohnung im zweiten Stock des Vorderhauses sprechen. Die Lage, die Nachbarschaft, die wunderbare Ausrichtung der beiden Balkone die ganztägig abwechselnd Schatten und Sonne spenden und nicht zuletzt die fantastische Hellhörigkeit, die ein intensives Studium der Mitbewohner ermöglicht. Erstaunlicher Weise gilt meine Wohnung im Freundes- und Bekanntenkreis dennoch meist nicht als Kleinod. Obwohl ich es bedaure, dass viele meiner Freunde ihren Reiz nicht sofort erkennen, muss ich zugeben, dass meine vier Wände vielleicht ein kleines, ein ganz kleines bisschen nicht den gängigen Vorstellungen einer Traumwohnung entsprechen. 

Ich sehe ein, dass es nicht leicht ist, sechseckige Räume einzurichten. Neben Kreativität und Phantasie braucht es etwas guten Willen und Beweglichkeit. Dann aber kann man an eine der sechs Wände eine hübsche Kommode stellen, die sich auch öffnen lässt. Man darf nur nicht davor stehen. Muss man aber auch nicht, denn Unterwäsche und Socken kann man gut, auf dem Bauch liegend, vom Bett aus, heraus fischen. Und in den großen Schrank, dessen Türen sich nur ganz öffnen lassen, wenn man das Nachtkästchen zur Seite schiebt, darf man eben nur die Dinge hängen oder stellen, die man nur selten braucht. Staubsauger, Wäscheständer und ähnlichen Kram. Dafür habe ich drei Flure. Das sind ganze zwei mehr, als die meisten Wohnungen haben. Leerer, sinnloser Raum, stand im Expose zwischen den Zeilen. Hätte ich es geschrieben, dann wäre da von einer Bibliothek und einem Ankleideraum die Rede gewesen. Überhaupt wäre ich als Immobilien Makler ganz große klasse. So etwas würde mir wirklich liegen. Verschnitten, sagte der, der mir die Wohnung vor Jahren zeigte, mit einem entschuldigenden Lächeln. Hätte er nicht in München gearbeitet, wo man jedes Loch zu einem horrenden Preis verscherbeln kann, hätte er sich um seine berufliche Zukunft sorgen müssen. Die Wohnung ist nicht verschnitten, sie hat Charme! Gut, da ist eine wirklich große Wand im Wohnzimmer, die unbedingt ein bis drei Steckdosen bräuchte, aber das muss man dann eben entsprechend verkaufen. Achtsamkeit – das Schlagwort für gestresste Menschen – ist hier das Verkaufsargument. Wenn man an dieser Wand sitzt, dann findet man ganz zu sich selbst. Hier wird nicht gelesen (keine Steckdose für die Lampe), von dort hat man keinen Blick zum Fernseher und weil die Wand zwei Knicke hat und sich damit für größere Regale disqualifiziert (auch weil die Küchentüre von ihr abgeht) ist es ein Ort an dem man Rücken schonend einfach am Boden sitzt und ein bisschen meditiert. Dazu kommt man in unserer hektischen Zeit sonst kaum noch. 

Und gut, meine Küche ist etwas klein. Für Geschirrspüler und Gefrierschrank fehlt der Platz. Dafür hat sie ein wirklich hübsches und großes Fenster vor der Spüle. Auch hier ist Zen Meditation beim Abspülen möglich. Steht nicht gerade ein Nachbar vor dem Fenster, blicke ich in einen wunderschönen, grünen Innenhof. Überhaupt sind die Fenster wunderbar. Nicht das winzige im Bad, das so hoch oben über der Wanne ist, dass ich es noch nie geputzt habe, sondern das im Wohnzimmer. Das ist wirklich enorm groß. Man darf den Ausblick dort freilich nicht mit anderen vergleichen. Ich kennen einen, der kann ins Meer spucken, wenn er morgens mit einer Tasse Kaffee am Balkon steht. Das ist schon fein. Mehr noch, das ist der wahrscheinlich schönste Ausblick den ich kenne. Anders, aber ebenfalls traumhaft, ist der Balkon im vierten Stock eines anderen Freundes. Der überblickt die Dächer Schwabings und kann an klaren Tagen die Berge sehen. Herrlich und so typisch für München, dass sicher irgendwann einer bei ihm klingelt, weil er das Panorama für eine Postkarte fotografieren möchte. Sollte bei mir mal einer klingeln, dann habe ich bereits etwas vorbereitet. Hier, schauen Sie….anders, aber auf seine Art doch auch ganz bezaubernd:

Der Plastiktütenbaum im Wandel der Jahreszeiten. Ich nenne es „Impressionen aus dem Glasscherben Viertel – München, Giesing“. Lage ist alles. So einen ganzjährig geschmückten Baum, finden Sie in der ganzen Stadt nicht noch mal. Hier bei mir ist er Alltag und hat deswegen den Weg in Ullis Alltags Projekt gefunden. 

 

27 Gedanken zu “Alltag VI – Giesinger Traumwohnung

  1. Liebe Mitzi, nun habe ich ein architektonisches Wunder vor meinen Augen, sechs Ecken, Wände, die abknicken und dazu wunderbare Fenster, die zu Meditationen einladen, nicht herzugeben sind die Gespräche der Nachbar*innen, was wärest du ohne sie, ich wette es gäbe sehr viel weniger Geschichten aus dem Vorderhaus und das wäre doch wirklich schade 🙂
    Gestern habe ich übrigens an dich gedacht, da ich, wenn alles gut geht, bald auch noch einmal umziehen werde und dann gibt es Flurwände für Fotos von der Familie und den Freund*innen, ich habe da schon so eine Idee und das ist deine Inspiration!
    Herzensdank für deinen Beitrag,
    liebe Grüße
    Ulli

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    1. Das freut mich zu hören, Ulli. Mir hat eine solche Wand – und jetzt weißt du ja, dass ich reichlich Wände habe – immer große Freude bereitet. Besonders das Wachsen.
      Meine Wohnung passt zu mir und zu unseren Nachbarn und du hast natürlich Recht – die Fenster sind enorm wichtig. Sonst würde ich nur die Hälfte mitbekommen.
      Liebe Grüße

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  2. Liebe Mitzi,
    zunächst möchte ich berichten, dass wir auch einen Plastiktütenbaum hatten. Die Tüte hatte ein wunderschönes Grün und oft dachten wir, sie sei weg, aber sie hatte sich nur getarnt. Im Herbst und Winter haben wir sie dann wieder auf Anhieb entdeckt.
    Sie wird aber tatsächlich Jahr für Jahr kleiner. Auch Ihre Tüte wird Sie in 5 oder 6 Jahren spätestens verlassen. Vielleicht sogar schon in 4 Jahren, wenn die Tüte schon einiges durchgemacht hat und nicht mehr so ganz stabil ist.
    Nutzen Sie also diese kurze Lebensdauer einer Plastiktüte, um sich an Ihr zu erfreuen. Sollten Sie Ihre Wohnung mal verlassen wollen, können Sie die Tüte also nicht auf Dauer in der Lagebeschreibung lassen. Da es sich um München dreht, ist allerdings jede Wohnung auch ohne Tüte gut zu vermitteln.
    Die 6 Ecken tun ihr Übriges, um sie Menschen zu empfehlen, die eigentlich in München gar keine Wohnung suchen, aber beim Einrichten ihre Kreativität voll ausleben wollen.
    Ich habe mal eine Wohnung mit einem dreieckigen Zimmer besichtigt. Die war wesentlich schwieriger zu möblisieren. Vorteil dieses dreieckigen Zimmers war allerdings, dass es keine Fenster hatte. Da kann man viel an die Wand stellen oder Bilder aufhängen – wenn es genug Steckdosen für Lanmpen gibt!
    Was ich eigentlich sagen wollte, habe ich inzwischen vergessen. War wohl nicht wichtig?! 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, ich kann ja nicht wissen, was sie eigentlich schreiben wollten, bin aber sehr froh über das was sie mir hier berichtet haben. Mit der Plastiktüte habe ich mich angefreundet und es ist ein so scheußlich es Objekt, dass man es besser mag als dass man sich darüber ärgert. Das dreieckige Zimmer ohne Fenster ist etwas ganz besonderes. Da ich Helligkeit so sehr mag, ist es vielleicht für mich nicht ganz das richtige. Aber, da bin ich mir sicher, irgendwer mag genau einen solchen Raum. Herzliche Grüße

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  3. Mitzi, ich habe extra für dich meinen Plastiktütenbaum vor dem Balkon fotografiert, aber so eine kleine Tüte und ein Balkon in der achten Etage – das sah einfach zu popelig aus. Deswegen habe ich es gelassen, das Foto auf den Computer hochzuladen.
    Ich müsste mal überlegen, mit welchen salbungsvollen Worten ich meine hässliche Industrieaussicht verschönen könnte.
    Mit Gruß von mir

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  4. Der sechseckige Raumt klingt ja fast schon nach Leuchtturm… 😀 Wärst bestimmt eine super Werterin. Stelle mir das gerade wahnsinnig lustig vor. Hier oben im Norden wäre deine Wohnung vermutlich total angesagt. Richtiges hanseatisches feeling. Wobei bezahlbar dann wieder ne ganz andere Sache ist :/

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