Bus Freunde

Freundschaft bezeichnet ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympatie und Vertrauen auszeichnet. Schreibt Wikipedia, das meistens Recht hat und weiter, dass Freundschaften eine herausragende Bedeutung für Menschen haben. Das Online-Lexikon denkt dabei vermutlich nicht unbedingt an die kurzen, alltäglichen Begegnungen in Bus und Bahn. Das kann es auch nicht, es kennt ja Torben nicht. Etwas, das es sicher bedauern würde, wenn es denn ein Bewusstsein hätte.

Torben ist nicht mein Freund. Ich kenne ihn nicht einmal. Eigentlich weiß ich nur, dass er im Rollstuhl sitzt, und ganz ehrlich, da ich nicht blind bin, kann man dieses Wissen getrost vernachlässigen. Er, der im Rollstuhl sitzt ist mir sympatisch, seit er mir mit dem rechten Hinterreifen die Eier in der Einkaufstasche zerquetscht hat und anstelle einer Entschuldigung ein beherztes „Scheißteil“ murmelte. Sein Rollstuhl ist ein Scheißteil, darin sind wir, die wir im Morgens begegnen, einer Meinung und vermuten, dass er, der darin sitzt, sich das noch weit öfter als wir denken wird. Obwohl Busse den Scheißteilen einen extra Platz zur Verfügung stellen, ist der Platz an einem Werktag morgens um sieben ein Witz. Jeden einzelnen Tag muss er im Stuhl sitzend darauf warten, dass die Fahrgäste im Platz machen, bevor er in die Ecke rollen kann und selbst dann steht da manchmal noch eine Tüte mit Eiern, die eine Verschlafen vergessen hat. Aussteigen kann er erst als letzter und sieht sich dann mit einem Duzend bereits schon wieder einsteigenden Fahrgästen konfrontiert. An manchen Tagen, die er selbst als Scheißtage bezeichnet, darf er sich von jungen Müttern mit schicken Kinderwagen auch noch die Frage gefallen lassen, ob er denn nun wirklich zur Stoßzeit, wenn sie zur Kita und in die Arbeit müssten, den Bus zu benutzen habe. Eine Frage die häufig nicht mal ihm, sondern der Allgemeinheit gestellt wird, weil man davon ausgeht, dass ein Rollstuhl und etwas hängende Mundwinkel auf geistige Unzulänglichkeit schließen lassen. Allein die Frage ist eine bodenlose Unverschämtheit, denn woher möchte man denn bitte wissen, ob nicht auch er in die Arbeit fährt? Die meine jedenfalls, könnte man sehr gut im Rollstuhl sitzend bewerkstelligen und nach spätestens drei Stunden hängen meine Mundwinkel auch gern mal nach unten. Einer der an vier von fünf Tagen darüber schmunzelt, der gefällt mir. Ok, es bleibt ihm wohl auch nichts anderes übrig, aber für mich ist das Schmunzeln dennoch nicht selbstverständlich. Wenn einer grinst, obwohl ihm jeder zweite nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Behinderung unterstellt, dann ist das ein Mensch, der mir gefällt. Obwohl er mir überaus sympatisch ist, sind wir keine Freunde – das Vertrauen fehlt. Das hat er zu einem anderen.

Er ist knapp zwanzig, schätze ich. Geistig voll auf der Höhe, ausgeprägter Sprachfehler, ein Arm steif, sitzt im Rollstuhl und ist seit einigen Wochen Single. Das weiß ich, seit seine Freundin vor meinen Augen, oder besser Ohren, mit ihm Schluss machte. Netterweise tat sie das via Telefon als er im Bus saß, verzichtete auf jegliche Privatsphäre und den kleinen Funken Respekt, dem man seinem Ex-Partner auch am Ende der Beziehung entgegen bringen sollte. Niemand hörte, was sie genau sie ihm sagte, aber wer schon einmal verlassen wurde, dem reichen wenige Fragmente eines solchen Gespräches, um sich den Rest zu denken. Am Ende des Telefonats liefen ihm die Tränen über das Gesicht und jeder andere hätte sie sich leicht wegwischen können. Für ihn, dessen Bewegungsapparat eingeschränkt ist, war es schwer. Auch konnte er sich nicht einfach zum Fenster drehen oder neugieren Fahrgästen den Rücken zuwenden. Es tat weh ihn so zu sehen und doch ist nur einer aufgestanden. Doppelt so alt wie der im Rollstuhl und umständlich nach einem Taschentuch kramend. Wortlos hat er es ihm gegeben und ist vor dem Rollstuhl stehen geblieben. Anstelle der fremden Tränen sah man jetzt nur noch einen breiten Rücken, der für das Minimum an Intimität sorgte, auf das ein jeder im Moment es Verlassenwerdens ein Anrecht haben sollte. In den nächsten Tagen stand er oft beim Rollstuhl und irgendwann sah man den einen nicht mehr ohne den anderen. Tränen habe ich seither nie wieder gesehen, aber das Lachen der Beiden höre ich fast täglich. Sie haben den gleichen Humor. Ein bisschen derb, ein bisschen arg zynisch, aber morgens genau das Richtige zum wach werden. Den Namen des Mannes kenne ich nicht, aber seit diesem Zwischenfall den von Torben, dem jungen Rollstuhlfahrer. Den kennen jetzt viele. Besonders jene, die gerne über statt mit ihm sprechen. Torbens Freund klärt sie gerne und jetzt seit vielen Monaten schon geduldig darüber auf, dass der im Rollstuhl einen Namen hat. Und, ganz offensichtlich ein junger Mann und kein mehr Kind ist, und daher gefälligst auch gesiezt zu werden hat. Auch Kinderwägen haben jetzt leichter Platz, seit einer beherzt zugreift und Torbens Rollstuhl ein wenig dreht, wenn es eng wird. Mit zwei kräftigen Händen ist das im Berufsverkehr wohl leichter als mit der elektronischen Steuerung. Ob sie sich auch außerhalb der morgendlichen Busfahrt treffen weiß ich nicht. Als Freunde würde ich sie dennoch bezeichnen. Täglich 20 Minuten, das ist mehr Zeit als ich mit manch engem Freund verbringe.
Wenn Torben an einem Montag lächelt, wenn ich einsteige, bekomme ich automatisch ein bisschen bessere Laune. Wenn einer, der sich täglich mit so einem Scheißteil rumschlagen muss, lächeln kann, dann kann ich es auch. Ich lächle immer zurück und Rollstühle bezeichne ich sonst natürlich nur als solche und nicht so derb. Torben sei es gestattet – morgens um sieben in München im Bus…mir würden noch ganz andere Begriffe einfallen, wäre ich auf ihn angewiesen. Ziemliche beste Freunde ist Stoff für einen Kinofilm. Ein Minimum an Respekt und Freundlichkeit gegenüber Rollstuhlfahrern etwas für den Alltag. In der Münchner Linie 58 wird es, einem couragierten Mann zu verdanken, auch gelebt.

25 Gedanken zu “Bus Freunde

  1. Danke für diese Geschichte, Mitzi, die ja nicht einfach nur schön zu lesen ist, sondern wieder einmal auch zeigt wie normalerweise mit Menschen umgegangen wird, die in irgendeiner Weise gehandicapt sind. Die Welt braucht viele breite Rücken, Taschentuch reichende Hände, zupackende Hände und vor allen Dingen ein Lächeln, immer und immer wieder, weil es aus dem Herzen kommt, sonst ist es keins!
    Liebe Grüße
    Ulli

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    1. Ein kleines Lächeln kann einen Tag umso viel schöner machen. Und ich finde, dass es sich immer wieder zeigt, dass ein bisschen Hilfestellung ganz oft dazu führt, dass man selbst auch sehr viel zurückbekommt. Liebe Grüße

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    1. Vielen lieben Dank für den Hinweis! Erwischt! Der echte Name ist ein ganz anderer und ich habe tatsächlich erst Jan genommen, und dann festgestellt dass Torben viel besser zu ihm passt. Ich gehe es gleich ändern. 😉

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  2. Das was Bodygard4you als „Helden“ bezeichnet, sollte eigentlich „normal“ sein. Da aber ein riesiger Teil der Menschheit dumm, dreist und egoistisch ist, braucht es tatsächlich etwas „Heldentum“ um denjenigen beizustehen, die alleine nicht für alles die Kraft und Möglichkeit haben.
    Danke Mitzi!

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    1. Sehr treffend und sehr richtig zusammen gefasst, lieber Heinrich. Es ist so leicht, einem anderen Menschen zu helfen. Und das Beispiel zeigt ja, dass man für diese Art der Hilfe auch etwas zurückbekommt. Das was ich dort morgen sehe, ist längst zu etwas geworden, von dem beide profitieren.
      Herzliche Grüße

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  3. Nachdem ich die Geschichte gelesen hatte (und auch viele der tollen Kommentare dahinter) überkam mich ein wirklich gutes Gefühl, denn mir war aufgefallen, dass es viele Menschen gibt, die ähnlich wie ich denken! Und Du merkst sicher, dass ich mit meinem Sohn gerade Grammatik, Thema ,,Einsatz von Zeiten“ gelernt habe…) Aber Spaß beiseite! Es ist supi, wie Du mit den Emotionen der Leser in positiver Weise jonglieren kannst wie ein Jongleur mit vier Bällen! Ein tolles Woende, Nessy

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  4. Ich hatte einen jungen Patienten im Elektrorollstuhl, weil spastisch gelähmt, dem man es auch sehr ansah. Er hat ein Tshirt mit der Aufschrift „Simulant“!

    Liebe Grüße,
    Syntaxia

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  5. Gerade auf deinen Blog gestoßen, hängen geblieben – und jetzt diesen klugen, feinsinnigen Text gelesen. Abonniere mal und schaue, was da in den nächsten Wochen noch so dahergeflattert kommt!🙂 Lg, Sarah („Sunnybee“ in meinem Blog)

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  6. ich hatte vor kurzem auf der uni eine lehrveranstaltung zum thema rehabilitation sonder- und heilpädagogik und war da zum ersten mal so intensiv mit dem thema befasst, was beeinträchtigungen im alltag wirklich bedeuten. als mensch, der nicht betroffen ist und nicht zufällig jemanden kennt, ist man da ja oft sehr blauäugig und hat echt keine ahnung. auch, dass so viele menschen damit zu kämpfen haben, durch den rollstuhl nicht ernstgenommen zu werden, weiß ich erst, seit ich eine studienkollegin habe, die als persönliche assistentin für eine person im rollstuhl arbeitet. es sind diese momente, in denen ich mich immer wieder frage, wie es möglich ist, dass menschliche wesen tatsächlich so unbeschreiblich wenig einfühlungsvermögen besitzen. obwohl ich es weiß, überrascht ist mich doch tatsächlich immer mal wieder.

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    1. Dieses nicht ernst nehmen, empfinde ich als besonders traurig. Dass man unter Umständen Berührungsängste mit Behinderungen (körperlichen und geistigen) Hat, ist wahrscheinlich ganz normal. Ein arrogantes und überhebliches Verhalten aber, rechtfertigt es ganz sicher nicht. Das ist einfach nur gedankenlos und unverschämt. Liebe Grüße

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      1. ja, das sehe ich auch so. auch wenn es vermutlich nur eine art abwehrreaktion ist, aber dass menschen, die ohnehin schon mit besonderen herausforderungen zu kämpfen haben, auch das noch abfedern müssen, ist echt nicht in ordnung. ich denke allerdings, dass es da eine art auftrag in der gesellschaft gibt. bei uns werden menschen mit beeinträchtigungen irgendwie gerne aus der gesellschaft rausgeschafft, so entstehen die berührungsängste auch erst. es bräuchte da denke ich einfach einen integrativeren zugang, denn wenn der großteil der menschen jemanden kennen würde, der betroffen ist, wären die interaktionen bestimmt anders.

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      2. Absolut. An der Integration fehlt es (Deutschland und Österreich schenken sich hier wahrscheinlich nicht viel) ganz enorm. Ich denke auch, dass nichts besser gegen Vorurteile hilft, als direkter Kontakt. Und der am besten ganz natürlich in den Alltag integriert.

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      3. Absolut. Aber auch für mich hat es Information gebraucht um das wirklich zu begreifen – die ich dank meinem Studium bekommen habe. Da wäre ein ernstgenommener und konsequenter Bildungsauftrag von Medien wohl hilfreich…

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