Um 06:05 Uhr – große Ferien

Grausam früh klingelt dieser Tage mein Wecker. So früh, dass mich noch keine Sonnenstrahlen wecken und ich den Kaffee in der Küche unter dem sanften Licht der Dunstabzugshaube zubereiten muss. Um kurz nach fünf bin ich zu müde für das grelle Deckenlicht und mache alles im Halbdunkel. Wenn ich noch schnell die Blumen auf dem Balkon gieße, erinnert mich die Dämmerung daran, dass der Herbst bereits vor der Türe steht. So war es in den großen Ferien immer. Uns Münchner Kinder hat man solange ich denken kann, stets erst mit dem August entlassen. Wenn endlich die freie Zeit begann, hatten wir den Sommer im Nacken und rannten mit bereits gebräunten Armen und Beinen und mit neuen Sommersprossen auf den Nasenspitzen in die endlos erscheinende Freiheit. Kaum waren die ersten Wochen vorbei, begann es bereits nach dem Herbst zu riechen. Wir rochen nichts, weil unsere Nasen vom vielen Chlor in den Freibädern, abgestumpft und verstopft waren. Aber unsere Mütter, die hörten wir sagen, dass man das Ende des Sommers bereits riechen konnte. Sie zeigten uns die ersten welken Blätter der Kastanien und sprachen von kürzer werdenden Tagen. Wir merkten davon nichts. Wer den ganzen Tag draußen verbrachte und um acht Uhr abends ins Bett geschickt wurde, der bemerkte das früher Dämmerlicht nicht. Es hätte uns auch nicht interessiert – wir befanden uns in den großen Ferien und unsere Körper waren bis unter die Haarspitzen voll mit Sommer.

Heute rieche ich es. Ich rieche den Herbst und sehe die Blätter, die noch grün und saftig sind, sich aber schon bereit machen, zu welken. Besonders früh morgens an der Tankstelle an der ich im Stehen einen Espresso trinke, um den Arbeitsbeginn noch ein klein wenig hinauszuzögern, so wie ich früher einmal um das Schulgebäude herum gelaufen bin, bevor ich mich schweren Herzens hinein begeben habe. Immer die Letzte vor dem Achtuhr-Läuten, bin ich heute im Büro die Erste. Ich mag die Ruhe des Morgens und ich stelle fest, dass ich seit einigen Tagen nach dem Sechs-Uhr-Morgens-Tankstellengeruch süchtig geworden bin. An jedem einzelnen Tag möchte ich, dem mutigsten meiner Freunde schreiben, dass es jetzt in diesem Moment so sehr nach Italien riecht, dass ich mich ganz seltsam fühle. Ich tue es nicht. Ich würde ihn wecken und ich weiß nicht ob er sich noch an den Geruch nach Italien erinnert und begreifen würde wovon ich spreche. Er lebt schon so lange in Italien, dass er womöglich vergessen hat, wie das deutsche Italien riecht. Es würde mir schwer fallen, es ihm zu erklären. Es riecht nach den großen Ferien, die wir nie Sommer-, sondern immer nur die großen Ferien genannt haben. Es riecht nach Spätsommer. Spätsommer, morgens um sechs Uhr, wenn die Luft noch kühl ist, man die Hitze, die der Tag mit sich bringt, aber schon erahnen kann. Ein Hauch, bereits welker Blätter und Gras, das vom Sommer schon erschöpft und nicht mehr saftig ist. Und – das ist das wichtigste, würde ich ihm erklären – man riecht es nur an einer Tankstelle. Das deutsche Italien riecht nach Benzin mit einer feinen, kaum wahrnehmbaren Kaffeenote. Kein guter Kaffee – Tankstellenkaffee.

So riecht es, weil es der Geruch unserer Kindheit ist. Wir alle sind in den großen Ferien zu nachtschlafender Zeit von unseren Eltern halb getragen, halb geschoben in ein bis unter das Dach vollgepacktes Auto gesetzt worden und mit ihnen gemeinsam in Richtung Süden aufgebrochen. Die erste Pause, meist wurden wir dann erst richtig wach, fand gegen sechs Uhr morgens statt. Übermüdete Väter, verschlafene Mütter und Kinder die an einer Tankstelle aus dem Auto krochen. Und dann, dann roch es eben genau so. Dann roch es nach Italien. Selbst wenn wir, wegen eines Staus noch in Österreich waren oder unser Ziel nicht Italien sondern Jugoslawien (damals noch ein Land) oder gar Griechenland war. Ich erinnere mich, dass meine Mutter spätestens bei der zweiten Pause behauptete, bereits das Meer riechen zu können. Vielleicht, würde es für sie um sechs Uhr morgens an meiner Tankstelle auch nach Meer riechen. Das könnte gut sein, weil Gerüche so subjektiv empfunden werden, wie Erinnerungen.

Bei Gelegenheit werde ich den mutigsten meiner Freunde fragen ob er weiß, was ich meine. Ich denke, er kennt den Geruch noch. Schließlich hat er ihn mit mir gemeinsam auch einige Male gerochen und wir waren in diesen Momenten genauso aufgeregt, zappelig und ungeduldig wie Achtjährige gewesen. Mit ihm roch ich den Duft der großen Ferien auf dem Weg nach Elba. Auch an einer Tankstelle unterhalb von Rom und auf dem Heimweg von Salerno. Morgen früh vielleicht, werde ich ihn fragen. Wenn er sich nicht erinnert, dann werde ich ihm sagen, dass er unbedingt nach München kommen muss. Ein Tag reicht – wichtig ist nur, dass die Sonne scheint und der Tag heiß wird. Das sollte er unbedingt, denn morgens um sechs im August an einer Tankstelle, da riecht es so sehr nach den großen Ferien, dass man heulen könnte vor tief empfundenen Glück. Ganz so wie damals, als endlich die Tore der Schule aufgingen und man raus konnte. Raus in einen endlosen Sommer.

Man darf nur nicht daran denken, dass man eigentlich ins Büro muss. Ich gebe mir noch drei Tage an der Tankstelle. Dann bin ich soweit und fahre nicht in die Arbeit sondern direkt weiter auf die Autobahn, über den Brenner und nach Italien. Oder Kroatien. Vielleicht auch nach Griechenland. Es könnte mir niemand verübeln – es ist August, da hat man große Ferien.

24 Gedanken zu “Um 06:05 Uhr – große Ferien

  1. Liebe Mitzi!

    Das haben Sie wieder mal herrlich beschrieben. Es ging mir in meiner Kindheit ganz genau so. Der Geruch von Süden, wenn man noch gar nicht weit mit gepacktem Auto von zu Hause weg war. Etwas wunderbares diese Gerüche, die etwas ankündigen. So wie man im Sommer nach langer Hitze den ankommenden Regen riechen kann, traumhaft 🙂
    Ich wünsche Ihnen eine entspannte Fahrt, wohin auch immer es gehen mag.

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  2. Ich musste während deines Textes insgeheim ein wenig schmunzeln. Meine Ferienerinnerungen sind so ganz anders, mag vlt daran liegen dass wir im August schon immer wieder Schule hatten und ich nie in den großen Ferien weggefahren bin. Hauptsaison war für uns einfach immer schon zu voll und vor allem war alles südlich der Elbe schon zu heiß ;D

    Unsere Zeit war meist Frühjahr oder Herbstferien und dann ging es meist in den Norden oder wir setzten uns auf die Kanarischen Inseln ab mitten im atlantischen Ozean. Mein Feriengeruch wäre wohl eine Mischung aus Meeresluft und Kerosin. Ich bevorzuge immer noch die reine Meeresluft

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    1. Dieser Geruch gefällt mir auch. Und Meer pur…keine Frage, das ist der schönste Geruch. Obwohl ich meine Italienerinnerungen sehr mag – ich würde mich nicht trauen sie vor irgend einer anderen hervorheben zu wollen. Meine beste Freundin fuhr mit ihrer Familie immer in den Norden. Sie schrieb mir gestern und legte Veto ein. Fischgeruch, ganz eindeutig, schrieb sie, sei dem Kaffee vorzuziehen 🙂

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  3. Ach ja, diese frühmorgendlichen oder vielmehr nächtlichen Abreisen nach Italien! An die erinnere ich mich auch, an die Hitze und das Eis und den Sand. Dabei verglichen mit heute in Wien war es damals an der Adria überhaupt nicht heiß …

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  4. Stimmt, liebe Mitzi, auch bei uns hießen sie nur die „großen Ferien“ und wie gro´ß sie gewesen sind, die Haut atmete Sommer und Freiheit, nur einmal in Italien und das auch nicht wirklich, Mailand war dann eben lange Zeit Italien. Mein Sommer roch wahlweise nach Kanalwasser (Ruhrgebietidyllen) oder Bergbächen, letztere so gerne, die heisere Stimme von ihrem kalten Wassern hielt mich nie ab direkt nach der Ankunft die schon braunen Sommerfüße ihn ihnen zu kühlen, was sollte ich auch mit einer Stimme, in mir klang das hohe Lied der großen Ferien, die Kirchenlieder konnten ja die anderen für mich mitsingen…
    herzlichst, Ulli

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  5. Liebe Mitzi,
    ich bin sicher, es wird Ihnen niemand verübeln – aber vermissen wird man Sie!
    Das ist aber ein Schicksal, das viele Menschen immer wieder ereilt – schließlich können Sie ja nicht immer am gleichen Ort sein! 😉
    Gute Reise!
    (Jetzt weiß ich, wie der Begriff „Traumurlaub“ entstanden ist.)
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, ich fürchte meine Kollegen lassen mich nicht so einfach fahren und ich werde Ihnen erhalten bleiben.
      Auch wenn ich sehr große Lust hätte, morgen früh Richtung Brenner zu fahren, hier bei Ihnen zu bleiben ist auch sehr schön :).
      Herzliche Grüße

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  6. All diese Erinnerungen, die alle LeserInnen hier beschreiben, könnten bestenfalls meine Kinder aufschreiben, aber das Land war NIE Italien oder Griechenland, aber die Länder hießen Ungarn, Bulgarien, Rumänien oder UdSSR. Ich selbst blieb in meinen großen Ferien immer in der DDR oder bestenfalls bei der Verwandtschaft in Polen – meine Mutter hatte kein Auto und einfach so in die sozialistischen Nachbarstaaten reiste sie mit mir auch nicht.
    Wie ich sehe, bin ich auch groß geworden – vielleicht etwas weniger welterfahren.
    Dir wünsche ich den schönsten Urlaub, den du haben willst.
    Liebe Grüße von Clara

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    1. Liebe Clara, ich bin sicher, dass Erinnerungen an die Schulferien für jeden etwas anderes sind. Selbst meine Pauschalisierung „alle Münchner“ ist Blödsinn. Der eine machte Flugreisen, der andere blieb daheim. Geschadet hat weder das eine noch das andere ;).
      Welterfahren…ich glaube auch das hat nicht unbedingt etwas mit Reisen zu tun. Marokko jedenfalls hast du mir voraus.
      Liebe Grüße

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  7. Gänsehaut und heulen könnte ich auch. Danke dass du schreibst, vor allem auch für mich, weil ich es im Moment nicht tue. Weil ich so vieles davon genau so empfinde. Der Geruch nach den großen Ferien (auch wenn sie bei uns Sommerferien genannt wurden) beschäftigt mich auch gerade. Dieses Gefühl auf der Haut wenn man in September noch kurzärmelig in die Schule geht und es in der früh dafür eigentlich schon zu kalt ist. So viele Erinnerungen..

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  8. Ich frage mich, weil ich das Meer nur im Sommer rieche, wie es wohl zu den anderen Jahreszeiten ist. Stumpft der Meeranwohner ab, weil er es jahrein jahraus riecht, sodass es im Sommer für ihn nichts Besonders ist? Heute morgen war es so kalt, dass ich bereits den Advent vorriechen konnte …

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  9. Ich kann sie förmlich riechen, Deine Tankstelle. Aber Italien? Bei mir ist es der Geruch von heissem Maschinenöl auf Bahngeleisen, der mich sofort auf blühende Bergwiesen in den Walliser Alpen versetzt. Ja, diese assoziative Kraft der Gerüche. Manchmal sollte man sich die Nase verbieten 😉

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