Geputz

Ich putze gerne. Im Gegensatz zu vielen anderen Tätigkeiten sind Putzen und Aufräumen sinnvolle Beschäftigungen. Im Gegensatz zu einem Date zum Beispiel, hat man immer und ausnahmslos ein sofortiges Erfolgserlebnis und kann dabei seine Gedanken ganz wunderbar sortieren.

Die besten Ideen  hingegen kommen mir grundsätzlich beim Abstauben meines Bücherregals. Dort sind so viele Leben, Geschichten, Wissen und Erzählungen auf engem Raum vereint, dass ich selbst bei einer banalen Tätigkeit wie Staubwischen inspiriert werde. Hinterfrage ich mein eigenes Veralten in einer Beziehung, dann reicht zum Beispiel ein Blick auf den Einband von Madame Bovary und ich weiß, dass noch viel Luft nach oben ist, bevor ich mich sorgen muss. Brauche ich einen Hinweis wie ich mit meinen Nachbarn Paul umgehen soll, dann sehe ich mir „Vom Winde verweht“ an und ermahne mich…nicht wie Scarlett, nicht wie Scarlett.

Im Badezimmer dagegen, denke ich beim Putzen grundsätzlich an die wichtigen Dinge. Während ich die Wanne schruppe ist mein Kopf frei für all die Dinge, für die unter der Woche keine Zeit bleibt. Auch alle wichtigen Entscheidungen treffe ich beim Putzen meines Bades. Die kühlen Kacheln, machen mich ein wenig rationaler und wichtige Telefonate führe ich grundsätzlich auf dem Badewannenrand sitzend.

Sind dagegen emotionale Entscheidungen gefragt, räume ich das Wohnzimmer auf. Dieser Raum ist mein Nest und meine Insel. Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, dann merke ich es dort am deutlichsten.

In der Küche mache ich nichts von alledem. Da habe ich meistens keine Zeit, weil ich durch das große Fenster in meinen Hinterhof blicke und meine Nachbarn beobachte. Deshalb hat mein Besteck auch so viele Wasserflecken. Während ich beobachte, trocknet es mir unter den Fingern weg. Früher war das nicht so. Da blickte ich auf einen großen Ahornbaum, dessen Blätter mir ab Mitte April, die Sicht auf fremde Balkone verwehrten. Seit er letzten Herbst gefällt wurde, habe ich auch im Sommer freie Sicht.

Und jetzt räume ich den Keller auf. Das mache ich immer dann, wenn ich wütend bin. Warum ich wütend bin? Wenn ich es nur wüsste. Eine Stunde lang habe ich das Wohnzimmer geputzt und bin nicht drauf gekommen. Es muss ein guter Grund sein, wenn er sich so hartnäckig hält.

Der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Tür steht, äußert die Vermutung, dass meine Wut im Saustall meines Kellers begründet liegt. Dort fiel mir gestern Abend nämlich ein Karton mit Winter- und Herbsthandtaschen auf den Kopf, als ich nach die Skischuhe nach oben stellen wollte, um an einen Sack Grillkohle zu gelangen. Und jetzt weiß ich es auch wieder. Ich bin wütend, weil er mit den Händen in der Hosentasche daneben stand und sich über den Zustand des Kellerabteils äußerte statt seine knapp zwei Meter dazu zu nutzen die fallenden Taschen aufzufangen. Vor dem Bücherregal stehend drücke ich ihm das Buch „Taschenliebe“ in die Hand und fordere ein umgehendes Einlesen in die Welt von Frauen und ihren Taschen. Weil er sich weigert und stur darauf beharrt, dass es nicht um die Liebe zu einem Accessoire, sondern um den fragwürdigen Umfang meiner nach Jahreszeiten sortierten Handtaschen geht, schlage ich vor den Abend getrennt zu verbringen. Nicht nur, aber auch, weil er mich entgeistert ansah und mich fragte ob ich jetzt völlig übergeschnappt sei, bin ich jetzt beleidigt. Blöd ist, dass meine Wohnung bereits geputzt ist und ich keinen Raum habe, um den ich mich im Falle akuter Verstimmtheit widmen kann.

Ich schreibe ihm eine SMS und teile ihm mit, dass ich vorbei komme um sein Bad zu putzten, damit ich einen klaren Kopf bekomme. Umgeben von Badfließen sei ich rationaler, schreibe ich noch und bekomme umgehend eine Antwort: „Dein Keller hat es nötiger.“

Zum Wochenende hätte ich Ihnen gerne etwas anderes geschrieben. Aber Sie verstehen sicher, dass ich jetzt besser den Keller aufräume. Das mache ich immer wenn ich wütend bin.

28 Gedanken zu “Geputz

  1. Demnach hat Putzen für dich etwas Kontemplatives, liebe Mitzi. Das ist ein idealer Zustand. Wenn ich putzen musste, weil sich beispielsweise Besuch angesagt hatte, war ich immer gestresst vom Gedanken, nicht rechtzeitig fertig zu werden. Putzen ist ja auch eine sehr diffizile Angelegenheit und als Aufgabe nicht klar zu umreißen wie etwa Spülen. Heute bin ich froh, eine Putzhilfe bezahlen zu können.

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    1. Irgendwann, lieber Jules, werde ich mir das auch gönnen. Heute ist es noch nicht nötig, aber später einmal, gebe ich das gerne ab. Putzen, weil andere etwas sehen könnten, macht keinen Spaß. Auch wenn es meist unnötig ist. Gäste, die nach Staubflusen suchen, sind eh die Falschen 😉

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  2. Auweia. Wut. Putzen. Beziehung.
    Ein Angebot zu einem Putz-Date hätte ich eher nicht abgelehnt. Mir wäre es willkommen.
    Frage an die Putzerin: Welche Geräte und Mittel nutzt und empfiehlst Du?
    Als junggeselliger Putz-Sparer sage ich mir zuletzt öfter, es wäre besser mit einer suboptimal geputzten Wohnung zu leben als mit dem Gedanken, all der Abrieb der Spül- und Putz-Schwämme und die chemischen Putzmittel liefen über die Kläranlage in den Fluss und ins Meer.
    Etwaige Hinweise fließen ein in den bevorstehenden Frühjahrsputz.
    Gutes Wochenende und schöne Grüße

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    1. Mit einem breiten Grinsen muss ich gestehen, dass ich sicher der falsche Ansprechpartner für Putztipps bin. Ich habe eine sehr überschaubare Ausstattung und mag die scharfen und aggressiven Reiniger nicht. Backpulver gegen Verfärbungen, Essigessenz gegen Kalk und ansonsten die Reiniger von denen ich glaube, dass sie Umweltverträglich sind. Und Geräte habe ich auch nicht – du siehst, eine sehr, sehr schlechte Hausfrau 😉

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  3. Mir fällt da spontan eine -alte- Werbung ein. „Mit einem Wisch ist alles weg!“ Da hat es auch mal den Mann erwischt. Vielleicht wäre das alsbald die richtige, reinigende, Laune hebende Putzaktion. Schönes Wochenende! Und nicht trotzdem, sondern deshalb!

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  4. Die Idee gefällt mir zwar ungemein, liebe Mitzi, aber ich wohne noch nicht lange genug in meiner Wohnung, um wirklich so grundlegende Putzaktionen durchzuführen.
    Mir geht das immer bei meiner Unlust mit dem Kochen so – da ist mir die Zeit auch viel zu schade. Da mache ich lieber Fotobuch, da habe ich noch Jahre was davon, vom gekochten habe ich maximal eine Stunde was – es sein denn, es war so schlecht, dass ich danach Magendrücken oder flotten Otto bekomme, und dann koche ich noch weniger gern.
    Wünsche, fröhlichen Kellerputz gehabt zu haben!
    Mit Gruß von Clara

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    1. Ich koche sehr gerne und auch wenn ich den Gedanken – ist ja gleich wieder weg – verstehen kann, zählt er bei mir nicht. Wahrscheinlich weil mir das Kochen einfach Spaß macht. Wärst du näher – ich würde dich einladen, weil zu zweit essen, noch mehr Freude macht.

      Viele Grüße

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  5. In Klausurphasen war mein Zimmer so aufgeräumt uns sauber wie ein Museum. Nichts stand herum und alles hatte seinen Platz, ich hätte auch vom Boden essen können und es wäre kein Problem gewesen. Derzeit besteht mein Leben weniger aus Klausuren und mein Zimmer ähnelt mittlerweile eher dem Lagerraum eines Theaters mit allen möglichen Requisiten, Hintergründen und Krimskrams. Ich muss dringen anfangen zu studieren…

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  6. Servus Mitzi!

    Du, neilich hood mi da Menzinger Schorsch beim Schtammdiesch
    gfrogt, ob a Putzdeifi in‘ Himme komma konn.
    I hob eam dann gsagt, dass i do amoi wieda d’Mitzi frog,
    weil de ja scho vui woaß..;-)

    I seaba heb ma de schenstn Woimeisal gean auf, de i beim Butzn
    untam Diwan find‘ und duas in a Bixal eine.
    Ma konn ja nia wissn, ob ma de Meisal amoi braucht..;-D

    Do konnst da no wos von zwoa Mannsbuidl ohean,
    de beim Biesln filosofian: … https://tinyurl.com/ycla9x9e
    Lass‘ da guad geh..;-)

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    1. Ah…da Willi :).
      Sog am Menzinger Schorsch, das ma nix gwiss woaß. Nia und beim Himme scho glei gar ned. Er soi se hoid a wenig zamreissen, dann kimmt a scho eini. S´putzen grfreid wahrscheinli sei Frau mehra ois an Himmevatta ;).

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  7. Wenn Putzen Dir hilft – ich bin ein hilfsbereiter Mensch, Du dürftest bei mir loslegen, ohne daß ich dafür was verlange, 20 Euro würde ich normalerweise nehmen, aber Dir würde ich meine Wohnung zur Verfügung stellen, aus alter Freundschaft, völlig umsonst, darf ich Dir vielleicht einen Kaffee anbieten … okay okay, ich seh schon darauf fällst Du nicht rein, Mist!;-)

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