Dem Regal wäre es nicht egal

Entgegen der Annahme meiner Nachbarn befindet sich in meinem Keller kaum Gerümpel. Alles was ich dort lagere, hebe ich aus guten Grund auf. Dem einen oder anderem mag es übertrieben erscheinen einen kompletten Umzugskarton mit Kinderzeichnungen aufzubewahren, aber bei einer so großen Familie wie ich sie habe, ist es mit einer kleinen Schachtel nicht getan. Heute morgen zählte ich die kleinen Künstler an den Fingern ab – es sind insgesamt achtzehn (inklusive der beiden Nachbarskinder und dem Nachwuchs meiner beiden engsten Freunde). Achtzehn kleine Händepaare, die sich irgendwann einmal große Mühe gegeben haben. Schmierereien habe ich nie aufgehoben, nur die schönen Sachen und die müssen noch etwas bleiben. Künstlern zollt man Respekt. Auch wenn es selten so ist, so sollte es sein. Deshalb bleiben die Bilder, die Klorollengiraffen und die Einladungen zu Teddybären Teestunden noch ein paar Jahre bei mir. Auch die über Generationen von Tanten und Großmütter bemalten Ostereier will ich nicht weggeben, nur weil ich jedes Jahr höchstens zwölf davon aufhänge. Immer andere und jeden Frühling freue ich mich über die filigranen Erbstücke. Mit meinem Christbaumschmuck könnte ich vier Tannen dekorieren, aber auch hier, weiß ich bei fast jeder Kugel wie sie den Weg zu mir gefunden hat und die sehr große Krippe ist vom besten Freund meines Vaters und erinnert mich jedes Jahr an eine ganz besondere Männerfreundschaft. Nein, das meiste ist kein Gerümpel. Ganz im Gegenteil – es ist mein Leben, das manchmal aus Dingen besteht, die man nur einmal im Jahr braucht. Um diesem Leben wieder mehr Raum zu geben, habe ich heute noch einmal rigoros ausgemistet. Rollerblades, ein altes Paar Ski und mein Holzschlitten und alles was ich doppelt habe, weil man es mir schenkte, brachte ich in den Nachbarschaftsladen. Mein Keller war deutlich leerer und dann sah ich es. Ganz am Ende, hinter der Türe blitzte es und ich hörte das laute Schimpfen einer meiner besten Freundinnen.

Nie vorher und nie nachher hatte ich sie so laut und derbe fluchen gehört, wie an jenem Tag als wir gemeinsam zwei Regale durch die Altstadt Veronas schleppten. Eine völlig bekloppte Idee nannte sie es schon im Laden und eine Zumutung, wenig später auf der Straße. Der Balkon Julias, war ein antikes Scheißteil und die Touristen davor dumm glotzende Idioten. Sie hatte Recht, nur dass das Scheißteil das Regal und der Idiot ich gewesen bin, der die bekloppte Idee hatte, spontan zwei massive Eisenregal für die eben neu bezogene Wohnung zu kaufen und sie in Ermanglung eines Autos zu Fuß durch die Altstadt zu schleppen. Frauenpower versuchte ich mir meine Idee an der Kasse noch schön zu reden und ahnte doch schon nach zehn Metern, dass nicht einmal zwei starke Männer die Kartons ohne weiteres hätten tragen können. Wir schoben sie. Fluchend, schwitzend und streitend. Zwei Deutsche, die eine davon gerade in die Stadt gezogen, die andere zu Besuch und beide nach den ersten hundert Metern schon mit hochrotem Kopf. Ab und zu boten sich Touristen und Einheimische an, die sperrigen Kartons mit zu tragen. Kaum einer schaffte mehr als zwanzig Meter. Fünf Stunden – mit vielen Pausen, einer Pizza, drei Espressi und eine halbe Schachtel Zigarette – später, waren die Regale bei mir im ersten Stock. Es wurde einer der schönsten Abende, die ich in dieser Stadt verbracht habe. Wir tranken Wein aus Kaffeetassen, weil ich noch keine Gläser hatte und naschten Schokolade und Nüsse am Boden sitzend, weil die Kartons der Regale auf Bett und Sofa lagen. So wenig braucht man nur, wenn man Anfang zwanzig und sehr, sehr glücklich ist. Glücklich machten mich auch die Regal. Sie waren das erste was ich mir von italienischem Gehalt kaufte. Schon lange passen sie nicht mehr zu meiner Einrichtung und doch stehen sie noch immer in meinem Keller und erinnern mich an diesen verrückten Tag und wie herrlich stur ich damals war, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.

Meine Regale steht jetzt bei Herrn Iwanow. Er sah mich den Keller ausräumen und fragte warum ich so schöne Regale nicht oben in der Wohnung aufstellen würde. Ich erzählte ihm die Geschichte und er revanchierte sich indem er mir seine Kellerabtteil und damit Teile seines Lebens zeigte. In meiner Küche steht jetzt ein etwa vierzig Jahre altes Matroschkapüppchen, das Herr Iwanow von seiner Jugendliebe geschenkt bekommen hat. Seine Frau mag sie nicht in der Wohnung haben und Herrn Iwanow tut es leid, sie im Keller zu lassen. Es macht mich glücklich, dass mein Regal jetzt wieder verwendet wird. Wir haben es schließlich nicht quer durch Verona geschleppt, nur um es dann in einem Keller versauern zu lassen.

Auf das Beitragsbild müssen Sie leider erst einmal verzichten. Der Zettel mit dem Titel klebt daran, aber ich vergaß ihn zu fotografieren. Bei Iwanows macht gerade keiner auf.

Lichtblick für Paul

Wie nervig der Klingelton des eigenen Handys ist, wird einem erst bewusst, wenn es das dritte Mal innerhalb einer Viertelstunde klingelt. Auch, dass der Ton viel zu laut eingestellt ist, erkennt man erst, wenn der Anrufer beim vierten Mal und zunehmend genervt ins Telefon blökt. Meine Nachbarin Judith ist selten genervt, blökt nur wenn sie einen sehr schlechten Tag hat und ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mich schon einmal vier Mal hintereinander angerufen hat. In all den Jahren stand sie aber auch noch nie in meinem Kellerabteil und musste nach etwas suchen, von dem ich selbst nicht weiß, wo es sich befinden könnte. Eigentlich bin ich noch immer davon überzeugt, dass ich die Lichterkette für unseren gemeinsamen Laubengang im Februar links ins Regal gelegt habe. Dort liegt nämlich alles was ich regelmäßig, also einmal im Jahr, brauche. Zwei Mal habe ich Judith versichert, dass die kleinen LED Lichter nur dort – direkt beim Weihnachtsfondue –  sein können und zwei Mal teilte sie mir mit, dass sich dort weder ein Fondueset noch eine Lichterkette befinden würden. Bevor ich ein drittes Mal darauf bestehen konnte, erhielt ich ein Beweisfoto via WhatsApp und Judith drang tiefer in den wohl intimsten meiner angemieteten Räume vor. Der dritte Anruf war von lautem Scheppern begleitet und informierte mich, dass es eine saublöde Idee sei, die Blumentöpfe des Sommers auf den Boden und nicht in die Regale zu stellen. Der vierte, dass mein Regal ein Miststeil und eine Beladung von fünf Terrakottatöpfen tatsächlich nicht gewachsen sei. Ich sparte es mir ihr zu sagen, dass ich das bereits gewusst habe. Überhaupt sparte ich mir jeden Kommentar, weil ich schließlich dankbar sein musste, dass sie sich an meiner statt in den Keller begeben hatte. Ich darf nämlich nicht. Seit ich unter Quarantäne stehe, ist mir das Verlassen meiner Wohnung verboten und für die Suche von Dekorationsmaterial wird keine Ausnahme gemacht.  Weiterlesen

Geputz

Ich putze gerne. Im Gegensatz zu vielen anderen Tätigkeiten sind Putzen und Aufräumen sinnvolle Beschäftigungen. Im Gegensatz zu einem Date zum Beispiel, hat man immer und ausnahmslos ein sofortiges Erfolgserlebnis und kann dabei seine Gedanken ganz wunderbar sortieren.

Die besten Ideen  hingegen kommen mir grundsätzlich beim Abstauben meines Bücherregals. Dort sind so viele Leben, Geschichten, Wissen und Erzählungen auf engem Raum vereint, dass ich selbst bei einer banalen Tätigkeit wie Staubwischen inspiriert werde. Hinterfrage ich mein eigenes Veralten in einer Beziehung, dann reicht zum Beispiel ein Blick auf den Einband von Madame Bovary und ich weiß, dass noch viel Luft nach oben ist, bevor ich mich sorgen muss. Brauche ich einen Hinweis wie ich mit meinen Nachbarn Paul umgehen soll, dann sehe ich mir „Vom Winde verweht“ an und ermahne mich…nicht wie Scarlett, nicht wie Scarlett. Weiterlesen

Erste Nacht

Schon den ganzen Tag über wird in unserem Haus gewütet. Türen knallen scheppernd ins Schloss, Möbel werden knirschend über das Laminat geschoben und Fenster nicht geschlossen, sondern mit solcher Wucht zugeworfen, dass es ein Wunder ist, dass die Scheiben noch im Rahmen sind. Ein Wunder, das Frau Obst von unserem Laubengang aus beobachtet. Jetzt werden die Balkonmöbel nach innen getragen. Nein, sie werden geworfen. Gerade fliegt ein Sonnenschirm durch die Türe in das Wohnzimmer. Mit vor der Brust verschränkten Armen und aufeinander gepressten Lippen steht sie fröstelnd im Freien und beobachtet das Treiben im Hinterhaus. Es muss sie einiges an Selbstbeherrschung kosten, nicht quer über den Hof zu brüllen, dass die Mittagsruhe längst begonnen hat und der Lärm auch sonst jenseits des zu ertragen Pegels ist. Fünf Minuten hält sie es aus. Dann postiert sie sich vor dem Haus, um wenigstens den Briefträger zurechtzuweisen, der die Post seit einigen Wochen nicht ordentlich genug in die Kästen stopft. Weiterlesen