Erste Nacht

Schon den ganzen Tag über wird in unserem Haus gewütet. Türen knallen scheppernd ins Schloss, Möbel werden knirschend über das Laminat geschoben und Fenster nicht geschlossen, sondern mit solcher Wucht zugeworfen, dass es ein Wunder ist, dass die Scheiben noch im Rahmen sind. Ein Wunder, das Frau Obst von unserem Laubengang aus beobachtet. Jetzt werden die Balkonmöbel nach innen getragen. Nein, sie werden geworfen. Gerade fliegt ein Sonnenschirm durch die Türe in das Wohnzimmer. Mit vor der Brust verschränkten Armen und aufeinander gepressten Lippen steht sie fröstelnd im Freien und beobachtet das Treiben im Hinterhaus. Es muss sie einiges an Selbstbeherrschung kosten, nicht quer über den Hof zu brüllen, dass die Mittagsruhe längst begonnen hat und der Lärm auch sonst jenseits des zu ertragen Pegels ist. Fünf Minuten hält sie es aus. Dann postiert sie sich vor dem Haus, um wenigstens den Briefträger zurechtzuweisen, der die Post seit einigen Wochen nicht ordentlich genug in die Kästen stopft.

Am Nachmittag geht es im Keller weiter. Das Abteil direkt hinter der Türe wird ausgeräumt. Ebenso laut und mit ebenso viel wütender Energie wie zuvor die Wohnung auseinander genommen wurde. Kisten stapeln zwischen Kellertüre und Lift und Möbelstücke blockieren den Weg. Ein jeder bahnt sich geduldig den Weg und wirft nur einen kurzen Blick auf die junge Frau, die knietief im Chaos ihres Kellerabteils steht und schnaubend vor Anstrengung Stück für Stück nach draußen in den Gang stellt. Keiner bietet ihr Hilfe an, als sie das meiste anschließend in den Müllraum schleppt und dort die Tonnen, die erst am Vortag geleert wurden, verstopf. Ich sehe sie auf dem Weg zum Waschkeller und spreche sie nicht an. Vorhin tat es einer meiner Nachbarn. Bot seine Hilfe bei einem schweren Regal an und erntete einen vernichtenden Blick. Deutlich noch das gezischte „ich brauche keine Hilfe“. Man darf sie nicht ansprechen. Nicht jetzt, wo sie so wütend ist. Lange wird sie es nicht bleiben. Vielleicht heute Abend schon sitzt sie zwischen den Kartons ihrer Wohnung und wünscht sich ihre anfängliche Wut zurück. Vielleicht begreift sie auch erst viel später, dass aus einem „wir“ ein „ich“ geworden ist und nicht nur Möbelstücke und Kartons aus ihrem Leben verschwunden sind. Er ging mit einer Reisetasche unter dem Arm und einer anderen Frau an der Hand in ein anderes „wir“, als sie noch gar nicht wusste, dass das ihre bereits der Vergangenheit angehörte. Das halbe Haus hörte, als sie ihn auf der Straße fünf Worte hinterher rief.

Das kannst du nicht machen, haben wir alle schon einmal geschrien, gedacht oder geflüstert. Oder wir hörten es, als es uns nachgerufen, gesagt oder geschrieben wurde. Paul sagte es der wütenden Nachbarin, als sie am Abend noch immer im Keller wütete und verzweifelt versuchte, eine Matratze in die Mülltonne zu stopfen. Sie schrie ihn an, dass er sich um seinen eigenen Mist kümmern solle und trug ihre unbändige Wut so offen und ungefiltert vor sich her, wie es Menschen nur dann tun, wenn der Boden unter ihren Füßen schwankt und sie sich mit letzter Kraft aufrecht halten. Während Paul ihr ruhig erklärte, dass neunzig Prozent von dem, was sie in die Tonnen stopfte, wieder raus musste, begann sie zu weinen. Wütende Tränen, die binnen Sekunden erst zu ratlosem Schniefen und dann zu einem hemmungslosen Schluchzen wurden. Während sie wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln weinend auf einem Karton saß, räumte Paul die Mülltonnen wieder aus. Stück für Stück schleppte er Regale, Kissen, Decken und Lampen wieder in das Treppenhaus und schichtete es von dort wieder in das Kellerabteil. Irgendwann könne sie es zum Wertstoffhof bringen, erklärte er ihr. Als er die 1,60 breite Matratze als letztes zurück schieben wollte, schüttelte sie den Kopf.

Er muss die halbe Nacht damit verbracht haben, das sperrige Ding zu schlachten. Am nächsten Morgen sah man die Reste verteilt in den drei Mülltonnen liegen. Vor dem Kellerabteil der wütenden jungen Frau zwei Bierflaschen und Pizzakartons. Paul war in dieser Nacht das, was das flügellahme Vögelchen gebraucht hat. Einer, der da ist und weitermacht. Egal womit. Mit dem Zerlegen einer Matratze, dem Besorgen von Essen oder dem Reichen von Taschentüchern. Vor Jahren hielt mich ein Freund davon ab, nach einer SMS unsere Hütte in den Bergen zu zerlegen. Das kann er nicht machen, war das Letzte, das ich sagte, bevor ich zwei Stunden lang im Wald versuchte, einen abgestorbenen Baum zu Brennholz zu verarbeiten. Irgendwann nahm er mir die Säge aus der Hand und heizte den Grill mit Kohle an. Während ich stundenlang heulte, briet er das Fleisch. Während ich es mit meinen Tränen salzte, erzählte er kauend banales von der Uni. Die ganze Nacht über blieb er wach. Ich heulte in das Kissen und er saß rauchend neben mir. Er war genauso hilflos wie Paul und tat trotzdem instinktiv das Richtige. Er machte da weiter, wo mir der Boden unter den Füßen wegbrach, und brachte mich durch die Nacht. Durch den Schmerz einer Trennung müssen wir alleine, aber durch die erste Nacht, durch die kann uns einer helfen.

 

18 Gedanken zu “Erste Nacht

  1. Paul ist wirklich ein Glück für die Hausgemeinschaft. Du hast die Situation so anschaulich dargestellt, dass man zuerst in tiefes Mitleid gestoßen wird, dann aber erleichtert aufatmet, wenn Paul den Keller betritt und hilft. Weiß er eigentlich, welches Denkmal du ihm in deinen Texten setzt, liebe Mitzi? Es ist durchaus nicht immer schmeichelhaft, seine Motive sind sicher nicht selbstlos, aber insgesamt gewinnt man doch einen positiven Eindruck von dieser Figur deiner Texte.

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    1. Lieber Jules, ich versuche nur über die Menschen aus meinem Umfeld zu schreiben, über die ich auf Dauer mehr positives als negatives zu sagen haben. Alle anderen sollen Randerscheinungen bleiben. Selbst meine Frau Obst, ist mir längst ans Herz gewachsen.
      Er weiß es nicht. Würde mir gehörig den Marsch blasen und ich werde es zu verhindern wissen, dass er jemals zu einer meiner Lesungen kommt. Ich müsste ihn lange, lange vorbereiten ;).

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