Randlos und wortlos

Ich mag ihn nicht. Kann ihn nicht ausstehen, diesen überdeutlichen und symbolischen schwarzen Rahmen am Rande der Karten. Wenn der Rand schon schwarz ist, dann kann man auch gleich den Text vordrucken: Herzliches Beileid. Zwei Worte. Das reicht. Er oder sie ist tot und wenn wir ehrlich sind, dann ist es völlig egal, was in den Karten geschrieben steht. Wichtig ist nur, dass sie geschrieben werden. Wenn einer geht, dann bleibt für den der übrig ist, die Welt stehen. Andere müssen sie weiter drehen. Die, die es noch können, für die, die erst mal gar nicht mehr können. Ob ein schwarzer Rand das aussagt wage ich zu bezweifeln. Ich schmeiße das Kuvert in den Müll und nehme eines von meinen. Wenn sie es öffnet, weiß sie was darin stehen wird. Nichts was hilft und nichts was den Verlust schmälert. Aber immerhin, die Post wurde ausgeliefert und irgendwo da draußen scheint sich die Welt noch weiter zu drehen. Nicht bei ihr, aber irgendwo und vielleicht hilft das für einen kurzen Augenblick. Weiterlesen

Erinnert wider Willen

Sicher würde ich mich gerne an den 4. April vor einigen Jahren erinnern, vermutet Facebook und präsentiert mir ein Foto, unter dem mein Name verlinkt ist. An dieses besondere Ereignis, möchte ich mich doch sicher erinnern und es vielleicht mit meinen Freunden teilen, schlägt Facebook vor und weiß nicht, dass ich dieses Bild sicher nicht mit meinen Freunden teilen werde. Es weiß auch nicht, dass seine simple programmierte Software, mich tatsächlich an ein besonderes Ereignis erinnert hat und will nicht wissen, dass ich daran dennoch nicht erinnert werden möchte. Seit Jahren schon kratzt Facebook am Schorf des Zurückdenkens. Es weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis sich diese dünne Kruste gebildet hat und wie leicht sie durch ein dummes Foto wieder Risse bekommt. Es hat keine Ahnung, wie schwer man lernt, Erinnerungen zu steuern und wie vorsichtig man wird, wenn man ihnen noch misstrauisch begegnet und noch nicht gelehrt hat mit zurück gebliebenen Andenken umzugehen. Weiterlesen

Leerer Platz – U-Bahn Gedanken

Fast jeden Freitag sehe ich das alte Ehepaar in der Bahn sitzen. Wenn ich nach Hause fahre, machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Einholen gehen sie. Das weiß ich, weil er es immer murmelt, wenn er sich etwas schwerfällig in den Sitz am Fenster fallen lässt. Seine Schwerfälligkeit ist dem Alter geschuldet und scheint ihn selbst zu überraschen. Jedes Mal sortiert er schmunzelnd seine Arme und Beine, klemmt den Gehstock umständlich zwischen Sitz und Abfallkasten und atmet dann einmal tief durch, bevor er auf das Polster neben sich klopft und seiner Frau die Hand reicht, damit auch sie sich setzen kann ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sie sind ein eingespieltes Team. Beide sicher in ihren Neunzigern und doch noch immer mit hellwachem Blick. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Mag ihre leisen, angenehmen Stimmen und höre ihnen gerne ein paar Stationen lang zu. Fast immer ist die Innenstadt ihr Ziel. Auch wenn der Weg aus einem Münchner Vorort längst beschwerlich geworden ist, fahren sie jeden Freitag mitten in die Menschenmassen um dort ihre Besorgungen zu erledigen. Draußen vor der Stadt scheint es ihnen manchmal zu still und zu ruhig zu werden. Weiterlesen

Erste Nacht

Schon den ganzen Tag über wird in unserem Haus gewütet. Türen knallen scheppernd ins Schloss, Möbel werden knirschend über das Laminat geschoben und Fenster nicht geschlossen, sondern mit solcher Wucht zugeworfen, dass es ein Wunder ist, dass die Scheiben noch im Rahmen sind. Ein Wunder, das Frau Obst von unserem Laubengang aus beobachtet. Jetzt werden die Balkonmöbel nach innen getragen. Nein, sie werden geworfen. Gerade fliegt ein Sonnenschirm durch die Türe in das Wohnzimmer. Mit vor der Brust verschränkten Armen und aufeinander gepressten Lippen steht sie fröstelnd im Freien und beobachtet das Treiben im Hinterhaus. Es muss sie einiges an Selbstbeherrschung kosten, nicht quer über den Hof zu brüllen, dass die Mittagsruhe längst begonnen hat und der Lärm auch sonst jenseits des zu ertragen Pegels ist. Fünf Minuten hält sie es aus. Dann postiert sie sich vor dem Haus, um wenigstens den Briefträger zurechtzuweisen, der die Post seit einigen Wochen nicht ordentlich genug in die Kästen stopft. Weiterlesen

Kopfstürme

Eine strahlende Sonne passt am besten zu mir, sagt einer meiner Freunde und ich lächle über das schöne Kompliment. Ich lächle bis er mich nicht mehr ansieht und ich nicht mehr lächeln muss. Das erloschene Lächeln juckt  in meinen Mundwinkeln und ich schließe die Augen, weil ich lieber an dein Lächeln als an mein eigenes denken möchte. Es gelingt mir nicht. Vielleicht weil du so selten gelächelt hast. Weiterlesen

Magenkrämpfe gegen Einsamkeit

Allen habe ich berichtet wie spannend und fantastisch meine Jahre in Italien waren. Nur zu gerne, erzähle ich die lustigen Anekdoten und die kleinen amüsanten Geschichten über neue Freundschaften und Erfahrungen und lasse dabei die eigenen Erinnerungen lebendig werden. Erzählend wird das längst vergangene wieder präsent und die bloßen Worte vermischen sich mit den damals empfundenen Gefühlen bis sie wieder greifbar und real werden. Weiterlesen

Wortlos

Abends, kurz vor dem Einschlafen, sitzt er oft auf meiner Bettkannte und sieht mich mit leicht gerunzelter Stirn an. Ich bin zu müde um mich mit ihm auseinander zu setzen, aber wenn er mich nur lange genug stumm ansieht, verfliegt die Müdigkeit und ich rapple mich noch einmal auf. Ich schlage die Beine unter und warte darauf, dass er etwas sagt. Ich mag seine Augen und kenne jeden einzelnen der kleinen schmutzig braunen Flecken in der rechten Iris. Goldbraun würde schöner klingen, die Farbe ist aber eindeutig schlammig und ein bisschen dreckig. Weiterlesen