Leerer Platz – U-Bahn Gedanken

Fast jeden Freitag sehe ich das alte Ehepaar in der Bahn sitzen. Wenn ich nach Hause fahre, machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Einholen gehen sie. Das weiß ich, weil er es immer murmelt, wenn er sich etwas schwerfällig in den Sitz am Fenster fallen lässt. Seine Schwerfälligkeit ist dem Alter geschuldet und scheint ihn selbst zu überraschen. Jedes Mal sortiert er schmunzelnd seine Arme und Beine, klemmt den Gehstock umständlich zwischen Sitz und Abfallkasten und atmet dann einmal tief durch, bevor er auf das Polster neben sich klopft und seiner Frau die Hand reicht, damit auch sie sich setzen kann ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sie sind ein eingespieltes Team. Beide sicher in ihren Neunzigern und doch noch immer mit hellwachem Blick. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Mag ihre leisen, angenehmen Stimmen und höre ihnen gerne ein paar Stationen lang zu. Fast immer ist die Innenstadt ihr Ziel. Auch wenn der Weg aus einem Münchner Vorort längst beschwerlich geworden ist, fahren sie jeden Freitag mitten in die Menschenmassen um dort ihre Besorgungen zu erledigen. Draußen vor der Stadt scheint es ihnen manchmal zu still und zu ruhig zu werden.Erst im Herbst hörte ich sie lange beratschlagen, wo man die besten Pfifferlinge erwerben könnte. Leise und mit sanftem Spott zog er, der alte Herr seine Frau auf. Ob man sie nicht  vielleicht gleich in Augsburg kaufen solle. So viel weiter sei das mit dem Zug auch ja auch nicht mehr. Sie nahm es ihm nicht übel und schob ihre Hand unter die seine und sah an ihn gelehnt in seine Zeitung. Das macht sie oft und vor einigen Jahren sind sie mir wegen dieser liebevollen Geste aufgefallen. Da sitzen zwei, die vielleicht schon seit siebzig Jahren verheiratet sind und nehmen sich noch immer beständig bei der Hand. Schön sieht das aus und schön sind auch die beiden. Wunderschöne alte Gesichter, die Geschichten erzählen, selbst wenn sie still und in sich versunken nur nebeneinander sitze. Sehr gepflegt und immer fesch angezogen, verharren sie nicht in ihrem Vorort sondern machen sich immer wieder auf um unter Leute zu kommen. So nennt sie es und er nickt. Nur daheim, da wird man ja blöd, pflichtet er ihr bei und wer ihnen zuhört vermutet, dass die Pilze nur ein Grund sind um zum Vikualienmarkt zu fahren. Mit einem Grund und einem Ziel fährt es sich leichter, gerade wenn das Wetter schlecht ist und die beiden recht vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen. Fallen wird wenn, dann nur er. Denn den Arm oder die Hand seiner Frau hält er immer so fest, dass man sich sicher ist, dass er sie niemals fallen lassen würde. Eher schmeißt er sich auch noch im hohen Alter auf den Boden, als das ihm seine Frau im rutschigen Matsch entgleitet. Ein schönes Paar. Wahrscheinlich schon immer, aber im Alter ganz besonders.

Am Freitag vor Weihnachten sah ich ihn das erste Mal alleine einsteigen. Um einiges schwerfälliger als sonst, sank er auf den Platz am Fenster, wurde wütend, als der Gehstock nicht so wollte wie er und presste die Lippen so fest aufeinander, dass man sich schwer vorstellen konnte, dass diesen Mund in der Bahn sonst immer ein Lächeln oder Schmunzeln umspielt. Er gefiel mir nicht. Es ging ihm nicht gut, das sah man. Wenn man sich aber nicht kennt, dann kann man nichts sagen, weil man ja nichts weiß. Der Platz neben ihm war ihm leer. Als könne er es nicht glauben, tastete seine Hand immer wieder auf das Polster des Sitzes, klopfte ins Leere und zog sich dann zurück. Er brauchte seine Hand. Brauchte sie, um umständlich ein Stofftaschentuch aus der Jacke zu ziehen und es an die Augen zu pressen. Er wischte sich die Augen, wie es Männer machen, die selten weinen und die anderen gerne glauben machen wollen, dass sie nur erkältet sind. Leise schimpfte er über seine feuchten Augen und starrte mit nassem Blick aus dem Fenster, während seine Hand wieder über den leeren Platz neben sich wanderte.

Auch heute, obwohl nicht Freitag ist, saß er in der Bahn. Groß ist er. Früher muss er eine stattliche Erscheinung gewesen sein. Er ist es noch heute. War es, bis kurz vor Weihnachten. In nur wenigen Tagen ist er kleiner und zerbrechlicher geworden und seine breiten Schultern sind nach vorne gefallen. So schnell altert man nur, wenn man plötzlich alleine ist. Seine Frau ist ihm jetzt wohl doch entglitten. Der schwarze Mantel scheint neu zu sein. Vor Weihnachten hätte er gepasst. Jetzt ist er ihm zu groß.

21 Gedanken zu “Leerer Platz – U-Bahn Gedanken

  1. Mitzi, ich bekomme nicht oft feuchte Augen beim Lesen, aber das konnte ich mir so sehr und so gut vorstellen. – Es ist leider so selten, dass sich ein Paar bis ins hohe Alter hinein gut versteht. Was ich hier so um mich herum sehe, das lebt bestenfalls nebeneinander her, meist schlimmer mit Gekeife und Gemeckere. Da muss ich nicht traurig sein, dass ich allein lebe.
    Schön der Gruß vor mir: Ein lieber Gruß geht immer.

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    1. Es ging mir ähnlich, Clara. Ich hätte eine Runde mit weinen können und habe das Bild von ihm schon sehr lange im Kopf.
      Glückliche, lange Ehen sind selten. Diese – ohne es zu wissen – scheint mir in der Summe eine sehr gute gewesen zu sein.

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  2. Liebe Mitzi,
    es wäre nur eine schön geschriebene, rührende Geschichte, zu der man rasch „gefällt mir“ klicken wollte. Doch hinter deinen einfühlsamen Worten ahnt man die Tragik und fühlt mit mit einem Mann, den man nur von Hörensagen kennt. Das wiederum ist deine Kunst.

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    1. Lieber Jules,
      danke für das feine Kompliment. Von dir weiß ich es besonders zu schätzen.
      Den alten Mann so gebrochen zu sehen, hat mir im Herzen weh getan. Ich wünsche ihm sehr, dass er schnell wieder auf die Beine kommt, vermute aber fast, dass er nicht lange ohne sein Frau sein wird.

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  3. Ich bin ein Kind der Hoffnung. Vielleicht ist sie im Krankenhaus und deshalb ist er überhaupt (an Nicht- Freitagen) unterwegs (zu ihr). Und sie kann zu ihm zurück kommen. Ich wünsche mir das jetzt ganz doll und denke an die vielen…. denn ganz am Ende werden wir auf irgendeine Weise von unseren Liebsten getrennt. Frage mich nur, wer sich immer Storys mit Happy End ausdenkt… denn diese kann es gar nicht wirklich geben… Viele Grüße!

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    1. Ich teile deine Hoffnung und wünsche es mir ebenfalls. Es ist unvermeidbar irgendwann getrennt zu werden. Vielleicht, gerade weil man es weiß, kann man so gut mitfühlen, wenn man vermutet, dass es geschehen ist.
      Liebe Grüße

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  4. 😦 vielleicht ist es nicht wie es scheint, aber vermutlich doch. und wenn nicht heute, dann irgendwann. diese geschichten sind die, die fast am meisten wehtun, am traurigsten von allen sind, wenn die farben nur hinter einem liegen.

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