Hildes Honig

Wenn man sich begrüßt, dann hat man sich die Hand zu geben. Hilde, die ich nie zu vor gesehen hatte, bestand auf diese Geste der Höflichkeit und ignorierte, dass ich halbnackt vor der Toilette stand und gerade in frische Unterwäsche schlüpfte. Grüß Gott, ich bin die Hilde, sagte sie, nahm meine Hand um sie kräftig zu schütteln und ging wieder. Eine Viertelstunde zuvor hatten wir uns schon einmal begrüßt. Da stellte sie ihr Mann, der sie brachte, als Frau Korres vor und sie hatte nur genickt. Wenn man neu in ein Krankenzimmer kommt, dann will man vielleicht erst wissen, was die anderen haben, bevor man ihnen die Hand schüttelt. Ob es Frau Korres herausgefunden hat, weiß ich nicht, aber es schien ihr wichtig zu sein, mir noch schnell die Hand zu geben, bevor man mich kurze Zeit später Richtung OP schob. Wahrscheinlich war ich vor Aufregung so blass, dass sie sich nicht ganz sicher war, mich noch einmal zu sehen.  Weiterlesen

Es wird

Über die Macht der Rhetorik in der Antike hätte sie gerne etwas geschrieben, sagt sie und wirft ein Beispiel zwischen die alten Grabsteine des alten Münchner Nordfriedhofes, durch den wir im Sonnenlicht des Nachmittags schlendern. Gerade noch waren wir woanders. In der U-Bahn und bei einem anderen Thema und schon sind wir es wieder. Der Moment über ihr Beispiel nachzudenken ist verstrichen und ich lächle nickend über den nächsten Gedanken, der zwischen den alten Bäumen aufblitzt und ihrem wachen Verstand entspringt. Ein Verstand der nicht stillsteht und Gedanken so schnell und sprunghaft in den Raum ihres Geistes wirft, das wohl nur ein Bruchteil den Weg über ihre Lippen findet. Sie plappert und plaudert und doch hört man, dass fast alles was sie sagt, schon einmal an-, be- oder durchdacht wurde. Ihr Verstand ist flinker als der meine und ich spüre, dass sie im Begriff ist mich zu überholen. Bei ihr trete ich gerne zurück. Bin still, damit ihren Gedanken mehr Raum bleibt. Gedanken, von denen mir die meisten noch vertraut sind, manche aber bereits vergessen waren und jetzt wieder durch ihren hübschen Mund geformt und ausgesprochen werden. Fasziniert werfe ich ihr ein Stichwort zu und lache als sie es stirnrunzelnd aufschnappt, kurz darauf kaut und es dann in ganz neuem Gewand ausspuckt. Es war zu einfach. Für geworfene Stichworte ist er zu schlau, der Verstand, und das Zuhören zu schön. Längst sind wir auf Augenhöhe und werden es jetzt die nächsten Jahre bleiben. Ihr Geist ist wacher und flinker, der meine ruhiger und erfahrener. Heute morgen wünschte ich mir im Lotto zu gewinnen. Viel lieber aber möchte ich, dass sie weiter anruft, wenn sie in der Stadt ist und mir von der Macht der Rhetorik in der Antike erzählt. Oder von Platon. Von gestern Abend und von letzter Woche. Von Seneca. Vom Hund und der Katze und von allem was ihr durch den Kopf schießt. Weniges ist faszinierender als eine Neunzehnjährige, die gestern noch ein kleines Mädchen war. Weiterlesen

Leerer Platz – U-Bahn Gedanken

Fast jeden Freitag sehe ich das alte Ehepaar in der Bahn sitzen. Wenn ich nach Hause fahre, machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Einholen gehen sie. Das weiß ich, weil er es immer murmelt, wenn er sich etwas schwerfällig in den Sitz am Fenster fallen lässt. Seine Schwerfälligkeit ist dem Alter geschuldet und scheint ihn selbst zu überraschen. Jedes Mal sortiert er schmunzelnd seine Arme und Beine, klemmt den Gehstock umständlich zwischen Sitz und Abfallkasten und atmet dann einmal tief durch, bevor er auf das Polster neben sich klopft und seiner Frau die Hand reicht, damit auch sie sich setzen kann ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sie sind ein eingespieltes Team. Beide sicher in ihren Neunzigern und doch noch immer mit hellwachem Blick. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Mag ihre leisen, angenehmen Stimmen und höre ihnen gerne ein paar Stationen lang zu. Fast immer ist die Innenstadt ihr Ziel. Auch wenn der Weg aus einem Münchner Vorort längst beschwerlich geworden ist, fahren sie jeden Freitag mitten in die Menschenmassen um dort ihre Besorgungen zu erledigen. Draußen vor der Stadt scheint es ihnen manchmal zu still und zu ruhig zu werden. Weiterlesen

Unverschämter Frühling

Wenn mir noch einer mit dem ach so schönen Frühling an kommt, dann schlepp ich ihn mit zu mir. Nicht für ein Schäferstündchen sondern damit er den Wahnsinn, den diese Jahreszeit in meinem Haus anrichtet, am eigenen Leib erleben kann. Wenn er dann noch etwas von einem blauen Band und Neuanfang murmeln kann – Chapeau. In meiner Straße macht der Frühling gar nichts neu. Ganz im Gegenteil. Die blöde Jahreszeit weckt meine Nachbarn aus ihrem Winterschlaf und sorgt dafür, dass der Wahnsinn des alten Jahres mit neuem Elan beginnt und das Haus mit unveränderter Wucht umbrandet. Dabei war es im Winter so schön ruhig. Die Bierliebhaber verkrochen sich im warmen Bauch der Kneipe und kamen nur für eine kurze Zigarette nach draußen. Meine direkte Nachbarin Frau Obst war über Wochen mit einer hübschen Bronchitis beschäftigt und hatte keine Kraft spionierend vor meinem Küchenfenster zu stehen und aus dem Hinterhaus hörte man durch die wummernden Bässe der Studenten WG nur gedämpft durch die geschlossenen Fenster . Es war so schön, als alle schliefen und jeder sich um seinen eigenen Schmarrn gekümmert hat. Jetzt ist es vorbei mit der Ruhe. Der Frühling ist da und mein Haus erwacht. Im Waschkeller riecht es schon ganz ekelhaft nach Weichspüler mit Fliederaroma. Weiterlesen

Alter!

Ich mag ja Trottel. Solche, in denen man sich wiederkennt und bei denen man froh ist, dass es einen diesmal nicht selbst getroffen hat. Einem Trottel kann ich stundenlang zusehen und mich dabei besser als beim durchschnittlichen Fernsehprogramm amüsieren. Ich mag es zum Beispiel unheimlich gerne, Kollegen beim Beseitigen des Papierstaus am High-Tech Drucker / Kopierer / Scanner zu beobachten. Nicht, dass meine Kollegen pauschal Trottel wären – auf keinen Fall. Aber ich kenne kaum einen, der die Rolle auf allen vieren kauernd und mit der Hand in einem der vielen Einzugsfächer steckend, nicht perfekt verkörpern würde. Dann suche ich mir eine Arbeit die nicht viel Aufmerksamkeit erfordert (zum Beispiel tackern – ich bin große Klasse im Tackern), lehne mich an das Sideboard und lausche den leisen Flüchen. Es versteht sich von selbst, dass ich mich an der Behebung des Papierstau nicht beteilige. Die letzten fünf Jahre habe ich ein hilfloses Lächeln perfektioniert, das es mir erspart, selbst in die Knie zu gehen. Kennt mich einer noch nicht gut genug, um zu wissen dass dieses Lächeln übersetzt „vergiss es, den Mist fasse ich gar nicht erst an“, teile ich es ihm charmant verbal mit.

Noch lieber mag ich die echten Trottel. Die, die einfach ein bisschen doof sind. Doof und dabei besonders liebenswert. Die zu beobachten ist mir eine große Freude. Verstehen sie mich nicht falsch. Ich spreche hier nicht von echten Defiziten. Ich meine den Schlag von Menschen, der gepflegt einen an der Klatsche hat und sich damit rund um wohl fühlt. Zum Beispiel Tom. Tom ist Friseur bei meinem Friseur. Von Tom würde ich mir nie die Haare schneiden lassen. Viel zu oft habe ich ein „ups“ aus seinem Mund gehört. Und ich sehe ja was er mit seinen eigenen Haaren macht. Außerdem redet er mir zu viel. Ich gehe lieber zu Hagen. Der sagt nicht „ups“ sondern eigentlich gar nichts. Hagen und ich sind meist die einzigen im Salon die sich anschweigen und lieber den Gesprächen lauschen und das Treiben um uns herum beobachten. Ich mehr als er. Er muss mir ja die Haare schneiden und sich dabei konzentrieren. Das ist gar nicht so leicht. Wenn Hagen nämlich Pech hat, dann hat Tom gerade keinen Kunden und zu viel Zeit. Was für mich ein Highlight ist, ist für Hagen eine echte Herausforderung. Zum Beispiel gestern. Gestern war mein Glücks- und Hagens Pechtag. Tom hatte Zeit. Und weil Tom ein hilfsbereiter Mensch ist, nutzt er seine Zeit. Während rechts von mir Hagen saß und meine Haare schnitt, nahm Tom links von mir Platz und zupfte die feuchten Strähnen vom Umhang. Einzeln. Es ist sehr beruhigend,  dem Schnipp-Schnapp einer Schere zu lauschen und eine Hand zu beobachten, die im gleichen Rhythmus die gefallenen Haarsträhnen einsammelt und sanft auf den Boden fallen lässt. Für mich. Für Hagen war es eher anstrengend. Das schöne Schnipp-Schnapp Geräusch seiner Schere kam aus dem Takt und verstummte wenig später ganz. Hagen sah sich gezwungen doch zu sprechen. Und Tom zu antworten.

„Was?!“
„Ich räum auf.“
„Alter! Die sitzt da noch.“ – Die war ich.

Tom verzog sich und konzentrierte sich auf die Haarsträhnen am Boden. Weil Hagen ihn gar so mürrisch ansah, traute er sich nicht zwischen meinen und Hagens Beinen zu fegen. Tom ist kreativ. Er nutzte einen Föhn. Einen Meter von uns entfernt richtete er ihn auf den Boden und blies die Haare, ganz wie Laub mit einem Laubbläser, unter dem Stuhl in eine Richtung. Es war wohl die falsche Richtung, den er umkreiste uns. Mehrfach. Ich kann ihnen nicht sagen, wie amüsant das war. Trottel Ballett. Ich lächelte, Hagen explodierte.

Während die Farbe in meinen Haaren einwirkte, kam ich noch in den Genuss zu beobachten wie Hagen mit einem Azubi die Lichterkette am Fenster anbrachte. Versuchte sie anzubringen. Ich habe keine gute räumliche Vorstellung, aber dass das Kabel zu kurz war, sah sogar ich. Ich mag Menschen, die sich von so etwas nicht einschüchtern lassen und erst einmal das ganze Schaufenster dekorieren bevor sie sich mit Banalitäten wie Stromanschlüssen beschäftigen. Selbst Hagen honorierte das Engagement verbal. Vor dem Fenster stehend, den mittig in einem Meter höhe baumelnden Stecker betrachtend murmelte er: „Alter! Du bist echt gut.“ Tom ist wirklich gut. Weil ihm langweilig war und sich kein Verlängerungskabel fand, föhnte er mir anstelle von Hagen die Haare. Ich wusste gar nicht, dass ich wie Agnetha von Abba aussehen kann. Als ich bezahlt hatte, stand Hagen vor dem Laden und rauchte eine Zigarette. Ich ging zu ihm um ihm das Trinkgeld zu geben. Er sah mich lange an, bevor er den Kopf schüttelte. Ne, das wäre nicht fair, meinte er und fügte ein „Alter, der ist echt – Pause- schönen Abend“ an.

Zu Hause setzte ich die Brille auf und murmelte: „Alter!“ Agneta sah mit etwas mehr Sehschärfe verdammt nach Dolly Parton aus.