Carpe… bloß nichts

Letzter Tag, höre ich dich leise fragen und nicke fröstelnd. Du weißt, dass ich keine letzten Tage mag. Sie sind mir zuwider, weil sie Erwartungen wecken, die selten erfüllt werden. Einen letzten Tag hat man gefälligst zu etwas Besonderem zu machen und das Jahresende muss ordentlich mit Konfetti beworfen werden, damit man auf Instagram und Facebook mit den entsprechenden Bildern glänzen kann. Ich glänze nie. Ich bin die, die sich um Mitternacht das Seidentop mit einer zu eng am Körper gehaltenen Wunderkerze versaut, sich genau vor dem Silvesterkuss ein Stück Lachs in den Mund schiebt oder gerade in der Kloschlange steht, wenn die letzten Sekunden runter gezählt werden. Abschiede sind mir verhasst. Selbst die von einem Jahr, das mit 365 Akten nun wirklich seine Schuldigkeit getan hat. Ich hasse es, nicht zu wissen was kommt.
Ob das nicht Teil des Deals sei, erkundigst du dich und ich schüttle den Kopf. Nein, ich möchte wissen, was kommt. Haarklein, detailliert und mit der Garantie auf ein Happy End. Fast schon wütend sehe ich dich den Kopf schütteln. Ich hätte noch immer nicht gelernt, mit meinen Wünschen vorsichtiger zu sein. Eine Garantie auf ein Happy End, sei der unverschämteste und auch dümmste Wunsch, von dem du je gehört hast. Wie naiv ich noch immer sei. Man dürfe auf keinen Fall wissen, was kommt.

Die Rosenbüsche zwischen denen du langsam auf und ab gehst, sind vertrocknet und im Winterschlaf. Ich bin noch immer dumm, höre ich dich wiederholen. Wie kann man sich ernsthaft wünschen, zu wissen was kommt, fragst du und ob wir mit unserem Wissen glücklich waren. Ob wir es meiner Meinung nach, auch nur an einem einzigen Tag geschafft hätten, die Gewissheit des nahen Endes auszublenden. Wenn ich mir schon unbedingt etwas wünschen möchte, dann doch bitte Unwissenheit. Ob ich nicht lieber noch einmal einen letzten Tag hätte, ohne zu wissen, dass es der letzte sei? Das sei dumm, sage ich. So könne man sich doch gar nicht ordentlich freuen und den Tag nicht in vollen Zügen genießen. Noch einmal ein letzter Tag ohne zu wissen, dass es kein Happy End gibt, fragst du und nach einiger Zeit gebe ich dir recht. Doch, das wäre schon schön. Dumm aber schön.

Ich wäre die erste, die das Angebot annehmen würde, höre ich deinen Bruder sagen und widerspreche. Nein, die zweite, weil er mir zuvor kommen würde. Und du der dritte, füge ich an, weil du die Neigung besitzt, denen die dir am Herzen liegen, blind und gedankenlos zu folgen. Dann wären wir alle drei dumm, fragst du und ich nicke. Vermutlich wären wir das, aber wer kann es uns übel nehmen. Dummheit ist menschlich.

Jeder von uns hatte diesen einen letzten Tag, von dem man erst rückwirkend wusste, dass es der letzte war. Der Tag bevor sich alles änderte. Tage an dem wir nicht wussten, dass alles komplizierter werden würde. Eine Zeit in der wir naiv darauf vertrauten, dass wir noch unzählige Jahre weiter durch das Leben taumeln würden. Ich möchte diese Tage noch einmal erleben. Selbst wenn es nur einer wäre, ich möchte ihn noch unzählige Male erleben. Möchte mich in die Banalität dieser immer wieder kehrenden 24 Stunden flüchten und möchte noch einmal mit euch das Gefühl haben, einen Tag nicht nutzen zu müssen, weil noch unendlich viele folgen werden.

Dein Bruder sagte mir vor langem, dass ihn das am meisten zu schaffen machen würde. Die Gewissheit, keinen Tag mehr vertrödeln zu dürfen, weil der Vorrat zu schnell schwinden würde, als das man sich den Luxus sinnlos verstrichener Zeit erlauben könne. Ganz am Ende bedauerte er, sich nicht doch noch diese eine über mehrere Staffeln gehende Serie angesehen zu haben. Die wenige Zeit erschien ihm zu kostbar und doch blieb am Ende das Gefühl, längst nicht alles geschafft zu haben. Ein paar Nachmittage vor dem Fernseher, wären vielleicht genussvoller gewesen, überlegte er.

Du hast ja recht. Ich wünschte, wir hätten nicht gewusst, dass es zu Ende gehen wird. Egal wie sehr man sich bemüht, es ist unmöglich normal zu leben, wenn neben einem die Sanduhr abläuft. Carpe diem….ich hasste diese Worte, weil sie wie eine Drohung den Takt eines jeden Tages angaben. Wie kann man faul und träge in der Sonne liegen, wenn man weiß, dass die Sonnentage gezählt sind? Besser, noch diesen einen Berg zu besteigen, zu dem einen schönen See zu fahren und immer zu nur rennen, damit man ja nichts verpasst. Wir rannten, bis uns die Luft ausging. Einem von uns dreien. Er bremste uns und nahm uns die Rastlosigkeit mit der wir die letzten Monate verbracht hatten.

Ich werde mir die Fußnägel präventiv lackieren. Wahrscheinlich werde ich um Mitternacht in den Armen zweier meiner besten Freund liegen. Vielleicht tanze ich aber auch barfuß auf irgendeinem Tisch oder stehe in der Kloschlange einer Bar. Den beiden mit denen ich mich später treffe, liegt Carpe diem erfreulich fern. Sie planen, außer einem  Coq au vin gegen sieben Uhr, gar nichts und liegen damit wie in den Vorjahren richtig. Es waren fantastische Nächte. Planlos, gedankenlos, im Nebel stehend oder unter unzähligen goldener und silberner Ballons tanzend. Planen, was willst du den planen, fragen sie mich und zucken verständnislos mit den Schultern.

Heute ist keinletzter Tag. Es ist der 31.12. und morgen ist der 01.01. Werfen Sie ruhig mit Konfetti. Heute oder erst morgen – eigentlich ist es ja egal. Hauptsache Sie vertrauen darauf, dass es ein Morgen gibt.

22 Gedanken zu “Carpe… bloß nichts

  1. Liebe Mitzi,
    nicht zu wissen, was kommt, muss doch nicht sein. Schließlich gibt es ganz in Deiner Nähe an der A9 die Raststätte Greding mit einem sehr speziellen Ladengeschäft, das unter anderem Kristallkugeln verkauft 🙂 . Die sind nur – verständlicherweise – sehr teuer.
    Deshalb weiche ich beispielsweise auf Tarotkarten aus. Schade nur, dass der Mensch einen eigenen Willen besitzt und die Karten die „Zukunft“ ausschließlich entsprechend dem derzeitigen (Bewußtseins)Zustand voraussagen können. Deshalb ist es auch nicht wichtig, den Karten zu glauben, sondern vielmehr sich selbst.
    Fußnägel zu lackieren ist eine prima Prävention für alles mögliche. Und gerade während der Rauhnächte wird man dabei von „hinter den Schleiern“ beobachtet, auch beim Feiern.

    Ich finde, dabei geht es nicht darum, auf ein Jahr zurückzublicken, in dem man möglichst viel geschafft hat. Sondern viel mehr, den Zyklus zu beenden. Eine Reset-Taste ist nicht das Schlechteste im Leben. Also danke ich heute den vergangenen 365 Tagen für ihre Intensität, drücke heute Nacht RESET, bekleckere mein Abendkleid (hey ein Top ist ja wohl zu wenig!) und bin wahnsinnig gespannt aufs nächste Jahr. Mein „Big Word“ hab ich schon. Und ich grübel über ein veganes Coq au vin 🙂 .

    Komm gut rein, grüß München von mir ❤ und genieße jede Minute *kuss*

    Andrea

    …und wenn Du mal einen Blick in die Karten werfen willst, sag bescheid 😉

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    1. Liebe Andrea, ich habe in der U-Bahn an Silvester schon gelesen und mich sehr gefreut. Du hast so recht – natürlich ist es besser gar nicht zu wissen was kommt. Es nimmt einen die Spannung, die Freude und die Unbeschwertheit. Nur manchmal ist so leichtsinnig dumm und möchte es trotzdem. Dann ist es gut, dass uns das einfach nicht möglich ist.
      Die Vorstellung der Reset-Taste gefällt mir. Schluss mit dem Nachhängen und rein in das Neue. Mit Anlauf und mit einem bekleckerten Abendkleid :).
      Ich hoffe du hattest einen tollen Abend und noch viel wichtiger…das Jahr wird ein gutes und glückliches.
      P.S. Und ob ich will!!!!

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  2. Es liegt natürlich an der englischen Vokabel „carpet“, die ich in der Schule gelernt hatte, lange bevor mir die Aufforderung „Carpe diem!“ unterkam, dass ich stets an einen fliegenden Teppich denke, den man keinesfalls verpassen darf.

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  3. Liebe Mitzi,
    die meisten Ihrer Sätze verstehe ich. Aus vielen lerne ich, und am Ende dieses Textes ist Ihnen wieder ein (Ab)satz gelungen, mit dem ich mich sofort identifizieren konnte.
    Heute ist kein letzter Tag. Es ist der 31.12. und morgen ist der 01.01. Werfen Sie ruhig mit Konfetti. Heute oder erst morgen – eigentlich ist es ja egal. Hauptsache Sie vertrauen darauf, dass es ein Morgen gibt.
    Das ist viel, viel schöner ausgedrückt, als meine heutigen Gedanken über Silvester und Neujahr!
    DANKE!
    Gruß Heinrich

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  4. „Möchte mich in die Banalität dieser immer wieder kehrenden 24 Stunden flüchten und möchte noch einmal mit euch das Gefühl haben, einen Tag nicht nutzen zu müssen, weil noch unendlich viele folgen werden.“

    Hierfür lasse ich ein paar stille Sternchen da. ***

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  5. Drei habe ich in meinem engsten Freundeskreis bisher begleitet, die genau wussten, was ihnen die nächsten Monate, Wochen oder Tage bringen werden. – Und jetzt weiß ich immer noch nicht genau, ob ich zu denen zählen möchte, die es vorher wissen, oder zu denen, die vorher nur von ihrem Urlaub, ihrer Wohnungsrenovierung oder ihrem nächsten Familientreffen wissen – anderes aber nicht.
    Ich habe hoffentlich noch ein wenig Zeit, um mir darüber klar zu werden.
    Liebe „philosophische“ Grüße

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  6. Carpe Diem, Carpe Noctum ich hatte nie Latein und konnte es auch noch nie leiden genauso wenig wie den Barock und seine Schwermütigkeit. Ich denke man sollte sein Leben so leben, dass man eben nichts bereut (dass funktioniert weiß gott nicht immer), ist aber ein prima Leitfaden… so will ich dieses Jahr ein wenig mehr Ehrenamt etablieren oder mehr Im-Bett-Liegen-bleib-Tage. Aber erst geht es nach Island, dass reicht denke ich als ersten Schritt

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    1. Das ist ein guter erster Schritt! Ich kenne viel zu wenig von Island, aber immer wenn ich Fotos sehe, denke ich mir, dass ich irgendwann mal hin will. Urlaub ist aber etwas ganz anderes, du lernst Island sicher viel besser und tiefer kennen.

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