Schubs mich!

Ich mag keine Kalendersprüche. Da heißt es, alles Schlechte hätte immer auch etwas Gutes. Und das man dem größten Unglück noch eine positive Wendung abgewinnen kann. Aus schwarz wird weiß und wer heute noch weint, kann morgen schon wieder lachen. Man kennt all diese Sprüche und Kalenderblatt Weisheiten. Aber mal ehrlich….in dem Moment wo alles zerbricht, sind sie einem doch scheißegal. Wenn binnen Sekunden sämtliche Träume zerplatzen und die eigene Welt aus den Angeln gehoben wird und still steht, dann helfen Worte allein nicht mehr. Dann braucht man jemanden, der da weiter macht, wo man selbst nicht mehr kann.

Einer meiner ältesten Freunde,  hat es für mich getan und ich werde es ihm nie vergessen. Ich war mit ihm für ein Wochenende zur Hütte meine Eltern in die Berge gefahren. Wir waren seit Jahren befreundet, kannten uns gut und hatten doch nur selten an der Oberfläche des jeweils anderen gekratzt. Ein ganzes Wochenende nur zu zweit hatten wir noch nie verbracht. Es hatte sich zufällig ergeben, dass wir spontan ein paar Lebensmittel kauften und kurzentschlossen das Hochsommerwochenende nutzten und aus der Stadt flüchteten. Schwitzend lagen wir einige Stunden später auf einer Decke im Gras und beobachteten Ameisen und Käfer. Es war so brüllend heiß, dass jedes Wort zu viel war.  Die pralle Mittagssonne machte uns schläfrig und denkfaul. Wir sprachen kaum, lachten aber die ganze Zeit. Es ist schön, nicht zu denken und noch schöner grundlos zu lachen. Ich weißt noch, wie laut die Grillen an diesem Nachmittag gezirpt haben und wie dumpf das Brummen von Bienen und Hummeln dicht über dem Boden klang. Die Luft flirrte vor Hitze und aus dem Wald kam ein fast schon widerlich süßlicher Geruch nach Hartz, wie er nur in ganz heißen Sommern entsteht. Wir warfen uns nur albern einzelne Satzfetzen zu und lachten grundlos über Kleinigkeiten. Wenn ich an diesen Nachmittag zurück denke, dann fällt mir zuerst ein, wie unbekümmert, unbeschwert und glücklich ich gewesen bin. An diesem Nachmittag war ich überzeugt, dass mir absolut nichts passieren könnte und dass das Leben im allgemeinen und meines im besonderen ziemlich schön war.  Heute glaube ich, dass genau das wirkliches Glück ist. Nicht eine oder mehrere Sachen, die einen glücklich machen, sondern umgekehrt, das nicht Vorhandensein von Dingen die einen unglücklich machen.

Als wir Hunger bekamen liefen wir durch den Wald zurück zur Hütte. Noch immer lachend und noch immer albern, rannte ich in das kleine Häuschen um das Fleisch aus dem Kühlschrank zu holen. Auf dem Weg zurück nach draußen, lass ich die SMS meines damaligen Freundes, der zu dieser Zeit in Mailand lebte. Zwei Sätze, die meine Welt zum Stillstand brachten. Das Zirpen der Grillen hörte ich nicht mehr. Nur noch das dumpfe Geräusch einer Fliege, die immer wieder gegen das Fensterglas flog. Er, den ich heute den Mutigen und den Unerschrockenen nenne, machte mit einer SMS Schluss. Sechs Monate bevor ich zu ihm nach Italien ziehen sollte. Eine SMS, die in diesem Moment alles zerstörte.

Arschloch. Das war es, was mein guter Freund dazu sagt. Kein Wort mehr. Er nahm mir die Würstchen und das Fleisch aus der Hand und machte da weiter, wo ich aufgehört hatte.  Während ich heulend auf dem Boden saß, legte er das Fleisch ein, sammelte Holz und schichtete es in den Grill. Er drehte das Radio etwas lauter, zog mich an der Hand nach draußen und drückte mich auf die Holzbank vor dem Feuer. Vor Tränen blind und taub hörte ich nicht was er mir erzählte, aber ich weiß noch, dass es beruhigend war seine Stimme zu hören. Meine Italienträume platzten, meine große Liebe war plötzlich ein Exfreund und nichts war mehr wie noch eine Stunde zuvor. Trotzdem ging es weiter. Das Fleisch brutzelte auf dem Rost, die Sonne verschwand hinter den Bäumen und neben mir saß jemand, der mit mir sprach und keine Antworten erwartete. Die Welt drehte sich weiter. Sie ruckelte ziemlich und hatte ihren Schwung verloren. Aber sie drehte sich weiter.

Obwohl ich an diesem Abend nicht aufgehört habe zu weinen, habe ich auch wieder gelächelt und ein Teil von mir empfand auch Glück. Ein ganz anderes Glück als noch einige Stunden zuvor. Leiser, stiller und dankbarer, weil ich  jemanden an meiner Seite hatte von dem ich ahnte, dass er einer jener Freunde war, die mich ein Leben lang begleiten würden. Er brachte mich durch diese erste Nacht. Was er mir erzählte oder worüber wir gesprochen haben, weiß ich nicht mehr. Es war auch nicht wichtig. Wichtig war, dass er und meine anderen Freunde die nächsten Tage und Wochen um mich waren und mich nicht alleine gelassen haben. Sie ignorierten mein Heulen solange, bis ich von selbst aufhörte und wieder vorsichtig zu lachen begann.

Kalendersprüche verabscheue ich noch immer. Nur den einen nicht. Den, das die Welt sich weiter dreht. Der stimmt nämlich. Man braucht nur jemanden der sie für eine selbst anschubst. Den Rest schafft man dann selbst. Irgendwie.

Nach Italien bin ich dann doch gezogen. Alleine. Naja, nicht ganz. Niemand glaubt mir, dass es ein Zufall war, dass mein Exfreund und ich zeitgleich nach Verona zogen. War es aber. Luftlinie 100 Meter voneinander entfernt. Zufall, Schicksal oder was auch immer. Wir machten nicht da weiter, wo wir aufgehört hatten. Wir fingen etwas neues an. Die Welt hatte sich ja weiter gedreht.

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