1.800.000 Atemzüge

Auf meinem Sofa hockt seit drei Tagen das heulende Elend. Vor vier Tagen noch war es eine meiner Freundinnen und mir im Bezug emotionaler Ausgeglichenheit weit überlegen. Jetzt nicht mehr. Ihr Mann hat seit Samstag ein neues Auto, eine neue Freundin und eine neue Telefonnummer. Was genau er sich zuerst angeschafft hat, weiß ich nicht. Meiner Freundin Suse präsentierte er vorgestern Abend aber Auto und Freundin gleichzeitig und weigerte sich die neue Nummer rauszugeben, als er mit einer Reisetasche unter dem Arm die gemeinsame Wohnung und das gemeinsame Leben verließ. Unschön. Die neue Freundin, vor allem aber die neue Telefonnummer, die es Suse unmöglich macht ihm all das zu sagen, was sie jetzt ersatzweise gegen die Wände meiner Wohnung brüllt. Wir haben alles durch. Wein und Schokolade. Analyse der WhatsApp Chats der vergangenen drei Jahre.  Sie das Internetstalking der Neuen und ich die Gewissheit, dass man auch mit zwei Jahrzehnten mehr auf dem Buckel so bescheuert wie eine angeschossene Zwanzigjährige ist. Selbstverständlich sind wir die Straße der ehemals gemeinsamen Wohnung in den letzten beiden Nächten mehrfach mit ausgeschaltetem Licht abgefahren, um anhand eines erleuchteten Küchenfensters auch nicht mehr als vorher zu wissen. Und natürlich hat sie betrunken E-Mails geschrieben von deren Abschicken ich sie solidaritäts angeschickert nicht abgehalten habe. Wir sind genauso blöd wie vor zwei Jahrzehnten, machen genau die gleichen Fehler und stellen jetzt nur fest, dass wir nach solchen Nächten morgens nicht mehr dramatisch wild, sondern zerknautscht verkatert aussehen. Mit zwanzig war verschmierte Wimperntusche ein Accessoire, heute das was es schon immer war – kosmetischer, bröckelnder Dreck.  

Nach 48 Stunden intensivster Freundschaftspflege brauche ich eine Pause und weil man sich die als gute Freundin nicht einfach nehmen kann, nutze ich Wimperntuschen verschmierte und Rotwein befleckte Kopfkissen als Ausrede um mich eine Stunde im Waschkeller zu erholen und mir Tipps für Liebeskummer bei Google, dem großen Bruder und Allwissenden zu holen. Gallseife, Bleiche, 60 Grad und ein Handy mit Internetzugang – mehr braucht man als gute Freundin heute nicht mehr. Dann mal los…

Google ist auch nicht mehr das was es mal war. Noch vor der Hauptwäsche gebe ich auf. Mein Nachbar Paul nicht. Der versucht noch immer seinen Fußabtreter in eine der Maschinen zu stopfen. Mein amüsierter Blick scheint ihn dabei zu stören und er macht eine Pause, indem er sich neben mich stellt und über meine Schulter auf das Display meines Handys schaut. Grinsend schüttelt er den Kopf und nimmt es mir aus der Hand. Mit „Schwachsinn“ kommentiert er die Kalenderweisheiten für frisch Getrennte und mit „harte Nacht?“, mein zerzaustes Aussehen. Ich zucke mit den Schultern, besser sehe ich nach einer durchwachten Nacht nicht aus – Suse blockiert heulend seit Stunden das Bad. Ich erzähl ihm von den Stunden im Auto vor einem hellen Küchenfenster, von geschriebenen und bereuten E-Mails und ein bis drei Gläsern zuviel. Wir schmunzeln darüber und lachen wie dumm, irrational und verletzlich einen eine Trennung doch noch immer machen kann. Wir lachen, bis wir verstummen, weil es eigentlich gar nichts zu lachen gibt, wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird und weil es doch eher zum Heulen ist, wenn ein Leben von heute auf morgen zerbricht. Wie geht es ihr, fragt er und ich zeige ihm ein Bild von uns beiden, dass wir kurz vorm Einschlafen geschossen haben. Da hielten wir uns für wild und ungestüm. Im Neonlicht des Waschkellers sehen wir darauf angeschlagen und traurig aus. Beide. Suse, weil sie es ist und ich, weil ich nichts tun kann, damit es ihr besser geht. Süß, sagt Paul und ich finde es süß, dass er lügt. Ob er soll, will er wissen und ich verstehe ihn nicht, bis er mit den Schultern zuckt und etwas von Gift mit Gift bekämpfen murmelt. 

Suse hat die Wäsche nach oben geholt und Paul getroffen, der auf seine Fußmatte wartete. Ich vermute er hat sein Rhett Butler Lächlen gelächelt. Sie waren beim Griechen, bei DEM Griechen. Dort werden um Mitternacht die Servietten in die Luft geworfen und dann wird auf den Tischen getanzt. Ein Ort an den man seine frisch getrennte beste Freundin als Frau sicher nicht schleppen würde. Ein Ort, den nur ein Kerl als passend empfinden würde. Als Suse um fünf in der Früh nach Hause kam und zu mir ins Bett kroch weinte sie ein bisschen bevor sie lachend rülpste. Ob der ganze Scheiß nicht zum Heulen lächerlich wäre, murmelte sie und wir lachten beide. Ohne Grund. Oder weil Weinen – begründet bei ihr,  solidarisch, bei mir – nach drei Tagen zu sehr in den Augen brennt. Vielleicht auch weil das mit dem „Gift bekämpft Gift“ gar nicht so falsch ist. Einer versaut es, einer macht es wieder gut. Bevor ich einschlafe, schreibe ich Paul eine SMS: „Danke“. 

Suse heult wieder. Zwischen dem Griechen, der Bar im Glockenbachviertel und ihrem interims Zuhause bei mir hat sie in den wohl einen Zwischenstopp im Hinterhaus eingelegt. Würde Paul an sein verdammtes Handy gehen oder die von ihr an ihn geschriebenen WhatsApp Nachrichten einen zweiten Haken zeigen, würde Suse jetzt nicht heulen. Gift vertreibt Gift. Mag sein, hält nur nicht lange. Meiner Nachbarin Judith erzähle ich es im Keller vor den Altglascontainern. Sie haut mir ein Gurkenglas in die Rippen und fragt ob ich mir solidarisch den Verstand weggetrunken hätte. Paul? Unser Paul?!? Sie muss mir das Glas nicht noch mal gegen den Arm schlagen. Ich nehm es ihr weg und nicke. Paul ist toll. Als Nachbar. Wahrscheinlich auch als guter Freund. Auch um zu vergessen, sich toll zu fühlen und wieder lebendig. Nach Paul schläft man bestimmt gut ein. Nur das Aufwachen, das kann schief gehen. 

Judith nimmt sich jetzt Suse an. Ich mache mir ein wenig Sorgen um meine Freundin. Ganz tief in mir drin, weiß ich ja, dass gar nichts hilft. Nur warten. Einatmen, ausatmen und einatmen. 1.800.000 Mal. Dann sind die ersten drei Monate geschafft und es wird besser. 

 

 

 

Annas Fäden – U-Bahn Gedanken

Fast wäre sie zerbrochen. Unsere Freundschaft. Es fehlte nur ein kleines Stück, vielleicht ein halbes Jahr und die Reste dessen, was sie zusammen hielt, wären uns durch die Finger gerutscht. Ohne dass wir etwas dagegen getan hätten. Anfangs hätten wir es vermutlich gar nicht gemerkt. Einer so langen Freundschaft wie der unseren unterstellt man, dass sie ewig anhält. Man erinnert sich an den Anfang und kann den Zeitpunkt an dem man sich näher kam noch ganz gut benennen, vermag aber nicht mehr zu sagen, wann man so nah zusammen rückte, dass eine Trennung unvorstellbar wurde. Seltsamer Weise sind es oft die besonders tiefen Freundschaften, die sich leise verabschieden. Sie sind ein so starkes Seil, dass es nicht auffällt, wenn die ersten Fäden sich lösen. Es gibt so  viele von ihnen, fest ineinander geschlungen, dass man den einen nicht vermisst und sich leichtsinnig auf die vielen anderen verlässt. Weiterlesen

Erste Nacht

Schon den ganzen Tag über wird in unserem Haus gewütet. Türen knallen scheppernd ins Schloss, Möbel werden knirschend über das Laminat geschoben und Fenster nicht geschlossen, sondern mit solcher Wucht zugeworfen, dass es ein Wunder ist, dass die Scheiben noch im Rahmen sind. Ein Wunder, das Frau Obst von unserem Laubengang aus beobachtet. Jetzt werden die Balkonmöbel nach innen getragen. Nein, sie werden geworfen. Gerade fliegt ein Sonnenschirm durch die Türe in das Wohnzimmer. Mit vor der Brust verschränkten Armen und aufeinander gepressten Lippen steht sie fröstelnd im Freien und beobachtet das Treiben im Hinterhaus. Es muss sie einiges an Selbstbeherrschung kosten, nicht quer über den Hof zu brüllen, dass die Mittagsruhe längst begonnen hat und der Lärm auch sonst jenseits des zu ertragen Pegels ist. Fünf Minuten hält sie es aus. Dann postiert sie sich vor dem Haus, um wenigstens den Briefträger zurechtzuweisen, der die Post seit einigen Wochen nicht ordentlich genug in die Kästen stopft. Weiterlesen

Reclam beim Frisör bitte nur mit Termin

Nach der Beendigung eines Lebensabschnittes – vorzugsweise der traumatischen oder dramatischen Beendigung einer Beziehung – rennen Frauen zum Frisör. Ich vermute, wir tun das um wenigstens noch Gewalt über das Äußere unseres Kopfes zu haben. Das Innenleben des Kopfes entwickelt nach dramatischen Trennungen ja meist eine nur schwer zu steuernde Eigendynamik. Trotzdem ist es mir unverständlich wie man es in den ersten drei bis dreiunddreißig Monaten nach einer Trennung schafft zum Frisör zu rennen. Wenn ich leide, dann richtig. Wer noch die Kraft hat zum Frisör zu rennen, der leidet doch nicht ernsthaft. Als ich das vor Jahren meiner frisch geschiedenen Kollegin mit neuer Kurzhaarfrisur mitteilte, sprach sie zwei Wochen kein Wort mehr mit mir. Wer so stur ist, leidet übrigens auch nicht. Wer wirklich leidet, der muss beim Gehen alle paar hundert Meter eine Pause einlegen. Der Körper leidet so sehr, dass man gezwungen ist, immer wieder seufzend stehen zu bleiben und sich selbst zu versichern, dass man nie wieder glücklich sein wird. Wenn man dann zufällig vor einem Frisörsalon seufzt, dann ist das Schicksal. In meinem Fall nicht nur meines, sondern auch das von Julian, dem Frisör der in den kommenden Stunden ebenso litt wie ich. Weiterlesen

So, bitte nicht!

Versucht sich ein Liebespaar darin, nach Beendigung der Liebe, ein Freundespaar zu werden, geht das meistens gründlich schief. Der klügste meiner Exfreunde und ich, können davon ein Lied singen. Wir trennten uns, blieben aber einfach weiter in der gemeinsamen Wohnung  hocken. Beide. Man ist ja erwachsen. Man hat sich ja noch sehr gerne. Man möchte ja Freunde bleiben. Ich weiß nicht wie er es sieht, aber der Entschluss nach einer Trennung die Wohnung nicht aufzulösen, ist die schnellste und wirkungsvollste Methode eine Freundschaft zu zerstören. Weiterlesen

Schubs mich!

Ich mag keine Kalendersprüche. Da heißt es, alles Schlechte hätte immer auch etwas Gutes. Und das man dem größten Unglück noch eine positive Wendung abgewinnen kann. Aus schwarz wird weiß und wer heute noch weint, kann morgen schon wieder lachen. Man kennt all diese Sprüche und Kalenderblatt Weisheiten. Aber mal ehrlich….in dem Moment wo alles zerbricht, sind sie einem doch scheißegal. Weiterlesen