Reclam beim Frisör bitte nur mit Termin

Nach der Beendigung eines Lebensabschnittes – vorzugsweise der traumatischen oder dramatischen Beendigung einer Beziehung – rennen Frauen zum Frisör. Ich vermute, wir tun das um wenigstens noch Gewalt über das Äußere unseres Kopfes zu haben. Das Innenleben des Kopfes entwickelt nach dramatischen Trennungen ja meist eine nur schwer zu steuernde Eigendynamik. Trotzdem ist es mir unverständlich wie man es in den ersten drei bis dreiunddreißig Monaten nach einer Trennung schafft zum Frisör zu rennen. Wenn ich leide, dann richtig. Wer noch die Kraft hat zum Frisör zu rennen, der leidet doch nicht ernsthaft. Als ich das vor Jahren meiner frisch geschiedenen Kollegin mit neuer Kurzhaarfrisur mitteilte, sprach sie zwei Wochen kein Wort mehr mit mir. Wer so stur ist, leidet übrigens auch nicht. Wer wirklich leidet, der muss beim Gehen alle paar hundert Meter eine Pause einlegen. Der Körper leidet so sehr, dass man gezwungen ist, immer wieder seufzend stehen zu bleiben und sich selbst zu versichern, dass man nie wieder glücklich sein wird. Wenn man dann zufällig vor einem Frisörsalon seufzt, dann ist das Schicksal. In meinem Fall nicht nur meines, sondern auch das von Julian, dem Frisör der in den kommenden Stunden ebenso litt wie ich.

Wenn ich leide, bin ich garstig. Wer leidet, darf garstig sein. Und wer garstig ist, der mag Menschen denen das egal ist. Julian war an diesem Samstagmorgen alles egal. Auch er litt. Nicht unter einer Trennung, sondern unter einem soliden Kater. Den schleppte er kurz nach zehn Uhr morgens vor die Türe des Salons vor dem ich seufzend stand. Eine Weile stand er rauchend neben mir und murmelte dann:

„Du brauchst einen neuen Haarschnitt.“
„Und du solltest ein Fragezeichen und kein Ausrufezeichen hinter diesen Satz setzten, damit es etwas netter klingt.“

So beginnen Freundschaften. Nicht nur zu Julian, sondern gleich zu dem Salon in seiner Gesamtheit. Mitten in Haidhausen gelegen sucht man solche Salons sonst vergebens. Solche sind weder verstaubt sind und einer Stammkundschaft in den Siebzigern haben, noch so unerträglich modern und schick sind wie viele andere. Bei Julian geht es um die Haare. Die werden geschnitten, geföhnt, gefärbt und in Form gebracht. Solide und gekonnt aber ohne viel Schnickschnack. Ähnlich bodenständig ist das Personal. Samstags ist der junge Teil der Belegschaft grundsätzlich etwas wortkarg, weil verkatert und bei all jenen beliebt, die sich selbst nur mühsam aus dem Bett gequält haben. Dennoch gibt es für die ausgeschlafene und redelustige Kundschaft immer einen der Lust hat zu Ratschen und zu Tratschen. Die etwas älteren Mitarbeiter kennen ihre Kundschaft seit Jahren und ich staune immer wieder wie problemlos sie an ein vor drei Monaten geführtes Gespräch anknüpfen können und so über Jahre eine Beziehung aufbauen.

Ich hatte keine Beziehung als ich in diesem Laden landete und zuckte nur leidend mit den Schultern als ich gefragt wurde, was man bei mir den Schönes machen sollte. Olga am Empfangstresen stöhnte leise aber lächelnd und versicherte mir, dass man diese Kunden am allerliebsten hätte. Die, die reinstolperten und nicht sagen konnten was sie wollten. Ich glaube, dass sie da geschwindelt hat. Sie platzierte mich bei Julian, zu dem ich bereits einen winzigen Beziehungsfunken aufgebaut hatte und wir setzten unser schönes Gespräch fort. „Was darf es denn sein?“, fragte er mich und ich antwortete, dass ein Glas Prosecco nicht verkehrt wäre. Ich hatte im Trennungsschmerz wohl ein paar Folgen Sex and the City zu viel gesehen. Proseccco gab es nicht und Julian begann mir die Spitzen zu schneiden, weil ich noch immer nicht wusste was ich wollte. Das es nötig war, teilte er mir ungefragt mir. Auch, dass ich  ein paar helle Strähnchen vertragen könne. Während er die Farbe anrührte, erkundigte ich mich ob er es für möglich hielt, dass fehlende helle Farbe der Grund für eine Trennung sein könne. Ein klares Nein von Olga aus dem Hintergrund beruhigte mich, das ebenso klare Ja von Julian irritierte mich und das Schmunzeln von Beiden versöhnte mich. Ich saß an diesem Vormittag lange in dem kleinen Laden. Hörte anderen Gesprächen zu, beobachtete wie Julian meinen Haaren Strähnchen verpasste und sah wie vor den Fenstern des Salons die Stadt in das Wochenende startete. Es war beruhigend, tröstlich und fühlte sich halbwegs normal an. Normal war es später sicher nicht, dass ich während die Farbe einwirkte im Hinterhof saß und mir dort eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt wurde. Später sagte man mir, dass mein trauriges Gesicht geschäftsschädigend gewesen sei. Als ich ging war ich nicht unbedingt weniger leidend, aber wenigstens hatte ich einen guten Haarschnitt und eine schöne Farbe die zum Frühling passte.

Mittlerweile kenne ich die Belegschaft seit über zehn Jahren und halte ihnen die Treue. Julian ist längst weiter gezogen, aber Olga steht noch immer hinter dem Empfangstresen. Am Samstag war ich wieder dort. Der Laden ist mit den Jahren doch ein wenig schicker geworden. Neu ist ein Regal im Wartebereich, auf dem keine Zeitschriften sondern kleine Reclam Bücher stehen. Von Goethe bis Seneca ist alles vorhanden. Die Einwirkzeit für meine blonde Strähnchen war gerade lange genug um  Jenny Treibel von Fontane quer zu lesen. Fast machte ich mir Sorgen, dass mein Lieblingsfrisör nun doch noch schick und zu hip werden würde. Ein Frisör der sich eine Bibliothek mit Klassikern an die Wand hängt hat Großes vor. Beim Auswaschen der Farbe wurde ich eines besseren belehrt. Ich hörte wie Olga einem Kunden versicherte, dass es gar kein Problem sei, dass er keinen Termin habe. Man hätte die Kunden die an einem Samstag kurz vor zwölf spontan vorbei schauten und nicht warten wollten am allerliebsten. Sie platzierte den etwas irritiert Herrn auf einem Stuhl und scheuchte ein junges Mädchen zu ihm. Diese drapierte den Umhang um seine Schultern und erklärte ihm erst einmal, dass ihr ein wenig schlecht sei. Wer ohne Termin reinschneit muss noch immer mit dem verkaterten Teil der Belegschaft vorlieb nehmen. Ich finde das ist nur fair.

Es grüßt sie Ihre Mitzi mit frisch geschnittenen Haaren und bezaubernden (sagt Olga) blonden Strähnchen.

 

 

21 Gedanken zu “Reclam beim Frisör bitte nur mit Termin

  1. Frauen und Haare. Was Männern doch alles entgeht! Eine Beziehung zu einem Friseurgeschäft bzw. dem Team des Ladens aufzubauen, wird mir nicht gelingen, weil ich a) zu selten da bin und b) zu schnell wieder raus bin. Immerhin wird mir klar, warum Frauen so viel mehr bezahlen müssen. Es geht nicht um das Handwerk, es ist die Therapie. Danke dafür, dass du uns wieder einmal in die merkwürdige Welt erwachsener Frauen mitgenommen hat.

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    1. Frauen und Haare. Was Männern doch alles entgeht!

      In unserer merkwürdigen Welt neigen erwachsene Männer nach traumatischer oder dramatischer Beendigung einer Beziehung nicht selten zum Konsum von reichlich Alkohol und glatzenverhinderndem Schlangenöl und zum Kauf von abgefahrenen Heimwerkermaschinen (selten bis nie genutzt), von Autos und/oder Frauen.
      Dagegen erscheint mir so ein Friseurbesuch als ziemlich günstig…;-)…

      Sehr wahr: „Es geht nicht um das Handwerk, es ist die Therapie.

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  2. Vielleicht ist es nicht das pure Schneiden, dass nach einer Trennung gut tut, sondern das Kopf waschen mit liebevoller Massage, das Streicheln der Haare zum Glätten, das Schnipp Schnapp, dass auch einer Trennung gleicht und das wohlige Gefühl von frischgewaschenen Haar das einem ums Gesicht schmeichelt. Das ist doch ein Rundumwohlfühlpaket, oder? Ich hatte viele Jahre meinen Meister in diesem Metier. Leider hörte er auf und kurz darauf verstarb er. Ich habe ihn lange vermisst.

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    1. Du hast recht. Es ist mehr. Ein bisschen solides Handwerk, aber in erster Linie ein Stück Normalität, Wohlfühlen und verwöhnt werden. Letzteres auch dann, wenn nicht gerade die Welt untergeht. Ich hab es lange unterschätzt, bis ich genau einen solchen Besuch nötig hatte.
      Es tut mir leid zu hören, dass dein Friseur verstorben ist. Natürlich nicht nur wegen der Haare. Nach einiger Zeit wird man sich vertraut. Dann vermisst man lange.

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  3. Also, mir sind am liebsten die Russinnen. Ehrlich.
    Die passen haarscharf auf, was sich sage und dann sehe ich so aus, wie ich aussehen wollte. Während die einheimischen Damen, erkläre ich meine Wünsche, mit ihren Ohren ganz woanders sind und mich so herhunzen, dass ich hernach einen Frisör bräuchte, wären die Haare noch dran.
    Der Nachteil der Russinnen ist ihre extrem kurze Halbwertszeit. Kaum hat man sich an eine gewöhnt, muss man befürchten, dass sie beim nächsten Besuch ihren Job gekündigt hat. – Vielleicht weil sie eine Beziehung mit einem Kunden eingegangen ist?

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    1. Gut möglich, Herr Ösi. Beim Haare waschen, schneiden und föhnen kommt man sich schnell so nahe, dass es nur noch ein kleiner Schritt zur Beziehung ist ;).
      Mit den einheimischen Damen scheinen sie mir etwas streng zu sein. Die merken wahrscheinlich, dass Sie der Russin vom letzten Mal noch nachtrauern und schneiden dann beleidigt gleich ein paar Zentimeter mehr ab. Ich frage mal Olga ob sie noch einen Termin für Sie hat. München lohnt sich immer. Für einen Haarschnitt ganz besonders.
      Herzliche Grüße

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      1. Ich dachte, Frau Olga wäre bloß für den Empfang zuständig.
        Wie dem auch sei: Olgas Übersetzungstätigkeit ins Einheimische lässt mich schon jetzt auf einen tadellos feschen Münchner Schnitt hoffen.
        Und danach ab ins Hofbräuhaus … beziehungsweise in umgekehrter Reihenfolge … 🙂
        Wochenendliche Grüße
        Herr Ösi

        Gefällt 1 Person

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