Thukydides und ein Loch in der Wand

Wenn Sie sich nicht an meinen kürzesten Blogartikel Anfang Januar erinnern, dann überspringen Sie doch bitte den ersten Absatz. Es wird sonst zu lange und Sie schaffen den Artikel nicht mehr vor der Tagesschau. Erinnern Sie sich, verpassen Sie sie auch, können aber morgen ja immer noch aufmerksam die Zeitung lesen.

zirkel und Loch in der Wand

Aus diesen fünf Worten bestand vor einiger Zeit der kürzeste Blogbeitrag den ich je verfasst habe. Erstaunlicher Weise erhielt er binnen kürzester Zeit einige Sternchen und wurde fröhlich kommentiert ohne, dass ich es bemerkte. Ich lag nämlich in der Badewanne und bemerkte erst am nächsten Morgen, dass ich die kurze Notiz an mich selbst nicht nur gespeichert sondern gleich veröffentlicht hatte. Verschlafen überlegte ich, ob das die wahre Kunst der Kurzgeschichten ist. Auf fünf Worte beschränken, dann in die Wanne und am nächsten Morgen die Früchte für die (schlampige und schludrige) Arbeit ernten. Bloggen kann so leicht sein. Möglicherweise hätte ich Ihnen künftig nur noch Gedankenfragmente vor die Füße geworfen und es Ihnen überlassen sich zu auszudenken, was ich um Himmels Willen sagen möchte. Vielleicht wäre der eine oder andere sogar erleichtert gewesen, sich nicht mehr durch 800 bis 900 Worte quälen zu müssen. Dass ich Ihnen das Werfen einzelner Wörter künftig erspare verdanken Sie Jules. Der äußerte sich beruhigt über die Aufklärung und erleichtert, dass ich keinen avantgardistischen Versuch der extremst kurzen Geschichte ohne nennenswerten Inhalt startete (hier auch die Reaktionen der anderen Tapferen). Und jetzt verrate ich Ihnen endlich warum man mir einen Zirkel stahl und ich nach einem Mordversuch ein Loch in der Wand hatte).

Vor 23 Jahren raunte mir ein Mann mit herrlich grünen Augen leise ins Ohr, dass ich ohne Abitur seine Gedanken zu Platon womöglich nicht verstehen würde. Die grünen Augen funkelten, als er anfügte, dass er dies als großes Unglück empfinde, da er sich überaus gerne mit mir unterhalten würde. Von Platon wusste ich mit 17 nichts. Außer, dass eine Skulptur von ihm vor der Staatsbibliothek stand und zu den vier Weisen gehörte, auf die mich mein Vater als kleines Kind immer aufmerksam machte wenn wir im Auto daran vorbei fuhren. Der einzige Anreiz Abitur zu machen bestand für mich lange Zeit darin, dann sagen zu können, dass ich gerade aus der Stabi komme. So abgekürzt klang das sehr schick in meinen Ohren. „Ich kann heute Nachmittag nicht, ich bin in der Stabi für die Uni lernen.“ Das hatte schon etwas. Es klang herrlich erwachsen. Und erwachsen wollte ich unbedingt sein. In erster Linie um dem Mann mit den grünen Augen näher zu sein. In meinem Lehrjahr gab es zwei Gruppen – die meist minderjährigen Realschüler und die volljährigen Abiturienten. Zwei Teile eines Lehrjahres, die sich zwar immer wieder trafen, in der Berufsschule und während dem Durchlaufen der einzelnen Abteilungen aber meist getrennt waren. Zwei Gruppen die sich kaum mischten. Mit einer Ausnahme – mich. Vom ersten Tag an fand ich die erwachsene Gruppe deutlich interessanter und beschloss, dass sie viel besser für mich geeignet war. Ich hängte mich mit der Hemmungslosigkeit eines Hundewelpens und dem Starrsinn eines Ochsen an diese Gruppe und wich ihnen nicht von der Seite. Sie gewöhnten sich an mich und wenn wir abends ausgingen musste mehr als einmal einer von ihnen um Mitternacht die Diskothek verlassen, um mich pünktlich zu Hause abzuliefern. Meistens war es der Mann mit den grünen Augen. Mit großem Vergnügen flirtete er mit mir und hatte doch immer eine Freundin. In den kurzen Pausen zwischen Freundin A und Freundin B stahl ich mir regelmäßig einen Kuss und erfuhr wenige Tage später, dass es schon wieder eine Nachfolgerin gab und es nicht ich war. Seine Augen waren schön, aber er war dumm. So dumm, mich zu übersehen und ich war überzeugt, dass es am fehlenden Abitur lag.

Ach je, das wird ein langer Weg zum Mordversuch…ich hoffe Sie haben etwas Zeit. Ich werde mich beeilen und mich kurz fassen. Die Schwärmerei eines Teenagers muss ich Ihnen nicht beschreiben. Sie erinnern sich sicher noch gut. Schön, nicht wahr? Und grausam, wenn man gegen Wände rennt und selbst in diesen Moment die Hoffnung nicht aufgeben kann. Hoffend und gegen Wände rennend zog ich von zu Hause aus als ich nach der Lehre übernommen wurde schrieben sich die Abiturienten an der Universität ein. Längst waren wir eine große Clique geworden, die auch nach der Lehrzeit bestand hatte und noch immer neckten sie mich liebevoll damit, dass ich kein Abitur hatte. Kein Abitur, aber eine eigene Wohnung. In die zog der Mann mit den grünen Augen dann kurze Zeit später ebenfalls ein. Er hatte zwar Abitur, aber ich war klüger. Das was er für eine Wohngemeinschaft hielt, war der Beginn einer langjährigen Beziehung. Ich wusste das von Anfang an. Er hat ein wenig gebraucht. Bereut hat er es nicht, das weiß ich. Ich weiß aber auch, dass er seine Scherze über mein fehlendes Abitur ab dem Tag verfluchte, an dem ich begann es nachzuholen.

Ich klatschte ihm 15 Kilo Lehrbücher auf das Bett und verkündete, dass ich Mathe, Physik, Biologie und Chemie nicht verstehen würde. Noch nie verstanden habe und er es mir bitte beibringen müsse. Zu den Unterrichtsstunden würde ich nicht gehen, sagte ich ihm. In den Räumen säßen nur Hausfrauen, die sich mit Mann und Kind unterfordert fühlten und es doch netter wäre, wenn er mir das Wesentliche näher bringen würde. Deutsch und Englisch würde ich alleine hinbekommen – der Rest sei sein Job. Bitte mit möglichst wenig Aufwand und in zwei Jahren, denn länger würde ich mich damit nicht aufhalten können, da ich gerne Literaturgeschichte studieren würde und endlich den Job in der Bank kündigen wollte. Vielleicht jeden Tag ein Stündchen, mehr wäre nicht drin, ich würde ja von Montag bis Freitag Bausparverträge verkaufen und hätte auch gerne noch ein bisschen Privatleben. Die Wochenenden bitte unbedingt ohne Schulkram, ich bin jung und möchte auch etwas von dieser Jugend haben. Er, den ich heute den klügsten meiner Freunde nenne, zuckte mit den Schultern und nickte. Klar, kein Problem, das bekommen wir hin.

Wir bekamen es nicht hin und vertagten das Problem etwa zwei Jahre lang. Das Lernen begann erst zwei Monate vor den Abiturterminen. Zu diesem Zeitpunkt stieg der klügste meiner Freunde ein und begann mir Mathematik beizubringen. Und Physik. Auch Chemie und Biologie. Es waren für uns beide schlimme Wochen. Die grünen Augen sahen mich fassungslos an, als er feststellte, dass ich mich noch immer auf dem Niveau der Mittleren Reife befand. Fassungslos aber auch vom Ehrgeiz gepackt, mich durch die Prüfungen zu prügeln. Verbal natürlich. Er schrie, ich heulte. Er tröstet, ich sperrte mich im Bad ein. Er holte ein Pfund Eis als Nervennahrung von der Tankstelle, ich übergab mich nachdem ich es in einer Viertel Stunde aufgegessen hatte. Und dazwischen lernten wir. Tag für Tag verstand ich mehr und irgendwann fielen die Groschen. Langsam aber stetig. Er schrie nicht mehr und ich heulte weniger. Ich sperrte im Bad nicht mehr ab und er erklärte durch die angelehnte Tür physikalische Zusammenhänge. Es ging stetig bergauf.

Bis zum Vorabend der Abiturprüfung in Mathematik. Mit einem halben Becher Eis im Bauch blätterte ich lustlos durch die Formelsammlung und spielte nervös mit dem Zirkel.  Vektorenrechnung, stand da und ich rief in sein Zimmer, was das den sei und warum ich davon noch nichts gehört hätte. Er setzte sich neben mich und murmelte etwas von Endspurt. Verstehen Sie, dass man verzweifelt, wenn man 12 Stunden vor der Prüfung das erste Mal von Vektoren hört? Ich weiß noch heute wie sich der kalte Schweiß auf meinem Rücken anfühlte. Ich weiß auch noch, dass der klügste meiner Freunde mir den Zirkel aus der Hand genommen hat und beruhigend auf mich einsprach. Und dann weiß ich noch sehr genau, dass er lachte, als er aufstand. In der Tür stehend lachte er schallend und meinte, dass es ein Wunder sei, mich so weit gebracht zu haben. Ein Wunder an das er selbst nicht geglaubt hatte. Der Rest sei nun Mut zu Lücke. Ich weiß nicht mehr, wie die Fernbedienung des Fernsehers in meine Hand gelangte und noch weniger, dass ich sie tatsächlich in Richtung Tür geschleudert habe. Ich muss es aber getan haben, denn dicht – sehr dicht – neben dem Kopf meines Freundes war ein Loch in der Wand. Er sagte nichts. Er ging einfach und dort wo er gestanden hatte lag Putz auf dem Parkett. Den Zirkel hatte er mitgenommen.

Heute lacht er, wenn er erzählt, dass ich ihn vor Jahren fast einmal umgebracht hätte. Er lacht und nennt es Mordversuch. Dann stupst er mich an, legt den Arm um meine Schultern und erzählt die Geschichte, die längst zur Anekdote in unserem Freundeskreis geworden ist. Schmunzelnd erzählt er dann, dass ich das Ding mit einer solchen Wucht geschleudert habe, die ihn noch heute erstaunt. Wenn ich ihn aber beim erzählen ansehe, dann weiß ich, dass ich ihn nie vorher und nie nachher so entsetzt habe, wie an diesem Abend. Stunden später kam er wieder. Setzte sich wortlos neben mich, schlug die Bücher auf und herrschte mich an den Mund zu halten. Monoton erklärte er mir weniges, das aber so klar und deutlich, dass einiges hängen blieb. Meine Entschuldigung nahm er an diesem Abend nicht an. Ich habe das Abi geschafft und mich an der FH eingeschrieben. Das Studium schaffte ich gut alleine. Nur die Diplomarbeit, die hätte ich ohne ihn nicht geschafft. Wenn er schrie und ich heulte, dann deutete er zu dem Loch in der Wand und wir beruhigten uns. Es ist eine Ankdote – aber es war verdammt knapp.

Vor der Bayerischen Staatsbibliothek in München steht übrigens keine Skulptur Platons. Bei den vier Weisen handelt es sich um Thukydides, Homer, Aristoteles und Hippokrates. Der klügste meiner Freunde klärte mich auf, als wir neulich daran vorbei fuhren. Ob ich das nicht wisse, ich hätte doch Abitur. Er lachte und ich bin mir sicher, dass er für einen kurzen Moment an das Loch in der Wand dachte.

19 Gedanken zu “Thukydides und ein Loch in der Wand

  1. Liebe Mitzi!

    Ach Sie waren das, die damals, vor vielen Jahren die Überschrift in den Schlagzeilen geziert hat. Ich erinnere mich noch gut.In dicken Lettern wurde überall getitelt: „Angehende Abiturientin unternimmt Mordversuch an Mitschüler.“ Und nun bekennen Sie sich hier offenkundig zu dieser glimpflich ausgegangenen Tat. Ich nehme an, das ist mittlerweile verjährt, da der kriminelle Aspekt ja doch eher gering war.
    Wie gut, dass Sie den richtigen Weg eingeschlagen und nicht zu einer Vandalin mutiert sind 🙂

    Herzliche Grüße an die Abiturientin
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau, sie erinnern sich?!? Nach Rücksprache mit einem mir zugetanen Anwalt, fasste ich den Mut zu beichten. Verjährt und gut ausgegangen.
      Ein Glück, dass ich nicht zur Vandalin wurde.
      Herzlichst,
      Ihre friedfertige Mitzi

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      1. Ja, die Schlagzeilen waren damals kaum zu überlesen. Von der ZEIT bis zur FAZ über die taz, alle sprachen nur von der mordlüsternen Schülerin. Und ich hatte regelrecht Angst, dass mir vielleicht etwas Ähnliches passieren könnte und sah mich schon in die wildesten Schlägereien verstrickt. Na, glücklicherweise sind wir doch noch zwei zahme nasse Hunde geworden 🙂

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  2. Fein, so ein Freund. Auch gut als Freunde sind Handwerker z.B. Schreiner (einer baute mir einen sehr schönen Schreibtisch zu studieren) oder Gipser (fürs Loch). Wie sagte Thukydides* doch gleich: „Nimm eine Frau zum Freunde und Gefahr wird dein Begleiter sein.“

    *) das ist natürlich geflunkert. Es war Plato. Vielleicht. Es ist ja viel verlorengegangen im Lauf der Überlieferungsgeschichte 😉

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  3. Danke für das aufschlussreiche Stück aus der Mitzi-Biographie, das verborgen war hinter dem rätselhaften Posting „zirkel und Loch in der Wand“. Es ist inzwischen nicht mehr auffindbar. Hast du es gelöscht, liebe Mitzi? Es wäre doch schön, die Kommentare nachlesen zu können.

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    1. Ich hatte es seinerzeit auf einen Entwurf zurück gestuft und fand keine Möglichkeit es mit dem aktuellem Datum noch einmal zu posten. Aber du hast Recht, ich werde es wieder online stellen und man sollte es dann Anfang Januar oder über die Suche finden. Die Kommentare sind zu schön und amüsant um im Entwurf zu schlummern.

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  4. ich mag den klügsten deiner freunde sehr. und die sache mit dem loch in der wand – manchmal braucht es das. schön, dass das universum die flugbahn grade richtig abgelenkt hat. platon ist mir übrigens der liebste der ganzen griechen und überhaupt einer der liebsten von allen. er war ziemlich, ziemlich schlau und ich hätte gern einmal mit ihm geplaudert. vielleicht aber nicht über mathe und physik. und etwas lustiges am rande: bei der schularbeit zu den vektoren flog mein kugelschreiber durchs klassenzimmer und ich erntete mein einziges nicht genügend im laufe meiner mathematischen schulbahn 😉

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    1. Auch ich bin dem Universum noch heute dankbar. Nicht nur wegen dem polizeilichen Führungungszeugnis. Bei Platon hätte ich mich gerne einfach dazu gesetzt und zugehört. So geht es mir auch mit den Büchern. Man liest als würde man zuhören und ab und an stellen andere Fragen. Sehr angenehm.
      Die Vektoren habe ich übrigens bis heute nicht verstanden. Wie gut, dass ich sie bisher nicht brauchte.

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  5. so im ganz Groben gab Deine Ultrakurzfassung die Richtung vor….trotzdem muss ich zugeben, dass diese Fassung amüsanter war. Das Gefühl, wenn einem Angstschweiss den Rücken herunterläuft, kann man wirklich nicht vergessen.

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  6. Da bin ich ja mit meinen drei Wochen noch voll im Zeitplan… Mein Beileid übrigens für Chemie und Physik… Die Fächer, die ich als erstes abgewählt habe. Ist der klügste Freund zufälligerweise mietbar? 😉 Ich würde ihn statt mit der Fernbedienung mit den Tabellen für den jeweiligen Binomialkoeffizienten von n und k bewerfen.

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