Nasser Hund

Es riecht ganz leicht nach nassem Hund. Ich mag das und sage es dem, der leicht danach riecht. Entschuldigend zieht er sich den Pullover über den Kopf und wirft ihn über die Armlehne des Sofas. Das ist gut, denn jetzt kann ich mich leicht dagegen lehnen und den Geruch nach nassem Hund weiter in aller Ruhe einatmen. Nasse Hunde selbst riechen weniger angenehm nach nassem Hund. Der wirklich schöne „Nasser Hund Geruch“ kommt von einem Wollpullover der einen ganzen Tag lang auf einer Skipiste getragen wurde und gehört zu den aussterbenden Gerüchen. Seit dem Aufkommen von Funktionswäsche stirbt der mir so vertraute Geruch langsam aus. Es gibt immer weniger Menschen die sich an sonnigen Tagen einen dicken Wollpullover überstreifen und damit die Piste herunter sausen. Ich mache es noch. Ich besitze auch keine Funktionsskiunterwäsche. Ich fahre mit T-Shirt und einem dickem Rollkragenpullover aus Wolle unter der Jacke. Auch bei schönem Wetter landet immer etwas Schnee darauf und wenn er schmilzt, dann riecht es fein nach nassem Hund. Seltsamer Weise riechen die Pullover, wenn sie von Männern getragen werden noch angenehmer. Man darf ihnen nur nicht sagen, dass sie nach nassem Hund riechen, sonst kommen sie am Ende noch auf die dumme Idee, sich Funktionssportkleidung zu kaufen.

Der auf meinem Sofa nicht. Seit ich ihn kenne rast er die Pisten mit einem Wollpullover hinunter und ich kenne ihn schon lange. Länger als den, der am allerbesten nach nassem Hund gerochen hat. Aber auch der trug oft grob gestrickte Wollpullover die meinen liebsten Geruch abgaben. Schön auch im Herbst, wenn es schon kühl ist, die Sonne aber noch tapfer scheint. Dann riechen diese Pullover nach frisch gehaktem Holz und Tannennadeln. Vielleicht bilde ich mir das auch ein und eigentlich strömt der Holzstapel hinter mir und der Wald vor mir diese Geruchsmischung aus und ich denke nur, dass es der Pullover ist, weil meine Nase so nah an der Schulter oder dem Bauch liegt. Dem einen sagte ich es oft. Dass er so schön, nach nassem Hund roch. Dann schmunzelte er, zog die Stirn in Falten oder zuckte mit den Schultern. Gewundert oder nachgefragt hatte er nie. Dafür kannte er mich und meine seltsamen Vorlieben zu gut.

Wenn etwas gut riecht, fühle ich mich sofort zu Hause und geborgen. Dann rolle ich mich glücklich zusammen und kann an jedem Ort schlafen. Beim Skifahren bin ich oft mittags in der Sonne kurz eingeschlafen. Die Nase in einen Wollpullover vergraben und das Essen vergessend. Ich schlafe auch regelmäßig auf harten Holzbänken ein. Der in der Küche meiner Familie, wo es auch ohne Wollpullover oft nach nassem Hund riecht. Wegen des Hundes der unter dem Tisch sitzt und mir seine feuchte Schnauze auf die Hand legt. Wenn ich ihn nicht sofort kraule, kommt eine große, raue Pfote noch dazu. Sein Geruch vermischt sich mit dem der Katze, die sich früher oder später auf meinen Bauch legt. Dann schlafe ich ein obwohl es hart und etwas unbequem ist und wache erst auf, wenn Katze und Hund sich nicht einigen können, wer die größeren Besitzansprüche an meiner kraulende Hand hat.

In den letzten Wochen wurden mir meine Lieblingsgerüche frei Haus geliefert. Kurze Besuche von Freunden, die vom Skifahren nach Hause gekommen sind. Nasser Hund in ihren Pullovern. Oder der Geruch bei meinen Eltern. Ich habe mich auf ihrem Sofa unter der alten, nicht mehr weichen Decke eingerollt, weil die nach der riecht, die wir früher immer in die Urlaube mitgenommen haben. Am liebsten hatte ich eine blaue unter der ich im Auto auf der Rückbank oft geschlafen habe. Bei meinen Eltern riecht es nicht nach nassem Hund, aber genauso heimelig und vertraut. Besonders dann, wenn mein Vater und ich im Gefrierschrank noch selbstgemachte Nudelsoße finden und beschließen, dass es nichts Besseres gibt. Dann riecht es nach meiner Mutter obwohl sie an diesem Wochenende gar nicht da ist. Nach dem Essen schlafe ich ein und verstehe nicht wie man bei so schönen Daheim-Gerüchen wach bleiben kann. Wach bleibe ich nur, wenn ich in Bewegung bin und zwischen den Schritten Winterwiesen und Winterwald rieche, der in der Sonne bereits nach Frühling zu riechen beginnt. Käme ich aber an einer Bank vorbei, würde ich auf ihr sofort einschlafen.

Der Wetterbericht heute liegt falsch. Warm und sonnig sollte es werden und ist kühl, windig und bewölkt. Einer der Tage an denen es kurz hinter dem Starnberger See strahlend schön ist, in München aber bis zum Abend verhangen bleibt. Bald kommt der Sommer. Heute aber ist ein Tag an dem man sich noch unter einer etwas kratzigen Wolldecke verkriechen kann. Verkriechen, nicht weil man einen Grund hat, sondern weil man es genießt. Dann riecht es ganz leicht nach nassem Hund, obwohl keiner da ist. Ein bemerkenswert schöner Geruch.

 

 

 

 

35 Gedanken zu “Nasser Hund

  1. Diese Geruchssache geht neben der Funktionswäsche noch weiter. Ich habe mich früher immer gewundert, warum ich manchmal so einen unangenehmen Geruch in frischen Klamotten hatte, wenn ich nur ein wenig geschwitzt habe. Auf die Idee, dass es an der Wäsche bzw. an den Chemikalien darin liegen könnte, kam ich nicht. Mittlerweile achte ich auf gute Wäsche, die nicht künstlich behandelt ist und es ist krass, wie lang sich ein Wollpullover tragen lässt ohne gewaschen werden zu müssen. So poetisch wie du habe ich es jetzt nicht verpackt. Mir gefiel deine kleine Reise durch den Schnee und den Wald. 🙂

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    1. Stimmt – Wolle ist ein sehr dankbares Material, das nach gründlichem Auslüften Gerüche kaum speichert. In manchen Billig-Läden wie KIK zum Beispiel riecht man die Chemikalien schon beim puren Vorbeigehen. Das Zeug möchte ich nicht direkt auf dem Körper haben.
      Schön, dass die der Ausflug gefallen hat.

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  2. Waehrend des ganzen Textes hatte ich den Geruch in der Nase, ich mag ihn auch so gern.

    Es geht nichts ueber ein gut funktionierendes Geruchsgedaechnis. Aus uns beiden haette auch ein Parfumhersteller werden koennen 😉

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  3. Was für eine wunderbare olfaktorische Betrachtung! Ich bin auch immer fasziniert, wie Gerüche die Schleusen der Erinnerung öffnen können, vor allem positive.
    Aber das mit der feuchten Wolle und dem nassen Hund, na ja. Ich wundere mich schon immer, wie meine Wollsachen „stinken“, wenn ich sie nach dem Waschen auf den Ständer lege. Der schöne, frische Duft, den das Waschmittel verheisst, kommt in der Regel erst, wenn sie trocken sind 😉

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  4. Schön, wie du beschreibst, dass Gerüche uns ein Gefühl von zu Hause geben.
    Und wie lange sie in Kleidung haften bleiben… 🙂
    Man erkennt sie auch nach Jahrzehnten wieder und die Empfindungen sind sofort mit dabei – gut und nicht gut!

    Liebe Grüße,
    Silbia

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  5. Wie ist es denn mit der derzeit aktuellen Funktionswäsche – der Wolle ist da doch gerade nicht zu entkommen. Riecht die ähnlich wie der beschriebene Pullover?
    Ich trage winters Mützen aus Wolle, die haben nach dem Regen auch so einen typischen Geruch.

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    1. Meinst du Mütze und Schal? Wenn das Funktionswäsche ist, dann duftet sie oft auch genau nach diesem schönen feuchten Fell. Ich denke wichtig ist (mir) nur, dass es Wolle ist. Bei anderen Materialien funktioniert das Geruchsgedächtnis nicht.

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      1. Nein, ich meine diese neumodische Merinofunktions(unter)wäsche, lange Unterhosen und -hemden und ähnlich sexy Kleidungsstücke. Ich mag nicht, wie die sich anfühlt, deswegen habe ich keine Geruchserfahrung damit. Aber ist ja auch Wolle, nur eben ganz dünn verstrickt.

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      2. Das Wetter hat mich heute wieder daran erinnert: wenn ich diesen Geruch wahrnehme finde ich in zwar nicht per se unangenehm, er ist aber meistens dadurch entstanden, dass ich mit unpassender Kleidung (will heißen nicht wasserdichte Jacke) durch zu viel Regen gelaufen bin. Und das war heute einfach unschön.

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    1. 🙂 die Lieblingsgerüche sind so verschieden wie die Erinnerung.
      Und die Wäsche Vorlieben. Wenn ich schwitze oder friere, dann überlege ich ob ich sie nicht mal testen soll. Aber das verstehe ich nicht, weil ich so über die wetterte. 😉
      Liebe Grüße.
      PS ich blättere immer noch oft durch dein schönes Buch.

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      1. oh ja das stimmt. gerüche sind die stärksten erinnerungsanker. oft lösen sie bei mir einfach nur ein gefühl aus, das ich nicht mal wirklich in worte fassen kann. verrückt, wie das gehirn funktioniert.

        oh das freut mich sehr meine liebe ❤

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    1. Wahrscheinlich liegt es daran. Ich habe aus dem Tierheim auch immer die wirklich hässlichen oder invaliden Tiere mit nach Hause genommen. Ganz vorne ein Wellensittich ohne Federn – was habe ich den geliebt. Er hatte Fettsucht und verlor die Federn. Wir setzten ihn auf Diät…ich glaube er war glücklich.

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  6. Hmmm… Ich bin wohl die geborene Fraktion der Funktionsunterwäsche sowie Sportwäsche und Wanderkleidung. Man schwitzt gefühlt weniger, dafür riecht es nicht nach romantisch nassem Hund sondern nach Schwerstarbeiterschweiß. Wenn man Pecht hat sogar nachdem Skikeller und alten Skisocken der guten Freunde. So gesehen haben nasse Hunde mehr für sich

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  7. Wirklich wunder, wunderschön geschrieben – ich konnte mich richtig fallen lassen in Deine Worte 🙂 Als bekennender Stoff und Duftfetischist (ja, ich liebe alle weichen Stoffe, insbesondere Samt, Nicky und Chenille, aber auch Mohair, Angora und Wolle….) liebe ich natürlich duftende Wollsachen sehr…
    Leider komme ich nur allzu selten in den Genuß mein Gesicht in einen duftenden Wollpulli stecken zu dürfen 😦

    Liebe Grüße;
    Dietmar

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      1. Ich freu mich so unglaublich über Deine Anwort. Es tut schon gut zu hören, dass man mit seiner „Vorliebe“ nicht alleine ist 🙂

        Ja, ich liebe es total meinen Kopf total in weiche und vor allem intensiv duftende Stoffe zu vergraben. Ich muss gestehen: ich wäre so unglaubich froh, jemanden zu finden, der diese Vorliebe teilt und das mit mir machen würde… es wäre eben viel, viel schöner… ich will nicht so viel quatschen jetzt hier, ich denke irgendwie auch, dass Du sehr genau versehst was ich meine 😉

        Ganz liebe, duftige Grüße,
        Dietmar

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