So, bitte nicht!

Versucht sich ein Liebespaar darin, nach Beendigung der Liebe, ein Freundespaar zu werden, geht das meistens gründlich schief. Der klügste meiner Exfreunde und ich, können davon ein Lied singen. Wir trennten uns, blieben aber einfach weiter in der gemeinsamen Wohnung  hocken. Beide. Man ist ja erwachsen. Man hat sich ja noch sehr gerne. Man möchte ja Freunde bleiben. Ich weiß nicht wie er es sieht, aber der Entschluss nach einer Trennung die Wohnung nicht aufzulösen, ist die schnellste und wirkungsvollste Methode eine Freundschaft zu zerstören.

Wir wussten natürlich um die Gefahr. Alleine unser Bücherregal lieferte uns unzählige Beispiele von ehemaligen Liebespaaren, die sich das Leben danach zur Hölle machten. Es interessierte uns nur nicht. Wir waren schon immer arrogant und ignorant genug, zu glauben wir würden alles besser und intelligenter als der Rest machen. Vielleicht hätte es uns von Anfang an stutzig machen sollen, dass uns alle für bekloppt hielten. Aber was kümmerte uns das Geschwätz der anderen? Das es doch keine ganz so gute Idee war, bemerkten wir etwa 45 Minuten, nach dem Schwur der ewigen Freundschaft. Unsere Trennung lag zu diesem Zeitpunkt 48 Minuten zurück. Ein  Dialog zwischen Badezimmer und Flur:

„Gib mir mal den Rasierer von der Fensterbank.“
„Bist du nackt?“
„Ich liege in der Badewanne. Beantwortet das deine Frage?“
„Dann kann ich nicht rein.“
„Stell dir einfach vor, es wäre erst 14:00 Uhr und nicht 16:00 Uhr. Dann wäre es egal ob du reinkommst.“
„Ich finde wir sollten uns daran gewöhnen, dass manches sich ändert.“
„Können wir uns daran gewöhnen, nachdem ich mir die Beine rasiert habe?“
„Ungern.“
„Dann nehme ich eben deinen! Der liegt in Reichweite!“
„Spinnst du?!? Das ist widerlich.“
„Seit heute oder immer schon?“
„Immer schon!“
„Na, vielen Dank auch, dass du liebgewonnene Gewohnheiten auf einmal widerlich findest.“
„Du benutzt meinen Rasierer schon länger? Bist du übergeschnappt? Warum?!?“
„Frag doch nicht so blöd!“

Ich erspare es mir den Rest des Dialoges wieder zu geben. Er endete in einem handfesten Streit über Hygiene im Badezimmer und Ordnung im Allgemeinen. Es war der erste von vielen. Aber der einzige bei dem ich nackt war – da waren wir konsequent. Etwas das wir ansonsten rigoros vermieden. Das konsequent sein. Wir kauften weiter das Lieblingsessen des anderen ein, beschwerten uns aber, wenn er es aß; teilten uns weiterhin alles Wichtige und Unwichtige mit, legten zugleich aber deutlich weniger Wert auf die Meinung des anderen und taten so ziemlich alles um uns gründlich auf die Nerven zu gehen. Deswegen aufgeben? Wir doch nicht. Wir litten still. Zumindest einer von uns. Die andere beschwerte sich lautstark und ausdauernd.

Unsere neuen Partner litten vermutlich noch weit mehr. Der eine leise. Die andere laut und ausdauernd. Man kann  in einer WG, die aus einem ehemaligen Liebespaar besteht, keine weitere Frau zulassen. Bei aller Toleranz – die nicht wirklich vorhanden war – ist es das Dümmste was man machen kann. Hier waren wir dann doch Konsequent. Im Dummsein. Mein Ex-Freund beschrieb es nach ein paar Wochen mit den Worten. „Zwei Frauen, sind zwei zuviel.“ Er war mit den Nerven am Ende. Dabei haben uns nicht einmal gestritten. Die Neue und ich. Wir kannst uns schon lange bevor sie meine Nachfolgerin wurde. Und wir mochten uns sogar. Sie und ich hatten den gleichen Studentenjob. Wie auch ihr Mitbewohner in den sie, bevor sie meinem Exfreund kennen lernte, sehr verliebt war. Wir wären wohl Freundinnen geworden, hätte sich der Mann in den sie früher verschossen war nicht ausgerechnet in mich verliebt.

Eine Dreiecks-Geschichte ist etwas für Anfänger, erst ab vier Beteiligten wird es richtig interessant. Vier Personen, die in zwei Wohnungen leben, aber nicht mit ihrem jeweiligen Partner. Zwei mal 51 qm emotionales Krisengebiet. Weder sie noch ich waren in die Männer verliebt, mit denen wir Küche und Bad teilten. Wo der Kopf versteht, meldet das Herz unerlaubte Besitzansprüche an. Es klopft nicht mehr schneller, wenn man sich am Tisch gegenüber sitzt aber es neidet der Nachfolgerin das schnelle Klopfen eines anderen Herzens.

Eines Nachts hörte ich sie an der Tür klingeln. Ihr Freund, mein Exfreund, mein Seelenverwandter, mein Mitbewohner würde sie nicht hören, das wusste ich. Nur zu gerne hätte ich sie in dieser Januarnacht vor der Tür stehen gelassen. Was kümmerte mich die Neue? Nicht genug, als das ich beim ersten Klingeln aufgestanden wäre. Beim dritten Klingeln öffnete ich mein Fenster und warf ihr die Schlüssel runter. In dieser Nacht ging sie nicht direkt in sein Zimmer, sondern in die Küche. Ich hörte sie rumoren und als es später an meine Tür klopfte hielt sie mir eine Tasse heißer Schokolade hin und sagte:  „Du solltest nicht mehr hier sein.“ Erwidert habe ich damals nichts. Aber ich dachte, als wir im Dunkeln nebeneinander saßen, dass sie noch nicht hier sein sollte.

Mein damaliger Freund entzog sich der miesen Stimmung, indem er sich von mir trennte und nach Italien ging. Obwohl wir wirklich alles falsch machten – die Freundschaft zum klügsten und damals so dummen Exfreund blieb bestehen. Sie besteht noch heute. Sie ist leiser und stiller geworden, aber manchmal flackert sie mit der gleichen Intensität wie früher auf. Dann merke ich mitten im Satz an einem Aufblitzen seiner Augen, dass ich ihm nichts vormachen kann. Er kennt mich.

Mit meinem Exfreund der nach Italien ging, bin ich ebenfalls noch immer befreundet. An der räumlichen Distanz nach der Trennung kann es nicht gelegen haben. Er ging zwar ins Ausland. Ich aber auch. Erst ein Jahr nach ihm. Nach Verona, in die Stadt in die er ohne es mir zu sagen ein paar Wochen zuvor ebenfalls gezogen war. Die ersten Wochen trugen den Titel: Auswandern mit dem Ex oder „Wie man sich möglichst schmerzhaft trennt 2.0“. Ich kann es nur bedingt empfehlen.

27 Gedanken zu “So, bitte nicht!

  1. Hab mich immer gewundert über die Paare, die nach einer Trennung „gute Freunde“ wurden. Das fand und finde ich schräg, vermutlich, weil mir sowas nie gelungen ist. Es wäre mir emotional auch zu anstrengend, merke ich schon allein beim Lesen deines Erfahrungsberichtes,worin du sehr schön beschreibst, wie Herz und Verstand im Widerstreit liegen. Übrigens das chinesische Schriftzeichen für „Streit“ zeigt in stilisierter Form zwei Frauen unter einem Dach. Die Chinesen wissen also seit mehren tausend Jahren, dass nicht gut gehen kann, was du trotzig versucht hast.

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    1. Tatsächlich? Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, die Gestaltung des Schriftzeichens ist gut gewählt.
      Dennoch bin ich überzeugt und habe die Erfahrung gemacht, dass eine Freundschaft nach der leidenschaftlichen Liebe durchaus funktionieren kann. Vorausgesetzt, dass Freundschaft schon immer ein Teil der Liebe war und weder Rosenkrieg noch tiefe emotionale Verletzungen voraus gegangen sind.
      Aber es braucht Zeit und Raum.
      Und etwas mehr Erfahrung als zwei Anfang zwanzig Jährige hatten, die meinten, sie wüssten alles besser.

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      1. Freundschaft hin oder her, es ist auch inkonsequent, weil auf diese Weise beide gefesselt bleiben, wie du anschaulich beschrieben hast. Eine Exfreundin von mir hegte eine ganze Handvoll Freundschaften mit ihren Exbeziehungen. Das hat mich genervt, denn diese Männer waren nicht frei. Sie brauchte nur zu pfeifen, dann standen die auf der Matte, um ihr irgendeinen Gefallen zu tun. Weil du eure Jugend angesprochen hast. Ich glaube, erwachsenes Verhalten ist zu akzeptieren, was gescheitert ist und den anderen freizugeben.

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      2. Inkonsequent ist es doch nur, wenn ein Status Quo aufrecht erhalten wird. Aus Bequemlichkeit oder der Angst die Sonntage allein zu verbringen. Gefälligkeiten, Unfreiheiten und pfeifen oder springen klingt nicht nach einem wirklichen Ende und einem möglichen Anfang. Mein Beispiel und meine Erfahrung in diesem Fall zeigen ja, dass ein deutlicher Bruch vor dem Neuen wichtig ist. Aber dann, dann kann Freundschaft entstehen. Sofern man akzeptieren kann, dass die Beziehung endgültig beendet , oder Meinetwegen auch gescheitert, ist. Wenn die Basis stimmt (selten genug), kann ich freigeben und nach einer Weile trotzdem befreundet sein.

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  2. Ich bin mit fast allen meinen Ex gut Freund. Aber es gab einen klaren Schnitt. Wenn alles wirklich abgeschlossen ist, dann kann man sich wieder sehr gut verstehen. Es gab doch vorher Übereinstimmungen und gemeinsame Interessen, die sind nicht einfach weg, bei mir zumindest gab es, mit Ausnahmen, doch immer noch große Sympathie für den Ex

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  3. Wie kann man aufeinmal alles runterfahren was vorher da war? Gefühle, Vertrauen, Emotionen, Insider, Gewohnheiten usw. Das funktioniert nicht. Und weiterlaufen lassen funktioniert auch nicht. Deswegen bin ich auf jeden Fall immer für einen klaren Schlussstrich.

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  4. Bei mir hat es funktioniert, allerdings ohne gemeinsame Wohnung, die wird ja leider oft zum Sarg der Liebe, übrig bleiben mehr oder weniger liebgewordene Gewohnheiten – es soll ja Leute geben, denen das reicht, ist doch okay.
    Als wir nach drei Jahren feststellten, daß wir durch waren mit unserer Leidenschaft, lösten wir die Beziehung auf, was auch schmerzhaft war, da wir es nicht wahrhaben wollten. Seitdem sind wir beste Freunde (seit 17 Jahren). Schwierigkeiten hatten die anderen Partner, die dann noch kamen, die es nicht verstehen konnten, daß man sich mit seiner Exfreundin/seinem Exfreund so gut versteht, daß man sogar zusammen in den Urlaub fährt. Ich kann es so erklären: Meine Exfreundin ist eine Wahlverwandte, auf die ich genau so wenig verzichten mag und kann wie auf eine leibliche Schwester, die ich sehr mag. Und bei der fragt sich ja schließlich auch keiner, warum man sich gut versteht.

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  5. Wenn man sich wie Erwachsene verhält, dann kann man auch nach der Trennung freundlich miteinander umgehen. Die Frauen meiner Exfreunde haben meine Signale meist verstanden, mit der Frau meines Vaters meiner Tochter habe ich noch heute ein inniges Verhältnis.

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  6. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Wenn man eine klare Grenze zieht, dann gibt es mit neuen Partnern kaum Probleme. Nur wenn die Dinge nicht geklärt, oder die Gefühle nicht eindeutig sind, dann geht es zwangsläufig den Bach runter.

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  7. Wieder toll geschriebener Artikel… Ich kann es gut nachvollziehen, wie Du reagiert hast! Auch ich wollte „Freunde“ bleiben und habe mich mit meinem Ex eine Zeit noch ab und zu getroffen. Hatte aber so einen schalen Beigeschmack, obwohl wir uns wirklich “ im Guten“ getrennt haben. Irgendwie kommt das Unterbewußtsein damit nicht klar. Da zeigt sich wieder, dass wir eben nicht über unsere Handlungen frei verfügen können, sondern der Boss anscheinend doch das „Es“ ist… oder irgendwie so ähnlich. Alles Liebe, Nessy von den happinessygirls.com

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  8. Ich habe mich vor 21 Jahren von meiner großen Liebe getrennt. Seit 20 Jahren sind wir beste Freunde.Probleme hatten nur die Familie und die anderen Freunde damit. Ich bin sehr glücklich das ich meinen Ex noch habe.
    Wir verstehen uns auch ohne Worte. Mein jetziger Partner( der uebrigens ganz lieb ist) kennt mich heute noch nicht nach 15 Jahren.

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