Anna Blume

„Ich liebe dich.“ Drei Worte und meistens ein Satzzeichen. Ein kleiner, schüchterner oder auch wild entschlossener Punkt; ein lautes, polterndes Ausrufezeichen oder das unscheinbare Komma, das hinter diesen Worten selten etwas Gutes einleitet. Ich mag den Punkt am liebsten. Ich liebe Dich. Punkt. Ende (oder Anfang). Eine Tatsache, die nicht erklärt werden muss. Ich habe Lieblingssätze. Ich liebe dich, gehört nicht dazu. Er ist mir zu ungenau, weil er alles bedeuten kann. Oder nichts, wenn er nach Jahren zur Floskel verkommt und selbst die Rolle des Satzzeichens einnimmt. Dass auch du diesen Worten keine sonderliche Bedeutung beigemessen hast, wusste ich schon vor deiner Antwort, als es ich es irgendwann doch sagte. Im Stau auf der Autobahn. Du hast genickt, die Reste eines Stück Apfels hinunter geschluckt und gemurmelt, dass dich alles andere auch überrascht hätte. Die Antwort passte zu dir. Banalitäten lagen dir nicht. Ein „ich dich auch“ hättest du ähnlich überflüssig empfunden wie die Anmerkung, dass es warm sei, an einem strahlenden Hochsommertag. Ich mochte deine Antwort. Warum sie mir an diesem Tag nicht genügte, weiß ich nicht.

Vielleicht weil es einer der Tage war an denen mir du und deine Entschlossenheit auf die Nerven ging. Beides mochte ich sonst. Dich und deine sture Entschlossenheit, angefangene Dinge zu beenden. Wenn es sich dabei um das Besteigen eines Berges bei über 30 Grad handelte, nur weil wir dachten die Sonne würde hinter den Wolken bleiben, dann nervte es mich. Vielleicht wollte ich etwas anderes hören, weil es einer der wenigen Tage war, an denen wir nicht wie zwei geölte Zahnräder ineinander griffen, sondern uns ständig verhakten. Locker ohne sichtliche Anstrengung bist du vor mir gelaufen, während ich mich langsam hinauf quälte. Dein Lachen nervte mich. Meine Langsamkeit empfandest du als provozierend. Bei einer Pause unter einem Baum rutschte es mir pampig raus. Nie würdest du etwas wirklich schönes sagen. Über mich oder über uns. Es stimmte nicht. Einige der liebevollsten und warmherzigen Sätze in meiner Erinnerung, stammen von dir. Du wusstest, dass ich müde, genervt und nur deshalb unfair war und hast in der Hitze still die Augen verdreht. Eine unangenehme, verschwitzte Stille hing über unseren Köpfen. Für das Vertreiben von Stille war immer ich zuständig. An diesem Tag konnte ich es nicht. Du hast lange gewartet, bis du  irgendwann aufgestanden. Ok, sagtest du, wenn es denn so wichtig sei, würde ich um Gottes Willen eben schöne Worte bekommen. Dann fingst du an. Die Hände in die Hüften gestützt und nicht ohne zuvor ungläubig meine Sturheit mit einem ungeduldigen Kopfschütteln zu honorieren.

O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe
dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört (beiläufig) nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist – – bist
du? – Die Leute sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen
nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die
Hände, auf den Händen wanderst du.
Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot
liebe ich Anna Blume, rot liebe ich dir! – Du deiner dich dir,
ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage:  1. Anna Blume hat ein Vogel.
                   2. Anna Blume ist rot.
                   3. Welche Farbe hat der Vogel
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes
Tier, ich liebe dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir, –
Wir?….
(Kurt Schwitters)

Es war nicht deine Worte und zugleich waren es nur deine Worte, weil du sie anders betontest, manches ganz bewusst verdrehtest und aus Anna Blume Mitzi Sturkopf machtest.

Sag es mir noch mal  bat ich dich, aber du hast den Kopf geschüttelt.  Man könne es nur einmal sagen. Hätte es der andere nicht verstanden wäre es sinnlos egal wie oft man es wiederholt. Schreib es mir auf, bat ich dich später. Du hast es abgelehnt. Bekommen habe ich es irgendwann dann doch. Dann als ich nicht damit rechnet, lag der Zettel auf dem Tisch. Deine Handschrift war grausam. Egoistisch, stur und ungeduldig wirken Buchstaben, die deiner Hand entspringen, egal wie warm die geschriebenen Worte sein mögen. Ich mochte deine Handschrift nie. Sie war so kühl und arrogant wieder du auf den ersten Blick gewirkt hast, bevor man dich das erste Mal lachen sah. Sie strahlte weder die Wärme und die Großzügigkeit noch den feinen Sarkasmus deine Augen aus und sie erinnerte kein bisschen an deine schöne rauweiche Stimme.

Ich habe es zerrissen, dass Blatt mit deinen Worten. Als du weg warst, wollte ich es nicht mehr haben. Zerrissen und weggeworfen. Stunden später habe ich jeden der Schnipsel wieder aus dem Müll gefischt  und auf den Tisch gelegt. 31 Schnipsel waren es. Ein 32. wurde nicht mehr gefunden. Was für ein hübscher Zufall 31 kleine Papierstücke  für einen Monat, dachte ich mir. Ein herrliches Melodram. Jeden Tag ein Spaziergang, jeden Tag der Besuch eines Ortes an dem wir gemeinsam waren und jeden Tag das „fallen lassen“ eines kleinen Stückchen von Anna, der Blume, dir und mir.  Melodramatisch? Unangenehm kitschig. Eine schlechte Filmvorlage. Aber doch eine Möglichkeit dich an allen Orten zu wissen. Zumindest ein kleines Stück von dir oder von Anna. Oder von mir. Von uns.

Ich habe es noch nicht gemacht. Im November kann ich nicht – er hat ja nur 30 Tage. Im Dezember ist es zu kalt. Anna Blume darf nicht auf einem hässlich grauen Schneehaufen landen. Im Frühling vielleicht. Oder im Herbst. Oder nie. Außer Anna habe ich ja nichts von dir.

19 Gedanken zu “Anna Blume

  1. Kurt Schwitters, sorry aber den kenn ich wirklich nicht und ich habe es jetzt dreimal gelesen und so richtig verstanden habe ich es nicht. woran das wohl liegt? Ich würde den Zettel wahrscheinlich ganz schnell wieder zusammensetzten, vieleicht würde ich es dann kapieren. Sehr schön geschrieben, ich habe deinen Beitrag wieder einmal in vollen zügen genüsslich gelesen.

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    1. Anna Blume zu verstehen versuche ich gar nicht. Die Sätze für sich genommen ergeben kaum Sinn. Aber die Liebe mit 27 Sinnen, der Versuch diese Anna Blume zu verstehen und der klare Wunsch nach dem „wir“ gefällt mir sehr. Andere haben sie gekonnt interpretiert, ich lasse sie mir einfach auf der Zunge und im Bauch zergehen.
      Freut mich, dass dir der Text trotzdem gefallen hat.
      Liebe Grüße

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  2. Wieder eine sehr einfühlsame, traurig-schöne Geschichte. Klar, so ein Erinnerungsstück sollte man eigentlich nicht wegwerfen. Andererseits tut es immer wieder ein wenig weh, wenn man so etwas liest… Ich wünsch´ Dir ein wunderschönes Wochenende , Nessy von den happinessygirls.com

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      1. Hallo Mitzi, lange nix gehört… Alles gut bei Dir? Wünsch Dir in jedem Fall ein wunderschönes Jahr 2016, in dem alle Deine Wünsche in Erfüllung gehen! Habe unsere „Unterhaltungen“ genossen! Herzliche Grüße, Nessy

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      2. Hallo Nessy, ich wurde „still“ gelegt ;).
        Kurz vor Weihnachten war ich kaum online und pünktlich nachts an hl. Abend hat mich eine feine Erkältung erwischt. Nichts schlimmes, aber es reicht um mit dickem Kopf und roter Nase den Tag zu verschlafen. Sonst ist alles fein. Ich hoffe du hattest schöne Weihnachten – habe gesehen, dass du fleißig etwas online gestellt hast – und wünsche dir und deinen Lieben einen schönen Jahreswechsel und ein tolles, gesundes und glückliches 2016!
        Unsere Unterhaltungen habe ich auch sehr genossen. In 2016 machen wir damit weiter! Ganz liebe Grüße

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  3. Ich bin überrascht. Das erste Mal finde ich das dadaistische Gedicht „Anna Blume“ iin eine (wenn auch traurige) Liebesgeschichte verpackt. Gefällt mir gut, obwohl vom Gedicht die Schlusspassage fehlt, in der es um tropfenden „Rindertalg“ geht und Schwitters davon schwärmt, dass man ANNA auch von hinten lesen kann.
    „Und Du, Du Herrlichste von allen,
    Du bist von hinten, wie von vorne:
    A——N——N——A. “
    Das geht ja leider mit MITZI nicht.

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      1. Ich finde das nicht schlimm. Dass du das Gedicht eingebaut hast, bedeutet ja im besten Sinne, „Literatur in Gebrauch“ zu nehmen. Wozu sonst soll sie gut sein? Und beim unterschlagenen Vers:
        „Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.“ ist mir klar, dass wir „Rindertalg“ heute anders rezipieren als zur Entstehungszeit 1919, Witzig finde ich, dass der heitere Übermut des Gedichtes von dir ins Gegenteil verkehrt und buchstäblich dekonstruiert wird.

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  4. Die Collage aus vorgefundenem Material (Text, Bild,Ton) war eine beliebte Technik der Dadaisten. Und im neuen Kontext geschah dann auch die Umbewertung. Kurt Schwitters hat seine Spielart des Dadaismus „Merz“ genannt, nach einem Papierfetzen, auf dem Commerzbank gestanden hatte, wovon in der Collage nur Merz zu lesen war.

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