10.000 Dinge #2

Goethe und ich sind nicht so dicke. Allenfalls ist meine Beziehung zu ihm eine lockere Bekanntschaft, ohne die Anteilnahme und die Zuneigung einer Freundschaft. Die Schönheit mancher Sätze und die Klugheit einiger Gedanken bleiben mir dennoch nicht verborgen. „Wer besitzt, der muss gerüstet sein“,  heißt es zum Beispiel in Torquato Tasso einem Stück von Goethe. Weder Alfons, der die Worte spricht, noch Goethe, sein geistiger Vater, dachten hier wohl an die Bügel-Perlen-Topfuntersetzer die ich heute bei meiner herbstlichen Inventur gefunden habe.

Wegwerfen, ausmisten und Platz schaffen, fällt mir leicht. Lieblose Verlegenheits-Geschenke gebe ich ohne schlechtes Gewissen weiter oder werfe sie gnadenlos in den Müll. Ich umgebe mich mit wenigem technischen Schnick-Schnack und mein Horten und Sammeln beschränkt sich ausschließlich auf Bücher. Ich muss nicht das Neuste und Modernste haben und besitze – geschlechtsuntypisch – nicht mehr Schuhe und Handtaschen als ich brauche (dass wir hier nicht von einer einstelligen Zahl sprechen versteht sich von selbst). Dem besten aller Freunde, den es schon in den Fingern juckt, sei gesagt, dass ein Kommentar bezüglich meiner Leidenschaft für Kaschmir Pullover, unangebracht – weil ich eben doch horte und sammle – ist. Im Großen und Ganzen aber kann ich mich leicht von Dingen trennen. Außer von jenen, die mir wirklich etwas bedeuten. Zum Beispiel dem Bügel-Perlen-Topfuntersetzer meiner Nichte Lilly. Ich wünschte, sie hätte mir etwas anderes geschenkt. Etwas Schöneres oder etwas Nützlicheres. Er ist scheußlich und mit einen Durchmesser von etwa 5 Zentimetern auch völlig unbrauchbar. Aber es war ihr erstes Bügel-Perlen-Projekt und es fiel ihr damals als Vierjährige sehr, sehr schwer ihn wegzugeben und mir zu schenken. Lillys Perlen-Ding wird mich überleben. Wenn es sie trifft, eines Tages die Wohnung ihrer Tante auszuräumen, wird sie sich freuen. Oder mich post mortem für bekloppt halten.
Ähnlich wie meine Großeltern es vermutlich täten, hätten sie erlebt, dass ich mir aus ihrem Nachlass nur drei Dinge ausgesucht habe. Eine große Tasse mit Sprung, weil Opa aus ihr jeden Abend Buttermilch getrunken hat, während ich an ihn gelehnt, versuchte etwas zu seinem Kreuzworträtsel beizutragen. Dann eine Handvoll Glasperlen, die niemanden etwas bedeuten, die aber in der Schmuckschatulle meiner Oma lagen. imageUnd zuletzt die winzige Zeichnung eines Hundes hinter Glas, die, warum auch immer, auf dem Klo gehangen hatte.

Drei Dinge, mehr braucht es nicht um eine ganze Kindheit zu bewahren. Meine andere Großmutter wusste von den Glasperlen und steuerte meinen seltsamen Entscheidungen entgegen. Sie schenkte mir zu Lebzeiten ein kleines, mit Samt bezogenes Kästchen. Darin eine Brosche, die sie von ihrem ersten Mann erhalten hat. Eine weitere von ihrer Mutter und am wichtigsten – sie kannte mich so gut – ein Brief indem sie mir die Geschichten der Dinge aufschrieb. Nach ihrem Tod durfte ich mir selbst noch etwas aussuchen. Ich nahm ein kleines Bild mit einem Druck der Muttergottes mit Jesuskind im goldlackierten Holzrahmen. Sicher nicht, weil es besonders schön war. Sondern weil ich meine Großmutter zu fragen vergaß, was die  Widmung auf der Rückseite bedeutete und wer sie schrieb.  imageZur Konfirmation 9. April 1911 von Pauline Vogl. Meine Großmutter ist 1914 geboren und ich weiß nicht wer Pauline Vogl ist. Ich werde es nie erfahren, aber Pauline Vogl, die mag ich.

Ein großes Glück, dass der meiste Besitz, der mir wichtig ist, auch sehr schön ist. Zum Beispiel die Zeichnungen, eines Architektur Professors der nebenbei der Vater meiner ältesten Freundin ist.  Sie hängen überall in meiner Wohnung und sind wunderschön. Dazwischen Zeichnungen von meinem Vater. Der ist kein Professor, sondern Schlosser, aber zeichnen kann er trotzdem. Genauso wie Sina, eine weitere Nichte. Sie hat mir netterweise die zwei bezaubernden Schweine vom Hof meines Onkels gezeichnet. Hätte sie es nicht getan – mir bliebe nur der vergängliche Genuss eines Bratens. Die Schweinchen stehen – hübsch gerahmt – auf eine alten Kommode. Meine einzige Antiquität und mein einziges Möbelstück, das eine echte Geschichte hat. Ich kenne sie noch nicht, die Geschichte. Aber ich weiß wo ich hin muss um sie zu hören. Ich werde mir ein wenig Zeit dafür nehmen müssen. Schließlich ist das Möbel durch einige Generationen gegangen.

Fotos sind keine Dinge, oder? Sie würden meinen Besitz ins unermessliche erhöhen. Ich bin die zentrale Foto-Sammelstelle meiner Familie. Wohl weil ich sie alle am besten kenne, die Personen auf den Bildern – auch wenn sie lange vor meiner Geburt starben. Meine Großmutter und ihre drei Schwestern haben mich als Archivar ausgewählt. Als ich drei war, begann mein Unterricht. Sie erzählten mir nie Märchen. Nur die Geschichten der Personen auf den Fotos. Und jetzt sind sie bei mir – die Geschichten.

Die schönsten Dinge und meinen wertvollsten Besitz erhielt ich von Menschen, die mir nahe stehen. Man sollte sich nicht an Gegenstände oder Dinge klammern, sagt man. Ich klammere mich gerne an Gegenstände und ich bin gerüstet. Dort wo die Gedanken zu flüchtig sind und die Gefühle zu schwer und anstrengend, ist ein Gegenstand viel leichter handzuhaben. Er kann in einer Schublade versenkt  oder in den Keller verbannt werden. Aus den Augen aus dem Sinn. Ganz einfach. Deshalb werde ich meine Wohnung weiter auf den Kopf stellen. Denn wenn ich ehrlich bin, dann suche ich seit Tagen nur ein Ding. Irgendein Ding. Ein Buch, ein Foto oder eine alte Kinokarte. Irgendetwas von einem ganz bestimmten Menschen. Irgendetwas das er übersehen hatte als er ging. Ein einziges Ding, das mir am Ende von allen das Liebste wäre.

18 Gedanken zu “10.000 Dinge #2

  1. Diese schön geschriebene Biographie der Dinge gefällt durch ihren ruhigen Tonfall. Der Text vermittelt das Bild einer feinfühligen Mitzi. Dieser Satz ist mir besonders aufgefallen, weil er eine heimelige Szenerie deiner Kindheit beschreibt: „Eine große Tasse mit Sprung, weil Opa aus ihr jeden Abend Buttermilch getrunken hat, während ich an ihn gelehnt, versuchte etwas zu seinem Kreuzworträtsel beizutragen.“ Wenige Worte nur, aber man hat das ganze Bild vor Augen.

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  2. Sehr schön geschrieben!
    Pauline Vogl hätte es mir auch angetan. Allerdings horte ich hier zu viele Pauline-Vogl-Sachen, das muss ich zugeben. Wenn auch nicht so viele, wie meine Mutter, der ich neulich sagte: „Du… wenn du es nicht schaffst, dich ohne diese alten Schuhe an Oma zu erinnern, dann hat sie was falsch gemacht!“. Die Schuhe wurden dann doch nicht dem Oma-Gedächtnis-Kollektiv zugeführt…

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      1. Irgendwie schon. Aber sie waren schon sehr hinüber und am Ende hätte ich aus dem Bauch heraus am liebsten alles mitgenommen oder aber ihre Wohnung auf alle Zeit einfach so gelassen wie sie war 😉

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  3. Du sprichst mir aus der Seele(falls ich so etwas habe!) Auf jeden Fall fuehle ich wie Du.
    Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden – aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.

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  4. *
    ich habe den verlobungsring meiner oma, den sie von ihrer im krieg gestorbenen großen liebe bekommen hat. sie hat ihn mir geschenkt, als ich alt genug war, zu begreifen, was er für sie bedeutete. ich hab ihn zur hochzeit getragen. er ist mein allerwertvollster besitz.

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    1. Verständlich. Dass der Ring nun auch für deine große Liebe steht, ist schön. Ich bin sicher, er wird dich dein Leben lang begleiten und vielleicht zum Erbstück mit ganz vielen Erinnerungen an ganz besondere Frauen werden.

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